Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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August 2005
Golden Boy
von Birgit Erwin

Aus dem Studio hinaus in die Nacht. Sie atmet ihm ihre Unschuld ins Gesicht und ihre Süße. Er erinnert sich. Er reißt die Krawatte herunter und den Kragen auf. Er ist müde. Natürlich ist er müde: Ein Tag in der Fabrik schlaucht. Aber er arbeitet ja nicht mehr in der Fabrik. Gott sei Dank! Er fährt auch nicht mehr den klapprigen Austin, er hat eine Limousine. Mit Chauffeur. Er lacht. Also kann er noch lachen. Gut! Früher hat er es oft getan, auch wenn er nicht mehr weiß, was es nach einer Zehnstundenschicht in der Fabrik zu lachen gab.
Die Nacht zerrt an ihm. Er erinnert sich.
Er erinnert sich an die kalten Nächte, in denen er und seine Freunde mit zu vielen Pints im Bauch nach Hause torkelten und sich eine Portion Fish and Chips in fettigem Papier teilten. Sie spielten Darts darum, wer sie später halten musste, denn der Verlierer durfte erst pinkeln, wenn sie aufgegessen hatten. Sie hatten sich Zeit gelassen und über halbkalten Chips Witze über die Niagarafälle gemacht. Und gelacht hatten sie, wenn Gordy jammernd von einem Bein auf das andere getanzt war und Andrew sich die Chips händeweise in den Mund gestopft hatte, und die Tüte doch kein Ende nehmen wollte.
Und an die warmen Nächte erinnert er sich. Sommernächte wie diese. Nächte, in denen in der Gestank des Flusses zu ihnen hinaufstieg. Nächte voller Lieder und Lachen.
Er schließt die Augen, öffnet den Mund.
“Oh Danny Boy, the pipes, the pipes are calling...”
Seine Stimme füllt die Nacht. Er gibt ein Gratiskonzert für die kalten Mauern der fremden Stadt.
“From Glen to Glen...”
Warum fallen sie nicht ein? Wo sind sie, Gordy und Andrew? Wo hat er sie verloren?
“Should Old Acquaintance be forgot...” Er singt. Er erinnert sich:

Die Gläser stießen klingend aneinander.
“Ray wird berühmt. Ein Hoch auf Ray!”
“Redet doch keinen Unsinn. Die Tuss verarscht mich doch nur. Morgen stehe ich wieder mit euch in der Fabrik, ihr werdet sehen.”
“For he’s a jolly good fellow....”
Einen Augenblick lang versuchte er, ihrem Gesang zu widerstehen, aber dann grölte er selber am lautesten. Es war das erste Mal, dass er dabei bewusst dem Klang seiner eigenen Stimme lauschte. Würde sie ihn aus diesem Loch tragen? Er dachte an die Frau aus London mit den kühlen Augen und dem toupierten Haar, an ihre manikürte Hand, die in seiner verschwunden war.
“Ich werde Sie berühmt machen, wenn Sie nur wollen.”
Gordys Bier schwappte in seine Träume, weckte ihn aus dem Blitzlichtgewitter, in dem er sich schon gesehen hatte. Er wischte sich mit der Hand über das triefende Gesicht und wollte den Stoß in die Rippen gerade heimzahlen, als er sah...


Aber er will sich nicht erinnern.
Lieber noch ein bisschen an Gordy und Andrew denken. Gordy, der gedrungene Junge aus Newcastle mit den roten Haaren und dem roten Gesicht. Sie waren zusammen aufgewachsen, Tür an Tür, und nie hatten sie daran gezweifelt, dass sie einmal Seite an Seite in der Fabrik stehen und dass ihre Nächte von Lachen und Guinness erfüllt sein würden.
Andrew, dunkel und schlank, war mit einem Fußballspiel in sein Leben getreten. Er hatte Andrew eine blutige Lippe verpasst, nachdem Arsenal Manchester United geschlagen hatte. Er selber hatte mit fünf Stichen über dem Auge genäht werden müssen.
Er erinnert sich sogar an die kleine Nachtschwester, die sie mit ihrem schweren Akzent ausgeschimpft hatte: „Erwachsene Männer, die sich wie Schuljungen benehmen.”
Das Adrenalin hatte sie beide hysterisch gemacht. Sie lachten atemlos, während sie versuchten, ihre Gesichter nicht zu verziehen und die Nachtschwester liebevoll weiterschimpfte.
“Das hat noch keiner geschafft”, prustete Andrew in seine aufgeschürften Knöchel hinein. “Ich geb dir ein Bier aus.”
So hatte es angefangen. Wenn sie davon geredet hatten, dass einer von ihnen der Fabrik entkomme würde, hatten sie auf Andrew gesetzt, Andrew mit seinen langen Fingern und den gepflegten Fingernägeln.

