Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Juni 2005
Im Amt
von Edith Kummer

Wohl nur eine recht weltabgewandte Romantikerin, verspräche sich heutzutage von einer Institution namens Arbeits-Amt tatsächlich noch so etwas wie Arbeit. Doch soll man im Leben nie etwas unversucht lassen, bisweilen geschehen ja noch Zeichen und Wunder und so machte ich mich eines Morgens auf den Weg.
Mit vielem hatte ich gerechnet - aber was mich dort erwartete - mein lieber Schwan!
Eine Nummer in der Hand, hatte ich in einem trostlosen Gang gesessen, bis man mich in eine der Amtsstuben bat.
Hier drinnen entdeckte ich hinter einem großen, großen Schreibtisch einen kleinen, dürren Mann.
„Schönen guten Tag Frau, ääähhm, Kummer!“ sagte das Männchen, „Woll’n mal seh’n, was wir für sie tun können.“
Das Männlein sprach mir nun von meiner Vergangenheit, es sprach mir von meiner Gegenwart, den ehernen Gesetzen der Logik folgend, hätte es mir jetzt von meiner Zukunft sprechen müssen - deshalb war ich nämlich an und für sich gekommen - doch da ward es stumm.
„Sie rauchen?“, fragte es endlich.
„Ja“, sagte ich und nahm die mir angebotene Zigarette dankend entgegen.
„Tja“, sprach es nun, „ Das Schicksal meint es nicht immer gut mit uns.“

Von meiner Seite aus war dem nichts hinzuzufügen.

„Wissen Sie,“ fuhr das Zwerglein fort, „die meisten Leute sind der Meinung, nur ihnen ginge es schlecht. Kommen zu uns rein und denken wir sitzen uns hier die Ärsche platt und zählen die Tage bis zur Pensionierung. Aber da macht man sich ein ganz falsches Bild von uns in der Öffentlichkeit. Auch wir sind schließlich Menschen, auch unser Einer hat seine Krisen. Wenn Sie wüssten, wie einen der Job hier fertig machen kann, was ich schon unter Depressionen gelitten hab’, Psychopharmaka gefressen, Psychotherapie gemacht, die ganze Palette. Die Hölle, kann ich Ihnen sagen.“

Ich könnte nicht schlüssig erklären warum, aber mein Mitleid für ihn hielt sich in Grenzen.

Weiter sprach er:
„Bis ich dann eines Tages wieder Licht gesehen hab’, am Ende des Tunnels und mir gesagt hab’: ’Schluss jetzt, Günther! Ab morgen lebst du wieder! Und dann hab’ ich’s krachen lassen, sag’ ich Ihnen: Nacht für Nacht durch die Kneipen gezogen, Wein gesoffen, Weiber abgeschleppt. Ich war wie neu geboren!“
Höfliches Interesse meinerseits. Erneutes Rauchen.
Für einen Moment verlor ich etwas die Konzentration. Ich musste an eine Szene in einem Kriminalfilm denken, den ich kürzlich gesehen hatte. Es ging um eine Zeugenbefragung und der Ober-Kommissär sagte in einer Vernehmungspause zum Unter-Kommissär: “Wenn du ihr später eine Zigarette anbietest und sie nimmt an - dann hast du sie!“
„Was ich eigentlich damit sagen will,“, zwang der Zwerg meine herum irrenden Gedanken wieder auf den Weg, „Ich möchte Ihnen raten, Ihr ganzes Leben mal von Grund auf zu überdenken und die Zwänge die man so hat, einfach mal hinter sich zu lassen. Mal ganz spontan und aus dem Bauch ’raus etwas total Verrücktes zu machen!“
Ich sah in seine von einer fahlen Iris beherrschten Äuglein.
„Ich meine,“ raunte es nun hinter dem großen, großen Schreibtisch hervor,“ haben Sie beispielsweise schon jemals in Ihrem Leben Sex im Wald gehabt?“
Für einige Sekunden saß ich starr. Dann atmete ich tief ein und stieß einen Ehrfurcht gebietenden Urschrei aus. In Ermangelung einer Liane, hechtete ich nun hoch, klammerte mich am Kabel der Amtsstubenleuchte fest, schwang mehrmals hin und her und katapultierte mich, durch das klirrende Glas des Behördenfensters, ins Freie hinaus und rannte und rannte und rannte...
Freilich stünde es in meiner Macht, den Dürren bei seinen Vorgesetzten in die Bredouille zu bringen, doch lohnte dies kaum den Aufwand. Mutter Natur hat ihn, denke ich, schon genug gestraft. So möchte ich ihm denn an dieser Stelle von Herzen alles Gute wünschen, für seinen weiteren Lebensweg, noch viele geruhsame Stunden im Büro und um so aufreibendere im deutschen Wald.
Er und sein Amt werden mich nie wieder sehen. Dem deutschen Wald hingegen, gedenke ich auch in Zukunft unverdrossen die zu Stange halten.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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