Der Cousin im Souterrain
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Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2005
Katzenleben
von Marion Pletzer

Ein Schatten huschte durch die sternenklare Nacht. Er bewegte sich wie ein Tier im schützenden Dunkel des Parks.
Es raschelte, als das Geschöpf sich hinter einem Busch versteckte. Dann wieder Stille.
Lautlos durchschnitten Fledermäuse die Luft in blitzschnellem Zickzackflug. Sie beachteten die katzenartige Gestalt nicht, die hinter dem Gebüsch hervorkam und auf ein nahe gelegenes Haus zulief. Ihre Bewegungen waren eckig und ungelenk. Als sie im Kellereingang des Hauses verschwand, miaute in unmittelbarer Nähe eine Katze. Es klang wie das Weinen eines Kindes.

Auch in dieser Nacht sprach Peter, der Night-Talker eines Radiosenders, mit Anrufern, die ihm von ihren Sorgen und Erlebnissen erzählten.
„Wen habe ich denn als nächsten in der Leitung“, sagte er. „Sonja, 30 Jahre alt. Hallo, Sonja. Was ist dein Thema?“
„Hallo, Peter. Ich möchte dir etwas über mein Leben erzählen.“ Sie machte eine kurze Pause und fuhr mit leiser, sanfter Stimme fort. „Über mein Katzenleben.“
„Klingt interessant“, antwortete er.
„Ich liebe Katzen und teile mit sechs von ihnen mein Leben.“
„Schön, und was ist daran Besonderes?“
„Du wirst mich auslachen“, sagte Sonja.
„Warum sollte ich? Leg einfach los. Darum hast du schließlich angerufen“, munterte er sie auf.
„Ich lebe schon viele Jahre sehr eng mit Katzen zusammen. Oft fragte ich mich, wie sie ihr Umfeld wahrnehmen – das Haus, die Umgebung, den Himmel. Was sie von den Menschen halten; von mir? Ich hockte mich zu ihnen auf den Boden, um die Welt aus ihrer Perspektive zu betrachten. Ich studierte ihre Bewegungen, ahmte sie nach und begann mich mehr und mehr wie eine Katze zu fühlen. Schließlich nähte ich mir Kostüme, die die Wandlung vollständig machten.“ Sonja stockte und wartete auf Peters Reaktion.
„Wie muss ich mir diese Kostüme vorstellen? Wie eine Karnevalsverkleidung mit Fell und langem Schwanz?“
„Ja, so ähnlich. Nur nicht so vermenschlicht. Meine sind sehr naturgetreu. Ich habe die lebenden Beispiele täglich vor mir und mich daran orientiert. In meinem Schrank hängen verschiedene - ein Graugetigertes, ein Rotes und ein Schwarzes.“
„Aha, und in dieser Verkleidung läufst du durch deine Wohnung?“
„Nicht nur, ich gehe auch raus. Außerdem möchte ich es nicht als Verkleidung bezeichnen. Wenn ich es überstreife, bin ich eine Katze?“
„Bizarre Vorstellung, Sonja. Du begegnest doch sicher Menschen. Wie reagieren die auf dich?“, fragte er.
„Das Haus, in dem ich wohne, steht direkt an einem Park. Außerdem bin ich nur in der Nacht draußen. Dann trage ich am liebsten das getigerte Fell. Seine Konturen verschmelzen mit der Umgebung. Ich werde praktisch unsichtbar. Ein herrliches Gefühl.“
„Verstehe. Was fasziniert dich so an Katzen, dass du sein willst, wie sie?“
„Sie sind wunderschön. Ihr Fell ist seidig und der sehnige Körper strahlt Kraft und Eleganz aus. Katzen stecken voller Gegensätze. In einem Moment liegen sie weich und schnurrend auf meinem Schoß und im nächsten erbeuten sie mit glühenden Augen eine Maus und töten sie. Sie leben ein stilles, freies, oft heimliches Leben. Sie pflegen soziale Kontakte, ohne Verpflichtungen einzugehen. Wenn sie mir einen tiefen Blick in ihre Augen gewähren, habe ich das Gefühl einer uralten Seele zu begegnen. Eine, die viel mehr über die Zusammenhänge des Lebens weiß, als Menschen. Nicht umsonst wurden Katzen in früheren Kulturen als Götter verehrt. Ich betrachte es als Geschenk, wenn eine Katze beschließt mit mir zu leben.“
„Du liebst Katzen ja wirklich leidenschaftlich. Obwohl ich glaube, dass sie Opportunisten sind, Überlebenskünstler. Daher würde ich nicht so viel in sie hineindichten.“
„Nein, das...“, unterbrach Sonja ihn, aber er überging ihren Einwand.
„Katzen nehmen sehr viel Raum in deinem Leben ein. Wie viel Zeit bleibt für Freunde? Hast du einen Partner? Familie?“
„Es gibt ein paar Bekannte. Enge Freunde habe ich nicht. Genauso wenig wie eine Familie.“
„Wieso lebst du so isoliert?“
„Man kann keinem trauen. Letztlich kümmert sich doch jeder ausschließlich um sich selbst“, sagte sie plötzlich unerwartet kalt.
„Eine harte Einstellung. Wie kommt es, dass du so über die Menschen urteilst?“ Sonja reagierte nicht.
„Möchtest du meine Frage nicht beantworten?“, fragte er.
„Ich weiß nicht. Das hat eigentlich nichts mit meinem Thema zu tun“, sagte sie zögernd.
