Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mai 2005
Das andalusische Paradies
oder
die Idylle ist oftmals ein Trugschluss

von Ralph T. Rowley

Ergriffen und andächtig schreitet der Durchreisende durch die engen Gassen Frigilianas, eines mehrfach preisgekrönten, weißen andalusischen Dorfes. Freundlich grüßt er die sieben alten Männer, die scheinbar einträchtig auf der halbhohen Mauer nebeneinander hocken. Vier von ihnen erwidern freundlich seinen Gruß.
„Hola.“
Dem Sommerfrischler fällt es schwer, auf dem gepflasterten rutschigen Geläuf nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Ledersohlen geben ihm keinen rechten Halt. Bergan kommt ihm ein schwer beladenes altes Mütterchen entgegen. Auch sie schenkt ihm ein Lächeln. Der Fremde gerät ins Träumen, fühlt sich umgeben von glücklichen Menschen, wähnt sich im Paradies.
Der Verzauberte blickt durch eine geöffnete Haustür und sieht einen alten Mann leicht nach vorn übergebeugt regungslos auf einem Stuhl kauern. Seine mageren Hände stützen sich auf einem Stock, einer Gehhilfe, die sein Vater vor Jahrzehnten aus dem Holz eines Olivenbaumes fertigte. Ein Erbstück.
Die Atmosphäre in dem kleinen Raum ist unbehaglich, nicht herzstärkend, nicht warm. Die Einrichtung spärlich, den bescheidenen Möglichkeiten der andalusischen Landbevölkerung angemessen. Der steife, zylindrische Hut auf seinem schlanken Schädel steht ihm eigentlich gar nicht, doch das interessiert ihn nicht. Der Hut ist grau, besitzt eine schmale Krempe und vorn, am Bug so zusagen, sehr abgegriffen. Auch ein Erbstück seines Vaters, an dem er sehr hing, es dem allerdings nie erzählte. Vielleicht täte er es heute gern, doch dafür ist es mindestens zwanzig Jahre zu spät. Andererseits wusste auch Antonio nichts um das Gefühlsleben seines Vaters ihm gegenüber. Vergebene Chancen!
Als er noch auf dem Campo arbeitete, schützte der Zylinder seinen Kopf vor der brütenden Sonne. Die quält ihn nun schon lange nicht mehr, denn vor zehn Jahren zog er sich aus dem Berufsleben zurück. Rheumatische Beschwerden. Seit dem verbringt er seine Zeit mehr oder weniger auf diesem altersschwachen Stuhl. Kurz bevor er in das Bett steigt, trennt er sich von der Kopfbedeckung und hängt sie an den rostigen Nagel rechts neben dem einhundertfünfundvierzig Zentimeter breiten Doppelbett. Breiter ist das Nachtlager nicht, hier muss Nähe geduldet werden, die hohe Schule des Dicht - Nebeneinanderliegens über Jahrzehnte hinweg. Nicht auf die vielen Photographien die seine Kinder und Enkelkinder zeigen, nicht auf die zahlreichen Bilder mit religiösem Charakter oder auf andere Nippesfiguren mit selbem Inhalt, starrt er. Auch das sechzig Jahre alte Hochzeitsphoto, welches ihn mit seiner Frau Carmen zeigt, ignoriert er.
Carmen sitzt im selben Raum, zwei Meter hinter ihm auf einem Sessel .Sie strickt, doch ansonsten verhält sie sich ebenso regungslos wie ihr Ehemann. Das Mobiliar ist so alt wie das Hochzeitsphoto, also auch Stuhl und Sessel. In diesem Raum ist es mucksmäuschenstill, es ist nervenzerreißend still, vergleichbar der Geräuschlosigkeit im Gebirge, in der Wüste oder unter Wasser, beim Tauchen.
Nein, Antonio visiert nur die kahle Stelle an der weißen Wand, dort wo nichts ist, noch nie etwas war.
In recht lange zurückliegenden Zeiten wurde diese Leblosigkeit durch das eher zufällige Zusammentreffen der beiden Stricknadeln kurzzeitig unterbrochen. Wie gesagt, diese Zeiten sind längst vergangen. Damals waren die Instrumente aus Metall, doch das Plastikzeitalter erreichte auch das spanische Armenhaus und der Radau hatte ein Ende.
Das damalige Geklimper der Nadeln wird Antonio nicht in seiner Unergründlichkeit gestört haben, sein Blick wird sich auch in diesen Momenten nicht von der weißen Wand, von dem kahlen Fleck gelöst haben. Was sieht er nur dort, was versucht er zu erkennen, dort wo nichts ist? Einmal in den vielen Jahrzehnten wagte Carmen die Frage zu stellen. Sie wirkte wie ein Hilfeschrei, wie ein Bittgesuch, wie ein Begehren und Schmachten nach Wortaustausch, nach Zwischenmenschlichkeit.
