Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2005
Eigeninitiative
von Birgit Erwin

„Dann erteile ich unserer geschätzten Kollegin aus Amerika das Wort …“
„Danke.“ Die verhutzelte kleine Frau erhob sich mühsam und blickte herausfordernd in die Runde, ehe sie ihren bemerkenswert zahnlosen Mund, der den Karikaturisten seit Jahren Anlass zur Freude gab, öffnete. „Geschätzte Damen und Herren, werte Kollegen, das generelle Problem der Überalterung hat für uns alle verheerende Auswirkungen, doch ich denke, ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass niemand so dramatisch betroffen ist wie wir Zahnfeen. Wir, deren Aufgabe darin besteht, die Milchzähne der Kinder zu sammeln und ihnen Münzen unter die Kopfkissen zu legen, werden durch die sinkenden Geburtenraten zunehmend in unserer beruflichen Existenz gefährdet. Und darum möchte ich den Hohen Rat ernstlich und in aller Dringlichkeit ersuchen mit geeigneten Maßnahmen …“
„Ich kann das verlogene Gerede nicht mehr hören!“
Die Live-Übertragung des zweiten Feenkonzils flackerte und erlosch, als der lange, dünne Zeigefinger der jungen Zahnfee die Fernbedienung betätigte. Der kleine Fernsehbildschirm, von dessen Existenz weder Dr. med. Heinrichs noch seine Patienten eine Ahnung hatten, verschwand lautlos in der Armlehne des Behandlungsstuhls. Die junge Fee sprang auf und funkelte ihre Gefährten an. „Ihr seht es selber: Wenn wir abwarten, bis die da oben etwas ändern, sitzen wir bald alle auf der Straße! Oder seht ihr das anders?
Die fünf Gestalten scharrten mit den Füßen und schüttelten den Kopf.
„Seht ihr? Wir wissen, dass die Zeiten hart sind, aber ich verspreche euch, wenn dieser Plan Erfolg hat, können wir dem obersten Rat ein bahnbrechend neues Konzept vorlegen, das unsere Existenz für Jahrzehnte sichern wird.“
„Ja, aber Zenobia …“
Die junge Zahnfee kniff die Augen zusammen und warf der Sprecherin einen scharfen Blick zu.
„Wie war das?“
„Äh … Z1 wollte ich sagen“, verbesserte sich die Sprecherin hastig. „Trotzdem, was wir hier tun steht nicht in den Richtlinien!“
„Beim Über-übernatürlichen Wesen, wir sind Zahnfeen, wir müssen Zähne sammeln. Das steht in den Richtlinien, und nichts, was ich vorschlage, widerspricht dem. Haben wir uns verstanden, Z3?“
„Ja, klar.“
„Gut!“ Mit einem heftigen Ruck zog die junge Fee die schwarze Kapuze über die spitzen Ohren. „Wer mit mir ist, soll jetzt die Hand heben. Das betrifft auch dich, Z4. Alle? Gut! Dann nehmt eure Sachen und auf geht’s.“
Mit diesen Worten warf sie den silbergrauen Beutel über die Schulter und fügte ihrer eigenen Ausrüstung einen zweiten Zahnarztspiegel und einen metallisch schimmernden Haken hinzu. Sie kam sich verwegen vor.
Und nur ein bisschen lächerlich.

