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August 2005
Totentanz
von Renate Hupfeld

„Meinst du nicht, dass die ein paar Nummern zu groß für dich ist, Müllerchen? Lass die Finger davon. Eine Furie ist das.“
Frankie hatte ja Recht. So ganz geheuer war ihm die junge Frau auch nicht. Es war schon auffallend, wie sie da ganz allein am Tisch saß und in den Raum starrte. Das blasse Gesicht und die pechschwarzen Haare, dazu das scharlachrote Kleid, übersehen konnte man sie nicht. Aber sehr groß war die Auswahl nicht an diesem Abend. Er tanzte gut und wollte jede Chance nutzen. Was sollte schon schiefgehen?
„Von nix kommt nix“, sagte er.
Die Band spielte einen Blues, rechts ... tab, links ... tab, das dürfte kein Problem sein. Mutig ging er auf die junge Dame zu und beugte sich zu ihr hinunter.
„Darf ich bitten?“
Sie blickte ihn prüfend an und stand auf. Da sah er erst, wie groß sie war, sicherlich einen Kopf größer als er. Und mager war sie. Als er ihre Hand nahm und seine rechte auf ihren Rücken legte, fühlte er sich unwillkürlich an ein Skelett erinnert. Diese Frau schien nur aus Haut und Knochen zu bestehen. Und nicht einmal einen simplen Blues brachte sie zustande. Sie bewegte sich hölzern und ohne Freude an der Musik. Wenn sie doch nur ein wenig lockerer wäre! Ein Gespräch beginnen, dachte er. Welches Thema könnte sie denn interessieren? Tanzen sicherlich nicht. Ihm fiel nur die übliche Floskel ein:
„Wir müssen uns schon einmal irgendwo gesehen haben.“
Bei diesen Worten wurde sie schlagartig lebendiger und fixierte ihn.
„Wann war das genau?“ Dabei bohrte sie ihre Augen in sein Gesicht.
Er sah zu ihr hoch. Auf was hatte er sich da nur eingelassen?
„Das weiß ich nicht mehr“, wich er aus
„Vielleicht im Juli vor einem Jahr? Hier beim Tanzabend?“
„Ganz bestimmt nicht. Zu der Zeit hatte ich Urlaub und war den ganzen Monat lang in Norwegen unterwegs.“
„Dann sind Sie es nicht.“
Ihre Augen wandten sich von ihm ab und wanderten suchend umher. Sollte er jetzt etwa beruhigt sein, weil er nicht der Gesuchte war?
„Ich heiße Gerald“, sagte er und schaute erwartungsvoll.
Sie schenkte ihm einen eisblauen Blick. Doch er ließ sich nicht einschüchtern.
„Gerald Müller“, beharrte er und wandte seine Augen nicht von ihr ab.
„Carlotta Mohr“, artikulierte sie exakt.
„Ein schöner Name. Wohnen Sie hier im Ort, Carlotta?“
„Pariser Straße Nummer zwei, seit genau einem Jahr.“
Und schon war sie wieder auf der Suche nach dem rätselhaften Unbekannten.
Der Blues war zu Ende. Gerald begleitete seine seltsame Tanzpartnerin zurück und bedankte sich mit einer kleinen Verbeugung. Ein wenig erleichtert wandte er sich von ihr ab. Doch da traf ihn beim Weggehen ihre schrille Stimme wie ein Pfeil.
„Ich werde ihn töten.“

Frankie wartete an der Theke und hielt ihm ein schäumendes Bier entgegen.
„Komm, trink mal was, Müllerchen, du siehst ja ganz geschafft aus.“
„Stell das Glas erst mal hin“, sagte Gerald. Sein Freund musste ja nicht unbedingt merken, dass er zitterte.
„Bist jetzt so weiß im Gesicht wie deine Dame. War ja der reinste Totentanz, den ihr da veranstaltet habt, du und das klapprige Gerippe. Ich hab dir doch gesagt, mit der stimmt was nicht. Was hat sie denn mit dir gemacht?“
Er hatte jetzt keine Lust auf Späße und versuchte seinen Freund wütend anzuschauen, was ihm aber nicht gelang, denn der brach in schallendes Gelächter aus.
„Entschuldige, ich muss an die frische Luft.“

