Ganz schön bissig ...
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August 2005
Die längste Nacht
von Ingeborg Restat

Der Schnee knirschte unter unseren Stiefeln. Immer weiter konnte unser Blick schweifen, je höher wir kamen. Gipfel hinter Gipfel tauchte vor uns auf. Frisch gefallener Schnee glitzerte in der Sonne unter blauem Himmel. Ein leichter kalter Wind blies uns ins Gesicht. Doch uns, der kleinen Gruppe mit dem Bergführer, wurde wärmer mit jedem Schritt aufwärts. Mein kleiner Rucksack begann mich zu drücken nach dem langen Aufstieg. Ich blieb stehen und versuchte ihn auf meinem Rücken zu verlagern. Mark, der einen viel schwereren Rucksack trug, drehte sich zu mir um. „Was ist, Beate? Willst du schlapp machen? Wie willst du es da morgen mit zum Eiskogel hoch schaffen?“, fragte er besorgt.
„Nein, nein! Es ist alles in Ordnung“, versicherte ich und stapfte kräftig den Weg weiter hinauf.
Mark wartete und folgte mit mir den andern. „Gleich sind wir bei der Bärenhütte. Da gibt es einen heißen Tee, einen Enzian dazu und ein Lager für die Nacht. Morgen wirst du nichts anderes wollen, als zum Gipfelkreuz des Eiskogels hochzusteigen.“ Er lachte. Wie lange war es schon sein Traum, einmal dort oben zu stehen. Ich wollte es ja auch. Wenn nur nicht alles so anstrengend wäre! Aber ihm zuliebe ...
Der Weg führte in einem Bogen um einen Fels herum. Da sahen wir die Bärenhütte vor uns, im schon abendlichen Sonnenschein. Schwer lag der Schnee auf dem weit überragenden Dach. Wärme und Gemütlichkeit verheißend stieg der Rauch aus dem Schornstein kerzengerade hoch in die plötzlich windstille Luft. Dahinter erhob sich majestätisch, Ehrfurcht einflößend der Eiskogel, mit seinem in der Abendsonne funkelnden Gipfelkreuz.
Wir blieben stehen. der Bergführer mit der Adlernase und dem vom Wetter gegerbten Gesicht wies den Weg hinauf, über den wir morgen aufsteigen wollten. Ein nicht mehr so junges Ehepaar stand stumm daneben ; er sehnig und braun gebrannt; sie nicht mehr so schlank, aber behände. Eine weiße Locke sah vorwitzig unter ihrer Mütze hervor. Der einzelne Mann mit dem Ansatz zum Bäuchlein unter der Lederhose nahm seinen Hut mit dem Gamsbart ab. Er fuhr sich durch die dünnen Haare. „Und morgen werden wir dort oben sein“, sagte er andächtig.
Stumm blickten wir hinauf. Dohlen umkreisten den Gipfel, bis zu uns herunter drangen ihre Schreie.
„Dass ich das sehen darf!“, durchbrach die Frau das Schweigen.
„Ja, dies zu schauen und zu erleben ist ein Geschenk“, bestätigte ihr Mann.
„Da, da! Hoch oben springen zwei Gämsen über die Felsen“, rief aufgeregt der Mann mit dem Gamsbart am Hut.
Ja, wir sahen sie. Leises Scheppern verriet, dass sie Felsbrocken ablösten, die heruntersprangen, kling, kling, kling. Die Gämsen verschwanden irgendwo in den Felsen im Schnee. Aber immer noch war zu hören, wie Steine herabfielen. Wurden es mehr? Wurden die Schreie der Dohlen nicht schriller? Kreisten sie nicht aufgeregter um den Gipfel? Eine eigenartige Stimmung. Sie wurde mir unheimlich.
„Weiter, weiter!“, drängte plötzlich unser Bergführer und lief mit großen Schritten voran, so dass wir Mühe hatten, ihm zu folgen. Schon wollte der Gamsbart murren, da gesellte sich zu dem Geräusch der herabfallenden Steine ein verhaltenes Grollen.
