Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Mai 2005
Das Schattenkind
von Eva Markert

Das Schattenkind saß ganz hinten im Klassenraum am Fenster.
Ich kannte es schon seit Jahren. Nein, das ist übertrieben. Eigentlich wusste ich nur den Namen der Schülerin und wie sie aussah: weder groß noch klein, nicht dick und nicht dünn, aschblonde Haare, blasses Gesicht.
Isabel meldete sich nie. Man konnte ihr noch nicht einmal ansehen, ob sie zuhörte oder nicht.
Bevor sie verschwand, machte ich mir kaum Gedanken über sie.
Manchmal nahm ich mir vor, ihr mehr Beachtung zu schenken. Wenigstens einmal pro Stunde wollte ich sie ansprechen. Meistens vergaß ich es, denn ich sah das Mädchen einfach nicht. Irgendwie wurde es eins mit der Wand, vor der es saß.
Wenn ich Isabel ab und zu eine Frage stellte, gab sie genau die Antwort, die ich erwartet hatte. Ihre Klassenarbeiten schrieb sie Drei, Vokabeltests Eins. Niemals überraschte sie mich.
Doch, einmal. Ich ging herum, um Hausaufgaben zu kontrollieren. „Ich habe meine Hausaufgaben nicht“, sagte sie.
„Nanu?“ So was kannte ich gar nicht von ihr. Bisher hatte sie in meiner Sünderliste keinerlei Spuren hinterlassen. „Und wieso nicht?“
„Keine Lust.“ Ruhig sah sie mir ins Gesicht.
Die Schüler, die das mitbekommen hatten, grinsten. Ich schüttelte den Kopf, aber ich musste auch ein bisschen lachen. Das Mädchen hingegen zeigte keine Regung.
Und nun fehlte Isabel. Seit wann eigentlich? Ich sah im Klassenbuch nach. Fünf Tage war sie nicht mehr in der Schule gewesen.
Erst dachte ich mir nichts dabei. Als sie jedoch Anfang der zweiten Woche immer noch nicht zurückgekommen war, fragte ich ihre Klassenkameraden. Niemand wusste etwas.
Ich teilte gerade Arbeitsblätter aus. „Kann ihr jemand die Aufgaben zu Hause vorbeibringen?“, fragte ich.
Keiner meldete sich.
Ich erfuhr, dass Isabel in Heiligenhaus wohnte. Merkwürdig. Warum kam sie von so weit her? Ich nahm mir vor sie demnächst zu fragen.
Nachdem sie gegen Ende der zweiten Woche immer noch nicht aufgetaucht war, erkundigte ich mich bei Isabels Klassenlehrerin. Frau Gehlen versuchte schon seit Tagen, ihre Eltern anzurufen, aber es ging nie jemand ans Telefon.
„Haben Sie eine Ahnung, warum Isabel nicht in Heiligenhaus zur Schule geht?“, fragte ich.
„Ich glaube, da war mal was mit Mobbing“, antwortete Frau Gehlen.
Ich überlegte kurz, ob es Isabel bei uns besser erging. Wahrscheinlich schon. Zumindest ließ man sie in Ruhe.
Als ich zwei Tage später in die Klasse kam, merkte ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Schüler standen in Grüppchen zusammen und sprachen aufgeregt miteinander. Zwischendurch hörte ich immer wieder den Namen „Isabel“.
„Was ist los?“, fragte ich.
„Ja, haben Sie es denn noch nicht gehört? Isabel hatte einen Unfall. Beide Beine wurden ihr abgefahren. Sie liegt auf der Intensivstation.“
„Es heißt, sie schwebt in Lebensgefahr. Sie hängt an Schläuchen und Maschinen.“
„Sie ist querschnittsgelähmt.“
„Nein, das stimmt nicht! Sie hat innere Verletzungen und ist ins Koma gefallen.“
„Halt, halt, halt!“ Ich versuchte etwas Ruhe in das Durcheinander zu bringen. „Woher wollt ihr das alles wissen?“
„Es stand doch neulich in der Zeitung, von der fünfzehnjährigen Schülerin, die von einem Lastwagen angefahren wurde.“
Ich hatte die Notiz auch gelesen. Schreckliche Sache. Das Mädchen wollte die Landstraße überqueren, als sich ein Lastwagen mit hoher Geschwindigkeit näherte und das Kind überrollte. Oder wurde es durch die Luft geschleudert? Ich erinnerte mich nicht genau. Auf jeden Fall war es ein schwerer Unfall gewesen.
