Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Juni 2005
Ausgelöscht
von Matthias Ziebarth

Der Pausenhofkiosk gibt optimale Deckung. Von hier aus kann ich die Gang in Ruhe beobachten. Heute ist wieder irgendwas Aufregendes im Busch. Sie zerren sich an den Jacken, rülpsen einander in die Ohren. Kevin im Muskelshirt macht wieder die beste Figur.
"Keine eins in Englisch, keine Playstation, kein Fun", brüllt er seinen Frust gegen die Klinkerwand. Er drückt den Rönne zur Seite, nimmt Anlauf und springt gegen den Kakao-Automaten, dass es über den Schulhof scheppert. Verschwörerisch blickt Kevin in die Runde.
"Den Feinschliff nachher im Freibad, okay?". Er verabschiedet sich von der Gang, ohne sich nach nochmal umzudrehen.

Ich höre ´Feinschliff´ und rieche, dass Randale in der Luft liegt. Für mich von der vorsichtigen Truppe heißt das: mich unerkannt an die Gang heranpirschen, um Details der geplanten Randale zu erfahren. ´Kartöffelchen´ nennen sie mich deswegen wohl - nun ja, damit kann ich leben.

Hier im Freibad muss ich meine Lauscher weit aufsperren. Sonst übertönt das Kindergekreische von der Spielwiese noch jedes gesprochene Wort. Glück für mich, dass die Gang keinen Lauscher hinter der Hecke vermutet. Hier, keine vier Meter entfernt, halte ich nämlich Stellung und höre, wie Rönne, Kevin und der Rest ihren Schlachtplan entwerfen:
"Keine Chance?"
"Keine Chance. Er sagt, ohne Abi könnt ich auch gleich Klos putzen gehen."
"Und dein Anteil? Deine Alten wollten dich doch mal groß ausstatten!"
„Das war einmal. Und wenn ich denen heute mit Knete komme, fragen die gleich nach Englisch- und Physiknoten.“
"Die drehen an der Leistungsschraube, dass wir alle noch hinten runterkippen ... "
" ... und auf der versifften Parkbank von Triefgurke landen, genau!"
"Geil, nicht? Zwischen Triefgurke und mir nix als kistenweise Bier."
"Saufen mit Gurke? Willst du pausenlos kotzen? Die Schöttlers, wo mir Nachhilfe geben, sagen, Gurke stinkt so, dass sie ohne Frischluftspray nicht mehr in die Taunusanlage gehen." (Alle lachen.) "Da wär´s doch einfacher, gleich Triefgurke wegzupusten ohne Umweg über Spray!"
"He, genau das machen wir. Den Kasten Bier, den leeren wir."
"Dir und mir ein deutsches Bier, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot. Und Triefgurke rotzt noch rein und rülpst aus der Tiefe der Bierpfütze."
"Der soll nur kommen!"
"Falsch, wir besuchen ihn. Gentlemen! Heute Nacht um eins sind wir seine Gäste. Unser Gastgeschenk: ein Tanzkurs in Bier-Dancing, ganz exklusiv für Triefgurke!"

Viel mehr verstehe ich nicht. Die Gang hat sich jetzt mit lautem Gejohle verzogen. Ich starre in den Himmel und spüre ihrem Zorn hinterher. Er füllt mich aus und auch wieder nicht. Im Gras blinkt ein Messer. Ich hebe es auf. Kevins Klappmesser. Ihm gegenübertreten, das Messer zurückgeben ... danach kann er mich nicht mehr ignorieren! Mehr noch, ich hätte noch Chancen, in der Gang mitzumachen! Mit ihr losziehen und ein böses Tänzchen aufführen mit Protschmann, genannt Triefgurke: stadtbekannter Penner, geduldet und angefeindet. Er gehört zur Taunusanlage wie die Pausenaufsicht zur Liebigschule, er ist die Witzfigur von Frankfurts Innenstadt und Zielscheibe unseres Spotts. Sein warziges Gesicht und der Gestank nach Pisse lassen uns einen Bogen machen um seine Bank. Und jetzt hat ihn die Gang zur Sau erklärt, die sie heut´ Nacht durchs Dorf jagen wird!
Triefgurke, du solltest wenigstens heute Nacht nüchtern bleiben: Du wirst dich verteidigen müssen, denn heut´ Nacht fällt die Gang in die Taunusanlage ein! Niemand wird dir helfen, aber einer deinen Kampf bezeugen: ich, der Chronist der Frankfurter Sturm-und-Drang-Nächte!

