Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2005
Uppercut tanzt nicht im Takt
von Frank Hoese

Regen fieselte an dem schmierigen Glas runter wie billiger Wodka. Draußen war es stockfinster. In den dreckigen Tropfen spiegelte sich die noch dreckigere Beleuchtung der Amüsierschuppen draußen. Ernst Rowdy Uppercuts Schädel brummte. Wie war er bloß hergekommen?
Das war eine ganz billige Absteige hier. Die Tapete kam von der Wand runter, von der Decke hing eine kaputte Glühbirne, und in der Ecke lag eine Leiche rum. Niemand, den Ernst Rowdy kannte.


An seiner Unterlippe klebte noch eine Zigarette. Er klopfte seine Jackentaschen ab, fand aber nur ein paar alte Magentabletten. Kein Feuer. Also stöberte er ein bisschen in dem Schreibtisch rum, der vor dem Fenster stand, aber es war so dunkel, dass er nix sehen konnte.
Erst als vor dem Fenster ein Blaulicht auftauchte, ging es einigermaßen. Ein zweites kam dazu.
„Na also“, knurrte der Meisterdetektiv. Jetzt konnte er wenigstens was sehen.
Endlich fand er Streichhölzer und steckte die Fluppe in Brand. Dann fühlte er sich schon viel besser. Jetzt hätte nur noch sein Kumpel Jim Bourbon gefehlt. Stattdessen kam sein Erzfeind Captain Sherman durch die Tür spaziert. In zweieinhalb Sekunden wimmelte es in der Bruchbude von blauen Uniformen wie auf einem Schützenfest.
„Uppercut!“, brüllte Sherman und grinste so hämisch, dass der Schimmel von der Wand fiel. „Endlich! Jetzt hab ich dich!“
„Und was hab ich verbrochen, du Schlaumeier?“ fragte Ernst Rowdy zurück, der sich nicht so schnell foppen ließ.
„Na, fangen wir mal mit dem Mord da drüben an“, feixte Sherman. „Der Rest fällt mir auf dem Weg ins Kittchen ein.“

Der Captain nahm ihn achtundfünfzig Stunden in die Mangel, aber der Detektiv sagte nix. Langsam wurde er müde und musste aufs Klo. Außerdem fiel ihm ein, dass er den Herd zuhause nicht abgestellt hatte. Seine Bohnen konnte er wegschmeißen, wenn er nicht langsam in die Gänge kam. Deswegen fasste Ernst Rowdy einen Plan. Erst mal einen Bluff.
„Ich sag nix ohne meinen Anwalt“, knurrte er. Das war ziemlich clever; er hatte gar keinen. Der einzige Anwalt, den er kannte, hatte ihn mal verklagt, weil er seinen Plümmes bei ihm im Vorgarten geparkt hatte.
„Na schön“, grunzte Sherman. Jetzt stand er in der Ecke. Gleich hatte der Detektiv ihn, wo er ihn haben wollte.
„Und außerdem kann ich euch ja helfen“, schlug er vor. „Ich war’s ja sowieso nicht, also kann ich genausogut rausfinden, wer’s gemacht hat.“
„Das ist die dümmste Idee, die ich je gehört habe“, brummte der Captain. „Der Chief bringt mich um. Aber viel mehr haben wir wohl nicht in der Hand.“
Er schloss die Handschellen auf und dann die Tür.
„Na los“, sagte er. „Du hast nur eine einzige Nacht. Wenn die Sonne aufgeht und du mir keinen Mörder lieferst, brate ich dich eigenhändig auf dem elektrischen Stuhl, Uppercut.“
„Joh“, machte Ernst Rowdy und verschwand in dem Nieselregen, der immer noch runter gepladdert kam wie aus einer rostigen Gießkanne aus dem Ausverkauf.

Die Nacht war kalt und dreckig, wie eine Nacht nur sein konnte. Uppercut beneidete die Leute, die oben auf dem Hügel im piekfeinen Santa Petra wohnten und bei so einem Schweinewetter am Kamin saßen, teures Kabelfernsehen guckten und Cocktails schlürften, während er hier unten die Dreckarbeit machen musste.
Langsam dämmerte ihm, dass er weder wusste, wie die Leiche hieß, noch wo sie herumlag, als man ihn aufgegabelt hatte. Sherman hatte schon Feierabend, weswegen es wenig Zweck hatte, ihn anzurufen. Der Captain konnte es nicht riechen, wenn man ihn privat anrief. Besser er fing einfach an zu suchen.
Im Amüsierviertel rannte das übliche Kroppzeug rum, das sein Geld verpulvern wollte. Überall brannten bunte Lichtreklamen, in denen sich Mädels in Tangas rumräkelten. Eine Disco kam ihm bekannt vor, und er ging rein.