Mir wurde ganz schlecht. „Seid ihr sicher, dass es Isabel war?“
„Frau Gehlen hat gestern mit der Mutter gesprochen.“
Ich weiß nicht, wie wir diese Stunde herumgebracht haben. Keiner der Schüler konnte sich konzentrieren. Ich natürlich auch nicht. Oft sah ich zu dem leeren Platz hinüber. Jetzt, wo Isabel nicht dort saß, dachte ich öfter an sie als vorher.
In der Pause wollte ich mit Frau Gehlen sprechen, aber die war nach der zweiten Stunde nach Hause gegangen.
Am nächsten Morgen schlug ich die Zeitung auf und sah sofort den kurzen Artikel. Den Bissen, den ich gerade im Mund hatte, konnte ich nur mit Mühe hinunterschlucken. Die Ärzte hatten die fünfzehnjährige Schülerin nicht retten können und sie war ihren Verletzungen erlegen.
Isabel tot? Ich konnte es nicht fassen. Mir graute vor der Stunde, die ich heute in ihrer Klasse geben musste.
An diesem Tag schallte mir nicht wie sonst Geschrei und Gelächter entgegen. Alle Schüler saßen still auf ihren Plätzen. Erwartungsvoll blickten sie mich an. Was erwarteten sie von mir? Was sollte ich ihnen sagen? Ich konnte doch selbst nicht begreifen, was geschehen war.
Schweigend ging ich nach vorn. Auf Isabels Platz standen Teelichte und eine dicke weiße Kerze neben einem Foto. Flüchtig ging mir die Frage durch den Kopf, wie die Schüler an das Bild gekommen waren. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass jemand sie fotografiert hatte. Außerdem lagen noch ein paar Blumen auf dem Tisch.
Die Kinder taten mir Leid, wie sie so verängstigt vor mir hockten. Vereinzelt hörte ich Schluchzen und Naseputzen. Auch mir stiegen Tränen in die Augen. ‚Das Schattenkind ist in die ewigen Schatten eingegangen’, dachte ich. ‚Sei nicht so pathetisch!’, versuchte ich mich selbst zur Ordnung zu rufen. Doch ich wurde diesen Gedanken nicht mehr los.
Unterricht war an diesem Tag unmöglich. Aber über Isabel reden konnten wir auch nicht. Niemand hätte etwas zu sagen gewusst. Deshalb sprachen wir über Unfälle und den Tod im Allgemeinen.
In der Pause ging ich sofort auf Frau Gehlen zu. „Das ist ja furchtbar!“, sagte ich.
„Was?“ Offenbar hatte sie keine Ahnung.
„Dass Isabel gestorben ist.“
Frau Gehlen musste sich an einer Stuhllehne festhalten. „Das kann doch nicht sein!“
„Es stand heute Morgen in der Zeitung.“
Meine Kollegin setzte sich. „Vorgestern rief mich die Mutter an. Sie klang sehr aufgeregt und entschuldigte sich, weil sie vergessen hat, Isabel krank zu melden. Sie erwähnte aber nur eine schwere Gehirnerschütterung. Außerdem musste die Milz entfernt werden. Innere Blutungen. Und ein Fuß ist gebrochen.“
Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. „Was für ein Fahrzeug war an dem Unfall beteiligt?“, fragte ich. „Ich meine, war es ein Lastwagen?“
„Das weiß ich nicht. Wenn ich mich recht erinnere, sagte die Mutter nur, Isabel wäre angefahren worden.“
Ich wollte es jetzt genau wissen. Im Sekretariat suchte ich Isabels Adresse heraus und nach Schulschluss fuhr ich hin. Ich läutete mehrmals, aber niemand öffnete.
