Ganz schön bissig ...
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Mai 2005
Das Haus am Meer
von Tobias Sommer

Ich sitze im Dunkeln und starre auf Fenster, die ich hinter einer Bretterwand erahne. Ich höre die monotonen Bewegungen der Brandung, spüre den Druck, der noch auf den Sandkörnern lasten muss, wenn die Wellen auf den Strand gleiten, mit der scheinbar letzten Kraft eine subtile Linie in den Untergrund färben, bevor sie lautlos in die Nacht verschwinden. Ich höre das alles, ohne das reale Bild vor Augen. Ich möchte noch einmal schwimmen gehen, mich treiben lassen.

Das Haus haben wir vor zwei Jahren gekauft, eine Anschaffung für die Ewigkeit, sagte der Makler; er hatte nur bedingt Recht. Ich war glücklich wegen der Gemeinsamkeiten, die uns nach fünf Jahren Ehe verbanden, und auf den Ausblick: Man glaubt, die Dünen spalten sich vor dem Haus, von der Terrasse blickt man direkt auf das Meer, ob man will oder nicht. Wir saßen jeden Nachmittag dort, schauten auf das Wasser, tranken im Sommer kühle Getränke, im Winter wärmten uns Kaffee und Tee. Mein Mann sprach von Freiheit, von seinen Träumen, er wollte nach Australien, Amerika, hinauf auf das Meer, einen Kamin bauen, zumindest jedes Jahr ein Lagerfeuer am Strand anzünden, er wirkte haltlos, fast glücklich, eine Romantik klang in seiner Stimme mit, die ich immer vermisst hatte. Ich suchte sie in den Bildern, die in seinem Büro hingen - Rothko, Kandinsky, Richter - in der Art, wie er mich jeden Morgen auf die Wange küsste, in der kleinsten Betonung, wenn er mit mir sprach. Er sprach selten, nur wenn es für ihn unausweichlich war, jede Antwort wurde in seinem Kopf gefiltert, erst ausformulierte Gedanken, die nicht mehr als das Nötigste verrieten, drangen nach außen. Ich liebte diese lakonische Sprache, bei der in jedem perfekt abgestimmten Satz etwas Geheimnisvolles, Verborgenes im Hintergrund hörbar war, darauf wartete entdeckt zu werden. Es war der Reiz, der mich immer wieder forderte, Fragen gezielter zu stellen, ihn zu beobachten, seine Gesten zu interpretieren; ich entdeckte wenig, wusste kaum etwas über ihn und konnte damit leben. Erst als wir das Haus gekauft, die Verträge unterzeichnet hatten, zum ersten Mal im Garten saßen, auf das Meer blickten, spürte ich, wer er war, wie er dachte und fühlte. Er schwärmte von unserem neuen Heim, von der Möglichkeit, mit riesigen Fenstern das Meer ins Haus zu holen, er sagte wirklich „das Meer ins Haus holen“. Er wollte malen, mit einer Staffelei im Sand des Strandes, die Wellen zeichnen, nur mit einem Pinsel und farblosem Wasser, so wie sie waren, rau und gespenstisch; er war begeistert. Ich dachte an ein Buch von Alessandro Baricco und seine Schilderung des Malers Plasson; der Gedanke, dass mein Mann und ich, in einer Zeit, in der wir uns noch nicht kannten, die gleiche Geschichte gelesen haben konnten, kam mir absurd, sogar unmöglich vor.
Ich war froh, das weiß ich noch, über die kleinen privaten Geständnisse von seiner ersten Liebe, seinen Wünschen und Zielen, er hatte sie immer versteckt, es waren keine besonderen Erwähnungen, nichts, was mich bewegte; ich war einfach dankbar über diese Offenheit, die so überraschend in unsere Beziehung kam, über dieses Gefühl, sich gegen einen Stillstand, der mir erst in jenen Momenten bewusste wurde, zu werfen, das Vertrauen um Ehrlichkeit zu ergänzen.
