Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Mai 2005
Schatten in Stein
von Matthias Ziebarth

´Die Sonne des Friedens erleuchtet die Stadt´. Nach meinem Geschmack war das nicht, doch ich kannte meinen Chef. Er liebte solche Schlagzeilen. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und dem Rückzug unserer Truppen von den Philippinen hatte er die ganze Redaktion auf Frieden, Sonne, Sommergefühle eingestimmt.
„Der Kampf geht weiter. Die Menschen sollen den Frieden in greifbarer Nähe sehen. Schreiben Sie von unserem nahen Sieg. Schreiben Sie aber noch mehr von blühenden Kirschbäumen und vom Sommer, der in unsere Herzen einzieht.“
Zum Glück hatte sich Matsuburo nach dieser Ansprache schneuzen müssen. Sonst hätte er es gehört, das vielstimmige Räuspern in der Lokalredaktion, in der Wirtschaft bis in die politische Redaktion. Wir haben es Matsuburos Pollenflugallergie zu verdanken, dass unser Protest unbemerkt blieb. Nicht mal die Denunzianten unter uns fanden einen Ansatzpunkt.
Gut, auch ich war unter den Räusperern, aber das war auch schon alles. Wie alle hoffte ich auf ein schnelles Ende des Krieges, und glaubte uns nach dem Rücktritt der Regierung Tojo diesem Ziel sehr nahe. Wenn wir erst Frieden hätten, würde endlich der Dauerzwang von uns fallen, die Bevölkerung auf Sieg und Opfer einstimmen zu müssen. Als Optimist ging ich davon aus, dass die Zensur dann erträglicher, das Reportergeschäft unpolitischer würde. Und ich war bereit, die „Zeit danach“ schon jetzt mit sonnigen Reportagen herbeizuschreiben. Die Bevölkerung auf Sommergefühle einstimmen? Bitte, Matsuburo sollte haben, was er wollte! Meine Sommer-Reportage würde unsere Leser für kurze Zeit vergessen lassen, dass wir immer noch Krieg hatten. Und so hämmerte ich die Überschrift von der leuchtenden Friedenssonne in die Tasten meiner Schreibmaschine.

Susumu übernahm den optischen Teil. Zum Glück. Ich kannte keinen in der Redaktion, der besser mit der Kamera umgehen konnte. Er galt als Sonderling, weil er nichts hielt von moderner Farbfotografie. Seit es die gab, schwor Susumu erst recht auf Schwarz-Weiß-Fotografie. Für mich lieferte er immer noch die besten Fotos, jedes trug seine persönliche Handschrift. Ob Ruinenlandschaften nach Bombenangriffen, ob Portraits oder Gruppenfotos: typisch die Hell-Dunkel-Kontraste, die irreal wirkenden Verschattungen realer Gegenstände im Sonnenlicht. In meiner Reportage würden Susumus Fotos den Frieden dort zum Leuchten bringen, wo es meine Worte allein nicht schafften.

Am Abend des 5. August sprachen wir uns ab.
„Lass uns morgen in die Außenbezirke gehen“, sagte ich, über Susumus Schreibtisch gebeugt, „im Stadtzentrum will doch keiner freiwillig vor sich hinschmoren. In die schattigen Parks am Stadtrand werden sie strömen, da wette ich was mit dir!“ Schnell wischte ich einen Schweißtropfen von seiner Kameratasche. Es war immer noch bullig heiß.
Susumu schüttelte den Kopf.
„Und wenn schon, mir ist es recht. Bessere Bedingungen gibt´s ja gar nicht: Menschenleere Plätze im Stadtzentrum, helles Licht, harte Schatten. Phantastisch, wie auf Bildern von de Chirico!“
Er war ein Freund der europäischen Gegenwartsmalerei.
„Wie du meinst.“ Ich zuckte die Achseln. „Ich sehe mich lieber außerhalb um. Da werden mir die Leute noch am ehesten das sagen, was ich von ihnen hören will: ein paar freundliche Worte über diese mörderische Sommerhitze.“ Nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, getrennt zu arbeiten, gingen wir auseinander.

