Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2005
Feiertage
von Gundela Patricia Koller

Tine Meier ist ├╝ber die Feiertage alleine. Sie ha├čt Weihnachten und die stille Zeit. Mit ihrer Familie ist sie seit Jahren zerstritten und ihren Freund hat sie verabschiedet, als er, wegen seiner beruflichen ├ťberforderung und ihren Anspr├╝chen, weinend in ihren Armen zusammengebrochen ist. Sie verachtet Weicheier. Tine ist Diplom-Psychologin und betreut reichlich genervt im verha├čten Betrieb die Mitarbeiter, wenn sie nicht gerade so einen schrecklichen und unertr├Ąglich langweiligen Feiertagsurlaub hat ÔÇŽ
Drau├čen schneit es leise vor sich hin und sie sitzt in ihrem alten Sessel, den sie selbst aufgepolstert hat und langweilt sich. Die Wohnung stinkt nach dem frischen Lack, mit dem sie gestern die Kommode restauriert hat. Durch die eingeatmeten D├Ąmpfe bekommt sie langsam Kopfweh. Sie nimmt ihr Telefonbuch zur Hand und ├╝berlegt, wen sie anrufen k├Ânnte. Ihre knochigen Finger mit den vom Heimwerken ewig schmutzigen Fingern├Ągeln gleiten ├╝ber die Nummern. Nach einigem Bl├Ąttern ist ihr klar, da├č sie eigentlich doch mit niemandem aus ihrem Bekanntenkreis reden m├Âchte, da die ewig gleichen Gespr├Ąche sie eh langweilen. Das einzige, das an ihr fr├Âhlich wirkt, sind die wippenden Korkenzieherlocken ihres naturkrausen und widerspenstigen Haares, die ihr immer wieder ins fahle und stets ungeschminkte Gesicht fallen. Ihre Frustration hat sich ├╝ber die letzten Jahre immer mehr in ihre Z├╝ge eingegraben, so da├č sie mit ihren 36 Jahren viel ├Ąlter aussieht, als sie wirklich ist. Auch ihr Therapeut konnte ihr nicht helfen, da sie immer alles besser wu├čte als er. Gerne h├Ątte sie ihm erkl├Ąrt, was er in seinem Leben alles falsch macht, aber dazu war er nicht bereit. Durch das Kompetenzgerangel kam es zum Abbruch ihrer Therapie. So hatte sie wieder nicht gelernt sich zu lieben.
Ihre trockene Haut ist faltig. Sie mag ohnehin nicht in den Spiegel schauen. Um sich von ihrer Farblosigkeit abzulenken hat sie sich ein Sexleben aufgebaut, das sie sich ├╝ber Zufallsbekanntschaften mit notgeilen Herren aus dem Internet reguliert. Genau genommen organisiert sie sich sogar ihren gesamten Bekanntenkreis ├╝ber das Netz. F├╝r eine Weile schafft sie es ab und zu auch Gespr├Ąche mit diesen Fremden zu f├╝hren, bis auch diese sich wieder gelangweilt von ihr abwenden. Sie prahlt vor ihren fremdbleibenden Bekannten, die es wirklich nicht interessiert, damit, da├č sie so gut im Bett sei und da├č sie wirklich guten Oralsex bei den Herren praktizieren w├╝rde, so da├č diese voll auf sie abfahren w├╝rden.
Im Laufe des letzten Jahres hatte sie sogar auch mal zwei Frauen ├╝ber das Internet kennengelernt, mit denen sie sich ab und zu mal getroffen hat und denen sie nat├╝rlich auch von ihrem wilden Sexleben erz├Ąhlt hat. Ina Mannsberger, eine ketterauchende Journalistin mit ├╝bergro├čer Leibesf├╝lle und der steten Neigung zur Transpiration und Clara Fein, eine attraktive K├╝nstlerin, die mit ihren 43 Jahren einiges ├Ąlter ist als die beiden, aber neben Tine trotzdem eindeutig als die J├╝ngere durchgeht. Ina redet auch gerne ├╝ber Sex und hat vor ein Buch ├╝ber ihre Verh├Ąltnisse zu schreiben. Clara hingegen lebt in einer eher ungew├Âhnlichen Beziehung mit einem Mann, den sie liebt, der ihr aber dauernd fremdgeht. Er lebt gerade in Scheidung und Clara bekommt sehr viel von dem Rosenkrieg und den Intrigen seiner Noch-Ehefrau hautnah mit, so da├č sie reichlich gestre├čt ist. Sie plaudert aber nicht so gerne aus dem Sex-N├Ąhk├Ąstchen wie die beiden anderen Frauen und ist eine eher in sich gekehrte Person.
