Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Mai 2005
Stroboskop
von Thom Delißen

LICHT

Der kleine, etwas pummelige Soto spielte im Gras neben dem dichten, dornigen Gestrüpp, das den Pferch für die kleine Ziegenherde der Familie Ngabe umgab.
Im Schatten der Lehmhütte, auf einer leuchtendroten Baumwolldecke kugelte Sarah herum, ihre Mutter saß mit Kiniah Umbota, der Mutter von Soto neben ihr. Die Frauen waren damit beschäftigt, kleine schwarze Käfer und Insekten aus einem großen Metallkessel voller Hirse auszusortieren. Eifrig und öfters laut auflachend unterhielten sie sich bei der Arbeit.
Die Beiden waren Nachbarn, schon seit über 40 Jahren wohnten die Familien nebeneinander und die beiden Frauen waren seit ihrer Kindheit befreundet.
Kiniah Umbota entstammte einer Tutsi-Familie, während die Vorfahren Barbara Ngabes, der Mutter von Sarah, Hutu waren.
Das hatte bis zu der Einführung der Ausweispflicht durch die Belgier keine Rolle gespielt, und war auch heutzutage noch nicht so eminent wichtig.
Auch wenn die Papiere eine plötzliche ethnische Trennung bedeuteten, war das nebensächlich angesichts der Tatsache, dass sie zusammen aufgewachsen waren und ein festes Freundschaftsband zwischen ihnen bestand.
Für diesen Abend planten sie eine kleine Feier, Noah Umbota, Kiniahs Mann, feierte seinen Vierzigsten Geburtstag. Es gab viel zu besprechen.
Das Treffen war das Erste seit langer Zeit, etliche der Verwandten Noahs aus der Stadt hatten ihr Kommen angekündigt. Noah und der Ehemanns Barbaras waren, obwohl konträrer politischer Ansichten, stets gute Nachbarn gewesen, die sich gegenseitig halfen, wo sie nur konnten. Auch die Stimmung, die momentan in Ruanda herrschte, ein Phänomen namens „Hutu-Power“, die sich gegen alle der Angehörigen des Stammes der Tutsi richtete, hatte dieser Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens bislang keinen Abbruch getan.
Beim Getränkehändler des Ortes, auch er ein Tutsi, wie übrigens immer noch viele Angehörige der Oberschicht, war ein Fass Bier bestellt worden, ein Gazellenbraten hing im Rauchfang.
Noch waren ein paar Stunden Zeit, ihn zu würzen und zu braten.
Noah hatte einen gut bezahlten Posten in einer Textilfabrik in der Stadt, jeden Tag fuhr er mit dem Firmenbus, der die Dörfer abklapperte, in die Stadt.
Josef Ngabe, der Gatte Barbaras, hatte bei derselben Unternehmung gearbeitet, doch er war einer der Unglücklichen gewesen, die bei einer Kündigungswelle ihren Job verloren hatten.
Es war zwar tatsächlich unheimlich, was der Radiosender RTLM über den Äther verbreitete, ebenso beängstigend, waren Verlautbarungen aller Art der Hutu-Regierung, doch jeder versuchte, Gelassenheit zu bewahren. Etliche Tutsifamilien hatten es auch schon vorgezogen, ins Exil zu gehen, doch verlief das Leben in demselben Rahmen in dem es immer seine Runden gezogen hatte, und Politik war etwas für die Leute in der Stadt.
Es war wunderschön hier in der Sonne zu sitzen, den Kleinen beim spielen zuzusehen und die Festivität für den Abend zu besprechen. Kichernd unterhielten sie sich über die Beziehung zweier junger Leute aus dem Dorf, gerade in der Pubertät, er Hutu, sie Tutsi. Das war noch nie ein Hinderungsgrund gewesen. Und auch jetzt, lange Zeit nach der Einführung der Ausweise, war es Gang und Gäbe, bei irgendwelchen Schwierigkeiten einfach das Adoptionsrecht etwas freizügiger auszulegen. Die ethnische Trennung bestand bis dahin nur auf dem Papier und wurde von jungen Anhängern der extremistischen Hutu-Power und ihrer Zeitschrift Kangura aggressiv verfochten.
Es war der Abend des 10. Aprils 1994, vor zwei Tagen hatte Noah aus der Hauptstadt kommend, vom Tod des Regierungspräsidenten, eines Hutus, berichtet.