„Da stürzt Schnee herab“, sagte die Frau und lachte unsicher. Warum lachte sie?
„Komm jetzt!“ Ihr Mann zog sie weiter.
Der Bergführer sagte nichts dazu, blieb stehen und forderte: „Schneller, schneller!“ Wie Schafe trieb er uns den Weg zur Hütte hoch.
„Was soll das?“, wollte sich der Gamsbart beschweren, da nahm das Grollen zu. Es wurde zum Dröhnen; der Berg schien zu erzittern. Nur noch wenige Schritte zur Tür der Hütte. Der Wirt riss sie auf. Nichts musste mehr gesagt werden. Jeder rannte, rutschte, stolperte. Die Frau schlug hin. Der Wirt griff zu, zog sie wie ein Bündel herein und warf die Tür ins Schloss. Keinen Moment zu früh.
Der Berg schien zu bersten. Das Dröhnen schwoll an zum wahnsinnigen Getöse. Unvorstellbare Massen rollten heran, krachten auf das Dach, schienen es einzudrücken. Holz knirschte; Glas splitterte irgendwo. Die Frau schrie, verschränkte die Arme über den Kopf. Der Mann hielt sie fest. Mark und ich hatten uns umklammert. Der Wirt, der Gamsbart und der Bergsteiger standen hilflos, wie verloren. Auf der Ofenbank um den mächtigen Kachelofen herum saß die Wirtin mit ihrer Tochter, einem jungen Mädchen. Sie beteten. Aber schon wurden sie aufgescheucht. Rauch trat kurz aus dem Ofen heraus und ließ uns husten.
„Gott, erbarm dich! Das Feuer! Es ist aus! Den Schornstein hat’s verstopft“, rief die Wirtin entsetzt.
Nur noch einen Moment lang sah ich alles, dann war es schlagartig dunkel. Das Dröhnen draußen entfernte sich. Zu unserm Husten war ein seltsam rutschendes Rascheln im Raum zu hören, als würden Kieselsteine hereingeschüttet.
„Mark, was ist das?“, fragte ich zitternd vor Angst und krallte mich in der Dunkelheit an ihm fest.
„Pscht, Kleines, warte!“, versuchte er mich zu beruhigen. Dabei spürte ich doch, wie auch er zitterte. Ich merkte, dass er etwas aus seiner Tasche holte und dann flammte in seiner Hand ein Feuerzeug auf. In dem schwachen Licht sah ich, wie der Rauch sich verteilte. Alle waren noch an ihren Plätzen. Sie verharrten wie erstarrt vor Entsetzen. Gegen die Fensterscheiben presste sich Schnee und Geröll. Wie durch ein Wunder hatten sie gehalten. Von oben, da wo die Nachtlager waren, rieselte etwas die Stiege herunter, Schnee mit Geröll vermischt.
„Jessas! A Lawin’ hat uns g’troffen. Das Dach hat’s erwischt“, sagte der Wirt.
Die Frau ging in die Knie, kauerte am Boden, noch immer die Hände über dem Kopf. „Nein, nein! Ich will nicht sterben!“, schrie sie.
Ich sah fragend zu Mark und erkannte, er wusste keine Antwort. Beruhigend strich er mir über die Schulter.
„Wie kommen wir hier raus?“, fragte erregt der Mann. Er ließ seine Frau los und ging mit großen Schritten auf die Tür zu.
„Ich will hier raus!“ Die Frau sprang auf, folgte ihm.
Da war der Wirt mit einem Satz an der Tür. „Wagen’ S nicht, die Tür zu öffnen!“, warnte er.