“We are the champions!” schmettert er verzweifelt. “My friend...”
Meine Freunde... In welcher dieser Nächte hat er die falsche Abzweigung genommen? Wann ist der klapprige Austin nicht mehr mitgekommen? Warum hat er nicht gebremst? Er klammert sich die schönen Momente, sie müssen ihn schützen vor der Erinnerung, die hinter der Nacht lauert.
“With a little help from my friends...”
Er will an das Gelächter denken, an ihre schlechten Witze, an das Lallen und Lachen.
Aus den billigen Lautsprechern einer Cocktailbar hört er die eigene Stimme hundertfach vergrößert seinen neusten Hit plärren. Es gibt kein Entkommen vor dem gespenstischen Geräusch dieser körperlosen, losgelösten Stimme, die sein Leben beherrscht.
“Ich werde Sie berühmt machen...“ Sie hat Wort gehalten, die Frau aus London, sie hat ihn berühmt gemacht.
Doch in dieser Nacht erkennt ihn keiner, als er die Cocktailbar betritt und sich an den Tisch in der Ecke setzt. Wie viele Dreißigjährige ohne Krawatte mit offenem Hemd und diesem Ausdruck in den Augen kommen wohl jede Nacht hierher. Es macht keinen Spaß, alleine zu trinken, aber das hat er gewusst.
“Spaß ist hier nicht die Frage, Ray. Ich kann nur aus Ihnen machen, was Sie selber wollen.”
Hat er das wirklich gewollt? Er lacht gellend, wie Betrunkene eben lachen.
Die Tür schwingt auf, und eine Frau in schwarzem Leder tritt ein. Sie bewegt sich lautlos, wie die Nacht. Sie ist schön. Er sieht sie vor sich stehen und auf ihn hinablächeln. Ihre Finger streifen sanft seine Wange.
Er erinnert sich. An Stimmen, an Fetzen von Liedern, die einmal Sinn gemacht haben.
“Friends for life, not just a summer or a spring...”

Gordy stieß ihn in die Seite. Er wischte das Bier aus den Augen und wollte den Stoß eben zurückgeben, als...
“Molly.”
“Hallo, Ray. Ich habe gehört, dass du fortgehst?”


“Her Eyes shone like Diamonds”, summt er leise und “Sweet Highland Fair”
Er möchte sich nicht erinnern, aber die Nacht ist unerbittlich. Sie sieht aus wie eine Frau und setzt sich neben ihn und bettet seinen Kopf an ihre kühle Schulter.
“Ich habe das alles nicht gewollt”, flüstert er. Die Lieder haben seine Kehle verlassen.

Gordy und Andrew gröhlten: “Hey, lover boy, nimmst du sie mit, wenn du berühmt bist?”
“Haltet die Klappe, ihr blöden Säcke! Setz dich, Molly.”
Sie schüttelte den Kopf. “Ich will nicht stören.”
Unbehagen nagte an ihm wie ein Gefühl von kommendem Verlust.
“Molly...”
“Es ist schon gut. Ich freue mich für dich, Ray.” Und dann brach sie in Tränen aus und rannte in die Nacht hinaus.
“Oh-oh...” machte Andrew.
“Solltest du nicht...” sagte Gordy.
Er stand auf, sah mit einem Augenzwinkern über die Schultern. “Das bringe ich schon in Ordnung.”
Molly hockte auf einem Blumenkübel und weinte, als ob ihr das Herz brechen sollte.


“Ich habe ihr Herz gebrochen!” vertraut er der Nacht an. “Ich habe es wirklich getan.” Die Nacht streicht ihm die verschwitzten Haare aus der Stirn.

