Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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August 2005
Mail an Mara
von Marlene Geselle

Dresden, den 1. Dezember 2071

Meine liebe Tochter Mara,

bin gerade von einem wunderschönen Abendspaziergang mit Karl zurückgekommen. Du weißt ja, bei abnehmendem Mond, wenn eure Wohnkuppel Luna-Europa genau zwischen Hell und Dunkel ist, ist sie für mich am Schönsten. So groß, wie das Ding mittlerweile ist, braucht man gar kein Teleskop mehr.
Karl gewöhnt sich immer noch nicht dran, dass Sandra, du kennst ja seine Älteste, jetzt auch „dort oben“ wohnt. Ich habe schon ein paar Male versucht, ihn zu trösten. Aber was nutzt es, wenn einem der Verstand sagt, dass junge Leute auf der Mondkolonie mit den gut bezahlten Hightechjobs, der erstklassigen Infrastruktur und den prima Zukunftsaussichten besser aufgehoben sind als im maroden Deutschland – wenn man abends alleine ist in der Wohnung und in den Himmel starrt. So, jetzt aber Schluss mit dem Gejammer!

Louisa hat mir heute gemailt, dass sie am 5. Dezember zusammen mit Mariposa auf dem Nordamerika-Raumhafen ankommt. Du kannst dir ja denken, wie ich mich freue, meine einzige Enkelin und meine erste Urenkelin hier in Dresden zu haben. Mit einem bisschen Glück kann die Kleine dann schon laufen. Die Reise über Nordamerika ist zwar länger als über den Mitteleuropa-Hafen, aber trotzdem billiger. Du hast ja das Theater wegen der neuen Raumhafengebühren mitbekommen. Raumflüge für Alphabetisierungskampagnen! Und vergisst dabei völlig, dass es noch genug andere Raumhäfen gibt und Flugzeuge für den Weitertransport. Wer sich das ausgedacht hat, der hat kein Geschichtsbuch im Haus!
Deinen alten Schlitten habe ich schon vom Speicher geholt und aufgemöbelt. Jetzt fehlt nur noch Schnee. Karl meint, ich flippe deswegen schon richtiggehend aus. Den möchte ich mal sehen, wenn Sandra das erste Mal auf Besuch kommt!

Hier in Dresden ist nicht viel los. Seitdem die Europäische Zentralregierung die Stadt unter Zwangsverwaltung gestellt hat, müssen nur noch die Altskandale aufgearbeitet werden. Wird ein völlig neues Gefühl sein, wenn endlich alles halbwegs funktioniert.
Letzte Woche habe ich mich eintragen lassen als Hilfskraft für den Sicherheitsdienst. An drei Abenden in der Woche mache ich Dienst in der Funkzentrale. Karl war so lieb, mir den Posten zu verschaffen. Besser so ein Job als darauf warten, was einem aufgebrummt wird. So gesund, wie ich bin, ist an eine Befreiung von der Sozialarbeitspflicht wegen Krankheit oder Gebrechlichkeit noch lange nicht zu denken. Gott sei Dank! Zudem habe keine Lust, mich darauf zu verlassen, dass die Altersbefreiung ab fünfundsiebzig wirklich im kommenden Jahr in Kraft tritt. Wunder können die Leute von der Zwangsverwaltung auch keine bewirken!
Mach dir deswegen bitte keine Gedanken, Mara. Ich war schon immer eine Nachteule. Außerdem kann ich dann nach oben gucken, an euch denken, einen Kaffee trinken – und kriege auch noch Energiebons dafür. Die normalen Energiezuteilungen sind knapp genug.

In der letzten Mail hast du nichts über Frederick und Tim geschrieben. Hocken deine beiden Söhne noch immer in der Versuchskuppel und probieren, das Pflanzenwachstum dem Mondzyklus anzupassen? Ich kann ja verstehen, dass ihr „Mondkälber“, wie ihr euch selber nennt, unabhängig von der Erde leben wollt, dass ihr keine Lust habt, von der irdischen Lebensmittelversorgung abhängig zu sein – aber denkt man „dort oben“ dabei auch an die politischen Konsequenzen? Sind die Mondkolonien völlig autark, ist es nur eine Frage von wenigen Jahren, bis ihr nicht mehr daran denkt, wertvolle Rohstoffe für billiges Geld an die „Erdschnecken“ zu schicken. Und dass sich das die Kontinentalregierungen nicht gefallen lassen werden, steht doch jetzt schon fest. Bei allem Zwist der letzten Jahre, wenn es um die Mondkolonien geht, herrscht Einigkeit auf Erden.
So, jetzt ist Schluss mit der hohen Politik, und Zeit für mich, aufzuhören. In zehn Minuten wird die Energieversorgung auf Nachtbetrieb umgestellt, da muss die Mail draußen sein.

Von deinem Angebot, alle Mails im Bündel an dich zu schicken, um mein Deputat besser ausnutzen zu können, mache ich gerne Gebrauch. Im Anhang deshalb noch ein paar Briefe für die Kinder; du leitest sie dann weiter. Noch liebe Grüße an alle auf Luna-Europa.

Es küsst dich
deine Mutter

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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