Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » DesireĂ© Hoese IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Mai 2005
Pat im Schatten
von Desireé Hoese

Zuerst erschien uns die Stadt wie ein Paradies der Seligen, ein Ort der FĂŒlle, wo wir alles bekommen konnten, wovon wir all die Jahre getrĂ€umt hatten. Doch das war sie nicht.
Pat merkte das vor mir, und als ich es endlich begriff, war es bereits zu spÀt.
Mit der Schuld ist das so eine Sache - sie ist zu groß, um als Ganzes erfĂŒhlt und ermessen zu werden. Wir kosten sie StĂŒck um StĂŒck, aber niemals wird sie geringer. Nein, sie regeneriert sich und nur der Schuldbeladene wird weniger, verliert sich an seine Schuld.
Doch noch mĂ€chtiger als die Schuld ist die Zeit. An dieser gnadenlosen Meisterin nutzt sich selbst die Schuld ab - und endlich fĂŒhlte ich meine Schuld nur noch wie einen kleinen, spitzen Kiesel in meiner Brust.
Das war der Zeitpunkt, auf den die finsteren Götter gelauert haben mussten, denn ich geriet mitten in die Gegebenheiten, die mich aus der Stadt, die Pat und mein Herz gefressen hatte, durch die halbe Welt trieben, bis hierher an dein armseliges Feuer in dieser jÀmmerlichen Ruine.
Doch heute Nacht wird meine Flucht zu Ende sein. Ich habe nicht mehr viel - nein - ich habe gar nichts mehr zu verlieren. Was kĂŒmmert es mich, ob du mich fĂŒr einen verrĂŒckten alten Mann hĂ€ltst? Du bist hier, und deshalb werde ich dir alles erzĂ€hlen. Ich tue es nicht, weil dies hier einmal eine Kirche war, oder etwa, weil ich denke, dass du etwas Besonderes bist: Du bist der Einzige, der hier ist, und so benutze ich dich. Nichts weiter.
Zuerst bemerkte ich den Kerl nicht. Ich hatte es mir angewöhnt, in Billie’s Bells ein flĂŒssiges Betthupferl einzunehmen, das mir wenigstens ein wenig Schlaf und Ruhe vor meinen AlptrĂ€umen verschaffte.
Ich saß allein, denn obwohl ich seit Jahren Stammgast in der Kneipe war, suchte niemals einer der anderen StammgĂ€ste meine NĂ€he.
Endlich hob ich den Blick und erkannte eine hagere Gestalt, die, ohne etwas zu sagen oder durch eine Bewegung auf sich aufmerksam zu machen, reglos an meinem Tisch verharrte und auf mich herabsah. Da ich in der dunkelsten Ecke des Raumes hockte, konnte ich sein Gesicht nicht erkennen, denn der Kerl stand zwischen mir und dem Licht. Doch etwas an ihm kam mir vage vertraut vor.
„Robert Tons?“, erkundigte sich der Fremde, und seine Stimme klang sanft und tief wie ein gut gestimmtes Instrument. Ich wusste nun, wer er war.
Da er eine Reaktion von mir zu erwarten schien, gab ich einen Laut von mir, der alles und nichts bedeuten konnte und den er als Einladung deutete, denn er setzte sich zu mir an den Tisch. Wie von Zauberhand erschien Billie und setzte vor mich und meinen Gast je ein Glas Whiskey. Nicht das billige Zeug, das ich sonst zu trinken pflegte. Ich leerte mein Glas in einem Zug, doch mein GegenĂŒber rĂŒhrte seines nicht an.
Der Kerl war ein Doktor, ein reicher Kerl, der in seinem Haus am Stadtrand private Forschungen betrieb. Seit ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, schien sich der Kerl kaum verĂ€ndert zu haben - das gleiche hager geschnittene Gesicht, die tiefliegenden, fast schwarzen Augen und die hohen Wangenknochen, ĂŒber denen die Haut fest gespannt lag. Vielleicht schmeichelten ihm die Schatten jedoch nur und zauberten einige Jahre fort; ein Zauber, der bei mir nicht wirkte. Ich wusste nur zu gut, dass ein bißchen DĂ€mmerlicht bei mir nicht ausreichte, um die verheerende Wirkung zu verbergen, die der Alkohol und die Zeit auf mein Äußeres gehabt hatten.
