Honigfalter
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Juni 2005
Arbeit gibt’s hier nur für Alte
von Christian Rautmann

„Jetzt sieh dir das an“, rief Malte und hielt die Zeitung hoch.
„Was ist denn los?“, fragte seine Freundin Melanie und kam mit dem Geschirrtuch in der Hand aus der Küche.
„Warte, ich lese es dir vor: Immer mehr Unternehmen entschließen sich, ihr Personal vornehmlich aus dem Kreis der über 45-jährigen zu rekrutieren. Nils Oberwald, der Sprecher der Westfälischen Anlagebank, sagte hierzu, die Erfahrung habe gezeigt, dass jüngere Angestellte zu unerfahren und freizeitorientiert seien. Daher werde auch sein Institut künftig keine Mitarbeiter mehr aus der Altergruppe der unter 40jährigen einzustellen.“
„Aber das ist doch nichts Neues.“, sagte Melanie, „Vor zwei Jahren habe ich meinen Job an eine 50jährige verloren, weil mein Chef meinte, dass ich mit 28 Jahren nicht genug Erfahrung hätte. Und dir ist es letztes Jahr schließlich nicht anders ergangen.“
„Aber das ist doch ungerecht“, Malte sprang auf, „Wozu haben wir Abitur gemacht, wozu studiert? Nur um jetzt arbeitslos zu sein?“
Melanie zuckte mit den Schultern, „Immerhin bekommst du noch ein halbes Jahr Hartz VII Unterstützung. Danach wird es schwierig für uns. Aber wir schaffen das schon irgendwie“. Sie gab Malte eine Kuss auf die Wange und ging zurück in die Küche.

Doch Malte konnte sich nicht beruhigen. Er zog seine Jacke an und machte sich auf den langen Fußweg zum Arbeitsamt. Mit der letzten Kfz-Steuererhöhung Anfang 2020 hatten sie ihr Auto verkaufen müssen. Da Busfahren auch nahezu unerschwinglich geworden war, hatten Melanie und Malte sich angewöhnt, fast alle Strecken zu Fuß zurückzulegen.

Nachdem er schließlich im Arbeitsamt angekommen war, dauerte es fast drei Stunden bis Malte endlich aufgerufen wurde. So viele –meist junge - Leute waren ebenfalls auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Doch einer nach dem anderen war mit mehr oder weniger betretener Miene wieder aus dem Sprechzimmer herausgekommen. Nun trat Malte ein.
„Guten Tag“, sagte die grauhaarige Frau hinter dem Schreibtisch zu ihm, rückte mit spitzen Fingern die silberne Brille auf ihrer Nasenspitze zurecht und sah ihn erwartungsvoll an, „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich suche Arbeit“ antwortete Malte und regte sich innerlich über die Frage auf. Was sollte er hier wollen? Am liebsten hätte er eine ebenso dumme Antwort gegeben. Doch statt dessen schilderte er ausführlich seine Ausbildung: nach dem Abitur und einer Banklehre hatte er ein kombiniertes Sprach- und Wirtschaftstudium an Universitäten in Paris, Berlin und Oxford absolviert.
„Nett“, unterbrach ihn die Sachbearbeiterin gleichgültig, „das haben heutzutage viele. Was haben sie bisher beruflich gemacht?“ Während sie sprach, würdigte sie Malte keines Blickes, sondern konzentrierte sich vollständig auf die Spitze des Bleistiftes in ihrer Hand.
Er zögerte. Erst als sie sich von ihrem Stift losriss und ihn kühl über die Brille anblickte, begann er: „Ich habe zwei Jahre bei der Spar- und Volksbank AG als Vorstandsassistent gearbeitet. Dann war mein Chef der Meinung, dass er gerne einen erfahreneren Mitarbeiter hätte, der auch über ein gutes Handicap beim Golf verfügt. Seit einem halben Jahr bin ich jetzt ohne Arbeit“
Die Sachbearbeiterin räusperte sich und sah Malte geringschätzig an. „Ich will ehrlich sein. Ich wüsste nicht, wohin ich sie vermitteln sollte. Sie sind 30 Jahre und haben fast nur theoretischen Kenntnisse. Das interessiert kein Unternehmen. Sie haben keine handwerkliche Ausbildung. Auf einer Baustelle, wo ihre Altergruppe noch Arbeit finden kann, bekomme ich sie also auch nicht unter.“ Sie sah einen Moment aus dem Fenster und schien nachzudenken. Dann klappte sie demonstrativ den Bildschirm auf ihrem Schreibtisch weg. „Versuchen Sie es doch mal mit einer Umschulung in einen Handwerksberuf. Zimmer 342 im dritten Stock. Auf Wiedersehen“

Nachdem Malte das Arbeitsamt verlassen hatte, ging er in den Park und setzte sich auf eine Bank. Sollte das der Lohn für seine jahrelange Ausbildung sein? Irgendetwas musste er doch tun können? Wie sollte er die Erfahrung sammeln, die er für einen Job benötigte? Klar, irgendwann würde auch er einmal 40 werden. Aber das würde erst in 10 Jahren sein. Und wenn er bis dahin nirgendwo Berufserfahrung sammeln konnte, dann würde ihm sein Alter auch nicht helfen.