Der Gamsbart kam dazu. „Weg da!“, forderte er vom Wirt. „Es ist die einzige Möglichkeit, uns nach oben durch den Schnee frei zu schippen.“
„Jawohl!“, bekräftigte der Mann und wollte den Wirt wegschieben. Der wehrte sich. Wild rangen sie miteinander. Die Frau kreischte hysterisch, schlug und kratzte nach dem Wirt. Der Bergführer ging dazwischen. „Seid vernünftig!“, rief er ein um das andere Mal. „Gott, erbarm dich! Gott, erbarm dich!“, murmelte die Wirtin unentwegt und hielt ihre zitternde Tochter fest in den Armen. Mark und ich klammerten uns aneinander. Ich weinte.
Dann verlöschte die Flamme des Feuerzeugs. Tiefe Dunkelheit umgab uns. Schlagartig hörte das Gerangel an der Tür auf. Stille.
„Licht! Wo haben Sie Kerzen? Holen sie irgendetwas her! Wir brauchen Licht!“ Das war die Stimme des Gamsbartes.
„Wir haben nur die Luft in diesem Raum und brauchen sie zum Atmen, wenn wir überleben wollen. Kerzenlicht verbraucht zu viel Sauerstoff“, erklärte der Bergführer.
„Aber wir müssen etwas tun! Wir können doch hier nicht in der Dunkelheit ruhig sitzen bleiben“, forderte der Mann.
„Doch, wir können’s“, sagte der Wirt kurz.
„Und worauf sollen wir warten, dass einer nach dem andern von uns krepiert? Das mache ich nicht mit!“ Das war wieder der Gamsbart.
„Tut etwas! Ich halte die Dunkelheit nicht aus. Macht endlich Licht!“, jammerte die Frau.
Ja, es war schrecklich, nichts sehen zu können. Ich hielt mich an Mark fest. Er durfte mich nicht loslassen. Wenn er sich auch nur einen Schritt von mir weg bewegen würde, so wäre er wie unendlich entfernt von mir. Mir wurde kalt.
Irgendjemand tastete sich unsicher durch den Raum. Er stieß an Tische, lief gegen Stühle, strich über Tischplatten und Borde. „Ihr habt doch immer Kerzen in euren Hütten.“ Ein Streichholz leuchtete kurz auf. Der Mann und der Gamsbart prallten suchend zusammen. Wieder Dunkelheit, absolute Dunkelheit.
„Die Kerzen san halt oben bei den Lagern. Da kannst nimmer hinauf über die Stiegen“, hörte ich den Wirt sagen.
„Wir leben, seid dankbar dafür“, mahnte der Bergführer. „Wir müssen nur warten. Die Bergwacht ist bestimmt schon unterwegs. Sucht euch einen Platz, setzt euch hin und atmet so ruhig, wie es geht. Sie holen uns hier heraus, bestimmt!“
Niemand widersprach mehr. Vorsichtig bewegte sich jeder. Mark nahm mich an die Hand und zog mich mit sich. Hilflos tastete ich mit der anderen Hand um mich herum. Da, ein Stuhl, wir stießen dagegen, er fiel um.
„Bittschön, Stellt’s die Stühle wieder auf!“, forderte der Wirt.
Warum das, wunderte ich mich. Aber schon tasteten Mark und ich nach dem Stuhl und hoben ihn hoch. Noch an einem Tisch vorbei, dann hatten wir eine Bank erreicht und setzten uns.
Jeder war jetzt mit sich und seinen Ängsten allein. Die Frau schluchzte leise, während ihr Mann beruhigend auf sie einredete. Dann und wann hustete noch einer.
„Gerti, s’wird kalt. Geh halt und schau, ob’s den Schrank mit den Decken im Flur noch gibt. Dann bring’st jedem eine.“ Das war die Stimme der Wirtin. Warum schickte sie ihre Tochter und ging nicht selbst?
Füße liefen behutsam aber sicher über den Boden. Die Tochter schien jeden Schritt zu kennen, stieß nirgends an. Eine Tür wurde geöffnet. Tastende Geräusche. „Mei, Muatter, ja, i denk im Flur ist all’s wie’s war.“
Dann brachte sie jedem eine Decke. Nachdem sie gefragt hatte, wo jeder war, ging sie leicht, kaum vorsichtig, auf ihn zu, als wäre es nicht dunkel. Sie war es auch, die sich zur Küche hintastete, nicht die Wirtin oder der Wirt. Auch die Küche war wie durch ein Wunder unversehrt geblieben. So konnte sie jedem Wasser und etwas zu essen bringen. Selbst Verbandszeug holte sie, als die Frau merkte, dass sie sich bei dem Sturz an der Tür die Stirn verletzt hatte, und verband sie.