Jeder hätte in diesem Moment voller Spannung den Atem angehalten. Stiller als totenstill scheint unvorstellbar. Doch in jenem Augenblick näherte sich die Stille einer Dimension, die für das menschliche Hirn nicht mehr fassbar ist, eventuell vergleichbar mit dem Grad, wo Wasser zu Eis gefriert oder wo das Feuer in die Glut übergeht.
Oder als Adam den Apfel in Händen hielt und die Schlange für seine Schwiegermutter hielt. Nein, nichts von alledem wird diesem epochalen Ereignis gerecht.
Wie ein Torpedo schlug Carmens Frage ein.
„Tonio, was siehst du dort an der weißen Wand?“
Antonio und Carmen waren nicht immer achtzig und neunundsiebzig Jahre alt, es gab Zeiten in denen sie die hundertfünfundvierzig Zentimeter nur zur Hälfte nutzten. Tochter Esmeralda und die Söhne Horacio und Ricardo sind leibhaftige Zeugen der damaligen Körperberührungen.
Antonio zögerte, seine schokoladenbraunen Augen flackerten, der kleine Lebensraum des alten Paares elektrisierte. Nahezu ihr ganzes Leben spielte sich in dieser mikroskopisch kleinen Zelle ab.
Wie ein Pfeil musste Carmens Frage ihren Mann ins Herz getroffen haben. Die empfindsame, kluge alte Frau registrierte die Erregung ihres Mannes. Erstmalig in all den Jahren erlebte sie ihn in dieser Verfassung. Die bittere Feststellung, ihn nie richtig kennen gelernt zu haben, stieg in ihr auf wie ein Vulkan, der nach einer Ewigkeit der Dämmerung erstmals ausbricht und alles mit einem Feuerregen überdeckt.
Die beiden verbrachten ein Leben miteinander, begegneten sich aber nie. Eine kurze Zeit in Leidenschaft, doch auch in dieser Ausnahmesituation kamen sie über Belanglosigkeiten und Oberflächlichkeiten nicht hinaus. Keine Gespräche, welche die tiefe Seele berührten, in denen das Innere nach außen gestülpt wird und dem anderen eigene Schwächen und Sehnsüchte offenbart wurden. Wortwechsel, die nach Ehrlichkeit verlangen, die verletzen aber auch trösten und beruhigen können. Statt dessen ein Dasein umhüllt von latenter Verlogenheit.
Die Wahrheit ist nicht sehr gern gesehen im Paradies. Instinktiv bemerkte die treusorgende, unterwürfige Frau in welch verzweifelte Lage sie ihren alten Macho manövriert hatte. Gleichfalls spürte Antonio die Dramatik in seinem Kopf und in seinem Herzen. Ihm war bewusst, die Frage nicht einfach übergehen zu können, sie zu ignorieren, wie so viele Dinge vorher. Nein, sie forderte eine wahrheitsgemäße Beantwortung. Ein letztes selbstquälerisches Schlucken, den Klos aus dem Hals vertreiben und Antonio begann leise, gar nicht männlich, zu sprechen:
„Carmen,“ niemals zuvor sprach er seine Frau mit dem Namen an, „ich bin nie glücklich gewesen, fühlte mich allein gelassen und verloren, konnte nicht lieben und mich nicht lieben lassen. Die Enge meines Lebens hat mich innerlich ruiniert und ausgebrannt. Die Fähigkeit mit dir reden zu können, war mir nicht gegeben. Es schmerzt, den Menschen an meiner Seite leiden zu sehen, Leiden welche ich ihm zufügte. Dich an meiner Seite nächtens weinen zu hören, schnürte mir den Hals zu. Ich wollte dich berühren, dich streicheln, ganz nah bei dir sein. Dein Schluchzen zerriss mir das Herz, doch irgendetwas in mir hielt mich zurück. Wie ein innerlich brennender Stein lag ich mit weit aufgerissenen Augen neben dir.“
Antonio konnte sich nun nicht mehr zügeln, und schluchzte los wie das letzte Mal vor beinahe fünfundsiebzig Jahren, als seine Mutter ihm Liebe versagte.
Umständlich wandte er das Gesicht seiner Frau zu, wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen, nahm sie unbeholfen in die Arme, wobei der fettige alte Hut von seinem Kopf fiel und eine der Nippesfiguren vom Tisch stürzte und zersprang.
„Liebste Carmen, an der weißen Wand suche ich voller Verlangen eine Antwort auf die Frage zu erhalten:
Wo ist mein Paradies?“

Ist Selbstzufriedenheit das Paradies? Geld? Gesundheit? Wärme? Freiheit? Liebe und deren Gegenliebe? Die Fesseln der ständigen Selbstüberwachung sprengen? Doch wie hängt das alles nur zusammen, wie ist es miteinander verknüpft? Sollte man es wissen? Wüsste man es, gäbe man Ruhe oder was käme einem dann in den Sinn? Die Sonne verdunkeln wollen, Regentropfen in Goldperlen verwandeln?
Wer Perfektion sucht, wird Zufriedenheit nie finden!

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