Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Mai 2005
Habemus Papam
Oder
Gratuliere, es ist ein Teddy!

von Marlene Geselle

Die kleine freche Tochter und ihre Mama, die dicke Hausfrau, haben in den letzten Wochen mit großem Interesse das Weltgeschehen im Allgemeinen und die Ereignisse im Vatikan im Besonderen beobachtet.
„Blöd sind die nicht!“, meinte der kleine Schatz zu der Sache mit den Priestern auf den Klappstühlen, die den endlos lange Wartenden die Beichte unter freiem Himmel abnahmen, damit keiner, der Abschied nehmen wollte, den Platz in der Warteschlange aufgeben musste. Einfach cool, wie souverän die Römer mit der friedlichen Belagerung ihrer Stadt fertig wurden. Trostlos, so meinte das gute Kind, die Sache mit den astronomisch hohen Hotelpreisen und dem Ausverkauf der Reiseandenken mit dem Konterfei des Verstorbenen.
„Ist ja schlimmer als Räumungsverkauf während der Sommerferien“, seufzten die Damen einmütig. „Schlimmer geht’s nimmer. Heute ein Held, morgen tot, übermorgen nur noch Ramsch.“
Alles wurde trotzdem akribisch festgehalten: die Bilder vom Petersplatz; die schlichte, nichtsdestotrotz würdevolle Totenfeier; die bemerkenswerte Tatsache, dass ein gewisser amerikanischer Politiker einen Platz betreten kann, ohne dass eine halbe Stadt seinetwegen ausgesperrt wird, wie erst wenige Wochen zuvor in Mainz. „Die Kardinäle haben wohl mehr Rückgrat als der eine oder andere Kanzler“, kommentierte die dicke Hausfrau das entsprechende Weltgeschehen.
Die schon bald einsetzenden Spekulationen über die Nachfolge; die Konklaveregeln, die schnelle Neuwahl nötigten der kleinen frechen Tochter einigen Respekt ab. „Bei denen klappt ja alles!“
Den Gottesdienst zur Amtseinführung des Neuen ließ man sich auch nicht entgehen.
„Kein Bush weit und breit“, mehr wollte die kleine freche Tochter nicht zum heiklen Thema sagen. Hat auch sonst keiner, wie der dicken Hausfrau beim Fernsehgucken auffiel.
Und weil das liebe Kind mal wieder alles ganz genau wissen wollte, musste die arme Mama ran. Von Haus aus katholisch (als Einzige in der Familie) wurde aus dem Gedächtnis gekramt, was dort noch zu finden war, einfach nachgeschlagen, was der Mensch nicht mehr im Kopf hat. Besonders die Sache mit dem mehr als einjährigen Konklave und dem Dachabdecken zwecks Motivierung der Unentschlossenen.
„Das wäre mal was für unseren Bundestag“, seufzte da die dicke Hausfrau beim Nachlesen, „dann käme die Rentenreform endlich in trockene Tücher – und vielleicht sogar die Krankenkassenreform.“
Fit wie ein Turnschuh nahm die kleine freche Tochter an einem Vatikan-Quiz im Internet teil. Alle Fragen beantwortete sie richtig – und hoffte, den dritten Preis, einen schönen Bildband über die Sixtinische Kapelle zu gewinnen.
Drei Tage später kam ein Eilpaket von UPS für das liebe Kind. Natürlich wollten alle wissen, was denn im Karton ist. Die Schere gezückt, den Deckel vorsichtig aufgemacht, das Seidenpapier zur Seite geschoben.
Ein entsetztes Gesicht gezogen. „Bärchenquälerei!“, mehr brachte die kleine freche Tochter nicht heraus. Zu groß war das Entsetzen. Mitten drin im feinsten cremefarbenen Seidenpapier hockte da ein traurig guckender Teddybär, bekleidet mit all dem, was die Gläubigen oder auch Nichtgläubigen in den letzten Tagen in den Medien bewundern konnten: weißes Gewand samt Käppchen, dunkelrote Stola in feinster Goldstickerei ...
„Herzlichen Glückwunsch“ stand auf der beiliegenden Karte. „Sie haben den ersten Preis, ein Stück unserer streng limitierten Auflage gewonnen.“
Da musste die kleine freche Tochter erst einmal schlucken. Sekunden später, nachdem sie sich vom Schock erholt hatte, lachte sie schallend, rannte mit dem Bären ins Näh- und Bügelzimmer. Dort griff sie zum Fadentrenner, befreite den Teddy gaaanz vorsichtig von seinen Papstgewändern, legte diese sorgfältig zur Seite.
Während die dicke Hausfrau noch über Sinn und Zweck der ganzen Aktion grübelte, verzog sich das liebe Kind in sein Zimmer, polterte dort ein paar Minuten rum, ehe es sich wieder blicken ließ. Kam zurück mit einem Teddy in Jeans und T-Shirt, den es der perplexen Mama stolz präsentierte.
„So, jetzt sieht Karlchen aus wie ein richtiger Bär. Die alten Sachen von meinem Tobias passen ganz genau.“
„Karlchen, aha“, echote da die Mama. „So heißt der Bär jetzt also. Und was machen wir mit den teuren Papstklamotten?“
„Einpacken und verwahren“, kam die prompte Antwort. „Ich habe mich letzte Woche in Reli für ein Referat über Papstwahlen angemeldet – ‚Gleichwertige Feststellung von Schülerleistung’; die Klassenarbeiten sind ja ersatzlos gestrichen. Besseres Anschauungsmaterial gibt’s doch nicht.“
Sprach’s, packte die Seidengewänder, das Kreuz und alles andere sorgfältig in den Karton und überließ es der Mama, Früchtetee und Kekse zur Feier des Tages aufzutischen.
Und Karlchen? Wenn man ganz genau hinsieht, dann erkennt man, dass der kleine Kerl jetzt ein kleines bisschen lächelt.

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