Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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August 2005
Sternschnuppe
von Anna Graben

Jennifer lag auf dem R├╝cken und starrte in die Dunkelheit. Hotelbetten fand sie schon immer unbequem und seit Jahren fiel es ihr jede Nacht schwer einzuschlafen und wenn sie doch irgendwann eingeschlafen war wachte sie nach zwei Stunden schon wieder auf. Da half ihr auch kein anderes Bett in einer fremden Umgebung weiter. Joseph ├╝berredete sie zu diesem Urlaub. Australien! So weit weg von zu Hause und der lange Flug war auch kein Vergn├╝gen. Aber er hatte schon immer davon getr├Ąumt, nach Australien zu fliegen. Also konnte sie ja schlecht nein sagen!
Obwohl es ihr in ihrem Ferienhaus auf Sylt jetzt viel besser gefallen w├╝rde. Dort war es nicht so hei├č und schw├╝l und das Beste an allem war, dass sie sich dort auskannte. Sie wusste, wo der B├Ącker um die Ecke war und wo es das beste Restaurant gab. Sie wusste, an welchem Strand man abends ungest├Ârt sein konnte, um sich die Sterne anzusehen. Sie ging auf die Terrasse, die zu dem luxuri├Âsen Hotelzimmer geh├Ârte, aus dem man jetzt Joseph schnarchen h├Ârte, und setzte sich auf einen Stuhl. Sie lehnte den Kopf zur├╝ck und schaute in den Himmel. Nein, es war einfach nicht das gleiche wie auf Sylt. Dort lag sie n├Ąmlich immer im Sand, der vom Tage noch aufgew├Ąrmt war und h├Ârte dem Wellenrauschen zu. Jetzt sa├č sie auf dem Stuhl, nur mit einem wei├čen knielangen T-Shirt bekleidet. Sie schaute herunter auf ihre nackten F├╝├če und l├Ąchelte ├╝ber den neuen Nagellack, den sie sich heute gekauft hatte, er war orange mit kleinen Glitzerherzchen. Immerhin gab es in Australien ganz andere Kosmetikprodukte, die sie ausprobieren konnte und die sie in Deutschland noch nie gesehen hatte.

Als sie aufstand, um zur├╝ck ins Zimmer zu gehen, trat sie auf etwas das sie daraufhin in den Fu├č biss. War das eine Spinne? Reflexartig sch├╝ttelte sie es von ihrem Fu├č ab und ging ins Bett. Dabei bemerkte sie, wie sich ein stechender Schmerz im ganzen Fu├č ausbreitete. Sie knipste das Licht an und weckte Joseph auf. War das eine Giftspinne? Die Schmerzen wurden immer schlimmer und als Joseph den Ernst der Lage ├╝berblickte, rief er einen Krankenwagen.

Als wenig sp├Ąter die Sanit├Ąter das Zimmer betraten, hatte Jennifer bereits im ganzen Bein Schmerzen, die immer st├Ąrker wurden. Man hob sie auf eine Trage, wobei sie das Gef├╝hl hatte, ihr Bein m├╝sste ihr gleich abfallen. Sie schloss die Augen und h├Ârte nur noch, wie ein Mann, von der Terrasse aus, etwas von einer schwarzen Witwe rief.

Im Krankenhaus angekommen, merkte Jennifer wie ihr Gesicht angeschwollen war, sie konnte kaum ihre Augen ├Âffnen. Und der Schmerz breitete sich jetzt im ganzen K├Ârper aus. In welchem Fu├č wurde sie gebissen? Sie hatte es vergessen.

