Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2005
Storch, Storch, guter ?
von Heidi Hoppe

Addi Adebar und seine Frau Stella nahmen im zeitigen Frühjahr Kurs auf ihren Horst, hoch über den Dächern von Buxtehude.

Sie waren gern gesehene Gäste in dieser verschlafenen Kleinstadt, dass sogar das Buxtehuder Tageblatt ihre Ankunft in jedem Jahr ankündigte.

Der Schornstein der ehemaligen Meierei war seit vielen Jahren ihr Zuhause.
Als die beiden ihr Nest gerichtet hatten, flogen sie über die Este, zur nahe gelegenen Wiese,
gleich bei dem Studentenwohnheim um sich in den angrenzenden Gräben satt zu fressen. Addi vergaß mit den Flügeln zu schlagen, so erschrak ihn, was er dort unten sah.
„Stella, sieh nur. Wo sind die Gräben? Wo ist die Wiese?“
„Häuser haben sie gebaut. Jede Menge Häuser.“

Wie viele Babies hatten sie schon aus den Teichen gefischt.
Kaum hatten sie damals ihr Quartier aufgesucht, hörten sie schon die Stimmen der Kinder:

Storch, Storch guter, bring mir einen Bruder,
Storch, Storch bester, bring mir eine Schwester.


Addi und Stella legten vor vielen Jahren eine Wunschkinderliste an, die länger und länger wurde, doch in der heutigen Zeit war eine Liste nicht mehr vonnöten. Die wenigen Anfragen konnten sie sich auch so merken.
Es war eine reine Freude, den jungen Eheleuten damals den Nachwuchs ins gemachte Himmelbett zu legen. Doch das ist schon lange, lange her. Es wurde immer schwieriger, die kleinen Bündel unterzubringen, die in den seichten Gewässern den Weg auf die Erde gefunden hatten.

Nachdem Stella und Addi auf ihrer Storchenwiese nun keine Nahrung gefunden hatten, machten sie sich wieder auf den Weg und fanden ein paar Kilometer weiter nahe eines Teiches einen reich gedeckten Rastplatz.

„Was machen wir nur, wenn ein Erdenkind sich ankündigt?“ seufzte Stella und schluckte eine fette Kröte hinunter. „Wir haben keinerlei Anfragen. Kein Mensch will mehr Kinder haben.“
„Wenn ich das nur wüsste. Und vor allem: Was machen wir nur, wenn wir arbeitslos werden?“ klapperte Addi und kraulte seine Frau liebevoll mit der Spitze des Schnabels unter dem rechten Flügel.
Kaum sprach er´s, hörten sie ein Platschen, das ihnen nur allzu bekannt vorkam. Sie sahen sich an und wussten: Ein Menschenkind hatte den Weg auf die Erde gefunden. Es war ein Junge, der fröhlich am seichten Ufer platschte und das Storchenpaar strahlend anlächelte.
Addi nickte seiner Frau zu und sagte:
„Nun gut. Bring ich den kleinen Benjamin unters Volk.“ Er fischte dieses dralle Bürschchen aus dem Wasser, hüllte ihn in Windeln und verknotete sie fachmännisch. Addi hängte die kostbare Fracht über seinen Schnabel und begab sich in die Lüfte. Der Weg sollte nach Norden gehen. Als er dort angekommen war, schimmerte ihm die See in den Augen wie ein seidiger Schleier.
„Sand und Wasser“ dachte er, „was gibt es Schöneres für solch einen kleinen Hosenscheißer?“
Benni quietschte vergnügt, blinzelte über den Rand seiner wackligen Hängematte und ließ seinen Schnuller rotieren.

In der Nähe des Strandes sah Addi eine Neubausiedlung. Die knallrote Rutsche auf einem der Grundstücke zog ihn an wie das Grün der Laubfrösche. Auch roch es hier so lecker nach Milchbrei. Der Stelzenläufer machte sich zum Anflug bereit. Als er auf dem sattgrünen Rasen landete, kam ein Familienvater angestürmt.
„Nein, bitte nicht bei uns. Wir haben schon ein Kind und Kindergartenplätze sind knapp…
… übrigens arbeitet meine Frau und das Haus war teuer und finanziell ist ein zweites Kind…“ stotterte er.
Addi blieb das Klappern im Schnabel stecken. Ohne zu antworten stellte er seine Schwingen in den Wind und hob ab. Der Familienvater blickte den beiden erleichtert nach. Als aus der Windel der kleine Ben mit seinem Schnuller herauslugte, tat es dem jungen Papa anfangs Leid, so schroff reagiert zu haben. Benni hob sein rechtes Patschehändchen und streckte dem Küchenschürzenträger den rechten Mittelfinger entgegen. Addi staunte nicht schlecht. Auch an dieser jungen Brut war die Zeit nicht spurlos vorübergegangen. Der Papa holte tief Luft und verschwand hinter seiner Terrassentür.