Am Morgen des 6. August betrat ich kurz vor acht Uhr einen der Parks in den Außenbezirken. Noch war ich allein, doch die ersten Besucher würden bald kommen. Ich setzte mich in die Nähe eines Shintoschreins. Hier, im Schatten von Kirschblüten und kühlen Mauern konnte ich noch am ehesten damit rechnen, Besucher zu Kurzinterviews zu bewegen. Die Hitze nahm zu. Alles blieb friedlich. Vorhin hatten die Sirenen geheult. Doch die Luftangriffe blieben aus. Den Fehlalarm würde ich in meiner Reportage gar nicht erwähnen. Sie sollte ganz im Zeichen des Friedens stehen.

Es war 8 Uhr 15, als ich in den Himmel schaute. Was war die Ursache dieses Dröhnens? Dann sah ich die Maschine. Etwas wurde ausgeklingt und bewegte sich mit zunehmendem Tempo direkt auf die Stadtmitte zu. Was jetzt passierte, war so neu und nie dagewesen, dass mich darauf niemand hätte vorbereiten können. Ich warf mich zu Boden, kniff die Augen fest zusammen und vergrub mein Gesucht im Gras. Ich lag starr wie im Koma. Bewusstlos muss ich gewesen sein, ein Grenzgänger in einem schmerzfreien Bereich zwischen Leben und Tod. Ein Blitz, der hundert Mal heller als alles war, was man bisher als gleißend hell beschrieben hatte, zuckte über die Stadt und verwandelte Hiroshima in eine Masse aus Glut, Trümmern und pulverisierten Menschenleibern. Das Gesicht ins Gras gepresst blieb mir der Anblick dieses Gleißens erspart, und so rettete ich mein Augenlicht.

Irgendwann muss ich mich aufgerappelt haben. Ich spürte nichts, außer dass ich noch lebte. Mechanisch begann ich zu laufen. Stolperte über das,was einmal Straßen und Gebäude gewesen waren, blieb in glühend heißem Asphalt hängen, riss mich los, wankte weiter. Glitt vorbei an Menschenruinen aus herabhängenden Hautfetzen und verbranntem Fleisch. Schmerzensschreie drangen von allen Seiten auf mich ein. Darunter mischten sich Schreie nach Wasser. Doch ich nahm nur wahr, was sich in meiner unmittelbaren Nähe abspielte. Unbemerkt blieb der Feuersturm, der, wie ich später erfuhr, mit 440 Metern in der Sekunde als glühende Druckwelle über Hiroshima hinwegfegte und die Stadt in ein 5.000 Grad heißes Leichenfeld verwandelte. Langsam, dann aber mit zwingender Deutlichkeit fühlte ich, dass mehr als die Hälfte meiner Haut verbrannt sein musste. Ich lief und lief, glücklicherweise in die richtige Richtung. Immer weiter weg vom Stadtzentrum, über dem „Little Boy“, wie die Amerikaner die Atombombe nannten, gezündet worden war.

Heute, einige Wochen später, begreife ich langsam, wie es um mich steht. Ich bin ein verkrebstes menschliches Wrack. Fest steht, dass ich lebe. Ich kann nicht sagen, dass mich diese Tatsache glücklich macht. Doch stelle ich täglich mit wachsendem Erstaunen fest, dass ich noch lebe. Ich habe überlebt und werde mir von Tag zu Tag mehr darüber im Klaren, was wirklich zählt in diesem Leben: Liebe, Freundschaft, Loyalität gegenüber Menschen, die einem viel bedeuten. Nur, dass von diesen Menschen keiner mehr übrig ist. Von meiner Familie habe ich längst Abschied genommen. Sie hielt sich zum Zeitpunkt der Explosion im Stadtzentrum auf und hatte nicht die geringste Überlebenschance.