Lautlos glitt der Stoßtrupp Eckzahn durch die nächtliche Stadt. Die sechs Gestalten duckten sich in den Schatten der Häuser, wenn sie an anderen Übernatürliche vorbeikamen. Fragen konnten sie in dieser Nacht nicht gebrauchen, nicht hier, nicht in dieser Aufmachung. Z1 betrachtete mit Verachtung die mageren Beutelchen, in denen die regulären Einsatzkommandos ihre spärliche Ausbeute davontrugen. Sie konnte die länger werdenden Schlangen vor den Schaltern des Zahnrates vor sich sehen, während sich hoch qualifizierte Zahnfeen um die wenigen freien Aufträge stritten. Und sie dachte an ihre Eltern, die mit besorgten Gesichtern von Auftragsmangel und Arbeitslosigkeit sprachen, wenn sie dachten, dass ihre Tochter es nicht hörte. Sie würden stolz auf sie sein. Hoffte Z1. Die junge Zahnfee unterdrückte einen Seufzer und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine dunkle Hausfront.
„Okay, hier sind wir richtig!", zischte sie. „Formation!“
Gleichzeitig breitete sie ihre libellenartigen Flügel auseinander und schwirrte auf das Sims. Eine nach der anderen schlüpften sie durch das gekippte Fenster.
„Helft mir doch mal!“
„Sei doch leise, Z5!“, fauchte Z1 das jüngste Mitglied ihrer Geheimorganisation an. Die zierliche kleine Fee versuchte mit aller Kraft, eine schwere Zange durch die Öffnung zu zerren. „Was willst du überhaupt mit diesem Monsterinstrument?“
„Du hast gesagt, wir sollten auf alles vorbereitet sein!“, zischte die junge Fee trotzig. Z1 bedeckte kurz das Gesicht mit den Händen und schüttelte den Kopf.
„Egal. Ist ja nichts passiert. Aber seid wenigstens jetzt leise, ja? Mist, ist das dunkel!“
Die meisten Kinder schliefen bei Licht oder wenigstens im bunten Schimmer irgendeines albernen häschenförmigen Nachtlichts. Z1 fluchte und tastete sich tiefer in das Zimmer. Vorsichtig schwirrte sie zum Nachttisch und knipste das Licht an. Die Gestalt im Bett bewegte sich unruhig. Z1 musterte das faltige Gesicht mit angehaltenem Atem.
„Ausschwärmen!“, hauchte sie, als ihr Herzschlag sich wieder beruhigt hatte, und huschte in das winzige Badezimmer. Mit gerümpfter Nase sog sie den Geruch nach Antiseptika und Alter ein. Es würde nicht leicht sein, die anderen davon zu überzeugen, dass hier ihre Zukunft lag.
In den Altersheimen.
Mit spitzen Fingern fischte sie das Gebiss aus dem Glas, tupfte es behutsam ab und ließ es in ihren Beutel fallen. Dann dachte sie an die Richtlinien, und ein Grinsen huschte über ihr Gesicht.
Um den Verdacht auf Zahnraub von vorneherein auszuschließen, hat die Zahnfee die Münzen an dem Ort zu hinterlassen, von dem sie den Zahn entfernt hat.
Mit leisem Klimpern ließ sie eine Hand voll Münzen in das Glas fallen, ehe sie aus dem Zimmer schlich.

Eine halbe Stunde später traf sich der Stoßtrupp Eckzahn wieder im Hauptquartier der Zahnarztpraxis. Hier hatte Z1 schon als kleine Fee gespielt; die Bilder an den Wänden, die Gerüche waren einfach unwiderstehlich. Mit einem Hauch von Trauer dachte sie an die unbeschwerten Tage.
„Wo ist Z5?“, fragte sie, während sie den Fernseher wieder versenkte. Die Oberste Zahnfee hatte ihre Ansprache eben beendet, und auf das Gejammer des Einhorns, das den Sittenverfall der jungen Mädchen beklagte, konnte sie wirklich verzichten.
„Da kommt sie. Das ist die Parole!“
„Zahnsteiiin!“
„Ja, die von gestern“, murmelte Z1 trocken und sah zu, wie die anderen das Fenster aufrissen, ehe die winzige Zahnfee gegen das Glas prallte. Sie hielt ihren silbergrauen Beutel schützend gegen die Brust gepresst und strahlte über das ganze Gesicht, während sie sich mit Hilfe der schweren Zange auf die Füße kämpfte.
„Zenobia, ich …“
„Später!“, unterbrach Z1. „Hier geht es um unsere Zukunft. Unsere berufliche Bestimmung! Ausleeren!“
Fünf Gebisse kullerten auf den Tisch und grinsten.
„Alle!“, sagte Z1, ohne Z5 einen Blick zu gönnen. Ihr Blick haftete missbilligend an dem dünnen Beutelchen. Z5 löste den Knoten und griff langsam hinein.
Pling …
Die grünen Augen der jüngsten Zahnfee strahlten mit dem Goldzahn um die Wette. Aus Zenobias Kehle drang ein leises, krächzendes Geräusch, als sie in die bewundernden Gesichter ihrer Gefolgsleute blickte. Sie streckte die Hand aus und berührte scheu die eingetrockneten Flecken an der Zahnwurzel.
„Aber das habe ich nie … als ich Eigeninitiative sagte, meinte ich … du hast doch nicht …“
„Keine Panik!“, lachte Z5. „Ich habe der alten Dame die Münze direkt in den Mund gelegt. Wie du gesagt hast. Streng nach Vorschrift.“

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