Gern würde ich Kevin einweihen in meinen Plan einer nächtlichen Live-Doku. Aber erstmal sollte ich Eindruck schinden und ihm das Messer zurückgeben.
Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich an Kevins Haustür klingele.
"Guten Abend. Bist du die Schwester von Kevin? Ich gehe in seine Klasse und habe hier was, das ihm gehört."
Die Schwester nickt, bleich und irgendwie abwesend. Sie lässt mich im Türrahmen stehen und läuft zurück in die Wohnung. Ich spüre dicke Luft. Aus der Küche dringen Wortfetzen, das Schluchzen einer Frau, unterbrochen von Schreien und klirrendem Glas auf dem Küchenboden. Eine Männerstimme, wahrscheinlich Kevins Vater, verwünscht die Regierung, während seine Frau mit der Frage, was denn nun werden solle, laut weinend dazwischenfährt. Der Vater will gerade antworten, als Kevin die Treppe hinunterkommt. Er starrt mich an.
"Kartoffel - du?"
"Ich bringe dein Messer. Es lag im Freibad im Gras. Da hab ich es aufgehoben."
Aus der Küche dringen gehämmerte Sätze im Staccato:
" ... wird auf das Arbeitslosengeld Zwo angerechnet. Die krallen sich alles, Haus und Garten, unser ganzes Erspartes, dann müssen wir in irgendein Loch umziehen, und unsere Kinder dürfen sehen, wo sie bleiben!"
Kevin steckt das Messer hastig ein, grummelt ein Danke, ohne mich anzusehen. Er will schon gehen, da fährt er noch einmal herum und schaut mich lauernd an: Ob mir sonst noch etwas im Freibad aufgefallen sei?
" ... nur hoffen, dass unser Sohn mit den Zensuren nicht auch noch bei diesen Schmarotzern landet, die auf Staatskosten leben", tönt es gerade aus der Küche.
Ich mache auf harmlos, sage: "Nö, hab´ eh die ganze Zeit Latein-Vokabeln gepaukt" und sehe zu, dass ich fortkomme.

Ich mache es kurz. Wenn ich zuviel über verspritztes Blut schreibe, wird mir schlecht. Sie kommen zu fünft, alle vermummt, mit dabei haben sie einen Kasten Bier und jeder eine Eisenstange. Triefgurke schnarcht laut in Richtung Vollmond, als sie ihn wachrütteln und mit lautem Hallo eine Flasche Bier in die Hand drücken. Bis Gurke einigermaßen beieinander ist, hauen sie ihm kumpelhaft auf die Schultern, zerren an den Lumpenteilen und nötigen ihn zu trinken, auf das Leben im Freien und ohne Schulden. Ich sehe Penner Protschmann auf einen Schlag nüchtern werden. Er macht alles wie befohlen, sofort und widerstandslos. Beantwortet nach Kräften die blödsinnigsten Fragen. Nach jeder Antwort drückt ihm wer eine neue Bierflasche in den Mund, nötigt ihn, die Flasche auf ex zu trinken. Gurke pariert. Kaum ist der Bierkasten geleert, muss Triefgurke die Flaschendeckel in Zweierreihen auf dem Parkboden legen, Kevin kippt noch einen Schwung Mitgebrachte dazu. Kevin befiehlt:
"Zieh´ deine Schuh aus und tanz uns den Loser-Blues!"
"Ihr Hunde", lallt Protschmann. Halt suchend klammert er sich am Erstbesten fest. Das ist das Signal für die Gang: Zu fünft schlagen sie mit den Eisenstangen auf Protschmann ein, zwingen ihn, barfuß auf den Flaschendeckeln zu hüpfen. Er fällt. Kassiert Schläge auf den Rücken, auf die Beine. Steht wieder auf, fällt erneut. Kriegt Hiebe auf Kopf, Hände und Leisten. Rappelt sich auf, stürzt, Eisenhiebe prasseln auf ihn nieder. Wohl über eine Stunde dauert die Tortur, bis Protschmann regungslos im Gras liegen bleibt. Protschmann liegt noch die ganze Nacht in seinem Blut.
Zwei Tage später lese ich in der Zeitung, dass ein Jogger ihn in den frühen Morgenstunden tot aufgefunden hat. Zuhause schlafe ich schlecht. Ich träume, Kevin dresche mit den Eisenstangen auf sich selbst ein.
Nachdem ich den Zeitungsbericht über den Obdachlosenmord gelesen habe, dämmert mir, dass ich mehr bin als nur Chronist einer blutigen Party. Ich bin darin verstrickt. Ich war Zeuge eines Mordes und rede mir vergeblich ein, nur Zuschauer einer Filmvorführung gewesen zu sein.
Und was die Gangster betrifft: Jetzt haben sie den Bogen endgültig überspannt. Ich male mir aus, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde sie zu fassen. Man wird Mordanklage erheben und egal, wie das Urteil ausfallen wird: sie alle, Kevin zuerst, werden ihre Zukunft verwirkt haben. Sie haben nur eine kleine Chance, ungeschoren davonzukommen: Mich! Wer sonst könnte ihnen ein Alibi für die Nacht verschaffen? Dann braucht die Gang mich, genau wie Kevin, der ohne mich sein Messer nicht wiedergekriegt hätte. Dieses Messer ... war es am Ende noch unter den Tatwaffen?