“Molly...”
“Geh weg!”
Er zog ihre Hände von dem verheulten Gesicht und hob ihr Kinn. Zärtlichkeit durchströmte ihn zusammen mit einer Siegerlaune, die besser war als Whiskey.
“Molly, ich hol dich hier raus. Die Frau aus London hat gesagt, dass ich berühmt werde, und dann komme ich wieder, in einer Limousine, mit Chauffeur. Und ich hole dich ab.”
“Das sagst du nur so.”
Aber sie leistete keinen Widerstand, als er begann, sie zu küssen.
“Wann gehst du fort?”
“Morgen.”
Morgen, tatsächlich. Die Straße lag golden vor ihm.
“Oh Molly!” Er hob sie hoch, wirbelte sie durch die Luft, er wollte singen, aber aus dem Lied wurde ein Triumphschrei.
“Ich liebe dich, Molly.”
Aber eigentlich liebte er diese Nacht, die nach Sieg roch. Er liebte die Lichter der Fabrik, den Gestank der Tyne, die Musik und das Lachen seiner Freunde. Er liebte Mollys Haut und das Wissen, das diese Tränen ihm galten.


“Muss ich mich an alles erinnern?” fragt er die Nacht wie ein müdes Kind. Sie lächelt.
“War es denn so schlimm?”

Es war die beste Nacht seines Lebens. Sie trieben es in Mollys Bett, auf quietschenden Sprungfedern, während Carol im Nebenzimmer schlief und Mollys stinkender Hund, der sich trotz allem nicht vom Fußende des Bettes vertreiben ließ, im Traum knurrte.
“Ich. Komme. Wieder”, versprach er. Für die Dauer einer verrückten Nacht hatte er Wort gehalten.
“Ja, Ray, ja! Ja. Ja.”


Die Nacht liebkost ihn, ihre Augen sind unergründlich.
“Das war die letzte Nacht”, lallt er in plötzlicher Erkenntnis. “Danach kamen die Tage.”

Es war Tag, als das Taxi ihn abholte. Gordy und Andrew begleiteten ihn, sie schlugen ihm auf die Schulter, aber ihr Lachen klang plötzlich hohl. Er sah in ihre Gesichter und erkannte sie kaum wieder. Ihre Taggesichter waren blass und verkatert, grobporig und stumpf. Mit Entsetzen sah er Andrews Hände: Schwielen und eingerissene Fingernägel griffen nicht nach den Sternen. Er wandte sich ab.
“Sagt Molly, dass ich zurückkomme!” murmelte er. Er winkte aus dem Taxi, er sah zu, wie der Smog die Stadt langsam verschluckte.
“We are the Champions!” sang er mit einem Lächeln.
“Nicht, Ray”, sagte die Frau aus London. “Sie wollen doch ihre Stimme nicht ruinieren. Sie müssen jetzt sehr vorsichtig sein.”


Er klammert sich an die Nacht, will in heißen Küssen die Erinnerung an die Taggesichter seiner Freunde verdrängen.
“Es war nicht meine Schuld!” fleht er. Die Nacht atmet ihm ihre Süße ins Gesicht, schiebt ihre Hand zwischen seine Beine, tröstet und streichelt.

Newcastles Klinik sah bei Tag noch hässlicher noch aus als bei Nacht. Die grauen Steinmauern waren kahl, wie abgewaschen von Tränen.

Er küsst die Nacht wild. Er will nicht mehr an den Tag denken, aber die Erinnerung reißt ihn hoch. Sie reißt ihn mit einer haarigen Männerfaust, an der Silberringe stecken, auf die Füße und atmet ihm Knoblauch und Alkohol ins Gesicht.
“Was fällt dir ein, mit meiner Freundin rumzumachen“, brüllt die Erinnerung, die aussieht wie ein Kerl in Motorradmontur.
Er ist verwirrt.
“Aber sie war meine Freundin. Ich habe sie geliebt. Ich habe das nicht gewollt.”
Der Schlag trifft ihn unerwartet. Die Nacht fällt der Erinnerung in den Arm.
“Lass ihn in Ruhe, er hat doch nichts getan!” kreischt sie.
Aber die Schläge treffen ihn weiter, unbarmherzig.
“Es war alles ganz harmlos!” schrillt die Nacht.
Über sein Auge rinnt Blut wie damals, aber Andrews Lächeln ist weit fort.
“Es ist schon gut”, flüstert er. “Es war meine Schuld. Sie hat meinetwegen abgetrieben. Weil ich zu oft gekommen bin. Und nie mehr zurück.”

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