Tine und Ina hatten beschlossen, da├č Clara sich von ihrem Freund trennen soll. Clara aber h├Ârte nicht auf die beiden und zog sich in den letzten Monaten immer mehr zur├╝ck. Sie hatten sich zwar nur f├╝nfmal im Leben gesehen, aber es ├Ąrgerte die beiden Frauen, da├č Clara sich nicht mehr meldete, obwohl sie es doch nur gut mit ihr meinten.
Tine starrt auf den niedergebrannten Adventskranz und hadert mit ihrem Schicksal und der unertr├Ąglichen Einsamkeit. Sie wischt ein paar Tannennadeln vom Tisch und entsorgt sie in den M├╝lleimer. Ihr Finger blutet, weil sie sich an einer Nadel gestochen hat. Sie sucht sich ein Pflaster und verarztet die Wunde. Dann kommt wieder diese bleierne Langeweile ├╝ber sie und dr├╝ckt sie tief in den alten Sessel. Eigentlich k├Ânnte sie Clara anrufen und ihr mal wieder sagen, da├č ihr Freund nicht der Richtige f├╝r sie ist. Sie greift zum Telefon und w├Ąhlt Claras Nummer. ├ärgerlich legt sie wieder auf, als sich niemand meldet. Sie ruft auf dem Handy an, aber niemand geht dran. Nun wird sie noch ├Ąrgerlicher.
Mit Ina hat sie erst vor ein paar Stunden telefoniert und ihre Sexabenteuer der letzten Zeit haben sie sich auch schon l├Ąngst mit allen Details bis ins Ausf├╝hrlichste erz├Ąhlt, so da├č sie nun kein Gespr├Ąchsthema mehr haben. Tines Blick f├Ąllt auf ihre Beine. Irgendwie sehen sie geschwollen aus. Wahrscheinlich sammelt ihr K├Ârper gerade wieder Wasser und sie ist kurz vor ihrer Menstruation. Der aufgebl├Ąhte und leicht schmerzende Bauch spricht auch daf├╝r. Deshalb also f├╝hlt sie sich so gereizt.
Bl├Âde Clara, wieso geht sie nur nicht ans Telefon? Am liebsten w├╝rde sie ihr eine reinhauen. Die geht nicht ans Telefon und das wo sie sich doch solche Sorgen um sie macht.
Tine ruft Ina an und sagt ihr, da├č sie sich Sorgen um Clara macht. Ina springt sofort auf den Zug auf und macht sich nun ebenfalls Sorgen, da auch sie an den Feiertagen alleine zuhause ist und sich langweilt. Eine Magendarmgrippe mit einem Dauerdurchfall hat sie ans Bett gekettet, so da├č sie ihren aktuellen Lover nicht einmal heimlich begl├╝cken kann. Dies w├Ąre aber ohnehin schwierig, da der die Feiertage mit seiner Ehefrau verbringt. Sie k├Ânnte ja mit ihm eine schnelle Nummer im Hausgang, w├Ąhrend die Gattin oben in der K├╝che steht und ein leckeres Mahl zubereitetÔÇŽ.. Nein eben nicht, denn da ist ja diese ├╝beraus hinderliche Darmgrippe. Was f├╝r triste Feiertage. Ah ja, zur├╝ck zum Thema: Wir machen uns Sorgen um Clara. Beide sind sich schnell einig, da├č Clara ein sehr einsamer Mensch ist und da├č sie wahrscheinlich Beruhigungsmittel nimmt, da sie immer so still und zur├╝ckhaltend ist. Vielleicht nimmt sie sogar Drogen. Man wei├č ja nie. Clara ist ja so alleine und so ungl├╝cklich mit ihrem Freund. Jaja, gestritten haben die beiden ja auch schon ├Âfter miteinander. Was soll das denn f├╝r eine Beziehung sein? Clara kann sich ja gar nicht wehren, denn sie ist ja viel zu sensibel f├╝r den Mistkerl. Eigentlich sollte der mal in Behandlung gehen. Was f├╝r ein Schwein. W├Ąhrend sich Ina ausmalt wie wohl der Sex mit ihm w├Ąre, steigert sich Tine weiter in die Sorgen hinein. Vielleicht hat er ihr ja was angetan? Oder was, wenn Clara sich umgebracht hat? Nat├╝rlich, das war es: Sie hat sich umgebracht, deshalb geht sie auch nicht ans Telefon. Tine beendet hastig das Gespr├Ąch mit Ina und eilt in die Garage. Sie f├Ąhrt im rasanten Tempo zur Polizei.