„Versuchen wir`s im Osten“ dachte Addi und träumte mit knurrendem Magen von Fröschen und Molchen. Nach einer Weile waren sie am Ziel. Mit Heißhunger stürzte er an das Ufer eines Teiches. Benni zappelte in seinem Beutel und bat um Freiheit. Addi legte das Bündel ab und ließ den Racker dort herumkrabbeln. An diesem idyllischen Plätzchen hatten sich bereits ein paar Artgenossen niedergelassen und schnäbelten freudig, als Addi im Anflug war.
„Hallo Freunde!“ klapperte der Neuankömmling. „Was für ein schöner Platz! Genau das Richtige für meinen kleinen Benjamin!“
„Da täusch dich man nicht. Frösche gibt´s hier ja genug, aber sieh dich doch mal um. Alles ausgestorben. Die jungen Leute sind weggezogen. Gibt keine Arbeitsplätze.“ Benjamin schüttelte den Kopf. Nein, hier wollte er auch nicht bleiben. Er streckte den rechten Daumen in die Luft und gab seinem geflügelten Luftschiff den Auftrag, erneut die Reise anzutreten.
Nun ging`s Richtung Süden. Das Rauschen der Gebirgsbäche drang an ihr Ohr. Nahe eines Gipfelkreuzes ließen sie sich nieder. Hier trafen sie auf eine Gruppe Männer und Frauen.
Addi und sein Begleiter sahen ihnen erstaunt zu. Welch ungewohntes Treiben. Adebar liebäugelte mit einer Frau, die in Hosen steckte.
„Nein, nein, um Gottes Willen! Nur kein Kind! Was wird dann aus meiner Karriere?“
“Was treibt ihr denn hier?“ fragte Addi neugierig.
„Survival-training für Manager!“ antwortete keuchend ein Teilnehmer der eine Steilwand erklomm.
„Nichts wie weg!“ sagte sich Adebar. „Was tun?“ fragte er seinen Schützling. Doch von Benjamin kam keine Antwort. Ihm gefiel das Gleiten durch die Lüfte. Addi hatte Sehnsucht nach Stella und begab sich auf den Weg nach Hause.
Stella saß in ihrem Nest und ließ sich den Wind um den Schnabel wehen. Sie dachte daran, wie es ihrem Ehemann wohl ginge und ob er für Benni einen Platz gefunden hätte, da hörte sie erstaunt Kinderstimmen aus der Tiefe heraufklingen.
„Storch, Storch guter, bring uns einen Bruder.“
Stella klopfte das Herz bis zum Halse.
Sie blickte über den Rand des Horstes und sah dort eine Mutter mit ihren beiden Kindern. „Wartet, wartet noch ein Weilchen, bis erst mein Mann nach Hause gekommen ist. Vielleicht hat er einen kleinen Jungen für Euch.“
„Wir warten. Wir haben einen Bauernhof gleich in der Nähe. Da fehlt uns noch so ein Bürschchen.“ rief die junge Frau hinauf.

Stella hörte ein ihr bekanntes Rauschen. Das konnte nur Addi sein. Er hatte das Bündel noch an seinem Schnabel und setzte zur Landung an.
„Addi, um Gottes Willen, was ist passiert?“ Stella sah ihn erschrocken von oben bis unten an. Sein sonst so schneeweißes Federkleid war zerfleddert. Die Flügel hingen schlapp herunter. Auch seine sonst so majestätischen Stelzen hatten ihr leuchtendes Orange verloren.
„Unerwünscht war ich an allen Orten. Ich kann nicht mehr.“ Addi legte den Nachwuchs behutsam ins Nest.
„Addi, ich weiß, wo Benni erwünscht ist. Gestern war eine junge Bauersfrau mit ihren zwei Töchtern hier. Sie wünschen sich sehnsüchtig ein Kind. Lass uns gleich dorthin fliegen.“
Stella übernahm den künftigen Bauernsohn und beide setzten zum Abflug an. Nach einer Weile erreichten sie den Hof. Dort stand unter einem blühenden Holunderbusch ein Stubenwagen bereit. Stella legte den kleinen Erdenbürger hinein und deckte ihn liebevoll zu.
Dann flogen sie zurück zu ihrem Nest. Es sollte die letzte Nacht auf dem Schornstein sein. Sie beschlossen, dieser Gegend den Rücken zu kehren.
Am nächsten Morgen breiteten Addi und Stella ihre Schwingen aus und machten sich auf den Weg der aufgehenden Sonne entgegen.

An dem Schornstein hängt heute ein Schild mit der Aufschrift:
Unbekannt verzogen.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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