Alles war gerammelt voll. Auf der Tanzfläche tanzten Leute unter einer großen Silberkugel, die um ihre Achse torkelte wie ein besoffener Clown. Der Barkeeper war ein schmalbrüstiger Schnösel, den eine Gesichtslähmung oder eine Dröhnung PVC ununterbrochen grinsen ließ.
„He, Junge!“ brüllte Ernst Rowdy. „Gieß mir mal nen Bourbon ein. Hast du mich schon mal gesehen?“
„Nein, Sir“, grinste der Bubi. „Dem Himmel sei Dank, Sir. Noch einen?“
„Nee“, knurrte Ernst Rowdy, kippte seinen Drink runter und versuchte es in der nächsten Kneipe.

In der achtundzwanzigsten Kneipe wurde er fündig. Soweit er noch erkennen konnte, lungerte hinter der Bar ein rothaariges Amüsiermädel herum, die bei seinem Anblick die Augen aufriss und in einer Tür hinter dem Tresen verschwand. Uppercut ahnte, dass er auf der richtigen Spur war. Er schubste die Leute rechts und links zur Seite und hastete hinter der Rothaarigen her. Gerade als sie die Tür zumachen wollte, schob er seinen Schuh dazwischen!
Auf einmal packte ihn jemand von hinten, und er wurde mit rumgedrehtem Arm in den Raum gezwungen, den er gerade freiwillig betreten wollte!
Jetzt war Ernst Rowdy Uppercut in Gefahr!

Als das ganze Gerappel und Gezerre vorbei war, saß der Meisterdetektiv gefesselt auf einem wackeligen Zahnarztstuhl und hatte Gelegenheit, die ganze Bande zu begucken.
Die Rothaarige saß mit übereinandergeschlagenen Beinen, die kein Ende nahmen, auf dem Rand eines Schreibtischs und kaute ein Kaugummi, mit dem sie andauernd dicke rosa Blasen machte. Der, der ihn reingeschleift hatte, war ein Gorilla mit Stoppelschnitt, dessen Visage einer Geisterbahn Angst eingejagt hätte. Ein Professor mit weißem Kittel und schwarzem Bart zog eine Spritze auf. Das machte Ernst Rowdy ein bisschen unsicher, aber als der Professor sich die Spritze selber gab, wurde er lockerer. Vielleicht würde ja noch ein Bluff funktionieren.
„Was wollen Sie eigentlich“, sagte er. „Ich wollte nur aufs Klo.“ Eigentlich stimmte das. Uppercut war noch nicht zuhause gewesen. Seine Bohnen waren jetzt ganz sicher im Eimer, und seine Blase in zehn Minuten auch.
Der Gorilla gab ihm eine Backpfeife, dass er die Engel Harfe spielen hörte. Uppercut renkte seinen Kiefer wieder ein und überlegte, aber da kam überhaupt nix bei raus.
„Wo haben Sie es, Uppercut?“
„Häh?!“
„Wo es ist.“
„Mach bloß nicht wieder so eine Schweinerei, Hump“, sagte die Rothaarige. Uppercut wünschte sich eine Magentablette, eine Lucky und einen Whisky, und dass die Rothaarige auf seinem Schoß sitzen würde, aber irgendwie ahnte er, dass er das alles nicht kriegen würde, ja, dass es ein Teil des Spiels war, dass er das nicht kriegte.
Um ihn zu quälen nämlich!
Hump – das war wohl der Professor – schmiss mit großem Getöse einen alten, rostigen Bohrer an und hielt ihn vor das Gesicht des großen Detektivs!
„Wo es ist, will ich wissen“, schnarrte er.
„He“, brüllte Ernst Rowdy, „ich sag ja, wo’s ist!“ Natürlich hatte er keinen Schimmer, aber er hatte heute schon so viel geblufft, dass es jetzt auch nicht mehr drauf ankam.
„Mach uns schlau“, sagte der Gorilla.
„Da müsste ich schon zaubern können“, meinte Ernst Rowdy, warf die Beine in die Luft und sich selber nach hinten, dass der ganze Zahnarztstuhl aus dem Betonsockel gerissen wurde und umkippte. Alle guckten total geschockt. In Nullkommanix war Uppercut wieder auf den Füßen und rempelte den Gorilla an die Wand, dass der die Augen verdrehte und ins Nirwawa abging. Der Professor zog hektisch eine Spritze mit Gift auf, kriegte es aber nicht geregelt, bevor Ernst Rowdy Uppercut ihn umwarf und knirschend unter dem großen Zahnarztstuhl begrub, der ihm so lange als Folterinstrument gedient hatte! Und dabei fiel er auf seine eigene Spritze! Das war wenigstens eine Art von Gerechtigkeit!!
Jetzt war nur noch die Rothaarige übrig.
„Los, machen Sie die Fesseln ab“, forderte Ernst Rowdy Uppercut.
„Ich denk nicht dran“, sagte die Rothaarige. „Warum sollte ich?“
„Weil ich der Mann bin, und Sie die Frau“, knurrte der Detektiv. „Außerdem hab ich gewonnen. Also?“
Die Rothaarige stand auf und fuhr mit einer samtpfotigen Hand über sein Stoppelkinn.
„Kommt drauf an, was du zu bieten hast, Darling“, gurrte sie. „Weißt du, wo es ist?“
„Sicher“, bluffte Ernst Rowdy. Inzwischen wusste er selber nicht mehr, ob er es wusste oder nicht. Konnte ja gut sein, so tief wie er inzwischen in der Sache drinsteckte.
„Na schön“, gurrte die Rothaarige weiter, machte seine Fesseln ab und hielt ihm eine Flinte an die Stirn. „Du bringst mich hin, und dann sehen wir weiter.“

