Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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August 2005
Spuk in der Pathologie
von Silvia Both

Clara amüsierte sich. Sie war nicht die Einzige, die an diesem milden Sommerabend im Innenhof der Uni über Charlie Chaplin Tränen lachte. Sommerkino. Der hungrige Goldsucher verspeiste seinen Schuh. Begleitet von Livemusik, Klavier und Geige, ließ er die Brötchen tanzen. Ein heller Schrei. „Sieh mal, Wilfried“, stieß Clara ihren Freund in die Seite, „eine Möwe.“ Der Vogel glitt über sie hinweg. Sein Körper leuchtete weiß im Schein des Projektors.
Clara kuschelte sich an ihren Freund. Viel zu früh endete der Film für ihren Geschmack. Unter dem heftigen Applaus des Publikums winkte der Veranstalter die Musiker nach vorne, kündigte den Stummfilm des nächsten Abends an und vergass nicht, auf die Spendeneimer am Ausgang hinzuweisen.
Wilfried zog Clara mit sich. „Komm, wir gehen noch irgendwohin etwas trinken.“
„Warte.“ Sie wollte sich noch umschauen, in der Menschenmenge nach Bekannten Ausschau halten.
Ein Mann sah zu ihr hinüber, winkte. „Da ist Mark!“
Der bahnte sich einen Weg durch die Menge, begrüßte Wilfried, umarmte Clara. „Der Film war toll, nicht wahr? Kommt ihr noch mit, ein Bier trinken?“
„Wir wollten auch gerade los. Vielleicht ins Habana?“, schlug Clara vor.
Die drei schlenderten am Kaiserplatz vorbei. In der Bahnunterführung spielte einer Gitarre, vor sich eine Kappe mit ein paar Münzen. Wilfried ließ einen Euro springen. „Einen wunderschönen guten Abend noch“, rief der Gitarrist hinter ihnen her.
Clara und Wilfried schlenderten eingehakt über die Alleewiese, Mark neben ihnen. Die ganze Zeit stritten sie sich darüber, welches der beste Chaplin-Film wäre und konnten sich nicht einigen. Goldrausch oder Moderne Zeiten? Oder der Große Diktator?
Auf der Brücke über dem Weiher lehnte sich Clara an das eiserne Geländer. Eine Ente quakte entrüstet. „Das Wasser ist ganz schwarz.“
„Schwarz wie die Nacht und wie dein Haar.“ Wilfried strich über ihre langen Haare und einmal den Rücken hinunter, so dass sie unter ihrem leichten Sommerkleid eine Gänsehaut bekam.
„Wisst ihr eigentlich, dass die Pathologie renoviert wird“, unterbrach Mark ihre angenehmen Gedanken.
„Nein, du bist der Medizinstudent. Wir Germanisten haben mit euren Instituten hier nicht viel zu tun.“
„Hast du die Pathologie denn schon mal gesehen, Wilfried?“
„Nur von außen. Ich weiß, dass sie aus dem 19. Jahrhundert stammt. Schön, dass das Gebäude jetzt renoviert wird.“
„Sollen wir mal hinein?“
„Bist du verrückt? Jetzt, in der Nacht? Zu den Leichen?“
Clara verschluckte sich fast.
Mark lächelte. „Ich war schon einmal nachts drin. Die Leichen sind weg. Da ist nur Baustelle. Eine Kellertür lässt sich öffnen, weil der Türrahmen sich verzogen hat. Kommt doch mit, die Eingangshalle mit den Standbildern und den Inschriften, die müsst ihr gesehen haben.“
Wilfried zögerte, aber Clara hatte Feuer gefangen. „Das lasse ich mir nicht entgehen. Ich komme mit.“
Sie überquerten die Straße bei der alten Chemie und standen wenig später vor der Pathologie, einem klassizistischen Rundbau. Wegen der Gerüste und der vielen Plastikplanen war von der Architektur nicht viel zu erkennen.
„Christo hätte seine Freude daran“, lachte Clara.
Mark führte sie hinter das Gebäude. „Achtung, hier liegen Nägel auf dem Boden.“ Er nahm Clara bei der Hand und zeigte in den Schatten. „Da ist die Kellertreppe.“
Sie stiegen hinunter. Mark verschob eine Plane und rüttelte an der Kellertür. Nach einem kräftigen Stoß mit der Schulter öffnete sie sich.
„Iiiiih.“ Clara hatte in Spinnweben gefasst. „Ich sehe überhaupt nichts.“
Ihr Freund drängte Mark beiseite und legte seinen Arm um ihre Schultern.
„Wartet, gleich wird es heller.“ Mark entzündete mit seinem Feuerzeug eine Kerze, die auf einem Fensterbrett gelegen hatte.
In dem flackernden Lichtschein erkannten sie einen Tisch, Farbeimer, Pinsel.
Clara fröstelte in ihrem dünnen Kleid. „Draußen war es wärmer.“
„Kommt!“ Mark schob sie voran. Er schien sich auszukennen. Sie durchquerten einen Gang, der mit Stühlen vollgestellt war. Ein Stuhl polterte zu Boden.
„Aua.“ Wilfried blieb stehen.
„Was ist los?“
„Ich habe mich gestoßen.“
Mark zog Clara um eine Ecke. „Hier entlang.“
„Aber Wilfried ist noch nicht ...“ Sie hörte ihren Freund fluchen.
„Der kommt gleich nach“, murmelte Mark und zog sie vorwärts. Der finstere Raum mit mehreren Türen schien das Kerzenlicht zu verschlucken.
