Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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August 2005
Vollmond
von Dagmar Cechak

Weiß – alles um ihn her ist schmerzhaft weiß. Das Neonlicht, die Vorhänge, die Bettlaken, die Wände. Nur das dunkle Viereck des Fensters bietet seinen Augen Erholung und seinen Gedanken Freiheit.

Schwarz leuchtet der Himmel. Der Mann steht zwischen den Felsen und sieht nach oben. Dunkler noch als das Dunkel des Himmels ragen die schroffen Wände neben ihm auf. Von Zeit zu Zeit huscht ein kleiner Schatten durch die Luft, löst sich ein Blatt von einem der Bäume und schwebt nach unten. Er blickt an sich hinunter und kann seinen Körper nicht sehen. Er ist verschmolzen mit der Dunkelheit, eins geworden mit den Felsen, dem Moos.

Lautlos beginnt er zu gehen. Seine Füße finden von selbst den richtigen Pfad, es ist nicht notwendig, auf den Boden zu achten. Er ist ein Teil davon, wie er ein Teil des Felsens, der Bäume, der Blätter ist. Leuchtendes Schwarz ist über ihm, und gibt den samtigen Schatten Konturen. Das Tal wird enger, wird zur Schlucht, höher türmen sich die Felsen auf, schmäler wird der Pfad. Langsam geht er weiter, mit Elfenschritten, kaum berührt er noch den Boden. Die dunklen Blätter des Wegerichs krümmen sich nicht unter seinen Sohlen, das Moos wird nicht niedergedrückt, er bewegt sich beinahe schwerelos.

Er bewegt seine Beine und beginnt fast unmerklich nach oben zu gleiten. Kleine dunkle Schatten huschen neben ihm, über ihm, unter ihm her und binden ihn ein, in ihren verzauberten Reigen. Bald ist er über den Bäumen und schwebt den glatten Fels entlang, weiter hinauf. Seine Fußspitze stellt sich spielerisch auf kleine Vorsprünge, stößt sich ab. Immer heller wird das Dunkel dort oben, leuchtender und klarer. Er blickt nach unten in den samtschwarzen Grund und nach oben in den leuchtenden Himmel und sieht sich selbst.

Es ist ihm wieder gelungen! Das Tal hat ihn freigegeben. Sein Körper hebt sich klar gegen den Himmel ab. Er steht dort unten, verwachsen mit dem dunklen Waldboden, und schwebt zugleich hier oben, ganz selbstverständlich, neben den steilen Wänden.

Sein Denken ist in seinem schwebenden Selbst, bald hat er das Ende der Felsen erreicht, bald ist er ganz oben, nur ein paar Meter noch. Leuchtender wird der Himmel, die Vorsprünge der Felsen treten klarer hervor, er sieht die Äste der Bäume in seltsames Licht getaucht. Einen Meter noch. Schon erscheint hinter den Felswänden ein leuchtender Halbkreis, wird größer, strahlend hell, wird immer runder und hängt schließlich als riesiger goldener Ball im dunklen Himmel. Er hat es geschafft! Rechtzeitig hat er sich losgerissen, keiner hat es bemerkt, keiner konnte ihn halten!

Berauscht vom Mondlicht beginnt der Schwebende sich zu drehen, steigt noch höher, bis sein anderes Selbst, dort unten im Tal, seinen Schatten kaum mehr erkennen kann. Er tanzt im Licht, wie die Mücken vor der Lampe, auf und ab, in verschlungenen Bahnen, er fliegt zwischen den Bäumen hindurch, umrundet eine Felsnadel trunken vor Freude. Bewegt alle Glieder elegant wie im Ballet. Leicht berühren seine Zehen den Boden, er beginnt zu laufen, mit großen Schritten durchmisst er das Felsplateau der Länge nach, um am anderen Ende einfach über den Abbruch hinwegzutänzeln und wieder zu schweben. Er setzt sich auf den obersten Querast der größten Tanne, bricht zwei Tannenzapfen ab und beginnt mit geschickten Händen zu jonglieren. Einen dritten, einen vierten dazu. Die Zapfen schwirren durch die Luft, um jedes Mal wieder sicher in seinen Händen zu landen.
Leicht gleitet er auf die andere Seite der Schlucht, wirft einen flüchtigen Blick nach unten in die samtige Schwärze des Tales, wo sein anderer Körper geduldig verharrt, er läuft den Abhang hinauf, springt über Felsblöcke, eilt weiter. Über ihm wandert die leuchtende Scheibe langsam ihre Bahn entlang. Wie lange hält der Zauber noch?

Schon wird sein schwereloser Lauf unterbrochen. Der Klang lauter, energischer Schritte dringt an sein Ohr. Harte Absätze auf hartem Steinboden hallen mit ihrem Stakkato durch die dunkle Welt. Das Tal, die Felshöhen, die Bäume verblassen, tausend Gewichte beginnen an ihm zu zerren. Schwerer und schwerer werden seine Glieder. Er will sich wehren, will hier bleiben, will weiter vor dem leuchtenden Ball im Himmel tanzen. Doch immer weiter entfernt sich die wunderbare, dunkle Landschaft.

Stimmen dringen zu ihm. Eine strenge, ernste Frauenstimme. „Warum haben Sie den Vorhang nicht vorgezogen? Kein Wunder, dass der Patient so unruhig schläft, wenn ihm der Vollmond ins Gesicht scheint."

"Nein! ", schreit es in ihm und nochmals "nein!". Noch fühlt er das Mondlicht auf seinen Gliedern, es zieht ihn zu sich. Es ist seine einzige Rettung vor den tausend Gewichten, die sich auf ihn legen wollen. Er öffnet die Lider, nur einen winzigen Spalt. Weißes Licht gleißt herein, will sein Gehirn lähmen, wie seine Glieder gelähmt sind, will seine Gedanken zurückdrängen in die engen Bahnen, die ihnen seit Jahren so vertraut sind, will seine Freiheit vernichten. Doch diesmal lässt er es nicht geschehen. Er blickt aus schmalen Augen vorbei am Neonweiß, vorbei am weißen Arztkittel, hinauf, zum warmen, einladenden Goldgelb des Mondes. Und der Mond wird immer größer, beginnt ihn zu umhüllen, wie ein riesiges, behagliches Kissen aus goldfarbiger Seide. Er greift danach, schmiegt sich hinein und alle Gewichte fallen ab, bleiben für immer in dem hässlichen, kalten weißen Bett zurück, von dem er sich immer schneller entfernt.

Goldene Schleier wogen vor seinen Augen, leuchtende Schatten nehmen ihn auf, wieder ist er schwerelos, wieder führen seine Beine jede noch so komplizierte Schrittkombination mit Anmut und Leichtigkeit aus. Der andere wird nicht mitkönnen, sie haben die Vorhänge zugezogen. Er wird auf dem Bett liegen bleiben, gefesselt von Schläuchen und Kabeln, angeschlossen an piepsende Monitore, diesmal wird er ihn nicht vom Boden aus beobachten können. Wie lange wird es wohl dauern, bis sie es bemerken?

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