ÔÇ×Jennifer, auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark sind Ihre Schmerzen?ÔÇť
M├╝hsam versuchte sie ihre geschwollenen Augen zu ├Âffnen. Es war so grell hier und es standen so viele Menschen mit wei├čen Kittel um sie herum. So viele ├ärzte? Wer hatte sie das gefragt?
ÔÇ×Jennifer, auf einer Skala von 1 bis 10, wie stark sind Ihre Schmerzen?ÔÇť Jetzt beugte sich ein Arzt vor ihr Gesicht, damit sie ihn sehen konnte. ÔÇ×AchtÔÇť, kr├Ąchzte Jennifer und merkte dabei, wie sie anfing zu zittern. Der Schwei├č tropfte ihr vom Gesicht. Musste sie sterben? Wegen eines Spinnenbisses? In Australien? Nein, so hatte sie sich ihren Tod nicht vorgestellt. Es war doch noch viel zu fr├╝h! W├Ąre sie doch nie hierher gekommen! Wie einen Film sah sie pl├Âtzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen: Ihre Kindheit mit ihren strengen Pflegeeltern. Ihr Jurastudium, durch das sie sich durchqu├Ąlen musste, weil es sie eigentlich gar nicht interessierte. Zu liebe ihrer Pflegeeltern aber studierte sie es, obwohl sie mit Ach und Krach ihr Abitur bestanden hatte. Nach dem Studium arbeitete sie als Anw├Ąltin in einer kleinen Kanzlei und ├╝bernahm die F├Ąlle, die ihre Kollegen nicht interessierten. Jetzt musste sie M├Ârder und Kindersch├Ąnder vertreten. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Viel lieber w├╝rde sie als Kosmetikerin arbeiten. Schon immer interessierte sie sich f├╝r Make-Ups, f├╝r Gesichtsmasken und Frisuren, f├╝r Manik├╝re, Petik├╝re und Massagen. Nichts w├╝rde ihr mehr Spa├č machen, als Frauen zu versch├Ânern und ihrer Kreativit├Ąt freien Lauf zu lassen. Den ganzen Tag ├╝ber k├Ânnte sie mit ihren Kundinnen ├╝ber dies und jenes plaudern und m├╝sste nicht bei jedem Satz ├╝berlegen, wie sie sich am besten ausdr├╝cken sollte, damit niemand das von ihr Gesagte gegen sie verwenden konnte. Sie h├Ątte keine schlaflosen N├Ąchte aufgrund von Verbrechern, die ihr nachts einfach nicht aus dem Kopf gehen, immer wieder spielten sich die Taten dieser Menschen vor ihr ab. Sie m├╝sste nicht in einem B├╝ro arbeiten und Akten w├Ąlzen. Auch f├╝r Computer hat sie sich noch nie interessiert und hatte immer Angst etwas falsch zu machen, in den Nachrichten kam schon wieder etwas ├╝ber einen Computervirus. Was, wenn der sich auf ihrem Rechner ausbreitet? Und dieser ganze Papierkram, das war doch wirklich nur l├Ąstig! Aber warum wurde sie nur Anw├Ąltin? Wegen ihrer Pflegeeltern? Wahrscheinlich wollte sie ihnen nicht wehtun, weil sie doch schon immer von einer Anwaltstochter getr├Ąumt hatten, und schlie├člich hatten sie sie gro├čgezogen, obwohl sie nicht ihre richtige Tochter war, das hatten sie ihr schlie├člich immer und immer wieder gesagt. Irgendwie musste man sich doch bedanken f├╝r diese Ehrenamtlichkeit! Und wie k├Ânnte es besser gehen, wenn man ihnen nicht ihren Vorstellungen zu entsprechen versucht von einer Supertochter? Jennifers richtige Eltern waren tot, aber sie hatte noch f├╝nf Geschwister. Das Jugendamt wusste auch deren Adressen, aber sie hat nie danach gefragt, das konnte sie ihren Pflegeeltern nicht antun, schlie├člich fehlte es ihr doch an nichts! Dann sah sie ihre Verlobung. Joseph! Was f├╝r ein Mann! Er war einer der angesagtesten Anw├Ąlte in der Stadt und ihre Pflegeeltern waren begeistert von ihm! Er fuhr Porsche und sie wohnten gemeinsam in einem gro├čen Penthouse. Alle M├Âbel wurden bei den teuersten Designern bestellt. Zugegeben, etwas futuristisch sahen sie schon aus und besonders bequem war die lilafarbene Couch ohne R├╝ckenlehne auch nicht, auch das rote Stahlbett in Herzform sah irgendwie l├Ącherlich aus. Die Bilder an den W├Ąnden hatten Motive, bei denen man jahrelang ├╝berlegen konnte, was sie darstellen sollten. Das teuerste Gem├Ąlde hing im Wohnzimmer, ├╝ber der Couch ohne R├╝ckenlehne. Der Bilderrahmen wurde mit Baum├Ąsten dekoriert. Zwei mal drei Meter gro├č war das Bild und wenn man ganz genau hinsah, sah man unten links einen kleinen rosa Klecks, zwei Zentimeter gro├č wird der schon gewesen sein! Der Rest vom Bild blieb wei├č, sonst h├Ątte es niemals diese tiefgr├╝ndige Aussage, die dadurch entstanden ist. Das Bild hatte n├Ąmlich den ungew├Âhnlichen Namen: ÔÇ×KlecksÔÇť!
Jetzt wurden die Gedanken immer langsamer und die Stimmen um sie herum h├Ârten sich nur noch ganz leise an, die Schmerzmittel hatten gewirkt und v├Âllig ersch├Âpft schlief sie ein.

Als sie nach ein paar Stunden wieder aufwachte, war das Zimmer, in dem sie lag, dunkel und ihr Bett stand nun direkt neben dem Fenster. Wie l├Ącherlich jetzt alles schien. Ihr gesamtes Leben kam ihr albern vor. Schon immer hatte sie sich herumkommandieren lassen. ALLEN hat sie versucht zu gefallen, aber wof├╝r? Respekt bekam sie daf├╝r nicht, im Gegenteil! Sie schaute aus dem Fenster und sah sich die Sterne an. Falls sie hier lebend herauskommen sollte, wird sie ihr Leben ├Ąndern!
Genau in diesem Moment sah sie eine Sternschnuppe am Himmel. Dies war ihr Zeichen! Nun war es beschlossen, diese Nacht sollte ihr Leben ver├Ąndern!

Nach drei Tagen konnte sie vom Krankenhaus entlassen werden, ihr Fu├č war zwar noch geschwollen, aber es ging ihr ansonsten wieder gut. Zur├╝ck in Deutschland l├Âste sie die Verlobung auf und zog aus dem gemeinsamen Penthouse aus. Sie nahm sich eine kleine gem├╝tliche Wohnung und kaufte sich gem├╝tliche M├Âbel, die vollkommen normal aussahen und ihre Couch hatte jetzt sogar eine R├╝ckenlehne! Die Bilder, die sie sich in die Wohnung h├Ąngte, hatten Motive, womit jedes kleine Kind etwas anfangen konnte. Blumen, Landschaften, vertr├Ąumte H├Ąuser...

An ihrem ersten Tag im B├╝ro ging sie direkt zu ihrem Chef, um ihm die K├╝ndigung zu ├╝berreichen. Erst sp├Ąter fiel ihr auf, dass niemand sie fragte, wie ihr Urlaub in Australien war. Aber hier hatte man sich sowieso noch nie f├╝r sie interessiert.

Heute arbeitet sie als Kosmetikerin in einem Wellness Hotel und trifft sich regelm├Ą├čig mit ihren wiedervereinten Geschwistern. Nachts kann sie jetzt auch wieder schlafen - wie ein Baby!

Letzte Aktualisierung: 07.04.2011 - 09.06 Uhr
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