Mark drückte seiner Begleiterin die kleine Kerze in die Hand. „Bleib mal hier stehen. Warte auf Wilfried. Ich weiß nicht mehr genau, ob wir nach links oder rechts gehen müssen. Rühr dich nicht von der Stelle, bis ich wiederkomme.“
Mit dem brennenden Feuerzeug verschwand Mark durch eine Tür zu ihrer Rechten. „Aber ...“
Sie war allein. Irgendwo fiel etwas zu Boden. „Wilfried?“
Niemand antwortete.
Sollte sie wirklich auf Mark warten oder lieber ihren Freund suchen? Sie hob die Kerze und entdeckte zwei Türen hinter sich, war sich nicht mehr sicher, durch welche sie gekommen waren.
Ein Geräusch erschreckte sie. Als ob jemand rhythmisch gegen eine Heizung klopfte. „Tang, tang, tang, tang ...“
Clara wich zurück. Raus hier.
Sie öffnete die Tür in ihrer Nähe und folgte dem Gang, der ihr bekannt erschien, bis sie eine Treppe erreichte, die nach oben führte. Fehlanzeige. Hier war sie noch nicht gewesen.
„Tang, tang, tang ...“
Sie versuchte die aufsteigende Panik zu unterdrücken und ging hoch. Bis zu einer Stahltür. Dahinter fand sie einen großen Saal, in dem sich zehn oder zwölf Stahltische befanden. Der weiß geflieste Boden reflektierte das Kerzenlicht. Ein strenger chemischer Geruch lag in der Luft. Dies war der Ort, wo ...
Sie schauderte. Wo waren die anderen?
Sie wollte zurück. Aber die Stahltür ließ sich von der Saalseite nicht öffnen. Die Klinke fehlte. `Ich muss hier raus´, dachte sie, `und wenn ich ein Fenster einschlage.´ Am Ende des Saales befand sich eine weitere Stahltür. Mit der Kerze in der Hand schlich sie an den glänzenden Tischen vorbei, die gespenstische Schatten an die Wände warfen.
Mit einem schabenden Geräusch öffnete sich die Tür, durch sie sie eben gekommen war. Voller Hoffnung drehte sie sich um. „Wilfried?“
Im Halbdunkel sah sie eine kleine Gestalt durch den Raum humpeln. Das war nicht Wilfried. Das war ein Zombie! Eine vergessene Leiche, die durch das Gebäude geisterte! Mit einem Aufschrei stürzte Clara zur Tür, die Gottseidank über eine Klinke verfügte, und riss sie auf. Sie rannte durch einen Vorraum mit Waschbecken und kam in ein Treppenhaus. Die Holzstufen knarrten laut, als sie nach oben raste.
In der hohen Halle stand ihr plötzlich jemand gegenüber, dessen Gesicht kalkweiß aufschimmerte. Sie ließ die Kerze fallen, die augenblicklich erlosch. Ach, nur eine Statue.
Hektisch schaute sie sich um. Alle Fenster über ihr lagen außerhalb ihrer Reichweite. Aber in dem Dämmerlicht, das von einer Straßenlaterne durch die Plastikplanen nach innen drang, erkannte sie eine geschwungene Marmortreppe, die noch weiter nach oben führte.
Jemand kam die Kellertreppe hoch. Sie rannte weiter, stolperte über einen Bretterstapel und jagte sich einen Splitter in den Daumen. Die Tränen schossen ihr in die Augen. Verschwommen nahm sie wahr, dass ihr Verfolger heranhumpelte und sich über sie beugte.
Ihr gellender Schrei hallte durch den hohen Raum.
„Clara!“ antwortete Wilfried von irgendwo aus dem Keller.
„Clara!“ beugte sich Mark oben über das marmorne Treppengeländer.
Grelles Licht einer Taschenlampe blendete sie. Eine Bierfahne waberte ihr entgegen. „Wat is denn, Mädchen, ich tu dir doch nichts“, stotterte das Gespenst und senkte die Taschenlampe nach unten. Es trug abgetragene Kleidung, einen Stoppelbart und unter einer Kappe wucherten lange weiße Haare hervor.
„Ich wollte dich nicht erschrecken, Mädchen, ich wollte nur sehen, wer den kleinen Hotte nachts besuchen kommt. Ist ein prima Schlafplatz hier. Darfst mich nicht verpfeifen.“
Clara atmete tief durch und stand auf. Vor dem etwa ein Meter fünfzig großen Obdachlasen, der hier in der Pathologie eine Unterkunft gefunden hatte, brauchte sie wirklich keine Angst zu haben.
Im Licht von Hottes Taschenlampe zog sie den langen Holzsplitter aus ihrem Daumen.
Mittlerweile hatten Mark und Wilfried die beiden erreicht. „Na, ihr Pfeifen“, begrüßte Clara sie. „Ihr habt mich hier allein herumirren lassen ...“
„Ich hatte mich verlaufen.“ Wilfried rieb sich den schmerzenden Knöchel.
„Ich auch“, stöhnte Mark, „dabei wollte ich euch doch unbedingt diese wunderbare klassizistische Halle mit dem Denkmal des herausragenden Professors Gallenstein zeigen, einer wahren Koryphäe der Medizin des 19. Jahrhunderts.“ Er zeigte auf die Statue. „Ich kann euch erzählen, welche ...“
„Nein, danke“, winkte Clara ab, „ich freue mich jetzt auf ein wunderbares Bier in einer herausragenden Kneipe. Und du, Mark, angehende Koryphäe deines Fachs, lädst uns jetzt alle ein. Kommst du mit, Hotte?“

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