Du musst nichts sagen; ich habe dein Gesicht gesehen, als ich vorhin aus der Dunkelheit getreten bin. Heute mag mein Gesicht nur noch dazu taugen, Fremde zu erschrecken, aber frĂŒher war ich gutaussehend. Pat hat dieses Gesicht geliebt.
Weil meine Malerei nicht genug einbrachte, um uns beide zu ernĂ€hren, musste Pat fĂŒr diesen Kerl arbeiten. Verdammt, die Malerei reichte noch nicht einmal hin, um davon Farbe und LeinwĂ€nde zu kaufen! Doch ich wollte zuerst nicht, dass Pat arbeitete. Es war das EingestĂ€ndnis meiner Niederlage - was fĂŒr ein jĂ€mmerlicher Versager war ich, dass ich meine Frau nicht ernĂ€hren konnte.
Aber Pat lĂ€chelte stets nur, wenn wir darĂŒber sprachen. Sie hat immer an mich geglaubt. Jedenfalls schien es mir damals so. Pat hat alle meine Zweifel mit ihrem LĂ€cheln verscheucht. Gott, wie sehr habe ich dieses LĂ€cheln geliebt - heute hasse ich es!
Pah, was glotzt du denn so? Mit diesem LĂ€cheln hat sie mich in Sicherheit gewiegt, mich ausgesperrt, wĂ€hrend sie schon lĂ€ngst dabei war, sich davonzustehlen. Ihr LĂ€cheln hat mich ĂŒber das Ausmaß ihrer Verzweifelung hinweggetĂ€uscht, und heute bevölkert es meine AlptrĂ€ume. Ich sehe sie mit diesem LĂ€cheln in den Tod springen. In meinen TrĂ€umen stehe ich mit ihr auf diesem Dach, wenn ich den Arm ausstrecke, kann ich sie fast berĂŒhren. Pat lĂ€chelt ihr LĂ€cheln. Nur hat es dort oben auf dem Dach etwas Wissendes, etwas Zweideutiges; und anstatt vorzutreten und sie festzuhalten, schrecke ich jedes Mal zurĂŒck und lasse sie springen. Immer wieder aufs Neue.

„Ich hĂ€tte eine Arbeit fĂŒr Sie.“
Noch immer rĂŒhrte der Mann seinen Whiskey nicht an. Das Eis löste sich langsam darin auf und verwĂ€sserte ihn. Ich versuchte, mich auf das Gesicht meines GegenĂŒbers zu konzentrieren, doch das beschlagene Glas zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich.
„Wer sagt, dass ich an so etwas interessiert bin?“
„Dann verkauft sich Ihre Malerei inzwischen besser?“
Diese Worte, ausgesprochen wie flĂŒssige Seide, brachen mir beide Beine und das RĂŒckgrat. Nein, ich hatte in den Jahren zwischen Pats Tod und diesem Zusammentreffen nicht ein einziges Bild verkauft. Ich schlug mich mit Gelegenheitsjobs durch und hauste, wo immer ich unterkriechen konnte. Ich war wie ein verendendes Tier, das nicht sterben wollte. Leinwand und Pinsel kannte ich nur noch aus der Erinnerung.
„Worum geht es denn?“
Mein GegenĂŒber beugte sich vor, und die Beleuchtung machte aus seinem hageren Gesicht einen TotenschĂ€del.
„Ich brauche einen Hausmeister.“

Solange Pat lebte, hatte ich das Haus nie betreten, und sie verhielt sich immer schweigsam, was ihre Arbeit anging, da sie wusste, wie sehr mich das Thema quÀlte.
