Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2005
Im Schatten des Baumes
von Marion Pletzer

Ziellos und in Gedanken versunken schlich Marina den Waldweg entlang. Eine schwere Entscheidung lastete auf ihr. Seit Wochen wog sie das Für und Wider gegeneinander ab, besprach sich mit Freunden und kam zu keinem Ergebnis. Allmählich wurde die Zeit knapp.
„Was soll ich tun?“ Diese Frage rotierte unaufhörlich in ihrem Kopf.
Überrascht blieb sie stehen, als der Weg abrupt auf einer Lichtung endete. Sie blinzelte in das Sonnenlicht und ging auf einen Baum zu, der in der Mitte der Lichtung stand. Im Schatten seiner dichten Krone setzte sie sich auf den Boden und lehnte sich an den Stamm.
„Wie alt magst du sein? Sicher hundert Jahre oder mehr“, murmelte sie. „Wie viele Kinder sind auf deinen Ästen herumgeturnt und wie viele Menschen verbrachten fröhliche Picknick-Nachmittage in deinem Schatten?“ Sie stellte sich Liebespaare vor, die sich heimlich an diesem Ort trafen, zärtliche Worte flüsterten und schüchtern an den Händen hielten. Und wer wusste schon, wie viele Tränen unter dem Blätterdach vergossen wurden. Sie wünschte, der Baum könnte ihr davon erzählen.
Marina schloss die Augen und verschränkte die Hände. Tief atmete sie die würzige Luft ein und überließ sich den Geräuschen der Natur. Das Rauschen der Blätter mischte sich mit Vogelgezwitscher und dem Gebrumm von Insekten. Ein Luftzug streifte ihre Haut und brachte den Duft von Waldmeister mit, den sie genüsslich einatmete.
Nach einer Weile öffnete sie die Augen und kroch ins Sonnenlicht. Lange Gräser mit schweren Samenköpfen wiegten sich in der Brise und Wildblumen reckten ihre zarten Blüten in die Sonne. Ein gelber Schmetterling taumelte so dicht an ihrem Gesicht vorbei, dass sie glaubte, seine weichen Flügel auf ihrer Haut zu spüren. Neugierig geworden, begann Marina, das Fleckchen Erde, auf dem sie saß, genauer zu betrachten. Sie entdeckte einen kleinen Käfer, der emsig versuchte einen Grashalm zu erklimmen. Sein Panzer glänzte in metallischem Grün und seine schwarzen Fühler betasteten die Umgebung bei jedem Schritt. Als sie ihn vorsichtig mit ihrem Zeigefinger berührte, faltete er seine Flügel auseinander und flog davon. Ameisen krabbelten über den Boden, beladen mit winzigen Holzstückchen und toten Insekten. Ungerührt folgten sie ihren gewohnten Pfaden, ohne von Marina Notiz zu nehmen. Bienen und Hummeln sammelten Nektar, der dick und gelb an ihren Hinterbeinen klebte. Heuschrecken klammerten sich mit dürren Beinen an die Halme und zirpten laut auf der Suche nach einem Partner. Gleich hinter ihr hing ein kunstvoll gewebtes Spinnennetz zwischen den Gräsern. Feine Tautropfen, die wie ein Sprühnebel auf den Fäden hingen, glitzerten in der Sonne und in der Mitte lauerte eine Spinne auf Beute. Plötzlich verfing sich eine kleine Fliege in dem perfekt getarnten Netz. Sie zappelte, um sich zu befreien, aber ihr Schicksal war besiegelt. Für eine Weile vergaß Marina ihre Sorgen und verfolgte fasziniert, wie die Spinne auf ihr Opfer zuschoss, es packte und blitzschnell mit klebrigen Fäden zu einem weißen Paket verschnürte. Anschließend hängte sie es am äußeren Rand ihres Netzes auf.
„Scheint die Vorratskammer zu sein“, vermutete Marina, denn dort baumelten bereits die Hüllen anderer überwältigter Insekten.
‚Dies ist eine Welt innerhalb meiner Welt’, dachte Marina. Unbemerkt von den Menschen durchliefen unzählige Tiere und Pflanzen ihren Lebenszyklus. Geburt, Leben und Tod lagen dicht beieinander. All das spielte sich direkt vor ihrer Nase ab und war doch wie Lichtjahre entfernt.
„Für diese Tiere sind wir gar nicht vorhanden. Wir, die wir uns für so ungemein wichtig halten, sind für Milliarden von Lebewesen einfach nicht existent. Sie fühlen sich höchstens gestört, wie durch einen Ast, der im Weg liegt.“
Marina setzte sich wieder in den Schatten des Baumes und fuhr mit den Händen über die rissige Borke. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so lebendig gefühlt. Als würde die Natur ihr die Kraft zurückgeben, die sie verloren geglaubt hatte.
Plötzlich fühlte sie sich zu allem bereit.
„Es geht um das Leben. Immer nur darum. Jedes Lebewesen versucht seinen Weg auf dieser Welt zu finden.“ Marina lächelte und legte zärtlich eine Hand auf den Bauch.
„Du sollst diese Chance ebenfalls bekommen. Du hast sie verdient.“ Die Entscheidung war gefallen. Mit neu gewonnenem Mut kehrte sie in ihre Welt zurück – in eine ungewisse, aber zuversichtliche Zukunft.

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