Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Juni 2005
JOBQUIZ
von Dagmar Cechak

„Zur Begriffsklärung: Unter "Arbeitslosigkeit" verstehe ich die von einem Betroffenen nicht erwünschte Abwesenheit von Erwerbsarbeit.“ Der Vortragende hält inne, holt Luft nach dem im Staccato heruntergeratterten Satz. Das Publikum, vielbeschäftigte Menschen in Businessanzügen, Personalchefs, Arbeitsvermittler, Psychologen, nickt beifällig. Eine klare und präzise Definition. Ganz nach ihrem Geschmack. Kein sentimentales Herumgesäusel, keine Dramatisierungen, wie sie in letzter Zeit so oft zu hören waren. „Abwesenheit von Erwerbsarbeit“ ein richtig griffiger Terminus – nicht mit irgendwelchen negativen Assoziationen behaftet. Damit konnte man arbeiten. Fast genauso gut wie die „Freisetzung von Arbeitskräften“ oder das „Schlankschrumpfen“ von Betrieben. Klang doch alles viel besser als „Leute in die Arbeitslosigkeit schicken“.

Das war die Kunst der Wortschöpfer und Sprachentwickler. Neue Begriffe zu erfinden, die mithalfen, die strukturellen Maßnahmen von Betrieben in ein positiveres Licht zu setzen. Der Geniestreich in dieser Richtung war natürlich dem großen Autohersteller CCP gelungen, der 14.000 Arbeiter mit einem „absoluten Freizeitgewinn“ bedacht hatte. Die verbleibenden 12.000 waren sich erst nicht einmal sicher gewesen, ob sie die „Freizeitgewinnler“ nicht beneiden sollten.

Lothar hatte die Entwicklung frühzeitig erkannt. Seine Sprachentwicklungsagentur konnte sich vor Aufträgen kaum retten. Marketingleute und Personalchefs gaben sich die Klinke in die Hand. Im Wirtschaftsbereich ging es vor einerseits um das Setzen neuer Trends und andererseits darum, Unmut und Proteste bei Rationalisierungsmaßnahmen möglichst zu vermeiden. Die neuen „sanften“ Begriffe zum Themenbereich Einsparungen, Entlassungen und Arbeitslosigkeit hatten ungeheuer dazu beigetragen, alles in geordnete Bahnen zu lenken. Lothar war der beste seiner Branche, er beschäftigte etliche kreative Köpfe, die unablässig neue Begriffe erfanden und an den Zielgruppen austesteten.

Zurzeit ging es um ein „Wortpackage“ das von einem großen Konzern, der im deutschsprachigen Raum tätig war, in Auftrag gegeben wurde. Man hatte herausgefunden, dass große Teile des Verwaltungsapparates durch ein neues Computersystem eingespart werden konnten. Die Umstellung würde – alle Betriebsstandorte in Österreich, Deutschland und der Schweiz eingerechnet – an die 20.000 Leute betreffen. Das Problem an der Sache war aber, dass man einerseits so viele Mitarbeiter entlassen musste und andererseits doch für das neue Computersystem erfahrene Leute brauchen würde, die die ersten Jahre dem System begleitend zuarbeiteten. Bei den enormen Kosten, die die Implementierung des Computersystems mit sich brachte, war es erforderlich, dass diese Mitarbeiter ihre Arbeit mit maximalem Einsatz, zusätzlich zu ihrer laufenden Arbeit auf freiwilliger, Basis verrichteten. Sonst würde sich das alles auf Jahre hinaus nicht rechnen. Die Vorgabe an die Sprachentwicklungsagentur war nun, die Entlassung der 20.000 mit neuen Wortschöpfungen abzumildern und andererseits eine freiwillige Mehrarbeit auf kostenloser Basis, für die man etwa 3.000 Leute brauchen würde, als erstrebenswert darzustellen. Den Mitarbeitern sollte gar nicht erst bewusst werden, dass sie halfen, ein System zu perfektionieren, das sie auf lange Sicht ersetzen würde!

JOBQUIZ – das war der Name von Lothars Projekt – lief großartig an: Orientiert an einer allgemein bekannten Gewinnshow hatten sie ein System aufgebaut, bei dem automatisch die Schwachen und Langsamen herausfallen und die Fähigsten und Besten übrig bleiben würden. Durch die langsame Steigerung und die Spannung würde es kaum zu organisierten Protesten kommen.

Heiko war einer der ersten, der die Einladung zum Quiz in seiner Mailbox vorfand. Sein Job in der Fakturierungsabteilung war ziemlich fade und er freute sich über die Abwechslung. Wie in der Nachricht angegeben, loggte er sich auf der Internetseite mit seinem Usernamen und Passwort ein und konnte gleich die erste Runde absolvieren. Die Fragen waren nicht ganz leicht, betrafen aber sein Arbeitsgebiet, sodass er ohne sonderliche Probleme durch die Runde kam. Am nächsten Tag kam die Nachricht, dass die zweite Runde offen stünde. Gleich nach dem Einloggen erschien diesmal ein Fenster mit den „Verfahrensbedingungen“. Heiko überflog die ersten paar Zeilen ungeduldig, er wollte zu den Quizfragen weiter, klickte in das Kästchen, das mit „akzeptiert“ überschrieben war und durfte die zweite Runde der Fragen beantworten. Auch hier hatte er keine größeren Probleme.
Das Quiz war Gesprächsthema Nummer eins in der Mittagspause.
„Hast du bei dem Quiz die zweite Runde geschafft?“
Seine Kollegin Ilona stellte ihr Tablett ab und setzte sich. Heiko nickte.
„Mir ist es bei den Fragen nicht so gut gegangen. Was die da wissen wollten, damit habe ich schon seit Jahren nichts mehr zu tun gehabt.“
„Ich habe alles gewusst, ich hatte da voriges Jahr diesen Weiterbildungskurs“ meinte Heiko entschuldigend. Irgendwie war es ihm peinlich.
„Ich habe alle drei angebotenen Joker gebraucht aber bei der letzten Frage, habe ich mich trotzdem falsch entschieden. Hoffentlich darf ich die nächste Runde noch weitermachen“, sagte sie. „Wenn es nämlich zu Budgetfragen kommt, da bin ich dann Spitze.“

