Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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August 2005
Das nächste Opfer
von Klaus Eylmann

“Cool. Das ist der Dritte, begraben wir ihn.” Die Küchenuhr zeigte acht Uhr. Das Licht der Sonne brach sich an Gläsern, wanderte über den blutverschmierten Leib zu einem leblosen Gesicht. Der Mann war nackt. Jens zog dem Toten das Messer aus der Brust und warf es ins Spülbecken.
Mutter Ines flitzte in der Küche wie ein Weberschiffchen hin und her und fuhr sich mit den Händen durch die Haare.
“Die Tür war abgeschlossen. Es wurde nicht eingebrochen. Ich kann doch nicht zur Polizei laufen. Die würden doch denken, ich hätte ihn und die beiden anderen umgebracht. Wenn doch nur dein Vater hier wäre.” Jens Blick wanderte von seiner Mutter zur Leiche, dann zur Mutter zurück. Vater war weg gelaufen und sie war nicht mehr sie selbst. Warum vergaß sie den nicht?
“Hilf mir graben.” Ines packte den Toten an den Füßen und schleifte ihn durch die hintere Tür in den Garten.
Sie gruben, hoben die Erde aus. Jens, ein stämmiger Junge von fünfzehn Jahren, ließ den Toten in die Grube fallen und schaufelte die Erde zurück. Ines, eine zierliche Frau, in Wolljacke, Jeans, verquollene Augen in schmalem Gesicht, konnte nicht an sich halten.
“Wie kommen diese Toten denn in unsere Küche? Warum bin ich nicht zur Polizei gegangen? Wir können doch nicht jeden Morgen ein neues Loch graben. Der ganze Rasen wird verschandelt. Und so groß ist er doch nun auch wieder nicht.”
Die Leichen hatten zwischen Kühlschrank und Herd gelegen, mit einem Messer in der Brust, eines mit geschnitzten Figuren, die Polypen glichen. Tentakeln, die sich um den Griff wanden.
Jens ließ die Schaufel fallen und pustete die Haare aus der Stirn. “Ich muss zur Schule.” Er zog das Fahrrad aus dem Schuppen und schob es zur Gartenpforte.
“Hast Du Dein Schulbrot eingepackt? Und sag keinem etwas, hörst du?”
Jens war froh, dass seine Mutter ins Büro musste. Ohne ihn, dem Mann im Haus, allein mit den drei Toten im Garten wäre sie doch durchgedreht.

Am Abend, als sie ihre Suppe aßen, brach es aus Ines hervor. “Wenn nächsten Morgen wieder einer auftaucht, werde ich verrückt.”
“Finden wir heraus, wo sie herkommen. Heute Nacht halte ich Wache.” Jens holte seinen Schlafsack.
“Bist du nicht zu jung?”, fragte Ines. “Du solltest zu Bett gehen, ich bleibe hier.” Jens hörte nicht auf sie. Er saß so am Tisch, dass er die Lücke zwischen Kühlschrank und Herd einsehen konnte. Sie spielten ‘Mensch ärgere dich nicht’. Würfel rollten, Figuren rückten vor und Ines fielen die Augen zu. Jens presste den Rücken gegen die Stuhllehne, als vor ihm ein Lichtpunkt auftauchte, der zu einem Kreis wuchs, flirrend, hypnotisch zwischen Kühlschrank und Herd tanzte. Jens erstarrte wie ein Kaninchen vor den Scheinwerfern eines Autos. Er sah einen Kopf, dann fiel der Mann in die Küche. Hager, mit leblosem Blick in bleicher Nacktheit. “Mutti!”, rief Jens und rüttelte an ihr. Bevor sie reagieren konnte, sprang er auf, hechtete in die Öffnung. Der Boden war hart und konkav, die Wände gewölbt. Er lag in einer Kugel. Wie durch Watte hörte er das Rufen seiner Mutter, das Rauschen des Blutes in seinen Ohren, dann ein dumpfes Geräusch, Stöhnen. Die Beine des Toten verschwanden aus seinem Gesichtsfeld, während sich der Ausschnitt der Küche auflöste.
“Jens?” Seine Mutter umarmte ihn weinend. “Ich konnte dich doch nicht allein lassen. Wo sind wir?” Aggregate summten, raunten, wisperten.
“Weiß nicht.” Über ihnen sickerte gelbrötlich flackerndes Licht aus einem Loch hervor. Jens streckte seine Arme nach dem Rand aus, zog sich daran hoch und sah hinaus. Zu beiden Seiten standen mannshohe Statuen. Fackeln in ihren Händen beleuchteten Köpfe mit Fischmäulern, hervorstehenden Augen. Stachelkämme liefen von der Stirn über Schädel, über Nacken, über Rücken. Das Licht spielte auf grob behauenen Felswänden. Der Saal war etwa zehn Schritte lang, zehn Schritte breit und so hoch, dass ein Mensch darin aufrecht stehen konnte. In der rückwärtigen Felswand klaffte eine mannshohe Lücke. Jens sprang auf einen quaderförmigen blutbefleckten Felsen. Dann drehte er um und streckte die Arme nach seiner Mutter aus.
“Um Himmelswillen!”, rief sie. “ Was ist das? Ein Altar?”