Ruhe war eingekehrt. Stumm harrte jeder auf seinem Platz aus. Die Dunkelheit schien erträglicher zu werden, war da doch jemand, der uns versorgte.
In Decken verpackt, an Mark gelehnt, war ich sogar irgendwann eingeschlafen. Seine Hand hielt ich fest, als hätte ich Angst, er könnte mir in der Dunkelheit verloren gehen. Wie lange, ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Wach wurde ich, weil einer aufgeregt rief: „Hört ihr das Brummen? Sind sie das?“
„Das ist der Hubschrauber von der Bergwacht. Jetzt holen sie uns hier raus“, antwortete der Bergführer. Er lachte.
Es dauerte nicht lange, da hörten wir ein Scharren, Kratzen, Schieben, zuerst leise, wie aus weiter Ferne. Aber es kam langsam näher. Stimmen von Menschen, noch unverständlich, mischten sich darunter. Nach einiger Zeit wurde ein Lichtschein durch die Scheibe an der Tür heller und heller.
„Licht! Licht!“ Die Frau warf ihre Decke ab, lief durch das noch dämmerige Licht zur Tür, presste sich dagegen und klammerte sich daran. Mein Herz schlug bis zum Hals. Jetzt zog ich Mark mit. Alle umstanden wir die Frau an der Tür und warteten auf den Moment, hinauszukönnen. Jubel brach aus, als ein Gesicht, ein menschliches Antlitz von draußen hereinsah. Noch ein bisschen Schippen, Kratzen und Schieben, dann wurde die Tür aufgerissen und wir stürzten hinaus. Zuerst stach uns das Licht in die Augen. Die Sonne des beginnenden Tages und der Schnee blendeten uns. Es schmerzte. Man wollte die Augen am liebsten mit den Händen verdecken. Aber das Licht, das heiß ersehnte Licht war da. Man konnte wieder sehen, wohin man ging, war sicher bei jedem Schritt.
„Mark, wir haben das überlebt“, rief ich glücklich und warf mich in seine Arme.
Dann sah ich mich um. Wir hatten wirklich Glück gehabt. „Euch hat die Lawine nur am Rand erwischt“, sagte einer von der Bergwacht. „Den Hochbauern hat’s hart getroffen, da steht nichts mehr.“
Und nicht nur den Hof hatte die Lawine niedergewalzt, sondern auch den Wald, durch den wir gestern noch voller freudiger Erwartung auf unsere Tour zum Eiskogel hochgekommen waren. Der Eiskogel selbst erhob sich wie immer majestätisch unter dem blauen Himmel und sein Gipfelkreuz funkelte, als wäre nichts geschehen.
Die andern eilten schon zum Hubschrauber, der uns ins Tal bringen sollte. Mark und ich standen noch und sahen zurück. Gewaltige Schneemassen und eine frei geräumte Tür darin, mehr war von der Hütte nicht zu sehen. Davor stand die Wirtin und bekreuzigte sich. Dann wendete sie sich ab, nahm ihre Tochter an die Hand und führte sie vorsichtig über jedes Hindernis hinweg zum Hubschrauber. Als sie an uns vorübergingen, sah ich in ein Gesicht mit leeren Augen. Die Tochter war blind.
Wie unerträglich war für mich zu aller Angst und Panik die Dunkelheit für nur eine Nacht gewesen – und sie?
„Komm! Sonst fliegt der Hubschrauber ohne uns los“, riss mich Mark aus meinen Gedanken.
Hand in Hand rannten wir zu den andern. Das Leben hatte uns wieder.

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