Ganz schön bissig ...
Ganz schön bissig ...
Das mit 328 Seiten dickste Buch unseres Verlagsprogramms ist die Vampiranthologie "Ganz schön bissig ..." - die 33 besten Geschichten aus 540 Einsendungen.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Sabine Ludwigs IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
August 2005
Die Mutprobe
von Sabine Ludwigs

„Zelten und unheimliche Geschichten um Mitternacht gehören zusammen“, erklärte Lenards Vater, und legte noch zwei dicke Äste auf das Lagerfeuer. „Ich könnte dir eine Geschichte erzählen ...“ Er zog die Augenbrauen beredt in die Höhe und wiegte den Kopf.
Die Flammen knisterten und spuckten Funken in den Nachthimmel, die auf dem Weg zum Mond verglühten. Er wischte die Hände an der Jeans ab und setzte sich auf einen Baumstamm, den sie als Sitzgelegenheit herbeigerollt hatten.
„Okay.“ Lenard hockte sich neben ihn. Hier, in der Nähe der dichten Blautannen, konnte man beinahe vergessen, dass sie bloß im Garten hinter dem Haus zelteten.
Langweilig, hatte Lenard gedacht. Todlangweilig!
Doch jetzt hingen seine Augen an den Lippen des Vaters. „Du fängst an, Paps! Aber ich sage dir gleich, dass ich nicht so schnell Schiss bekomme.“ Lenni nahm einen dünnen Stock und stocherte in der Glut herum. Wieder stieg ein Funkenregen auf. „Bange machen gilt nicht!“ grinste er.
Sein Vater nickte. „Aber zuerst solltest du wissen, dass die Geschichte wahr ist. Dein Urgroßvater Großvater Franz war dabei, als die Sache damals passierte. Er kannte den alten Friedhof und alle Jungs, die bei der Mutprobe anwesend waren. Der arme Franek war sein bester Freund.“
Der Nachtwind auf Lenards Nacken fühlte sich kalt an. Nur deswegen bekam er eine Gänsehaut und schlug den Kragen seiner Jacke hoch.
„Was für eine Mutprobe?“, Lenard flüsterte unwillkürlich. „Und wer ist Franek?“
In den Augen seines Vaters spiegelte sich der Feuerschein. „Immer der Reihe nach, mein Sohn“, raunte er. „Immer der Reihe nach ...“
„Los!“, drängte Lenni. „Erzähl endlich!“
Eine Böe fegte durch das Lagerfeuer und ließ die Flammen hell aufleuchten.
„Also gut. Vor ungefähr 90 Jahren lebten in einem Dorf im Erzgebirge fünf Jungs. Jan, Carel, Juri, Franek und mein Großvater, Franz. Sie waren unzertrennlich und stellten allerhand Unsinn an. Häufig kletterten sie nachts aus den Fenstern ihrer Kammern und trafen sich auf dem Marktplatz. Dann zogen sie durch die menschenleeren Gassen und erzählten sich Spukgeschichten. So kam es, dass sie eines Nachts beschlossen, Totenkerzen zu fangen.“
„Was sind Totenkerzen?“
„Ignis Fatuss. Narrenlichter, denen nur Narren folgen. Irrlichter, die aussehen wie Kerzenflammen. Geister, die die Gestalt von kleinen, flackernden Lichtern annehmen, auf Friedhöfen spuken und über Gräber sausen. Oder sie tanzen an Plätzen, wo jemand sterben wird. Man sagt, sie führen jeden Menschen, der ihnen folgt, in den Tod.“
„Weshalb?“, hauchte Lenard.
„Damit seine unglückliche Seele zu einem neuen Irrlicht wird und mit ihnen durch die Nächte tanzt.“
„Warum wollten die Jungs die Narrenlichter fangen?“
„Franek behauptete, dass die Irrlichter kein Spuk sein könnten, da es keine Geister gibt. Und das wollte er seinen Freunden beweisen.“
„Wie?“
„Mit einer Mutprobe. Er wollte in der Geisterstunde auf den Friedhof gehen, um ein Narrenlicht zu fangen. Als Beweis dafür, dass es kein Gespenst wäre, das mit Totenhänden nach Menschen greift und sie festhält, bis sie ihr Leben aushauchen. Also schlichen sie in jener Nacht an den hohen Außenmauern des Kirchhofs entlang, bis sie an das schmiedeeiserne Friedhofstor auf der Südseite gelangten. Es war totenstill, und von dort, wo sie standen, konnten sie es durch die Gitterstäbe des Tores deutlich sehen: Dutzende Lichter, die über Gräber huschten, so hell, als hätte jemand Kerzen angezündet.“
„Totenkerzen!“, wisperte Lenni und rückte näher zu seinem Vater.