Sie hasteten durch den Saal und blickten noch einmal zurück.
Über dem Altar kauerte ein Riesenkrake aus Stein, geschliffen, bemalt. Ein Götze, dessen Schlund sie ausgespuckt hatte. Tellergroße Augen starrten auf die beiden Menschen. So schien es. Tentakeln wanden sich um Säulen zu beiden Seiten des blutigen Felsklotzes, hielten in ihren Saugnäpfen Instrumente, die mit ihren Spitzen, Zacken an nichts erinnerten, was Jens bisher gesehen hatte. Angst trieb sie weiter und sie rannten in den Gang am Ende des Raumes. Es war so dunkel, dass Jens zurück lief und den Statuen die Fackeln aus den Händen riss.
“Jens”, klagte seine Mutter. “Wo wird das noch hin führen? Wieso ist es so heiß hier? Worauf haben wir uns da bloß eingelassen? Und diese Götzen mit den scheußlichen Köpfen, hast du die gesehen?”
Der Gang war so eng, dass sie hinter einander gehen mussten. Er krümmte sich nach links. Jens sah, dass er nach oben führte. “Ich glaube, wir sind in einem Berg.”
“Wie lange noch?”, jammerte Ines. “Wenn dein Vater doch nur hier wäre. Der hätte Rat gewusst. Was soll ich denn meinem Chef erzählen, warum ich nicht ins Büro gekommen bin? Und dann hab ich mich auch zur Dauerwelle angemeldet. Und jetzt ist auch noch meine Uhr stehen geblieben. Es ist doch Nacht, oder? Wie spät ist es denn überhaupt?”
Woher soll ich das wissen, dachte Jens und schritt zügig aus. Er besaß keine Uhr. Es war heiß, doch die Luft war atembar, sie hatten Licht. Was wollten sie noch mehr?
“Wir gehen bis ans Ende des Ganges und dann sehen wir weiter.”
Nach einigen Stunden konnten sie sich nicht mehr auf den Beinen halten und fielen erschöpft zu Boden.