ÔÇ×Guten Tag, mein Name ist Tine Meier, ich bin Diplom-Psychologin. Ich m├Âchte meine beste Freundin, Clara Fein, als vermi├čt melden.ÔÇť
ÔÇ×Wie lange haben Sie sie denn schon nicht mehr gesehen?ÔÇť fragt Herr F├Ąnger, der Polizist, der sich mit seinen Kollegen auf der Wache langweilt und die B├╝rom├Âbel h├╝tet. Schon seit Stunden spielt er mit seinem Kugelschreiber, w├Ąhrend er das Telefon anstarrt, um ihm quasi auf hypnotische Weise den Befehl zu geben, da├č es endlich klingeln solle.
Tine ├╝berlegt und sagt dann ÔÇ×Ich kann sie seit zwei Wochen nicht mehr erreichen. Ich mache mir solche Sorgen!ÔÇť In Wahrheit hatte sie Clara zwar zuletzt Mitte September gesehen, aber das w├Ąre nun doch recht hinderlich. Das letzte Telefonat hatten sie im November, aber auch das verschweigt sie nun, damit sie nicht als schlechte Freundin dasteht, die sich nicht um ihre Clara sorgt. Herr F├Ąnger ist erleichtert, da├č es an diesem Sonntag direkt nach dem Neujahrstag mit dem b├Âsen Silvesterkater, endlich etwas zu tun gibt und betrachtet Tine mitleidig und verst├Ąndnisvoll. Er sieht seine gro├če Chance gekommen endlich mal zu zeigen was f├╝r ein guter Polizist in ihm steckt, denn er ist von Tines┬┤ dramatischem Auftritt so beeindruckt, da├č er ihr jedes Wort ungepr├╝ft glaubt. Noch nie hatte er in seinem bisherigen Leben mit einer Diplom-Psychologin zu tun gehabt, aber das war sicher so was wie eine ├ärztin und somit ├╝bergeordnete Intelligenz.
Mit tr├Ąnenerstickter Stimme schildert Tine nun Claras Probleme und ├╝bertreibt dabei ma├člos, damit der Polizist die Dringlichkeit erkennen mu├č, da├č man Clara suchen soll. Selbstverst├Ąndlich f├Ąhrt Tine mit zum Einsatzort, als Polizei und Feuerwehr in Claras Wohnung einbrechen. Sie steht im Schneeregen und beobachtet genau wie die f├╝nf Beamten via Leiter in das aufgebrochene Fenster im ersten Stock einsteigen. Ein Schauer durchzieht ihren K├Ârper. Was, wenn sie nun wirklich die tote Clara aus der Wohnung holen? Wenn sie ihre Leiche an ihr vorbeitragen? Das Gruseln l├Ą├čt sie schaudern und ihren K├Ârper beben, - es f├╝hlt sich fast wie ein unheimlicher Orgasmus an. Per Handy h├Ąlt sie Ina auf dem Laufenden. Die f├╝nf Beamten durchsuchen Claras Wohnung, durchw├╝hlen ihre Sachen, lesen ihre Post, ihre Kontoausz├╝ge, Liebesbriefe, ihren TerminkalenderÔÇŽ und sehen das weihnachtliche Geschenkpapier, das auf dem Tisch liegt. Offensichtlich hat hier vor kurzem jemand Geschenke verpackt. Keine Blutspuren, keine Leiche, kein Abschiedsbrief.
Die Entt├Ąuschung steht dem ├╝bereifrigen Polizisten, der seine Kollegen hinzugezogen hat, ins Gesicht geschrieben als er wieder nach unten klettert und zu Frau Meier geht ÔÇ×Da ist niemand in der Wohnung.ÔÇť
Herr F├Ąnger ist nicht gerade das intelligenteste Exemplar in Uniform. So kam er auch gar nicht erst auf die Idee mal selbst zu versuchen Clara anzurufen. Da Frau Meier nun noch aufgew├╝hlter und besorgter ist und sich sicher ist, da├č Clara etwas Furchtbares zugesto├čen sein mu├č, spricht sie nun auch noch einen Mordverdacht aus. Der Polizist versucht aber nun immerhin NACH dem Einbruch Claras Freund, Carlos, zu erreichen und spricht diesem auf die Mailbox, da├č er sich bitte bei der Polizei melden solle. Beachtlicherweise geschieht dies bevor er eine Fahndung nach Carlos wegen Mordverdachts an Clara rausgeben w├╝rde.