Paps nickte. „Wie Kerzenflammen, die über den Totenacker schwärmten. Wunderschön. Und unheimlich zugleich. Die Freunde hielten den Atem an, als sie das geheimnisvolle Schauspiel beobachteten. Doch als ein paar Lichter in ihre Nähe schwebten, da zuckten Juri und Carel zurück. Jan keuchte und umklammerte die Stäbe des Tores, als wollte er sie verbiegen.
„Franek! Wir sollten das nicht tun.“ Carels Stimme klang hohl und ängstlich.
In der Stille hörte sich Franeks Lachen unnatürlich laut an, und die Freunde fuhren zusammen. „Habt ihr etwa Angst? Dann gehe ich eben allein! Ist doch alles bloß Altweibergewäsch! Los Franz, mach mir die Räuberleiter.“
Franz verschränkte die Hände ineinander, und hielt sie wie einen Steigbügel zwischen seinen Knien. Er lehnte sich gegen die Mauer und Franek schwang seinen Fuß hinein, stieß sich ab und saß kurz darauf rittlings auf der Einfriedung. Seine schwarzen Locken wehten im Nachtwind. Wie verzaubert schaute er auf die tanzenden Flammen.
„Ihr lauft außen herum und wartet am Nordtor auf mich“, flüsterte er. „Ich werde über den Friedhof gehen, eine Totenkerze fangen und zum Ausgang kommen. Und dann werden wir ja sehen ...“ Er sprang auf den Kirchhof. Sie hörten, wie er auf dem lehmigen Boden aufkam.
Eine Zeitlang sahen sie Frankes Schattenriss, und wie seine Füße den Bodennebel aufwirbelten, als er auf dem schmalen zwischen steinernen Engeln, hohen, schmiedeeisernen Kreuzen und Marmorplatten unbeirrbar dahin schritt. Immer weiter auf die Totenkerzen zu. Ohne innezuhalten streckte er den Arm nach einem Irrlicht aus, griff zu und dann, ganz plötzlich, hatte ihn die Finsternis verschluckt. Einen Augenblick lang standen die Freunde wie zu Stein erstarrt da.
„Los“, übernahm Franz das Kommando. „Wir müssen auf die andere Seite!“
Die Kirchturmuhr zeigte eine halbe Stunde nach Mitternacht, als sie losstürmten. Die Jungs flitzten, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her und erreichten atemlos das Nordtor. Acht Hände umklammerten die Gitterstäbe, und vier Augenpaare starrten auf den Friedhof.
Eine Katze huschte vorüber, ein Nachtvogel kreischte und in der Ferne meinten sie den schwachen Schimmer der Irrlichter zu erkennen - aber von Franek war nichts zu sehen und zu hören.
„Vielleicht waren wir schneller als er“, unterbrach Carel das Schweigen. „Wir sind gerannt, er ist langsam gegangen. Außerdem ist es stockdunkel auf dem Friedhof, und er will eine Totenkerze fangen!“
Franz schaute auf die Kirchturmuhr. Zehn vor eins. Er schickte Juri und Carel zurück zum Südtor, falls Franek umgekehrt war. Er selbst blieb mit Jan am Nordausgang. Immer wieder riefen sie verhalten Franeks Namen.
Vergeblich.
Die Kirchturmuhr schlug drei, als Juri und Carel zu den anderen zurückkehrten - doch Franek tauchte nicht wieder auf.
„Bestimmt ist er nach Hause gegangen und lacht sich über uns krumm und schief.“ Carel hörte sich nicht sehr überzeugend an.
„Wir müssen nachsehen.“ Franz sah sie der Reihe nach an. „Alle zusammen.“
Juri wurde bleich und schüttelte den Kopf. „Nie im Leben gehe ich da rein!“, weigerte er sich. „Carel hat Recht. Wäre Franek noch dort, hätte er auf unsere Rufe geantwortet. Er hat sicher Angst bekommen, ist umgekehrt und nach Hause gelauen.“
Franz spuckte aus.
