Der Tod aus der Teekiste
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"Viele Autoren können schreiben, aber nur wenige können originell schreiben. Wir präsentieren Ihnen die Stecknadeln aus dem Heuhaufen."
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Mai 2005
Der Riss
von Jan Müller

Drei Minuten vor unserem Auftritt entdeckte ich das Malheur: Mitten in der Leinwand klaffte ein fingerbreiter Spalt und zog sich senkrecht bis ins obere Drittel. Die Naht war gerissenen. Ausgerechnet jetzt!
Solange der Trickfilm unseres Vorgängers lief, bemerkte keiner den Riss. Auch ich hatte die feine schwarze Linie übersehen, hatte nichtsahnend die Hundemeute verfolgt, die zu Mozarts kleiner Nachtmusik mit wehenden Schlappohren über die Leinwand hetzte, von rechts nach links, dann Kehrtwende und im gleichen Tempo zurück, ein ständiges Hin und Her.
Nach der siebten Wende hatten die Zuschauer den Handlungsfaden begriffen. Seine Einfachheit war genial und gab dem Film Witz und Tiefe. Nach der zwölften brüllte der ganze Saal. Dieser Wahnsinnsfilm war unschlagbar. Unser Schattenspiel, das wir seit Wochen für das erste deutsche “Licht und Schatten Festival” einstudiert hatten, erschien mir plötzlich fad und farblos.
Als ich mich mit hinter der Leinwand am Tageslichtprojektor aufbaute, um unser Spiel vorzuführen, war meine Stimmung auf dem Tiefpunkt.
Genau in diesem Augenblick blendete mich der Strahl des Filmprojektors und ich bemerkte den Riss: Die mittlere Naht war geplatzt. Solange das Licht von vorn auf die Leinwand schien, fiel das niemandem auf außer mir. Unser Projektor aber leuchtete von hinten und blendete die Zuschauer, die vor dem Riss saßen. Und genau in der Mitte des Parketts saß deGroyer, der noch Schattenspieler für seine Europa-Tournee anheuern wollte. Ausgerechnet er wurde durch diesen Riss geblendet. Es sei denn, wir flickten die geplatzte Naht noch vor dem Auftritt.
Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel, dass die Hunde ewig weiter jagen mögen von einem Ende der Welt zum anderen, und verschwand in der Garderobe.
Der Riss war mir ein Rätsel. Helene hatte die Schattenwand sorgfältig zusammengenäht. Wie konnte sie platzen? Und wie war sie zu flicken? Ein Tacker und Sicherheitsnadeln fielen mir ein. Ich suchte in der Garderobe Tische, Schachteln und Schubladen ab. Ohne Erfolg. Erst bei den Requisiten wurde ich fündig.
Im Takt der Hundemeute jagte ich zurück. Auf dem Gang zur Bühne fand ich eine Stehleiter und nahm sie mit. Die Leinwand war dunkel, der Kurzfilm war zu Ende, tosender Applaus drang durch die Wand.
Ich stellte die Leiter an den Bühnenrand und hörte, wie der Applaus verebbte und Schlick, der Veranstalter, unseren Auftritt ankündigte: “Als nächstes sehen Sie das Schattenspiel “Der Haarnadeltanz”, vorgeführt von Sascha Wotruba und Helene Heidenreich. Mit Oboe und Pauke begleitet von Siegfried Schuss.”
Helene stand zitternd am Projektor, ich gab ihr ein Zeichen zu warten, aber es war zu spät. Die Oboe spielte das Eingangsmotiv, Helene knipste den Projektor an, und auf der Leinwand erschien unser Bühnenbild: ein zwischen Wolkenkratzern gespanntes Hochseil. Und mitten im blauen Himmel klaffte der Riss!
Mein Herz stand still. So kam es mir jedenfalls vor. Helene winkte mich zum Projektor, aber ich stand wie erstarrt an der Leinwand.
Plötzlich hörte ich keine Oboe mehr. Ich sah nur den Riss. Eine seltsame Ruhe überkam mich. Das Lampenfieber war wie weggeblasen. Es gab nichts mehr zu verlieren.
Seelenruhig schritt ich über die Schattenwand auf den Riss zu, bis ich zwischen deGroyter und Lichtquelle stand. Durch meinen Schatten konnte ihn die Lampe nicht mehr blenden. Diese Stellung durfte ich erst verlassen, wenn der Spalt geschlossen war.
Unser Haarnadeltanz war vergessen. Das Schattenspiel hatte begonnen und drehte sich nur um den Riss. Das war jetzt unser Konflikt. Ich beäugte ihn von allen Seiten, fuhr mit dem Zeigefinger entlang bis hinunter auf Nabelhöhe, dann hoch bis über meinen Kopf. Ich zog die klaffende Naht mit den Fingern zusammen, winkte Helene heran und reichte ihr den Tacker. Mit jedem Tackergeräusch wurde der Riss kleiner. Nur das obere Drittel konnten wir nicht erreichen. Schulterzuckend sahen wir uns an.
Helene schaute sich um und zeigte zum Bühnenrand. Ich holte die Stehleiter, stellte sie vor den Riss und stieg hinauf. Sie kletterte hinter mir die Sprossen hoch. Es wurde eng. Ich stieg höher, sie stützte mich ab. Als ich den Fuß auf die oberste Sprosse setzte, kippelte die Leiter und wir polterten zu Boden. Gelächter im Saal. Ich drohte den Zuschauern mit der Schattenfaust.
Wir rappelten uns hoch, stellten die Leiter wieder auf. Diesmal stieg Helene hoch und hielt die Naht zusammen, wir hörten das Geräusch des Tackers, aber die Naht blieb offen: Die Krempen waren alle. Erneutes Lachen. Ich zog eine Sicherheitsnadel aus der Hosentasche und verschloss den letzten Spalt. Applaus.
Mit Siegergeste stellte Helene einen Fuß auf die oberste Plattform. Beim Absteigen rutschte sie ab, ihr Fuß verhedderte sich in der Leinwand, und mit lautem Ratsch zerriss im Sturz die ganze Naht. Benommen lag sie am Boden. Hatte sie sich verletzt? Ich betastete sie, half ihr auf, und wir krochen durch den Riss nach vorn.
Wie ein Punktscheinwerfer strahlte die Projektorlampe genau in deGroyters Gesicht . Ein dumpfer Knall, ein Paukenschlag, und wir standen im Dunkeln. Totenstille im Saal.
Das Rampenlicht blendete auf, und Schlick erschien auf der Bühne. “Werte Zuschauer. Statt des angekündigten Schattenspiels sahen Sie soeben die Stegreifpantomime DER RISS IN DER SCHATTENWAND.”
Jetzt erst kam der Applaus. Ich hatte das Gefühl, aus reinem Mitleid.