Wieder greife ich zur Zeitung und lese, dass, abgesehen von den Hauteinschnitten durch die Flaschendeckel, die Leiche keine Schnitt- und Stichwunden aufweist. Jetzt könnte ich mich eigentlich erleichtert fühlen.

Am zweiten Tag danach bin ich wie gelähmt und tue nichts. Ich sträube mich, ja verbiete mir, auf die Wache zu gehen. Die würden mir noch unterlassene Hilfeleistung anhängen! Und ich würde mit meiner Aussage fünf Leben zerstören, fünf Gesichter, in die ich nicht mehr blicken kann.

Am Abend des dritten Tages nach dem Mord gehe ich in die Taunusanlage. Wie schlafwandelnd streife ich umher und suche den Rasen ab, ich weiß selbst nicht recht, nach was. Am Tatort haben mittlerweile Protschmanns Verwandte oder wer auch immer Kranzgebinde abgelegt. Dann haben sie noch ein Holzkreuz mit seinem Namenszug aufgerichtet. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich bücke und die zerknitterten Schriftbänder des Gebindes in Ordnung bringe, verrutschte Blütenzweige an ihren Platz zurückstecke. Für das Opfer, überlege ich, gibt es kein Zurück ins Leben mehr. Für die fünf Täter hätte das Leben noch einiges zu bieten. Es käme nur auf sie an.
Der vierte Tag bringt für mich die Wende. Was ich täglich sehe und erlebe, widert mich nur noch an. Kevin und seine Truppe geben sich auffällig gut gelaunt. Die Zeitung druckt jetzt Leserbriefe zum Obdachlosenmord. Ein Leser schreibt, unsere Gesellschaft päpple Hinz und Kunz, da sei es unerlässlich, wenn sie sich ab und zu von ihren Ausdünstungen befreie. Dies sei ein Gebot der Luftreinerhaltung und damit der öffentlichen Hygiene. Andere Leser äußeren Mitleid.
Mich interessiert das nicht. Ich will nur Antwort auf die Frage, warum Erwin Protschmann sterben musste. Er war doch einfach nur da. Provozierte durch sein Dasein. Einigen von uns hat dieses Dasein soviel Angst eingejagt, dass sie meinten es auslöschen zu müssen.

Protschmann, vor der Auslöschung warst du ein lebendiges Ekelpaket. Als Toter bist du mir nahe. Du klagst mich der Mittäterschaft an, und ich nicke. Du klagst mich an, dein Martyrium aus sicherer Entfernung begafft, anstatt dir beigestanden zu haben. Ich verteidige mich nicht.
Gerade will ich diese Rose am Tatort ablegen - da sehe ich, dass das Kranzgebinde in alle Winde verstreut, das Holzkreuz aus dem Boden gerissen und entfernt worden ist.
Sie töten dich ein zweites Mal, Protschmann! Ob Kevin oder gewisse Leserbriefschreiber - sie alle wollen die Erinnerung an dich ausmerzen, dich dem Vergessen überantworten. Als hätte es den unbeliebten, stinkenden Erwin Protschmann nie gegeben. Das soll ihnen aber nicht gelingen. Nie werden die Mörder den Namen Erwin Protschmann vergessen, dafür verbürge ich mich, ich, der ich den Mord nicht verhindert habe. Ich sorge dafür, dass die Mörder nicht straffrei davonkommen. Hier, diese Rose, Protschmann -, wie lange werden sie die wohl liegenlassen? Sollen sie doch die Rose fleddern oder den Boden umpflügen - die Erinnerung können sie nicht ermorden. Ich gehe jetzt, Protschmann, gehe aufs nächste Polizeirevier und mache Anzeige.

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