Ina Mannsberger ist w├╝tend, da├č man die tote Clara nicht gefunden hat und ruft nun auch bei Claras Freund an. Nun bekommt die Mailbox aber richtig was zu h├Âren, denn sie berichtet von dem Einbruch und der Freund h├Ątte sich sofort bei ihr zu melden, denn sonst w├╝rden sie mit Blaulichteinsatz bei ihm und bei seiner, in Scheidung lebenden, Noch-Ehefrau einbrechen lassen um Clara zu finden. Sie droht ihm noch, da├č die Geschichte nun Kreise ziehen werde und legt dann auf.

Carlos und Clara wollen demn├Ąchst zusammenziehen und sind gerade verliebt h├Ąndchenhaltend bei einer Hausbesichtigung, nachdem sie die letzten Tage zusammen bei seiner Familie friedlich und fr├Âhlich Weihnachten und vorgestern noch Silvester zusammen gefeiert haben. Carlos traut seinen Ohren kaum, als er die Mailbox abh├Ârt und gibt sein Handy an Clara weiter. Diese wird bla├č vor Schreck und hat das Gef├╝hl gleich zusammenzubrechen. Sie konnte ja nicht ahnen, was Tine vorhatte, als sie ihren Namen auf dem Display ihres Handys sah und beschlo├č nicht dranzugehen, weil sie weder Zeit noch Lust f├╝r ein langweiliges Endlostelefonat mit dem Dauerthema, da├č sie sich von Carlos trennen solle, hatte. Nun aber ruft sie Tine an und fragt sie, w├Ąhrend sie noch immer um Fassung ringt, ob diese total durchgedreht sei. Doch jetzt bekommt sie eine Menge Vorw├╝rfe, da├č sie nicht erreichbar gewesen sei und da├č sich Tine ja solche Sorgen um sie gemacht h├Ątte. Dann wird das Handy an Herrn F├Ąnger, den Polizisten weitergegeben, der ihr dann den Einbruch in ihre Wohnung best├Ątigt und ihr sagt, da├č sie nun die Vermi├čtenanzeige nicht weiter verfolgen w├╝rdenÔÇŽ Er w├╝nscht Clara noch ein gutes neues Jahr, doch Clara fragt noch nach, warum die Polizei sie nicht VOR dem Einbruch angerufen h├Ątte und wer denn nun f├╝r den Schaden aufkommen w├╝rde. Da wird der Polizist aber m├Ąchtig b├Âse und schreit sie an, da├č sie ja wohl nicht die Feuerwehr und die Polizei verklagen k├Ânne und da├č ja Frau Meier versucht h├Ątte, sie anzurufen und man k├Ânne doch wohl ans Telefon gehen. Au├čerdem w├╝rde sie ja irgendwelche Mittelchen einnehmen und als Carlos das Handy ├╝bernimmt, weil er mitbekommen hat, da├č seine Freundin angeschrieen wird, wird er ebenfalls angebr├╝llt, da├č Frau Fein ja schlie├člich selbstmordgef├Ąhrdet sei.

Tine und Ina k├╝ndigen Clara schnellstm├Âglich die Freundschaft, denn Clara ist ja so undankbar und au├čerdem gibt es ja nun auch noch die Einbruchssch├Ąden, die sie dann doch lieber Clara bezahlen lassen wollen. Schlie├člich ist es ja Claras┬┤ Schuld, da├č sie sich Sorgen gemacht haben, weil sie sich bei ihnen nicht mehr gemeldet hat.
Die beiden Frauen telefonieren auch nach den Feiertagen noch oft zusammen, plaudern stundenlang ├╝ber die Leichensuchaktion und die spannenden Einzelheiten was Tine alles mit der Polizei besprochen hat und was sie alles durchgemacht hat, als sie sich solche Sorgen machte. Beide Frauen sind sich einig, da├č Clara ihre Freundschaft nicht wert ist. Mit so einer wollen sie nichts mehr zu tun haben.

Als Claras Anwalt bei dem Polizeirevier Akteneinsicht beantragt, um zu erfahren, was der Grund f├╝r die Polizeiaktion gewesen sein soll, ist die Akte verschwundenÔÇŽ

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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