Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2005
Systemabsturz
von Lutz Schafstädt

„Ich will mich abmelden.“ Leo sprach laut. Er stand am Empfangstresen, halb dem voll besetzten Wartebereich hinter sich zugewandt, den Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt. „Am Montag beginnt mein neuer Job.“ Er kostete jedes Wort aus. Sein Blick strich über die Gesichter der Wartenden. Wie hatte er diesen Moment herbeigesehnt. Fast ein Jahr lang saß er immer wieder selbst auf den abgewetzten Metallstühlen, um dann zum Arbeitsberater zu trotten und sich seine Portion Hoffnungslosigkeit abzuholen. Damit war jetzt endlich Schluss. Er hatte einen Arbeitgeber gefunden, und zwar ganz allein.

„Jetzt starten wir richtig durch“, sagte Leo beim Abendessen zu seiner Frau.
“Nicht übermütig werden“, erwiderte Tina. „Du weißt noch nicht, wie es in der Firma läuft.“
“Schwarzmalerin“, lachte Leo. „Die können ja nicht alle gleich Konkurs gehen, wenn ich komme. Von meinem ersten Gehalt kauf ich dir Opernkarten und im Sommer machen wir einen richtigen Urlaub am Meer, was Flori?“ Er wuschelte seinem Sohn durchs Haar.

Leo wurde in das Büro des Geschäftsführers gebeten. „Zum Begrüßungsritual“, meinte die Sekretärin und schon saß er seinem neuen Chef gegenüber. Noch einmal hörte Leo sich an, was er schon im Einstellungsgespräch erfahren hatte: Er würde als Programmierer an einer Datenbanklösung mitarbeiten. Später sollte sich daraus ein Produkt entwickeln, voll innovativer Power, mit riesigen Marktchancen, ein Selbstläufer für Wachstum, Sicherheit, Erfolg …
„Wir haben Sie für unser wichtigstes Projekt geholt und setzen große Erwartungen in Sie. Nutzen Sie Ihre Chance. Unser Team ist eine große Familie, die Sie unterstützen wird. Wir schauen hier nicht auf die Uhr, sondern auf die gemeinsamen Ziele.“ Der Geschäftsführer begleitete Leo zur Tür.
„Peter, ich meine Herr Helwig, wird Ihnen nun Ihren Arbeitsplatz zeigen. Auf gute Zusammenarbeit.“
Peter wartete bereits im Flur. Er führte Leo in ein Großraumbüro, stellte ihn den Kollegen vor und wies ihm einen Schreibtisch zu. Für den ersten Arbeitstag lag ein Stapel Papiere bereit. „Lies dich ein und notier deine Fragen. Alles Weitere besprechen wir später.“

Wochen später plauderten Leo und Peter in der Teeküche miteinander.
„Eines noch“, sagte Peter und vergewisserte sich, dass sie ungestört waren. „Du bist ein prima Kollege, aber mach dir keine Hoffnungen, dass der Chef dich behält. Wenn das Projekt ausläuft, wirst du im Regen stehen.“
Er machte einen Schritt auf Leo zu.
“Glaub mir, das habe ich schon einige Male erlebt. Wenn die Kapazitäten eng werden, wird einfach durchgerechnet was günstiger ist – ein freier Mitarbeiter oder eine Einstellung für ein paar Monate bei dürftigem Gehalt. Diesmal warst du die billigste Lösung. Und damit das Hamsterrad richtig Schwung bekommt, hält man dir die Festanstellung als Köder vor die Nase.“
Leo erwiderte nichts. Er drehte sich um und ging mit hängenden Schultern an seinen Arbeitsplatz zurück.

Mit zusammengepressten Lippen hörte Tina Leo zu.
“Hinterhältig ist er. Will mich verunsichern. Herausdrängen. Ich bin eine Bedrohung für ihn.“
“Und was, wenn er Recht hat?“
Leos Kopf lief rot an. Die Adern an Hals und Schläfen quollen hervor. „Ich – ich bin verdammt gut, verstehst du. Peter weiß das. Ich spinne Stroh zu Gold für die. Meine Idee für die Schnittstellen war genial. Nie hätte er das hinbekommen. Ich sag dir, wer Angst haben muss, auf die Streichliste zu rutschen!“
“Du wurdest als letzter eingestellt und kennst die Spielregeln. Halte einfach die Augen offen.“
“Nein, das lass ich mir nicht gefallen.“

Am Sonntag präsentierte Leo Tina seinen Plan. „Ich habe nachgedacht“, begann er. „Es ist völlig gleich, was Peter orakelt. Ich muss einfach nur unentbehrlich sein. Das organisiere ich. Behalte ich meinen Job, liefere ich gute Arbeit. Feuern die mich, nehme ich meine Ideen mit. Und Schluss.“
“Das ist kein Plan, sondern kompletter Schwachsinn.“
“Da Vinci. Das ist da Vinci. Der hat in den Entwürfen für seine Konstruktionen oft Details ausgespart oder Fehler eingebaut, die nur er kannte. Als Vorkehrung, falls ihn jemand übers Ohr hauen sollte. Mit ihm konnte alles laufen wie geschmiert, ohne ihn ging gar nichts.“
“Du bist verrückt“, versuchte Tina das euphorische Leuchten aus seinem Blick zu vertreiben.
“Ich habe an alles gedacht und werde vorsichtig sein. Ein paar Zeilen Programmcode nur, eine niedliche kleine Funktion, mehr brauche ich nicht. Hab ich meinen Job, drehen sich alle Räder. Flieg ich raus – na rate mal?“
“Es wird doch sofort klar sein, wo sie den Schuldigen suchen müssen.“
“Es haben so viele Leute an dem Projekt mitgearbeitet. Natürlich wird es keine Fehlermeldung geben. Keinen Hinweis auf meine Zauberformel. Wenn die Software ohne mich installiert werden soll, wird das System abstürzen. Die werden sich in den Quelltexten tot suchen, dafür garantiere ich.“
Tina schüttelte den Kopf und nahm Leo in den Arm. „Lass den Quatsch.“