Vielleicht liegt in diesem Winter auf der Oberfläche des Meeres eine dünne Eisschicht, gerade stark genug für unser Körpergewicht, wir können den Fischen folgen, die sichtbar unter uns schwimmen werden, immer weiter, bis das Eis ins Meer mündet; niemand wird wissen, wann es bricht; die Sonne wird sich im Eis spiegeln, tausend Farben erzeugen und das glitzernde Wasser das Risiko erhöhen; das Gefühl der Schwerelosigkeit muss es wert sein. Er erzählte mit einer Freude, die mir fremd war, ich kannte kein Risiko in seinem Leben. Er fragte mich, ob es dieses Jahr schneien würde; es war Juli. Ich bejahte seine Frage. Barricos Maler zeichnete das Meer, weil er einsam war, dachte ich, wollte es ihm sagen und stand wortlos auf. Mein Mann hatte noch nie den Schnee gesehen, der auf das Meer fällt, Sekunden benötigt, um sich zu ergeben, den Strand bedeckt, fleckenlos, still.
Er erzählte die Geschichte, die er leben wollte, er zeichnete sie jeden Tag neu, in leuchtenden Farben, Wunschbildern, er spann Lebensfäden, die jeden Optimisten beeindruckt hätten; mir wurde bewusst, dass er nicht mehr der Realist, der kalte Gegensatz zu mir war. Es war eine Umstellung, denn ich hatte mich seiner sparsamen Art der Konversation angepasst, wir brauchten keine endlosen Ausschweifungen, glaubte ich, dieses Gefühl, sich ohne Worte zu verstehen, hatte ich bisher als eine Besonderheit gesehen; eine Frage entstand, direkt, ohne Zwischengedanken: Kann ich mit ihm über alles reden?
Der erste Morgen in unserem neuen Heim, ein Klingelton holte mich aus einem ungewohnten Tiefschlaf, ein erschreckendes Geräusch. Der Briefträger hatte sich bereits von unserem Haus abgewandt, die Gartentür wieder geschlossen; seine Körperhaltung zeigte, dass er auf sein rotes, holländisches Fahrrad springen wollte. Er hielt in dieser Haltung inne, ohne sich umzudrehen, als ich, nur mit einem Bademantel bekleidet, die Tür öffnete. Ich wollte mich vorstellen; seine Augen, kristallklar und grün, in einem Gesicht, wie es diese Landschaft zeichnet, konturlos und wortkarg, sahen mich wütend an, kamen mir zuvor, hielten meinen Atem und den Gruß in meiner Kehle, bis es zu spät war. Er sah mich nie wieder so an, doch dieser aggressive Blick verfolgte mich, verschwand nicht aus meiner Erinnerung, konnte nur ins Unterbewusstsein verschoben werden, wie etwas Wartendes, Dominierendes; es war nur ein Fremder. Vor einigen Wochen hätte ich diese Begegnung verschwiegen, die kleinste Andeutung als naiv bezeichnet; ich wusste, dass jede Angst verblasst. Die Eloquenz am Terrassentisch gab mir ein sonderbares Gefühl, die Erlaubnis, alles sagen zu können. Ich erzählte ihm, dass ich mich als Kind vor dem Wasser fürchtete, nie schwimmen wollte, das Meer immer als schwarze, bedrohliche Fläche malte, ich vertraute ihm an, dass ich beim Psychiater war, mit 22 Jahren auf einer Couch lag und mit einem alten Mann über alles sprechen musste, es war lächerlich. Worüber ich mit dem alten Mann reden sollte, sagte ich ihm nicht, noch war Zeit, hörte er mir wirklich zu?
Die Sätze sprudelten aus unseren Gedanken, prallten ab, bedingungslos und fair, mündeten im Alltag, wie die Wellen vor unserem Haus, die plötzlich dazu gehörten, das Rauschen wurde selbstverständlich, das Auf und Ab zu einer Melodie, die man nur noch im Hintergrund hörte.
