Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Juni 2005
Wie ich dich beneide
von Linde Felber

Lena erwachte aus einem tiefen Traum. Sie rieb sich die Augen. Das Zimmer war hell, eine Vorahnung von Sommer lag in der Luft. Ein gutes Zeichen für einen Morgen! Sie gähnte, streckte ihre Arme voll Tatendrang in die Höhe, als sie heftig erschrak. Sie sah Arme, die denen ihrer Schwiegermutter zum Verwechseln ähnelten. Das ist die Beleuchtung, schoss es ihr durch den Kopf. Sie schloss die Augen, atmete tief durch. Dann wagte sie erneut einen Blick. Ein unerträglicher Anblick! Die unzähligen Falten deprimierten Lena zutiefst. Dabei hatte sie doch bis gestern eine glatte Haut gehabt? Sie verkroch sich unter die Decke und beschloss, nicht aufzustehen.

Eine ganze Weile später wurde sie vom Telefon geweckt. Sie musste eingenickt sein. Dass es schon länger geläutet hatte, erkannte sie an seiner Stimme.
„Was ist los? Warum hebst du nicht ab?“
„Hallo, Schatz“, stotterte Lena, „ich hab verschlafen …“ Sie schaute auf die Uhr. Oh Gott, schon Zehn. Ich muss zum Arbeitsamt.
„Stefan, ich muss mich beeilen, bin heute beim Arbeitsamt bestellt.“ Sie wollte schon auflegen, da fiel ihr zum Glück noch ein: „Übrigens, warum rufst du an?“

“Vergiss es“, sein Ton klang gereizt. „Ich möchte dich nicht noch mehr stressen, hast ja ohnehin so viel zu tun. Jeden Monat einmal zum Arbeitsamt, da kannst du dir andere Termine, wie beispielsweise meine Lieblingshose von der Reinigung holen, nicht auch noch merken.“
Lena wollte etwas sagen, doch das Besetztzeichen drang an ihr Ohr.

Die nette Dame beim Arbeitsamt stempelte das übliche Formular in Lenas Akte und das war’s dann auch schon. Auf die Idee, dass Lena vielleicht gerne noch arbeiten würde, kam sie nicht, und Lena traute sich nicht zu fragen. Hatte Stefan doch neulich, als sie das Thema zur Sprache gebracht hat, gemeint: „Sei doch nicht blöd, kein normaler Mensch jammert, wenn er Geld fürs Nichtstun bekommt. Und solange sie dir das Geld auszahlen …? Ich würde sofort mit dir tauschen.“
„In einem Monat sehen wir uns wieder Frau Ammer.“
Lena schreckte aus ihren Gedanken. Ja, jeden Monat einmal, bis das Jahr um war, dann würde für ein weiteres Jahr der Sozialplan ihres Arbeitgebers folgen und dann war Lena fünfundfünfzig, und konnte das Ansuchen für die Pension stellen. Allen weiblichen Angestellten der Firma war das gleiche passiert und allen männlichen auch. Doch die durften drei Jahre länger arbeiten. „Durften?“, Stefan war fast ausgeflippt: „mussten! Weißt du, wie ich dich beneide? Während ich vor Stress nicht aus und ein weiß, ständig Neuerungen in Kauf zu nehmen habe, Ärger mit den Studenten und Kollegen verkraften muss, genießt du Erholung pur.“

Seit Lena in diesen Sozialplan der Firma eingebunden worden war und das Arbeitslosengeld bezog, fühlte sie sich minderwertig. Sie konnte nichts dagegen tun, sosehr sie es sich auch wünschte. Sie pflegte kaum noch soziale Kontakte und fühlte sich immer weniger wert. Und Stefan verstand nichts.

Als Lena beim Supermarkt vorbei fuhr, fiel ihr gerade noch rechtzeitig ein, dass Stefan ein paar Kollegen zum Abendessen eingeladen hatte, also ging sie hinein und besorgte Fleisch und Gemüse und was sie sonst noch alles brauchen würde. Obwohl die Sonne schien und der Liegestuhl unter dem Apfelbaum lockte, verbrachte sie den Nachmittag schwitzend in der Küche. Wenigstens mit dem Essen wollte sie brillieren! Ihr blieb sogar noch genügend Zeit zum Duschen und Umziehen. Obwohl ihr sehr warm war, wählte sie eine langärmelige Bluse aus, sie wollte sich sicher fühlen.

Stefan kam pünktlich und kündigte die Kollegen an. Zwei Frauen und zwei Männer. Seine Laune hatte sich merklich gebessert, er gab Lena sogar einen Kuss, dann verschwand er im oberen Stock um zu duschen.
“Die Hose, Lena, wo hast du die Hose aus der Reinigung hingehängt?“
“Oh nein“, Lena verschluckte sich an der Suppe, die sie gerade abschmeckte.
“Vergessen … Schatz, es tut mir so … „
“Meine Frau“, schrie Stefan. Lena hätte es noch drei Strassen weiter hören können, „meine Frau, diese vergessliche Nuss! Was ziehe ich nun an?“
Lena hörte, wie er Kastentüren zuknallte und lamentierte, als ob er außer dieser Hose keine andere besäße.

Zum Glück fanden sich die Gäste ein und Lena konnte ohne weitere Zwischenfälle das Essen servieren. Lob gab es für die Kürbiscremesuppe, die mit Artischocken gefüllten Rindsrouladen und die Erdbeertorte. Eine Kollegin, die zwei Rouladen vertilgt hatte, wollte sogar das Rezept. Lena freute sich. Noch mehr hätte sie sich gefreut, wäre Stefan nett zu ihr gewesen, oder hätte er sie gelobt.

Später lockerte der Wein Stefans Zunge und er stellte Lena als das beneidenswerteste Wesen auf Gottes Erdboden hin; nicht wegen ihrer Kochkünste oder wegen sonst einer Fähigkeit, für die Lena gerne beneidet worden wäre, sondern dafür, dass sie in den Sozialplan der Firma aufgenommen worden war und bald in Pension gehen konnte. Und alle lächelten und prosteten ihr zu, als hätte sie gerade einen Orden verliehen bekommen, und Lena prostete zurück und lächelte und wusste, irgendwann würde sie an diesem Lächeln ersticken.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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