Mit gemischten Gefühlen stahl ich mich mit Helene nach der Vorstellung ins Bankett. Am liebsten wären wir in den Boden versunken, aber Schlick schleifte uns ausgerechnet an deGroyters Tisch.
“Hier sind sie”, sagte er.
DeGroyter musterte uns scharf: “Wussten Sie vor ihrem Auftritt, dass die Leinwand defekt war?”
Ich nickte.
“Wann haben Sie den Riss entdeckt?”
“Drei Minuten vor der Aufführung, etwa nach der zehnten Kehrtwende der jagenden Hunde. Ich hatte gerade noch Zeit, einen Tacker zu suchen.”
“Und wie erklären Sie sich den Riss?”
“Das ist uns selber ein Rätsel. Wir hatten die Naht doppelt genäht und die Leinwand sauber gespannt.”
“Arbeiten Sie immer so? Wie kann denn so was passieren?”
Mit breitem Grinsen zog Schlick ein Teppichmesser aus der Jackentasche. “Dieses Messer war daran schuld.”
Helene wurde leichenblass. Mit großen Augen starrte sie ihn an: “Sie haben uns das eingebrockt? Diese Blamage! Aber warum?”
Er grinste noch breiter. “Als ich deGroyter im Parkett sitzen sah, ist mir einfach die Hand ausgerutscht.”
“Aber wir hatten doch den Haarnadeltanz ...”
“Ich weiß. Aber ich kenne auch de Groyters Faible für Stegreifspiel.”
Jetzt grinste auch deGroyter. “Schon gut. Ich glaube Ihnen, Schlick.” Er nippte an seinem Sektglas, dann meinte er zu Helene und mir. “Hättet Ihr Lust, mit uns auf Tournee zu gehen? Ich bräuchte noch ein paar Leute, die genug Nerven haben, notfalls auf offener Bühne zu improvisieren.”

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