Warum war er denn so aufgewühlt? Carlotta Mohr, Pariser Straße Nummer zwei, das ging ihm nicht aus dem Kopf. Er atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Dabei versuchte er, die Hausnummern zu entziffern. Auf der rechten Seite waren die geraden. Vierundsechzig stand da. Er beschleunigte seine Schritte und vergewisserte sich immer wieder, dass die Nummern kleiner wurden. Neben dem Haus Nummer sechs stand die Kirche, das wäre Nummer vier. Er ging vorbei und blieb plötzlich erschrocken stehen. War er denn von allen guten Geistern verlassen? Was suchte er hier? Nur weil eine Verrückte ihn an der Nase herumgeführt hatte, schlich er vor dem Friedhofstor herum. Sofort umkehren, dachte er. Doch was würde Frankie sagen, wenn er ihm diese Posse erzählte? Dessen Gelächter schallte noch immer in seinen Ohren. Vielleicht war das schmiedeeiserne Tor ja verschlossen, dann bliebe ihm ohnehin nichts anderes übrig als umzukehren. Vorsichtig drückte er die rostige Klinke herunter, sie gab nach.
Er vergewisserte sich, dass ihn niemand beobachtete. Schnell schlüpfte er durch das Tor und ließ es angelehnt. In geduckter Haltung ging er den Weg zwischen weißen Birkenstämmen entlang. Ein seltsam stilles Licht lag auf den Gräbern, so still, wie er es sich nie hätte vorstellen können. Beklemmung schnürte sich um seine Brust. Er blieb stehen und schaute hoch. Wie ein marmorierter Lampion stand der Mond über dem Kirchturm, so nah hatte er ihn noch nie gesehen.
Als die Turmuhr anschlug, kauerte er sich an den Stamm einer Birke, machte sich noch kleiner, als er eh schon war und hielt die Hände vor die Augen. Er musste die Schläge nicht mitzählen. Da sah er plötzlich das Bild vor sich, die Skelette, wie sie in der Geisterstunde tanzten. Auswendig gelernt hatte er das Gedicht und vor der Klasse aufgesagt.

Da regt sich ein Grab und ein anderes dann
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann
Dann klippert's und klappert's ...


Geklipper, Geklapper, Gerippe ... Geklipper, Geklapper, Gerippe ... Geklipper, Geklapper ... trommelte es in seinen Ohren, wollte gar nicht aufhören, bis ihn die Turmuhr ihn mit einem Schlag erlöste.
Nun müsste der Spuk vorbei sein. Er raffte sich auf und wagte ein paar Schritte. Der Mond hatte den Kirchturm verlassen und stand jetzt über einer Birke.
Es zog ihn zu der Reihe der Einzelgräber. Ein Grabstein leuchtete hervor zwischen den grauen und schwarzen. Er ging näher heran und traute seinen Augen nicht. Was er da las, traf ihn bis ins Mark.
‚Carlotta Mohr 1948 - 1966’
In großen schwarzen Lettern stand es auf schneeweißem Marmor. Über dem Schriftzug war ein Foto angebracht, oval eingerahmt. Er setzte einen Fuß auf das Grab und beugte sich hinüber, um näher heranzukommen. Es war tatsächlich die junge Frau, mit der er getanzt hatte. Hatte er mit einer Toten getanzt? War der Spuk doch nicht zu Ende? Nichts wie weg hier! Er rannte zum Tor.

Sein Herz pochte immer noch bis zum Hals, als er die Straße entlang ging. Doch hier war alles wie zuvor. Ein Pärchen kam ihm entgegen, auf dem Heimweg vom Tanzabend.