Und Susumu? Gegen Ende des Jahres 1945 machte ich mich auf den Weg in das Trümmerfeld, das noch vor vier Monaten die Stadtmitte Hiroshimas war. Natürlich, es war eine hirnrissige Vorstellung, in der verstrahlten Totenlandschaft noch irgendeine menschliche Spur finden zu wollen. Susumu befand sich zum Zeitpunkt des Abwurfs im Zentrum. Hätte er es sich kurzfristig anders überlegt und sich wie ich zwei Kilometer entfernt aufgehalten, er wäre vielleicht noch am Leben und hätte mit mir Kontakt aufgenommen. Das war jedoch nicht der Fall, und so konnte ich sicher sein, dass Susumu seine letzten Lebensminuten im Herzen Hiroshimas verbrachte, wo die Phantastik metaphysischer Gemälde, die er so sehr bewunderte, auf grauenvolle Art wirklich geworden war.

Wenn ich auch nicht hoffen konnte, irgendwelche menschlichen Spuren zu finden, spürte ich doch eine gewisse perverse Lust, das Zentrum des Infernos zu erkunden. An einem Vormittag im Dezember 1945 lief ich los. Ich stieg über Steinhaufen, zwängte mich keuchend durch verstrahlte Ruinen und blieb stehen vor einer fünf Meter hohen Mauer. Erst glaubte ich nicht, was ich sah. Dann gab es keinen Zweifel: In dieser Mauer war ein Schatten. Kein normaler Schatten, wie er von einem lichtbeschienenen Gegenstand geworfen wurde, sondern ein permanenter Schatten, der auch bei Dunkelheit vorhanden war. Knapp über dem Boden erhob sich die Silhouette einer menschlichen Gestalt; ich erkannte deutlich Schultern, Torso und einen Kopf. Wer hier im Augenblick des Lichtblitzes vor dieser Hauswand gestanden hatte, musste einen Schatten geworfen haben, der sich in die Wand einbrannte, während von der Person selbst nicht das kleinste Stäubchen übrig blieb. Es war der Lichtmeißel der heißesten Sonne, die jemals auf Menschen herabstrahlte, der hier die Erinnerung an eine lebendige Form in Stein gehämmert hatte. Es war pardox. Die alles zerstörende Kraft der Atomspaltung hatte dem vernichteten Leben ein Denkmal in Stein geschaffen hatte. Zerstörung als kreativer Akt.

Ich griff nach meiner Kamera und fotografierte den Schatten. Susumus Schatten? Ich hoffte, ich wollte, dass es der seine war. Dabei stand noch nicht mal fest, ob es sich um den Schatten einer Frau oder eines Mannes handelte. Mir war es gleich, denn mir ging es um ein Andenken, das ich meinem Freund zuschreiben wollte. Das wäre auch in seinem Sinne gewesen. Ich fand es jedenfalls nicht zynisch, die Erinnerung an den Regiesseur von Licht und Schatten in Gestalt eines Fotos von einem Todesschatten wach zu halten.

Mittlerweile schreibe ich wieder Reportagen. Nicht für die frühere Redaktion, die existiert nicht mehr. Lebte Matsuburo noch, er könnte es sich jetzt nicht mehr leisten, die Bevölkerung mit seinem Friedensgesülz zu verblenden. Der neue Chefredakteur verlangt wirklichkeitsnahe Beschreibungen vom Zustand der Stadt, vom Leid der Überlebenden, von den Verheerungen der Radioaktivität, die sich erst jetzt, Monate später, bemerkbar machen. Denke ich an meine frühere, nie geschriebene Reportage zurück, muss ich gestehen, dass die Verheißung ihres Titels in Erfüllung gegangen ist. Ja, die Sonne des Friedens erleuchtet die Stadt, nur eben auf eine Weise, mit der kein Japaner vor dem 6. August 1945 gerechnet hatte. Jetzt ist der Krieg vorbei, und wir haben endlich Frieden. Nur das Leuchten der Atomsonne wird unsere Zukunft noch auf Jahrzehnte verschatten.

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