Von meinem neuen Brotherren allein gelassen, sah ich mich neugierig in der Empfangshalle um. Sie war fĂŒr meinen Geschmack ein wenig zu dĂŒster, aber ohne jeden Zweifel kostspielig eingerichtet. Hier lebte kein armer Mann.
Pat hatte nie genau sagen können, welcher Art die Forschung des Doktors waren, und ich muss gestehen, wie ich dort in der Empfangshalle stand und auf ihn wartete, fĂŒhlte ich mich alles andere als wohl in meiner Haut. Wie war der Mann nur auf mich gekommen? Hatte er mich zufĂ€llig gesehen und aus einer Laune heraus eingestellt? Meine neue Lage erfĂŒllte mich mit zwiespĂ€ltigen GefĂŒhlen, doch da ich keine große Wahl hatte, redete ich mir endlich ein, dass dies eine Wendung zum Besseren bedeutete.

In den ersten Wochen verlief jeder Tag nach der gleichen Routine, in die ich mich nur allzu bald einfand. Mein Arbeitgeber hatte sich bei der Beschreibung meiner zukĂŒnftigen TĂ€tigkeit nicht ganz an die Tatsachen gehalten, denn ich diente ihm weniger als Hausmeister, sondern vielmehr als MĂ€dchen fĂŒr alles. Da ich tatsĂ€chlich der einzige Bedienstete des Hauses war, oblag es mir, gleichermaßen fĂŒr Ordnung und fĂŒr das leibliche Wohl meines Herrn zu sorgen. Letzteres machte allerdings nicht besonders viele UmstĂ€nde, da er mit seinen Forschungen stets bis tief in die Nacht hinein beschĂ€ftigt war und sich als sehr genĂŒgsam entpuppte.
Im Laufe weniger Tage hatte ich mich gĂ€nzlich in alles eingefunden und hatte genug Muße, um in dem ausgedehnten Garten herumzustreifen, der zu dem alten Haus gehörte. Zu meiner Erleichterung bestand mein Herr nicht darauf, daß ich mich um den Garten kĂŒmmerte, der auf seine verwilderte Weise recht lieblich war, aber ein Alptraum fĂŒr jeden GĂ€rtner. Nicht, dass ich bei meiner körperlichen Verfassung je in der Lage gewesen wĂ€re, dieser Wildnis Herr zu werden.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich neben den SpaziergĂ€ngen im Garten eine immer grĂ¶ĂŸere Neugierde entwickelte, was die Person meines neuen Herrn betraf. Endlich hatte diese Spannung das Maß des ErtrĂ€glichen erreicht, und ich musste sie mildern, indem ich meiner Neugierde nachgab. Zuerst vorsichtig, dann, als ich unentdeckt blieb, immer verwegener, stöberte ich in den persönlichen Habseligkeiten meines Brotherren.
Ich weiß nicht, ob er mir auf die Schliche kam und meine Energie und Aufmerksamkeit in andere Bahnen lenken wollte, oder ob er meiner Hilfe wirklich bedurfte, jedenfalls befahl er mir, seine handschriftlichen Unterlagen ins Reine zu tippen. Pats Aufgabe, wie ich mich nur zu gut erinnerte.
Da ich aber einiges Talent bei dieser neuen Aufgabe entwickelte, gelang es mir, sie so rasch zu erledigen, dass mir erneut genug Zeit blieb, mich weiter im Haus umzusehen, wĂ€hrend mein Herr sich bis tief in die Nacht hinein in seinem Labor einschloss und seine Forschungen betrieb. NatĂŒrlich fragte ich mich, worin diese bestanden, da die medizinischen Begriffe in seinen Aufzeichnungen mir nichts enthĂŒllten.
Ich sollte es nur allzubald erfahren, wobei meine Neugierde die Dinge noch beschleunigte. Heute frage ich mich, ob er die Sache von Anfang an so geplant hatte, oder nicht. Ich werde es nie erfahren.