Dann tauchte sie auf und stellte jede Bedeutung in Frage, obwohl sie sich in das Bild einfügte, in den monotonen Kontext aus Himmel, Wasser und Wind vor unserem Haus. Sie passte sich der Umgebung an, wie die im Sonnenlicht weiß schimmernden Muscheln, wie der Strandkorb, in dem seit Jahren niemand mehr gesessen hatte, wie das verkohlte Holz, das vor langer Zeit irgendwo gebrannt hatte, alles war wie immer. An seinem erstaunten, vielleicht sogar erschrockenen Blick erkannte ich, dass etwas nicht stimmte. War es nur eine ungewohnte Farbnuance, überlegte ich, waren die Möwen zahlreicher, die Brandung stärker? Dann sah ich den Grund.
Sie bewegte sich spärlich, wirkte zu schwach für den Wind, erhitzte Ohren setzten sich von einer hellen, sichtbar dünnen Haut ab, ihre schwarzen Haare waren matt, unbeweglich, vermutlich getönt, jedoch machte sie nicht den Eindruck einer Person, die sich ihre Haare färbt, die ihre eigene Optik beeinflussen will, ihre Augenfarbe konnte ich nicht erkennen, ich war mir sicher, sie konnten nur eine Farbe haben: grün; sie war nicht schön. Ich wollte fliehen, vor etwas, das hinter meinem Rücken immer näher kam, meine Fußballen versuchten sich vom Boden abzustoßen, sanken in einen weichen, treibsandähnlichen Untergrund, fanden keinen Halt, traten auf der Stelle, die sich nach etlichen Versuchen zu einer großen Kuhle ausweitete. Dieser Traum aus Kindertagen, oft analysiert, nie verstanden, tauchte in meinen Gedanken auf, ein fremdes, hastiges Atmen, spürbar weiblich, streichelte meine Nackenhärchen; sie besaß die Frechheit, an unseren Terrassentisch zu kommen. Im Weggehen hörte ich ihre Stimme, bestimmend, mit einem undefinierbaren Akzent sprach sie das Wort „Ostsee“ aus, ich wusste nicht, was sie wollte, stellte mir vor, wie sie mit den Fingern durch ihr wirres, hartes Haar fuhr, ihre Augen weit öffnete, damit das Grün im direkten Kontrast zu der blassen Haut stand. Ich schloss die Tür hinter mir, gewann Abstand und wusste, dass es ein Fehler war.
Mein Vorhaben im nächsten Sommer zu joggen, am Strand mit der aufgehenden Sonne den Tag zu beginnen, habe ich abgehakt, nicht hier, nicht auf weichem Sand. Ich habe sie nie wieder gesehen, der Akzent, vermutlich von einem aus Frankreich stammenden Elternteil, verschwand nicht, er verwendete diese Art der Betonung ständig, amüsierte sich darüber, fand es niedlich; die grünen Augen hatte er nicht erwähnt. Sie existierte nur noch in einem Wort, einem nach Paris, Sommer und Urlaubsbräune klingenden Wort, es war ein Bruchteil, eine unscheinbare Minute oder Stunde, in der unser Ausblick auf das Meer von ihr beeinflusst wurde, kein Grund zum Handeln, es war nichts passiert. Ich hätte es nicht tun sollen.