„Und wenn ihm was passiert ist?“
Juri senkte den Blick.
„Dann hätte er geschrieen“, meinte Carel. „Damit wir ihm helfen meine ich, oder nicht?“
„Was, wenn wir es nicht gehört haben?“, wandte Franz ein.
„Wir hätten es gehört.“ Jan nickte bekräftigend.
Wie geprügelte Hunde schlichen sie nach Haus und fühlten sich nicht Wohl in ihrer Haut, als sie dem Friedhof den Rücken kehrten. „Lieber Gott“, betete Franz. „Bitte mach, dass Franek ein Feigling ist und in seinem Bett liegt.“
Das Feuer war beinahe heruntergebrannt. Paps stand auf, um Holz nachzulegen. Gierig leckten die Flammen an der neuen Nahrung und die aufsteigende Hitze wärmte ihre Gesichter.
„Und?“ wollte Lenard wissen. „War Franek ein Feigling? Oder hat er eines der Narrenlichter gefangen?“ Ungeduldig stieß er seinem Vater den Ellenbogen in die Seite.
„Eine alte Frau ging in der Frühe zum Blumengießen auf den Friedhof. Und da fand sie Franek, nur wenige Schritte hinter dem Südtor. Er lag auf einem Grab, die Augen geöffnet, mit friedlichem Gesicht. Es stimmt nicht, dass Tote verzerrte Gesichter haben, egal, wie sie gestorben sind. Denn wenn man tot ist, dann erschlaffen alle Muskeln, und das Gesicht ist nur still und bleich. Wie das von Franek. Er hatte die Augen geöffnet und sah aus wie immer. Aber seine schwarzen Locken ...“
Paps stocherte im Feuer herum.
„Ja?“, presste Lenard mit angehaltenem Atem hervor.
... seine schwarzen Locken, sie waren schlohweiß geworden.“
Lenni schluckte.
„Was war passiert? Haben die Irrlichter ihn geholt, damit er mit ihnen über die Gräber tanzt?“
„Im Polizeibericht stand etwas anderes. Franek stolperte wohl über ein Grab. Er blieb mit dem Pullover an dem hakenförmigen Dorn eines schmiedeeisernen Kreuzes hängen und verfing sich daran. Je mehr er zog, desto stärker verhedderte sich die Wolle des Pullovers um den Haken. Er muss wohl geglaubt haben, dass ihn etwas festhielt, denn in der Finsternis konnte er die Hand vor Augen nicht sehen. Vielleicht die Totenklaue einer verlorenen Seele, ein Irrlicht, dem nur Narren folgen. Der Junge muss verzweifelt versucht haben sich loszureißen. Der Pfarrer meinte später, Franek wäre vor lauter Angst gestorben, deswegen war sein Haar auch weiß geworden. So kann man wohl sagen, dass die Totenkerzen letztlich wieder einen Narren ins Verderben lockten.“
Paps legte einen Arm um Lennis Schulter.
„Warum hat er den Pulli nicht ausgezogen?“
„Er war bloß ein Junge, der nachts allein auf dem Friedhof war um Irrlichter fangen. Er hielt sich für mutiger, als er war – doch als er Angst bekam, da konnte er nicht mehr klar denken.“
„Mir wäre das nicht passiert!“
Paps lachte. „Das ist gut. Und nun ab in den Schlafsack, mein Sohn.“
Widerwillig stand Lenni auf. „Ich muss noch mal hinter die Sträucher.“
„Gut.“ Sein Vater machte keine Anstalten ihn zu begleiten, und so stapfte er allein davon.
Als er sie sah, pinkelte er sich vor Schreck auf die Turnschuhe und kreischte los. Er rannte, stolperte über ein unsichtbares Hindernis und schlug lang hin.
... sie tanzen an Plätzen, wo jemand sterben wird ...
Lenard schrie immer noch: „Hilfe! Totenkerzen! Narrenlichter!“ als sein Vater schon neben ihm kniete. Er hörte, wie Paps lachte und sah, wie er einen der Lichtpunkte vom Himmel fischte. Paps öffnete die Faust. Der Junge schaute verblüfft auf die kleine Motte mit dem leuchtenden Punkt.
„Keine Totenkerze“, murmelte Lenni. „Bloß ein Glühwürmchen.“

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 10074 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.