Ich stöberte in seinen unzĂ€hligen BĂŒchern, Kisten, Schubladen und SchrĂ€nken, die mir eine Vergangenheit meines Herrn enthĂŒllten, die in krassem Gegensatz zu seinem Einsiedlerleben standen. Um es deutlicher zu sagen: er hortete in seinem Haus Kleinodien aus der ganzen Welt, und darunter befand sich so manches, dessen Sinn und Funktion ich nicht zu erkennen vermochte, so sehr ich auch meine Phantasie anstrengte.
Als ich mit den oberen Stockwerken fertig war, musste folgerichtig als NĂ€chstes der Keller herhalten, um meine Neugierde zu befriedigen.
Zwar standen ĂŒberall im Haus gut gefĂŒllte Karaffen herum, aus denen ich mich auch recht freimĂŒtig bediente, doch dieses Verlangen war in den Schatten meiner neuen Leidenschaft getreten. Allerdings musste ich im Keller gewitzter vorgehen, denn dort befand sich das Laboratorium meines Herrn. Die Gefahr erwischt zu werden, schreckte mich jedoch nicht ab, sondern verlieh meinen StreifzĂŒgen einen zusĂ€tzlichen Reiz.
Ich konnte meine Pflichten nie rasch genug hinter mich bringen, um anschließend die weitrĂ€umigen Kellerfluchten zu untersuchen. Der Keller entpuppte sich als riesig, ein wahres Labyrinth, und je tiefer ich in ihn vordrang, desto verwahrloster wurde er. Endlich kam ich in Gefilde, in denen Schimmel und Moder herrschten und das Wasser von den WĂ€nden rann. Du kannst dir mein Erstaunen, ja Erschrecken vorstellen, als ich hier unten in dieser unerfreulichen Umgebung auf Spuren stieß, die mir enthĂŒllten, dass dieser Teil des Kellers rege genutzt wurde.

Ich konnte mir das nicht erklĂ€ren, und dieser Umstand peitschte meine Neugierde in nie zuvor gekannte Höhen. So musste sich ein Forscher fĂŒhlen, der in unentdecktes Land vorstieß. Ich war vorsichtig und behutsam, doch nie traf ich jemanden in den hinteren Kellerregionen an. Aber BĂŒcher - aufgeschlagen und liegengelassen, Kerzenstummel, abgebrannte Streichhölzer und sogar beschmutzte Teller bewiesen mir, der Doktor und ich waren nicht die einzigen Bewohner des Hauses.
Mein Arbeitgeber konnte diese Spuren nicht hinterlassen haben, denn er schloss sich ja den ganzen Tag ĂŒber in seinem Laboratorium ein, und darĂŒber hinaus hielt er sich stets nur im Eßzimmer und in seinen SchlafrĂ€umen auf. Seine Gewohnheiten waren so regelmĂ€ĂŸig wie vorhersehbar, und doch war ich mir sicher, dass er genau wusste, wer die Fremden waren. Fragen konnte ich ihn jedoch schlecht, ohne mich selber zu verraten. Also tat ich das Naheliegendste und belauerte ihn, allerdings mit zweifelhaftem Ergebnis.
Endlich erkannte ich, was ich zu tun hatte. Die Bibliothek und die SchlafrÀume bargen kein Geheimnis - da war ich mir sicher -, doch das Labor zu betreten war mir streng verboten. Daraus folgerte ich, dass die Antwort auf meine Frage dort liegen musste.

Einen Plan hatte ich rasch gefasst; ich musste den einzigen SchlĂŒssel, den es meines Wissens nach gab, an mich bringen und mich in der Nacht, wenn mein Herr schlief, ins Labor schleichen. So weit, so gut.