Vor wenigen Tagen war das Projekt an den Kunden übergeben worden. Leo arbeitete an der Dokumentation. Als das Telefon klingelte und er zum Geschäftsführer gerufen wurde, war er vorbereitet. Seine Finger klapperten über die Tastatur. Änderungen speichern. Schließen, Herunterfahren. Leo machte sich auf den Weg.
Sein Chef empfing ihn freundlich, lobte seine Fähigkeiten, dankte für seinen Einsatz, erwähnte den zufriedenen Kunden und begann, über die schlechte Auftragslage zu lamentieren. Alles täte ihm schrecklich Leid. Er hasse es, solche Entscheidungen treffen zu müssen, würde ihm ein fabelhaftes Empfehlungsschreiben ausstellen ...
Leo hörte nicht mehr zu, achtete nur noch auf das dumpfe Gefühl in seinem Kopf.
Vor der Tür wartete die Sekretärin. Sie übergab ihm seine persönlichen Dinge. Er war mit sofortiger Wirkung freigestellt. An seinen Arbeitsplatz durfte er nicht mehr. Aus Sicherheitsgründen.

“Sie brauchen mich“, sagte Leo. „Bei der nächsten Installation wird es Probleme geben. Sie werden fragen: Wer kennt sich damit aus? Und ich kann ihnen aus der Patsche helfen. Natürlich erst, nachdem ich ein wenig geschmollt habe. Für das alte Gehalt rühre ich keinen Finger.“
Tina schüttelte den Kopf. „Traumtänzer. Du hast ihre Software sabotiert und erwartest Lobeshymnen, wenn sie dir auf die Schliche kommen. Was machst du, wenn plötzlich die Polizei vor der Tür steht?“
“Die können mir nichts nachweisen. Aber sie wissen, dass ich verdammt gut bin.“
“Drück besser die Daumen, dass sie ohne dich klar kommen.“
„Wie kannst du so etwas sagen?“ Leo legte seine Hände auf ihre Schultern. „Was soll denn aus uns werden? Mich nimmt doch keiner, wenn in der Bewerbung steht, dass mein letzter Job gerade mal für die Probezeit gehalten hat. Glaub mir, die rufen mich an. Die müssen einfach.“

Leo bereitete seinen Wiedereinstieg in die Firma vor. Stunde um Stunde saß er vor seinem Computer und arbeitete an einem Programm, mit dem er die Fehlersuche inszenieren wollte. Schließlich durften seine Manipulationen nicht auffliegen. Er malte sich aus, wie alle ihm auf die Finger schauen würden, wie er seine glänzende Lösung erläutern, den Chef beeindrucken würde. Sie werden sich bei mir entschuldigen, war sich Leo sicher, für das dumme Versehen meiner Kündigung.
Hin und wieder blickte zum Telefon. Der ersehnte Anruf blieb aus.

Leo hatte alle Vorbereitungen abgeschlossen, als sein ehemaliger Arbeitgeber im Internet ein neues Produkt präsentierte. Er rief Tina zu sich.
“Jetzt kann es nicht mehr lange dauern. Das ist die Software, zu der nur ich den Schlüssel habe. Sobald sie einer kauft, gehe ich wieder arbeiten.“
Tina verzichtete darauf, ihm zu widersprechen.

Die Tage vergingen.
“Das verstehe ich nicht“, sagte Leo. „Finden die keinen Kunden?“
“Vielleicht stürzt es gar nicht ab, dein Programm“, meinte Tina, die in einer Zeitschrift blätterte, beiläufig.
Leo sprang auf, besann sich aber sofort. „Kennst du jemanden in deiner Firma, der Info-Material der Software anfordern könnte? Ich muss herausfinden, was da nicht stimmt. Hilfst du mir?“
Tina zögerte mit ihrer Antwort. „Gut, ich regele das“, sagte sie schließlich. „Aber dann beginnst du endlich, dich wieder zu bewerben.“
Leo versprach es.

„Es wird keinen Systemabsturz geben“, sagte Leo. „Außer für mich.“ Er atmete tief ein und suchte nach Worten. „Sie haben das Programm umgebaut. Nutzen eine andere Plattform. Komplett andere Technologie. Meine Ideen, die sind überholt, verrotten in einer Ecke. Es ist vorbei. Richtig vorbei. Niemand braucht mich. Was soll ich nur tun?“
Tina sah die Furcht in seinem Gesicht und spürte ihre eigene Angst in sich brodeln. Vor Minuten hatte sie den Umschlag mit den Formulare aus dem Briefkasten genommen. Leos Arbeitslosenzeit ging zu Ende. Es war unwahrscheinlich, dass er weiterhin Geld erhielt. Sie beschloss, erst später mit ihm darüber zu reden.
“Leg das Thema zu den Akten, Leo“, sagte sie. „Wenn einer deine Ideen nicht braucht, müssen sie doch noch lange nicht schlecht sein. Biete sie einfach woanders an. Du hast so viel davon in deinem Computer. Dein da Vinci hat doch auch nichts anderes gemacht. Der hat keine Bewerbungen geschrieben, sondern seine Pläne und Lösungen angeboten. Vielleicht fällt sogar ein Job dabei ab.“
Leo schaute verdutzt.
“Ja, ich hab es nachgelesen“, erklärte Tina. „Versuch es wie da Vinci. Von mir aus kannst du sogar kleine Fehler einbauen, damit dir niemand deine Ideen streitig macht.“

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