„Das denke ich doch. Dein Leben ist mehr als ungewöhnlich und es muss einen Grund dafür geben.“
„Unser Gespräch nimmt eine Wendung, die ich nicht wollte. Ich habe meine Vergangenheit hinter mir gelassen.“
„Ich möchte dich nicht bedrängen“, sagte er und nach einer kurzen Pause sprudelten die Worte auf einmal aus ihr heraus.
„Meine Mutter war alkoholabhängig. Ständig besoffen. Du glaubst nicht, wie oft ich mir auf dem Weg von der Schule nach Hause ausgemalt habe, wie ich sie einfach auf dem Teppich liegenlassen würde – in ihrem Gestank und ihrer Kotze. Dass ich über sie hinwegsteigen und auf sie spucken würde. Aber dann war ich doch wieder die liebe Tochter, habe alles weggewischt und ihr hoch geholfen. Wenn sie halbwegs gerade stehen konnte, hat sie mich verprügelt. Um nichts kümmerte sie sich, außer um Schnaps. Wie oft habe ich um Hilfe gebeten, aber ich war allen egal.“ Verbitterung sprach aus ihrer Stimme.
„Furchtbar. Wo war dein Vater in dieser Zeit?“, fragte Peter.
„Ach, der“, sagte sie abfällig und lachte hart auf. „Der hat sich auch nie sonderlich für mich interessiert. Später hatte er eine neue Frau und die wollte nicht, dass die Tochter einer Säuferin Kontakt zu ihren Kindern hat. Er hat sich gefügt - der Waschlappen.“
„Ich kann dich verstehen. Du warst schließlich auch seine Tochter. Wie ging es weiter?“
„Sobald ich achtzehn war, bin ich abgehauen. Du hättest meine Mutter hören müssen, wie sie mich beschimpft und mit Schuldzuweisungen überhäuft hat. Dann hat sie wieder geheult und gefleht, sie nicht alleine zu lassen. Wie ich sie gehasst habe für diese Schwäche. Aber ich war fertig, wollte bloß weg und bin regelrecht geflüchtet.“ Die Worte flossen aus hier heraus und sie spürte, dass sie das Sprechen erleichterte.
„Das ist schrecklich, Sonja. Hast du noch Kontakt zu ihr?“
„Sie ruft mich an, wenn sie Geld braucht. Aber das kümmert mich nicht mehr. Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen. Will ich auch nicht.“
„Eine traurige Geschichte. Jetzt verstehe ich dich ein wenig besser. Trotzdem ist mir nicht klar, wieso du dich so vollständig von den Menschen zurückgezogen hast. Du könntest doch auch beides miteinander verbinden“, erwiderte er.
„Wäre wahrscheinlich möglich. Aber ich fühle mich wohl, so wie ich lebe“, antwortete Sonja bestimmt.
„Ehrlich gesagt bin ich etwas ratlos, weil ich nicht weiß, ob dein Rückzug in das Katzenleben einem tiefen Bedürfnis entspringt.
Wie bei einem transsexuellen Menschen, der im falschen Körper gefangen ist. Oder ob du fürchtest, erneut verletzt zu werden. In dem Fall würde ich dir raten zu einem Therapeuten zu gehen“, erwiderte Peter. „Fehlt dir die menschliche Gesellschaft überhaupt nicht? Jemand, der dich in den Arm nimmt, dich tröstet und an den du dich anlehnen kannst? Mit dem du lachen und Spaß haben kannst?“ Einen Moment war es still.
„Nein, ich brauche keine Menschen“, sagte Sonja leise.
„Warum hast du dann heute bei mir angerufen?“
„Ich wollte nur einmal darüber sprechen. Bisher habe ich es für mich behalten aus Angst, dass man mich für verrückt erklärt.“ Sie lachte unsicher. „Der Anruf bei dir ist anonym und ich kann frei reden.“
„Ich habe hier schon sehr viele außergewöhnliche Lebensgeschichten gehört. Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die sich nur spüren und einen Zugang zu ihrem Inneren finden, wenn sie eine andere Identität annehmen. Da ich kein Psychologe bin, kann ich deine Situation nicht einschätzen. Schon gar nicht nach einem kurzen Telefongespräch. Ich finde, du solltest dir die Zeit nehmen herauszufinden, welche Gründe dahinter stecken. Wenn du willst, verbinde ich dich mit meiner Psychologin. Vielleicht hilft dir ihre Einschätzung deiner Situation weiter und sie kann dir Adressen von Therapeuten geben, die sich intensiv mit Menschen wie dir beschäftigen.“
„Ich weiß nicht. Eigentlich geht es mir doch gut“, sagte sie unschlüssig.
„Wenn es für dich nicht in Frage kommt, hast du nichts verloren. Wenn doch, brauchst du nicht erst nach den entsprechenden Stellen zu suchen. Denk in Ruhe darüber nach.“
„Vielleicht hast du Recht - einverstanden.“
„Schön, dann leite ich dich jetzt weiter. Ich wünsche dir alles Gute für dein weiteres Leben, Sonja.“
„Ich bin froh, dass ich mich getraut habe, bei dir anzurufen. Vielen Dank, dass du mir zugehört hast. Tschüss.“

Kurz nachdem das Gespräch beendet war, huschte ein Schatten durch die sternenklare Nacht.

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