Er hatte die Flasche entdeckt, sie auf den Terrassentisch gestellt, Sand sammelte sich auf der Tischdecke, verbreitete einen Duft von Algen und Salz und ein unbehagliches Gefühl auf meiner Zunge, in seinem Gesicht sah ich einen Ausdruck von Spannung, Vorfreude. Das sorgfältig gerollte Blatt Papier war deutlich durch das grün schimmernde Glas sichtbar. Ich drehte mich wieder weg, schloss die Tür, stellte mir seine aufgeregten, dunkelblauen Augen vor, wie er mit einem Lächeln die Zeilen lesen würde, dabei seine Lippen bewegte, Anstrengungen sich auf seinem Gesicht abzeichneten, er kann nicht gefühllos lesen. Ich zählte, die Glaswand und der Blick auf das Meer in meinem Rücken, langsam Atemzüge, meine, wenn ich könnte, auch seine, die Grenze zwischen Vorahnung und Fehler, Wunsch und Befürchtung verwischte; der Gartenstuhl verlor seine Belastung, vier Plastikbeine wurden hörbar auf den roten Backsteinen verschoben. Er, der die Brechung der Wellen in Zahlen sah, der den Sonnenaufgang als das Glück in einer bestimmten Kette betrachtete und doch jede Form von Kitsch ablehnte, der den Unterschied zwischen grünen und blauen Augen, zwischen Lachen und Lächeln, nur unbewusst spürte, stand auf. Er, der das Leben kalkulieren, seine Umlaufbahn berechnen wollte, der glaubte, mich zu kennen, stand auf; er stand einfach auf. Ich hörte, wie die Rückenlehne des Stuhls den harten Boden berührte, das Plastik leicht federte, nachgab, einen, vielleicht auch zwei kleine Sprünge machte, bevor es auf den Steinen zum Stillstand kam; das, was dann geschah, spielte ich in Gedanken durch, sah es in den Farben auf der Innenseite meiner Lider, blieb bewegungslos stehen und erschrak vor mir selbst. Das Meer rauschte, es rauschte wie am ersten Tag, an dem Tag, als wir dieses Haus besichtigten, als er lachte und in Gedanken die Räume mit Leben füllte.
Es rauscht, ich drehe mich um, sehe durch die Fensterwand und das Rauschen verbindet sich mit dem Blick auf das Meer und der Gewalt der Wellen, die auf den Strand fallen, gleichmäßig und friedlich.

Ich sitze zwei Tage später im Dunkeln und bereue es nicht, dass ich im Wahn, vielleicht aus Verzweiflung oder Angst, jeden Ausblick, der das Meer auch nur erahnen lässt, mit Brettern versperrt habe. Sie werden ihn finden, früher oder später, von der Brandung ausgespuckt, wie alles, was sich in die Wellen stürzt.

Ich bin die Fremde. Die Fremde, die in deinen Augen die Neugierde sah. Ich hätte dich gerne kennengelernt, aber für mich ist dieser Strand die Endstation. Eine lange Geschichte, die ich mit ins Wasser nehmen werde. Dieser Brief wird noch auf dem Tisch liegen, hinter der Bretterwand, zwischen dem Wasser und mir.
Ich starre zur Decke, den Geruch seiner Haare an meinen Fingern, lausche, kann die Geräusche nicht mehr ordnen. Der Duft wird verfliegen, Bilder werden verschwimmen, sein Name nur noch marginal in der Erinnerung sein und ich am Anfang, wie so oft, ein Kreislauf aus Begehren und Begehrt werden.
Er hat dieses Haus nie gesehen, stand nicht auf der Terrasse, kennt nicht den Blick, diesen Blick auf das Meer, mit den rhythmischen, rauen Bewegungen, diese Perfektion der Natur, die unberechenbar erscheint, ein Bild vor unsere Augen malt, auf das wir uns verlassen, und es dann doch mit ihrer Macht zerstört, eiskalt und unerträglich schön; die Wellen treffen kompromisslos, ohne Warnung, auf den Strand. Er kennt meinen Mann nicht. Nach so vielen Jahren taucht seine Stimme wieder auf, ganz deutlich; ich glaubte, sie weggeworfen zu haben. Genau wie damals liege ich auf einer Couch, die nichts mit mir gemein hat, höre stumm den Worten zu, die jetzt nicht aus seinem Mund dringen, sondern aus einem Erinnerungsschatz, der mir unbekannt ist.
Sie ist wie eine Brandung, die Eifersucht, gefährlich, unkontrollierbar, aber natürlichen Ursprungs, sie kommt und geht, und ist doch immer da, kann Wellen erzeugen, die alles vernichten, aber, und das betont er - auch jetzt in meinem inneren Dialog ist eine Nuance in seiner Stimme spürbar, die Monotonie in den Bewegungen der Wellen ist gegeben - sind sie noch so hoch und kräftig, man kann sie erahnen, berechnen, halten; sie zu kontrollieren ist die Herausforderung, die in jedem von uns wartet.

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