Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Juni 2005
Einfach nix gemerkt
von Marlene Geselle

1. Juni 2005

Heute bei Familie Fritz gewesen. Wollte mir vom Konstantin ne Visitenkarte geben lassen. Wenn man schon einen von ner guten Versicherung in der Nachbarschaft wohnen hat. Ins einzige Fettnäpfchen weit und breit reingetreten.
Habe echt nichts mitgekriegt. Dabei hat die Postlersche jede Menge Kram für den Konstantin bei uns abgegeben, wenn deren wiziger Briefkasten das Zeug nicht mehr packte. Mir hätte doch eigentlich auffallen müssen, dass das fast immer dicke Umschläge waren – so, wie zurückgeschickte Bewerbungsunterlagen halt aussehen. Das ganze Zeug von der Hochschule, im Quartal danach! Scheint was dran zu sein an dem Spruch, dass der Mensch nur sieht, was er sehen will.
Dann hat mir die Mutter die Story erzählt, die da gelaufen ist. Und warum der Konstantin gestern mit dem Sechserpack Gläsern und dem Wein nach Hause gekommen ist. Stand alles noch im Flur.
Versucht sie zu trösten und zu sagen, dass der Studienplatz sogar eine Karrieremöglichkeit ist. Was anderes als nur alt werden bei der Wittlichhausen GmbH oder ewig hoffen auf einen vernünftigen Job. Hat sich gefreut, dass ich sie trösten wollte.
Haben beide ein bisschen gegrinst, als von der Alicia die Rede war und von dem Zwerg. Mehr nicht, einfach noch zu bitter die ganze Geschichte.
An den Martin denken müssen. Der hat seine Kündigung im Emailkasten gefunden. Eine ausgedruckte Kopie von der Mail und die Papiere gingen dann per Einschreiben nach Hause. Frag mich bloß keiner, was da der kleinere Mist ist.

Hinsetzen, die Gedanken wuseln lassen, sich ein Bild von all dem machen ...


Es war immer stiller geworden im Raum während der letzten halben Stunde. Peter, Steffen und Sylvia waren mit irgendwelchen Papieren fortgegangen und nicht wieder zurück gekommen. Der Chef hockte schon seit einer Stunde in irgendeiner Konferenz.
Konstantins Schreibtisch war längst aufgeräumt. Er musste nur noch Persönliches in die Klappbox packen.
„Na, denn eben nicht“, murmelte er leise, zog aus seinem Schrank die zwei Weinflaschen heraus, den Sechserpack Gläser. Der kleine Umtrunk zum Abschied fiel also aus. „Ist ehrlicher so.“
Vor einem Jahr war durchgesickert, dass von den Vieren, die seinerzeit als Azubis eingestellt worden sind, nur drei übernommen würden. Peter und Sylvia stammten aus der gleichen Kleinstadt, Mitglieder im gleichen Sportverein. Erste Allianz. Damit ging das Mobben gegen ihn und Steffen los: Kaffee ausschütten über eilige Papiere, nicht Weitergeben von wichtigen Infos oder Anweisungen.
Ihr direkter Vorgesetzter beobachtete von seinem Schreibtisch am anderen Zimmerende jeden Einzelnen wie ein Verhaltensforscher seine Kaninchen: sagte nichts, tat nichts, merkte sich alles, machte manchmal sogar Notizen. Hatte seinen Spaß daran, die Vier die Sache unter sich austragen zu lassen.
Vor einem Vierteljahr dann das Betriebsfest. Ein bestens gelaunter Steffen, ein stellvertretender Leiter Personalwesen mit einer rassigen Brünetten am Arm – Steffens großer Schwester ...
Punkt 17.00 Uhr. Leise machte Konstantin die Türe auf, guckte um die Ecke. Alicia Krawinkel rannte ihn fast über den Haufen. Die Schönste, die Blondeste, die Erfolgreichste, aller Männer Traumfrau hier im Haus. Während der letzten drei Jahre hatten sie keine zehn privaten Worte miteinander gewechselt.
„Konstantin“, kam es leicht kurzatmig von ihren Lippen: „Schön, dass ich dich doch noch zu sehen krieg. Hier, für dich. Du magst ihn ja. – Als Andenken.“
Wie vom Donner gerührt, starrte er sie an. Vor Verlegenheit brachte er kein Wort heraus, nicht mal ein Stottern. Beide guckten auf die kleine Figur, die nun in Konstantins Armen lag wie ein Baby: ein Gartenzwerg am PC, wunderschönes Sammlerstück; nicht aus Keramik oder Plastik, sondern aus Biskuitporzellan. Es war der Zwerg, der bis vor wenigen Minuten noch auf ihrem Schreibtisch gestanden hatte.
Als er sich vor einem Jahr nach dem Teil erkundigte, um einmal ins Gespräch mit ihr zu kommen, hatte sie nur mit den Schultern gezuckt und ihn kurz und knapp abgefertigt. Und jetzt, hier und heute, schenkte sie ihm einfach ihren Schreibtischzwerg!
Er wollte sich noch bedanken bei ihr, sie fragen, ob sie nicht Lust hätte auf eine Pizza in der Frühstücksbar gegenüber. Aber da war sie schon fort wie eine Geistererscheinung.
Alleine auf dem Flur legte er den Gartenzwerg vorsichtig in die Klappbox, schüttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. „Das glaubt mir kein Mensch: Ein Geschenk von Alicia Krawinkel!“

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