Jetzt stolperten sie durch einen Hinterhof, in dem Müll und alte Ölfässer herumlagen. Ernst Rowdys Gehirn arbeitete fieberhaft. Das Gewehr war bestimmt geladen. Wenn er nicht tat, was sie wollte, pustete sie seine Kutteln an die Wand. Wenn er tat, was sie wollte, hatte er auch irgendwie verloren. Beides schmeckte ihm nicht. Er blieb vor einem Müllcontainer stehen und bluffte ein letztes Mal.
„Da drin“, sagte er.
Sie winkte mit der Flinte. „Na los, dann rein. Hol’s mir.“
Der Detektiv kletterte in den Container. Ein Scheißjob war das. Was tat man nicht alles, nur um nicht auf dem elektrischen Stuhl zu landen. Er fummelte zwischen Kartoffelschalen, benutztem Klopapier und Fischgräten herum, bis er etwas fand.
Und das war die Rettung!

Der Meisterdetektiv fuhr herum und drückte volles Pfund auf die kleine gelbe Plastikflasche. Reine Zitronensäure schoss heraus und der Rothaarigen in die Augen!
Sie brüllte auf wie ein verwundeter Drache und ließ die Waffe fallen!
Dann kletterte Uppercut aus dem Container und wollte sich aus dem Staub machen, aber die Rothaarige konnte Karate nach Gehör!
Ernst Rowdy steckte vier, fünf harte Schläge ein, dann tauchte er unter ihrem herumwirbelnden Bein durch und robbte zu einem Taxi, mit dem er in der Nacht verschwand.

Noch anderthalb Stunden bis Sonnenaufgang. Uppercut ließ sich zuhause absetzen, ging aufs Klo und machte den Herd aus. Die Bohnen waren hinüber. Na, und wenn schon. Er warf eine Flasche Jim Bourbon in seine Reisetasche, schloss seine Wohnungstür hinter sich zu und startete den Plümmes. Viel hatte er, ehrlich gesagt, noch nicht herausgefunden. Zum Beispiel wusste er immer noch nicht, wer die Leiche war und wer sie umgebracht hatte.
Die Sonne ging immer im Osten auf; das hatte Ernst Rowdy extra im Lexikon nachgeschlagen. Wenn er also immer nach Westen fuhr, blieb es immer Nacht. Dann konnte Captain Sherman ihm nix anhaben. Dann war da noch die Sache mit diesem pazifischen Ozean.
Das konnte ein Problem werden.
Aber Ernst Rowdy Uppercut war ein guter Schwimmer.
Der Beste!

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