SCHATTEN

Das Fleisch über dem Feuer duftete köstlich. Immer wieder goss Kiniah gewürztes Bier darüber, um den Braten saftig zu halten.
Ihr Bruder, ihre Schwester, zwei Tanten Noahs mit ihren Männern, hatten einen Ausflug aus der Stadt gemacht, um zu gratulieren.
Die Nachbarsfamilie der Umbotas war noch nicht eingetroffen, eine Versammlung hatte sie aufgehalten, so hörte man.
Zu etwas vorgerückter Stunde war die Stimmung aufgrund des Alkoholkonsums aller Feiernden ausgelassen, die Frauen hatten begonnen alte Lieder zu singen. Gesänge, die Hutus und Tutsi gemeinsam waren.
Keiner der Anwesenden wusste etwas von den Hasstiraden, die im selben Augenblick die jungen Führer der Hutu-Power im ganzen Land skandierten.
Man machte die Tutsi für die Ermordung des amtierenden Präsidenten verantwortlich, ihre Ausrottung, von langer Hand geplant und vorbereitet durch Medien- und Öffentlichkeitsarbeit, sollte nun in die Tat umgesetzt werden.
Vor der Hütte, in der die lustige Gemeinschaft feierte, zog eine ebenso betrunkene, wie fanatisierte, mordlustige Menge auf. Das Haus der Umbotas war nur eines auf der Liste, es gab viel Arbeit in diesen Nächten. Mit Macheten und Waffen, die Frankreich geliefert hatte, ausgerüstet, drangen die Männer in die Hütte ein. Sogar Frauen beteiligten sich mit Begeisterung an dem, was kam.
Josef Ngabe wurde dazu gezwungen, Noah zu enthaupten, andere taten ihre blutige Arbeit, angestachelt durch die Hasstiraden und in einer Art Gruppenzwang, mit Begeisterung und bald mit stoischer Monotonie, es artete zu einer anstrengenden Beschäftigung aus.
10 Minuten nach dem Eindringen der örtlichen Hutu-Extremisten, die durch Aufpeitscher aus der Stadt, die auch die Listen dabei hatten, unterstützt wurden, lebte keiner der Tutsi im Raum mehr. Barbara lag vergewaltigt und mit aufgeschlitztem Bauch neben ihrem Mann. Die Kinder, Tanten und Onkel mit gespaltenen oder eingeschlagenen Schädeln, verstümmelt und missbraucht, mit verrenkten Gliedern um das Feuer.
Das Haus wurde, wie Zehntausende andere, geplündert.

GEGENLICHT

Hutu-Power ist der inoffizielle Name einer extremistischen Hutu-Bewegung, die sich die Vertreibung und später die Ausrottung aller Tutsi zur Ideologie gemacht hat. Die Wurzeln von Hutu-Power liegen in der, von der belgischen Regierung forcierten, andauernden Herrschaft der Tutsi über die Hutu in Ruanda, Burundi und angrenzenden Gebieten der Demokratischen Republik Kongo. Katholische Geistliche legten die Grundsteine für eine Revolution der Hutu 1959.
Etwa ab 1990 wurden Stimmen, die eine völlige Ausrottung der Tutsi propagierten, immer lauter. Diese Bewegung wurde dann von einer kleinen Hutu-Elite, die zunehmend um ihre Pfründe bangte, instrumentalisiert.
Die Interahamwe-Miliz und der Sender Radio-Televsion Libre des Mille Collines wurden zu Instrumenten der Hutu-Power ausgebaut.
Der Tod des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana am 8. April 1994 war der Anlass zum Völkermord an den Tutsi und den gemäßigten Hutu in Ruanda, der etwa 1.000.000 (Eine MILLION) Tote in nur 100 Tagen forderte. Die teilweise gewaltsame Einbeziehung großer Teile der Hutu-Bevölkerung in den Völkermord löste eine weitere Dynamisierung der Hutu-Power aus, da nun viele Hutu, die vorher nicht zum Völkermord bereit waren, alle überlebenden Tutsi, die ja auf die Schuld der Hutu aufmerksam machen konnten, auch noch tot sehen wollten, damit kein Zeuge für künftige Generationen übrig bliebe.

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