Als sie erwachten, waren die Fackeln erloschen.
“Gehen wir doch zurück.”
Jens schüttelte den Kopf. “Ich mache weiter.”
“Ich kann dich doch nicht allein lassen.” Ines blieb stehen und fing an zu weinen. Jens machte sich auf den Weg. Seine Schritte hallten durch den Gang. Das unendliche Band des Weges stumpfte ab. Er bewegte sich, ohne einen Gedanken an seine Mutter zu verlieren, wie ein Automat in der Dunkelheit. Nur selten stieß er an eine Wand. Es mussten Stunden vergangen sein. Ein Geruch von Fäulnis durchzog die Luft, als er ins Freie trat. Auf der Kuppe des Berges umfasste ihn ein Windhauch. Jens hatte das Staunen verlernt. Das Plateau, auf dem er stand war nicht unwirklicher als das, was er zuvor erlebt hatte. Sterne funkelten in kühler Nacht. Zwei Monde warfen ihr silbriges Netz über schroffe Bergketten. Steinerne Figuren standen am Rande der Kuppe. Fackeln in ihren Händen warfen gespenstisch flackerndes Licht über ein mit Skeletten übersätes Areal. Schädel von Fischköpfen, von Menschen, Schwerter und Äxte sagten Jens, hier hatte ein entsetzlicher Kampf stattgefunden. Knochen zerbrachen unter seinen Stiefeln, als Jens den Platz abschritt. Der hatte einen Durchmesser von gut zweihundert Schritten. Jens sah den Abhang hinab und entdeckte Licht, das sich um den Berg bewegte.
Zwischen zwei Skulpturen führte ein Weg hinab, der in einer Spirale um den Berg führte. Jens folgte dem Pfad. Er hielt an, sah nach unten und beobachtete eine Menschengruppe, die den Weg hoch kam. Menschen? Stachelkämme blitzten unter dem Schein der Fackeln. Vier Fischmenschen trugen einen Balken, an den ein Mensch gebunden war. Ein neues Opfer, dachte Jens. Seine Knie gaben nach und er lehnte an der Wand. Er musste umkehren. Er ging den Weg, den er gekommen war. Vor flackerndem Licht sah er die dunkle Silhouette seiner Mutter, die sich wie ein Kreisel drehte. Es schien, als wolle sie sich dem Anblick der Knochen und Gerippe entziehen. Jens rannte auf sie zu, ergriff ihre Schultern, als die Gruppe der Fischmenschen mit dem Opfer zwischen den Statuen sichtbar wurde.
“Ich bin es, Jens.” Ines stand wie festgefroren auf dem Platz. Ihr Mund bewegte sich, ohne etwas zu sagen.
“Wir müssen zurück.” In einer Hand die Fackel zog er mit der anderen seine Mutter in den Berg, durch den Gang, getrieben von klickenden Lauten, Grunzen. Lang gezogenes menschliches Klagen brach sich an den Wänden. Stumm folgte Ines ihrem Sohn. Sie schien am Ende ihrer Kräfte, doch sie hielt durch. Jens war so stolz auf sie. Sie machten keine Pause, fanden keine Zeit zum Schlafen und torkelten unter dem Schein der Fackel in den Opferraum. Jens gab der Statue die Fackel zurück, dann hob er seine Mutter auf den Altar, sprang hinterher und schob Ines in den Schlund des Kraken. Sie saßen in der Kugel unter flackerndem Licht, das über ihnen aus der Öffnung kam.
Schleifende Schritte, die fremdartigen Laute, der Schrei eines Menschen. Jens verstand die Worte nicht. Er ahnte, was sie ausdrückten. Sie bereiteten das Opfer vor. Jens zog sich am Loch empor und sah hinaus. Hände drückten einen Mann auf den Altar. Jens sah Schwimmhäute zwischen den Fingern. Hervorstehende Augen stierten unter rötlich flackerndem Licht zu einem Messer empor, Kiemen hoben, senkten sich und das Messer sauste hernieder. Jens ließ sich neben seine Mutter fallen. Über ihnen erschien der Kopf des Toten, dann sein Rumpf. Jens zog ihm das Messer aus der Brust. Dann sah er einen Lichtpunkt, dann den flirrenden Kreis.
“Die Küche!” Jens schob seine Mutter durch das Portal. Der Tote rutschte ihr nach. Jens nahm das Messer zwischen die Zähne, stemmte seinen Körper durch das Loch über ihm und sprang auf den blutigen Altar.
Die Fischmenschen hatten ihm den Rücken zugedreht und verließen den Opferraum. Mit einem Satz sprang Jens auf den Rücken des letzten und setzte ihm das Messer an den Hals.
Als Jens in den Schlund der Krake getaucht war, sah er noch einmal hinaus. Sie standen mit rotgefärbten Stachelkämmen vor dem Rumpf, deuteten auf die Öffnung, kamen auf sie zu, doch dann drehten sie um und verschwanden in dem Gang. Jens sah, wie das flirrende Tor sich zu zog, wie Ines mit weit aufgerissenen Augen auf den Toten starrte, der neben ihr lag, wie sie schluchzte: “Jetzt liegt da wieder einer. Was mach ich denn bloß mit dem!” Für Jens war es zu spät, die Öffnung des Portals war zu klein für ihn. Jens zwängte den Fischkopf in die Küche und rief: “Jetzt kannst du die Polizei anrufen. Ich warte auf das nächste Opfer!” Das Portal zu seiner Welt schrumpfte zu einem Punkt, dann war es nicht mehr. Jens legte sich auf den Boden und wartete, während die Maschinen flüsterten.

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