Da das Beschaffen des SchlĂŒssels fĂŒrs Erste ein unĂŒberwindbares Hindernis fĂŒr mich darstellte, musste ich mich damit begnĂŒgen, weiterhin den Keller im Auge zu behalten. Dabei stieß ich auf immer neue Beweise fĂŒr die Anwesenheit der Anderen, doch außer mir und meinem Arbeitgeber bekam ich nur die Lieferanten zu Gesicht, die Lebensmittel und alles andere brachten, dessen wir bedurften, und daneben kistenweise Zeug fĂŒr das Labor. Endlich kam ich auf die Idee, die mir einen Vorwand bot, meinen Herrn doch noch auszuhorchen. Dabei ging es um die Lebensmittel, mit denen es allerdings eine besondere Bewandtnis hatte, und ich muss gestehen, ich Ă€rgerte mich ein wenig darĂŒber, auf diesen naheliegenden Umstand nicht schon frĂŒher gekommen zu sein. Aber wie oft ĂŒbersehen wir das Kleine im Großen.

Mein Herr bestellte eine sehr große Menge Lebensmittel, vor allem Fleisch, die wir beide unmöglich allein verspeisen konnten, doch bis zur nĂ€chsten Lieferung waren die VorrĂ€te stets doch erschöpft.
Als ich ihn darauf ansprach, schien mein Arbeitgeber verstimmt, aber er ließ mich wissen, dass er das Fleisch fĂŒr seine Experimente benötigte. Aber dabei war sein Blick solcherart, daß ich so schnell nicht mehr die Lust verspĂŒrte, ihn mit Fragen zu behelligen. So geschah lange Zeit nichts.
Inzwischen jĂ€hrte sich das Datum meiner Einstellung zum ersten Mal, und in gewisser Weise hatte ich inzwischen sogar damit begonnen, mich heimisch zu fĂŒhlen. Noch immer strich ich im Garten und im Keller umher, so oft meine Aufgaben dies zuließen, und noch immer ahnte ich nichts von der wahren Natur der Studien meines Herrn.

Dann endlich kam die entscheidene Wendung: Sei es aus Unachtsamkeit oder absichtlich - mein Herr ließ den SchlĂŒssel zu seinem Labor in der Bibliothek liegen, wo ich ihn fand. Er war inzwischen zu Bett gegangen, und ich nahm mir nur die Zeit, um mich zu vergewissern, dass er auch wirklich schlief, dann stand ich auch schon vor der LabortĂŒr.
Mit zitternden HĂ€nden steckte ich den SchlĂŒssel ins Schloss und drehte ihn herum. Die TĂŒr schwang auf, dahinter erwartete mich SchwĂ€rze und kalte Luft, die medizinisch und vage faulig roch, schlug mir entgegen.
Ich hatte vorsorglich einen Kerzenleuchter mitgebracht, und so trat ich mit klopfendem Herzen in das verbotene Zimmer.
Im flackernden Licht der Kerzen erkannte ich eine gemauerte Liege im Zentrum des Raumes, deren porzellanener Aufsatz den Konturen eines Menschen nachgeformt und von einer handbreiten Abflußrinne umgeben war. Große, deckenhohe SchrĂ€nke aus schwarzem Holz sĂ€umten die WĂ€nde, und auf einem Tisch neben der Liege lagen unzĂ€hlige Zangen, SĂ€gen und Messer jeder GrĂ¶ĂŸe und Form. Ein hohes Regal neben der TĂŒr war vollgestellt mit unzĂ€hligen bauchigen Flaschen, deren Inhalt in trĂŒben FlĂŒssigkeiten schwamm und zu meiner Erleichterung bei dem schwachen Licht mehr zu erahnen, als zu erkennen war, glaubte ich doch, einen ganzen Kopf in einer besonder großen Flasche schwimmen zu sehen.