Niedergeschlagen kam er nach Hause und erzählte Melanie von seinem Besuch beim Arbeitsamt.
„Ich habe eine gute Nachricht für dich“ strahlte sie ihn an, „Du hast eine Mail von Merkel & Bush bekommen. Sie laden Dich zu einem Vorstellungsgespräch ein.“
Malte sah sie überrascht an und ging sofort zum Computer. Er hatte vor einigen Wochen beim Surfen im Worldnet spontan eine Online-Bewerbung an diese Firma geschickt und eigentlich nicht erwartet, jemals wieder davon zu hören. Es gab also doch noch Hoffnung.

Einige Tage später saß er dem Chef des Unternehmens, Angelo Merkel, in dessen modern eingerichtetem Büro gegenüber. Schon beim Betreten des Raumes hatte Malte dessen prüfende Blicke bemerkt. Er hatte kein gutes Gefühl.
„Wissen Sie“, begann Merkel, "Ich führe Einstellungsgespräche grundsätzlich selbst. Da vertraue ich keinem anderen.“ Dann verstummte er, betrachtete Malte eingehend und sah auf einen Monitor.
„Wie alt sind sie?“ fragte er schließlich.
Malte sah ihn erstaunt an. Dann antwortete er, „Ich bin vor 2 Monaten 30 geworden.“
Angelo Merkel nickte. Schließlich sagte er: „Dann möchte ich das Gespräch jetzt beenden. In ihrer Bewerbung habe Sie angegeben, dass sie 40 Jahre alt sind. Wahrscheinlich haben Sie sich so bessere Chancen ausgerechnet. Aber nicht bei uns.“
Damit erhob er sich und ließ Malte hinaus werfen. Dessen Beteuerungen, er habe sich nur verschrieben, konnten nichts daran ändern.

Grübelnd und sein Schicksal verfluchend machte sich Malte auf den Heimweg. Warum nur lebte er im Jahr 2020? Sein Vater hatte ihm erzählt, dass früher die Alten Probleme gehabt hätten, einen Arbeitsplatz zu finden, nicht die Jungen, wie heute.
Langsam ging er weiter und plötzlich machte es irgendwo in seinem Gehirn ‚Klick’. Malte blieb stehen.

Zwei Wochen später schüttelte Malte dem Personalchef der renommierten Finanzberatung Ackerman P. Nats die Hand. „Ich freue mich, dass ich ihr Unternehmen verstärken kann.“
Der Personalchef strahlte ihn an und war offensichtlich froh, einen so guten Mitarbeiter eingestellt zu haben. „Mit ihrem Erfahrungshorizont passen Sie genau in unser Team. Und 40 Jahre ist genau das richtige Alter für einen Einstieg bei uns. Unsere Kunden legen Wert auf Kompetenz und Erfahrung, die sich auch am Alter ablesen lässt.
Zufrieden verließ Malte das Gebäude und hatte alle Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Ein bisschen mit dem Alter geschummelt, ein wenig am Lebenslauf gefeilt und schon klappt es.
Etwas störend war es natürlich schon, dass er sich seine Schläfen zukünftig auch weiter würde grau färben müssen. Auch die von Melanie geschickt geschminkten Fältchen in seinem Gesicht würde er für die nächsten Jahre beibehalten müssen. Aber damit konnte er leben.
Blieb nur zu hoffen, dass sein neuer Arbeitgeber seine Angaben nie überprüfen würde. Am Wochenende wollte er jedenfalls erst einmal mit Melanie nach Paris fliegen und den neuen Job feiern.

ENDE

Eigentlich ist die Geschichte hier zu Ende. Es sei Ihrer Phantasie überlassen, ob Malte mit seinem Schwindel Erfolg hat oder ob er damit scheitert. - Was? Sie sagen, das geht so nicht? Sie wollen unbedingt ein „richtiges“ Ende haben? Aber ein bisschen plötzlich? - Na gut. Dann lesen Sie eben noch weiter.


Inzwischen war ein Jahr vergangen und Malte arbeitete nach wie vor für Ackerman P. Nats. Er hatte sich dort einen sehr guten Ruf als Finanzberater erworben. Seine Kunden (besonders die weiblichen), schätzen sein jugendliches und dynamisches Auftreten.

Zufrieden lehnte er sich in seinem Schreibtischstuhl zurück und ließ den Blick aus dem Panoramafenster über die Stadt schweifen. Er fühlte sich richtig gut.
Seine Sekretärin betrat den Raum. „Sie möchten bitte zu Herrn Ackerman kommen. Er würde sie gerne dem neuen Kunden vorstellen, den sie betreuen werden.“
Wenige Minuten später betrat Malte das Büro seines Chefs. Das gewinnende Lächeln, das er sich für seine Kunden angewöhnt hatte, erstarrt als er sah wer dort stand. Es war niemand anderer als Angelo Merkel, der Malte damals aus dem Haus hatte werfen lassen.
Auch Merkel schien Malte sofort wieder zuerkennen. Daran konnten auch Schminke und gefärbte Haare nichts ändern.
Merkel beugte sich zu Ackerman hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr, wobei er eine Kopfbewegung in Maltes Richtung machte. Der hatte das Gefühl, die Zeit würde stehen bleiben und wünschte sich, der Fußboden möge sich auftun und ihn verschlingen.

Da lachte Ackerman laut auf und sagte: „Aber das weiß ich doch, Herr Merkel. Wir prüfen immer die Angaben unserer Neueinstellungen. Ich finde es sehr originell und mutig, sich für einen Job älter zu machen. Das ist genau das, was wir brauchen. Er leistet gute Arbeit und bei unseren Kunden kommt sein jugendliches Auftreten wunderbar an. – Ich überlege, ob wir in Zukunft nicht wieder mehr junge Leute einstellen sollten...

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