Die Veranstaltung war schon fast zu Ende, aber die Band spielte noch. Nur wenige Paare tanzten. Da stimmte doch etwas nicht. Frankie mit der scharlachroten Frau auf der Tanzfläche. Der schaffte es doch tatsächlich, sie im Takt zu halten. Ihm gelang es sogar, ein Gespräch zu führen mit dieser Frau, die es gar nicht mehr geben konnte. Ihre Augen wanderten nicht umher, sie schaute ihren Partner an beim Reden. Sehr merkwürdig das alles. Hatte Frankie deshalb diese blöden Bemerkungen über sie gemacht? Hatte er ihn deshalb ausgelacht? Da hatten ihn wohl gleich zwei Leute an der Nase herumgeführt. Doch würde sein Freund so weit gehen? Niemals. Der hätte ihn doch nicht so lange zappeln lassen. Oder war Frankie etwa derjenige, den diese Furie suchte?
Er ging zu ihrem Tisch und setzte sich so, dass er die beiden beobachten konnte. Sie hatten ihn noch nicht gesehen und schauten auch gar nicht in seine Richtung.
Da entdeckte er ihre schwarze Handtasche auf dem Stuhl neben seinem. Im Nu war der Klippverschluss geöffnet. Er zuckte zurück, als er beim Hineingreifen etwas Kaltes fühlte. Eine Pistole war das, so ein Ding hatte er noch nie in der Hand gehabt, kalt und schwarz. Eine Postkarte steckte da noch. Die nahm er heraus und schob sie in seine Jackentasche, blitzschnell, denn in dem Moment kamen die beiden Tänzer zum Tisch. Ohne ein Wort zu sagen, nahm die Frau ihre Tasche und eilte hinaus.

“Die hat wirklich ein Rad ab, Müllerchen“, sagte Frankie und plumpste auf einen Stuhl.
„Beruhige dich erst einmal.“
„Du bist gut. Rate mal, was die mir erzählt hat.“ Frankie schüttelte den Kopf.
„Dass sie seit genau einem Jahr in der Pariser Straße Nummer zwei wohnt.“
„Hat sie dir das auch gesagt, dass das der Friedhof ist?“
„Ich war sogar auf dem Friedhof.“
„Ach, da warst du die ganze Zeit. Hättest ja mal ´nen Ton sagen können.“
„Da gibt es wirklich einen Grabstein mit ihrem Namen, schneeweiß. Mit achtzehn ist sie gestorben.“
„Ach, komm. Wie heißt sie denn?“
„Carlotta Mohr.“
„Der Name kommt mir bekannt vor.“
Frankie überlegte.
„Warte mal. Da war doch was“, fuhr er fort. „Carlotta Mohr. Du, die ist wirklich tot, das stand doch groß in allen Zeitungen, man hat sie im Ulmengraben gefunden, vergewaltigt und erdrosselt, ein Jahr muss das jetzt her sein.“
„Hab ich nicht mitgekriegt.“
„Und unsere Idiotin läuft jetzt mit dem Namen einer Toten herum. Das sieht der ähnlich. Wohnt auf dem Friedhof, kein schlechter Geck.“
Gerald zog die Postkarte hervor und legte sie auf den Tisch.
„Hier, das war in ihrer Tasche.“
„Zwei kleine Monster mit Schultüten, wie süß“, sagte Frankie und nahm das Foto in die Hand. „Das ist sie, sogar doppelt. Und guck mal, was auf der Rückseite steht. Carlotta und Cristina, erster Schultag 1955.“
„Carlotta und Cristina Mohr.” Gerald ging ein Licht auf. “Du, wenn wir nichts tun, liegt bald noch jemand auf dem Friedhof.”
„Wie meinst du das?“
„Diese Furie hat eine Pistole in der Tasche.“
„Mach keinen Scheiß.“
„Sie will jemanden töten, hat sie gesagt.“
„Verstehe. Wer weiß, aus welcher Irrenanstalt die ausgerissen ist. Der ist alles zuzutrauen. Wird ja noch richtig spannend, diese Nacht.“
„Bei der Polizei. Komm, gehen wir, Frankie.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus der Ballade von Johann Wolfgang von Goethe „Der Totentanz“)

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