Ein Luftzug brachte die dĂŒnnen FlĂ€mmchen meiner Kerzen zum Flackern und erregte meine Aufmerksamkeit. Ich konnte einen der schwarzen SchrĂ€nke als Quelle des Luftzugs ausmachen, und obschon mir zu diesem Zeitpunkt bereits dĂ€mmerte, dass ich mich besser davonmachen sollte, trieb mich meine unselige Neugierde weiter vorwĂ€rts. Vielleicht erkannte ich auch nur die Vorzeichen drohenden Untergangs und hieß sie willkommen. Ich fand nach einigem Ausprobieren heraus, dass es sich bei diesem Schrank um eine GeheimtĂŒr handelte, und kurze Zeit spĂ€ter hatte ich den nur oberflĂ€chlich versteckten Mechanismus entdecht, und der Schrank glitt nach hinten und gab einen Gang frei.
Ich glaubte bereits zu wissen, wohin der Gang mich fĂŒhrte, und als ich ihm beherzt folgte, sah ich meine Vermutung bestĂ€tigt. Ich fand mich im verfallenen Kellerbereich wieder, den ich in den letzten Monaten so eifrig besucht hattte, doch mein neuentdeckter Geheimgang fĂŒhrte mich noch tiefer in mir bisher unbekannte Regionen des Kellerlabyrinthes. Es roch nach Erde und Schimmel, und je weiter ich dem Gang folgte, desto stĂ€rker wurde der Gestank der Verwesung, und ein Teil von mir schrie danach, umzukehren. Doch ich ging weiter, und endlich gelangte ich in einen Raum, der durch einige KerzenstĂ€nder spĂ€rlich erleuchtet war. Ich erkannte etwa ein halbes Dutzend mannshohe KĂ€fige, die zu meinem Schrecken nicht leer waren. Ihre Bewohner lagen oder standen darin, doch standen die KĂ€fige im hinteren Teil des Raumes an der Wand aufgereiht, so dass ich ihre Insassen nicht genau sehen konnte. Im vorderen Teil des Raumes waren BettstĂ€tten, bestehend aus Stroh und schmutzigen Decken, auf dem Boden verteilt, ihrer ungefĂ€hr ein Dutzend. Auf vielen der BettstĂ€tten hockten Gestalten, die selbst im Schein der Kerzen einen erbĂ€rmlichen Eindruck machten, so dass in meiner Brust Mitleid und Entsetzen miteinander rangen. Die Körper der Gestalten, so sie denn vollstĂ€ndig waren, befanden sich in unterschiedlichen Stadien des Verfalls, so dass ich kaum geglaubt hĂ€tte, es mit Lebenden zu tun zu haben, hĂ€tten sich nicht einige von ihnen bewegt.
Inzwischen war der Gestank mir fast unertrÀglich geworden; ich denke, man riecht ihn sonst nur in den Abfalltonnen eines Schlachthauses. Ich hob meine Hand an den Mund, um nicht zu schreien. Und ich hatte geglaubt zu wissen, was Schrecken ist!
„Oh, ich sehe, Sie haben meine Lieblinge entdeckt“, hörte ich die Stimme meines Herrn hinter mir. Er hörte sich nicht im mindesten aufgebracht an, doch das verstĂ€rkte meinen Eindruck von Gefahr.
„Ich wollte die Kranken nicht stören“, versicherte ich.
Zur Antwort lachte mein Arbeitgeber leise. „Krank“, erneut lachte er, „sie sind allerdings krank, meine Lieblinge. Sie leiden an der Ă€ltesten Krankheit, die die Menschheit plagt. Aber bald werde ich diese Krankheit ĂŒberwunden haben. Dann werden sich die Toten wieder erheben, ganz frei von den Gebrechen, die meine armen Lieblinge hier plagen.“
„Tot?“ echote ich und spĂŒrte, wie meine Beine weich wurden. Dabei sollte dies noch nicht die entsetzlichste EnthĂŒllung dieser Nacht werden.
Mein Herr sah mich aus seinen schwarzen Augen an. Er wirkte nicht im mindesten erregt oder anders als normal.