Ich musste meine Unruhe weiter aushalten.
Am nächsten und übernächsten Morgen schlug ich als Erstes die Todesanzeigen in der Zeitung auf. Ich fand keine von Isabel. ‚Vielleicht ist es dafür noch zu früh’, überlegte ich.
In ihrer Klasse herrschte noch stets gedrückte Stimmung. Die Blumen und Teelichte waren zwar verschwunden, doch die dicke Kerze neben dem Foto stand da. Allerdings zündete sie niemand an.
Es läutete. Ich bat einen Schüler die Tür zu schließen. Er stand auf und stieß einen Schrei aus. Alle Köpfe fuhren herum. Im Türrahmen, auf zwei Krücken, stand Isabel. Erschreckend sah sie aus: mager und bleich, wie ein Gespenst. Einen Fuß hatte sie in Gips.
Wir waren alle wie versteinert.
Isabel humpelte zu ihrem Platz. Als sie das Foto und die Kerze sah, blieb sie ruckartig stehen. „Was soll das?“
Keiner antwortete. Schnell nahm die Schülerin, die am nächsten saß, die Sachen fort.
Wir sahen zu, wie Isabel sich setzte und die Krücken hinter ihren Stuhl legte. Endlich hatte ich mich etwas gefasst. „Was ist dir denn passiert?“, krächzte ich.
Alle im Raum hielten den Atem an.
„Ich hatte einen Unfall“, antwortete sie mit ihrer feinen, leisen Stimme.
„Und?“, hakte ich nach.
„Ich war im Krankenhaus.“
„Isabel!“ Ich wurde ein bisschen ungeduldig. „Nun lass dir doch nicht die Würmer ...“ Ich riss mich gerade noch rechtzeitig am Riemen. „Wurdest du schwer verletzt?“
Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. Offensichtlich war ihr die ganze Aufmerksamkeit unangenehm.
„Gehirnerschütterung. Fuß gebrochen.“ Man konnte sie kaum verstehen.
„Musstest du operiert werden?“
„Ja.“
Die anderen Schüler begannen zu murmeln. Mir war schwindlig und ich merkte, wie sich ein eiserner Ring um meine Stirn schloss. Während dieser Stunde ließ ich die Schüler eine Stillarbeit machen.
Es schellte zur Fünf-Minuten-Pause. Ich ging zu Isabel hinüber. „Gestern war ich bei dir zu Hause“, sagte ich. „Ich wollte mich nach dir erkundigen, aber es hat niemand aufgemacht.“
Zu meinem Schrecken füllten sich ihre Augen mit Tränen. „Da wohnen wir nicht mehr.“
Erst dachte ich, sie wolle nicht weitersprechen. Doch dann fügte sie hinzu: „Meine Eltern haben sich endgültig getrennt. Nachdem sie es mir gesagt hatten, bin ich vors Auto gelaufen. Aber das hat auch nichts mehr geändert. Meine Mutter und ich wohnen jetzt woanders und mein Vater ist zu seiner Freundin gezogen.“
„Ach so“, sagte ich lahm. „Das tut mir sehr Leid.“ Ich wunderte mich ein bisschen über ihre plötzliche Gesprächigkeit.
In diesem Augenblick kam die Sonne heraus und schien direkt auf Isabel. Auf einmal sah sie beinahe hübsch aus. Ich bemerkte, wie zart ihre Haut war und dass ihr Haar einen warmen goldenen Schimmer hatte.
In der nächsten Stunde besprachen wir in der Klasse die Ergebnisse der Stillarbeit. Isabel meldete sich kein einziges Mal und ich dachte, es wäre besser, sie noch eine Zeit lang in Ruhe zu lassen.
Es war düster im Klassenraum und der Himmel wolkenverhangen. Wir mussten Licht anmachen. Das Weiß von Isabels T-Shirt verschmolz mit der weiß getünchten Wand.
Mein Schattenkind war zurückgekehrt.

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