In den nächsten zwei Woche hatte Heiko viel zu tun und die Aufforderung zur dritten Runde blieb unbeachtet in seinem elektronischen Postkasten liegen. Zu dieser Zeit hörte er von zwei Kollegen, dass sie gekündigt hätten. Dann von zwei weiteren. Dann fand er Ilona in Tränen aufgelöst an ihrem Arbeitsplatz. Auf seine Frage hin, was denn passiert sei, hielt sie ihm schluchzend einen Brief mit offiziellem Firmenbriefkopf entgegen. Heiko las entsetzt:

„...haben wir bei unserer Wissensevaluation festgestellt, dass Sie mit Ihren Kenntnissen nicht ganz auf neuestem Stand sind. Sie haben mit dem Anklicken der „Verfahrensbedingungen“ bekannt gegeben, dass Sie in diesem Fall Ihre Stelle kündigen um anderen Mitarbeitern mit besseren Kenntnissen die Chance zu geben, weiterzukommen. Wir nehmen Ihre Kündigung hiermit an, Sie erhalten Ihre Abrechnung in den nächsten Tagen. ...“

Das Quiz – schoss es Heiko durch den Kopf. Auch er hatte die Verfahrensbedingungen angeklickt. War es möglich ...?

Am nächsten Tag fand er eine dringende Nachricht unter seinen Mails – letzte Aufforderung zur dritten Runde. Mit zitternden Fingern loggte Heiko sich ein und suchte als erstes nach einem Hinweis auf die Verfahrensregeln. Aber so sehr er auch suchte, er konnte sie nicht mehr finden.
Die Fragen zur dritten Runde waren kniffelig und Heiko war nervös. Ihm war klar geworden, dass sein gutes Bestehen im Quiz die einzige Chance war, seinen Job zu behalten. Zweimal musste er einen Joker nehmen. Einmal konnte er zwei von den vier angebotenen Antworten wegstreichen lassen, ein anderes Mal war es ihm erlaubt, eine Mail an eine Gruppe von Kollegen zu senden mit der Bitte um Hilfe. Die Antwort der Kollegen deckte sich mit dem Punkt, den er auch hatte auswählen wollen und war richtig. Die Runde war geschafft und er selbst schweißgebadet.

Das Quiz ging weiter. Jeden Tag hörte man von Kollegen, deren Kündigung „von der Firma angenommen“ worden war. Die Stimmung wurde immer schlechter, das Quiz, das anfänglich für Spaß und Abwechslung im Arbeitstag gesorgt hatte, war nun zu einem Schreckgespenst geworden. Heiko fürchtete sich schon, die Mailbox zu öffnen, denn mittlerweile blockierte jede Aufforderung zu einer neuen Quizrunde den Computer und machte jedes Arbeiten unmöglich bis der Empfänger die Fragen beantwortet hatte. Und die Kollegen, die bei den Jokerfragen helfen sollten, waren immer weniger dazu bereit.

***

„Die Sache läuft großartig“. Gönnerhaft schlägt der Personalchef Lothar auf die Schulter. Das Quiz ist ein Geniestreich. Konzernweit haben wir bereits 8.000 Kündigungen durchziehen können. Jeden Tag werden es weniger und die besten bleiben über.“

„Ab Runde zehn werden die Fragen genau so formuliert, wie Sie das für das neue System benötigen“ antwortet Lothar.

„Unglaublich, wie die Leute sich reinknien. Handbücher, Schulungsunterlagen, Demos werden langsam zur Mangelware, weil jeder sich so gut wie möglich vorbereiten will. Noch nie waren die Mitarbeiter so top motiviert. Die Implementierung des neuen Systems macht dank der präzisen Antworten enorme Fortschritte.
Haben Sie schon daran gedacht, sich das Quiz patentieren zu lassen?“

„Ich habe bereits eine Anfrage aus den USA. Ich warte nur noch den Ausgang des Projektes ab. Ab Runde elf gehen wir ja in die Zielgerade. Da geht es dann jeder gegen jeden. Wer die Antwort auf zwei Fragen in dieser Runde nicht richtig hat, fliegt raus. Auf diese Weise werden wir schnell selektieren. Es wird ein Kampf bis aufs Messer. Aber auf diese Weise filtern wir genau die heraus, die wir für das neue System brauchen. „

„Großartig!“ sagt der Personalchef, „Großartig!“

In seiner Mailbox gibt es wichtige Nachrichten für ihn. „Einladung zum JOBQUIZ – wir warten auf IHRE Antworten ...

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