Aber vielleicht war ich es, der hier den Verstand verlor. „Wie viele große Geister hat uns der Tod genommen, wie viele große Werke hat er vor ihrer Beendigung abgeschnitten? Ich mache dem Tod sein Recht streitig. Durch meine Arbeit wird der Schnitter seinen Schrecken verlieren.“
Er machte eine Pause, vielleicht um Atem zu holen oder um mir Gelegenheit zum Sprechen zu geben. Aber was hÀtte ich sagen sollen?
Als mein Schweigen ihm zu lange dauerte, runzelte mein Herr verÀrgert die Stirn.
„NatĂŒrlich wird dieses Geschenk nur den großen Geistern zuteil“, versicherte er. „Warum auch sollten wir die Zukunft mit Versagern Ihrer Art fĂŒllen? Nicht jedes Leben ist es wert, bis in alle Ewigkeit fortgelebt zu werden.“
„Sie Ungeheuer“, stieß ich hervor. „Sie sind vollkommen wahnsinnig!“
„Das hat Ihre Frau damals auch gesagt. Wie Sie konnte sie ihre Neugier nicht bezĂ€hmen, und so musste ich mich ihrer annehmen.“
„Meine Frau ist von Ihrem Dach gesprungen“, widersprach ich, doch mein Arbeitgeber beachtete meinen Einwurf ĂŒberhaupt nicht.
„Das arme Kind sah schlimm aus, aber ich habe sie wieder hinbekommen. Sehen sie selbst.“ Er streckte den Arm aus. “Pat!“ rief er, wie er ein KĂ€tzchen rufen wĂŒrde, und mit einem leisen Stöhnen erhob sich eine der Kreaturen auf den Lagern und kam mit unsicheren Schritten auf uns zu. Als sie in den Schein meiner Kerzen trat, stierte ich sie an, unfĂ€hig, auch nur ein Wort zu sagen. Ihr Haar war kurz geschoren, der Kopf seltsam verformt, und der Blick der grĂŒnen Augen hatte sein Leuchten verloren, doch war dies trotzdem und ohne jeden Zweifel meine Pat. Nein, nicht mehr meine, denn wie ein gehorsames Tierchen trat sie an seine Seite und sah mich nicht einmal an. Das Ă€nderte sich, als mein Herr auf mich zeigte und mit noch immer ruhiger Stimme zu uns beiden sprach.
„Pat hier wird Sie töten.“
Sonst bat er mich in diesem Ton um eine zweite Tasse Tee.
„Sie hĂ€tten nicht hier herumschnĂŒffeln dĂŒrfen.“
„Ich werde niemandem etwas sagen“, versicherte ich.
Mein Herr schĂŒttelte den Kopf. „Sie werden hier bei den anderen leben“, versprach er. „Ich werde Sie zurĂŒckholen, und Sie werden mit ihrer Pat vereint sein.“
„Nein.“ Ich wich zurĂŒck und erreichte die TĂŒr, ohne dass mein Herr Anstalten machte, mich aufzuhalten.
„Niemand wird Ihnen glauben“, sagte er, „und Pat ist sehr ausdauernd. Allein Licht kann sie nicht ertragen, aber ansonsten können sie weder KĂ€lte noch MĂŒdigkeit aufhalten. Sie wird Sie finden, also ersparen sie sich Ihre jĂ€mmerliche Flucht und geben Sie auf.“
Ich rannte los.
„Wo immer Schatten ist, wird auch Pat sein!“, schrie mein Arbeitgeber hinter mir her, doch ich blieb nicht stehen und rannte, solange ich konnte.

Seit diesem Tag bin ich auf der Flucht. Wie mein Herr gesagt hat, ist Pat sehr ausdauernd; manchmal sehe ich sie wochenlang nicht, doch am Ende ist sie immer wieder da. Du glaubst mir nicht, hĂ€ltst mich fĂŒr einen VerrĂŒckten. Nur zu, sieh dort drĂŒben - dort steht Pat. Sie hört uns schon seit einer ganzen Weile zu, aber du - du solltest jetzt machen, dass du fortkommst. Ich bin mĂŒde; ich lösche das Feuer.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 21665 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.