Der Tod aus der Teekiste
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August 2005
Blutmond
von Sabrina Eberl

„Hör mich an, Junge!“, rief der Mann eindringlich und strich sich dabei ungeduldig über den langen Bart. „Es ist wichtig, dass du mir aufmerksam zuhörst. Dein Leben kann davon abhängen.“
Obwohl der Mann bereits sein ganzes Leben hier wohnte und er jeden Ast und jede Wurzel dieses Waldes kannte, hatte er große Mühe dem Jungen nachzukommen. Zum wiederholten Male wurde ihm bewusst, dass er nicht mehr der Jüngste war.
Der Junge war seinem Großvater einige Schritte voraus, als er stehen blieb und ihn fragend ansah.
„Was willst du mir denn erzählen?“, fragte er. Leif war ein fröhlicher Junge. Gerade mal achtzehn Sommer alt und er schien vor Leben zu sprühen.
Schnaufend stapfte er zu Leif und stützte sich an seiner Schulter ab.
„Es ist ein Jammer. Das Alter holt mich von Tag zu Tag mehr ein.“ Großvater presste kurz seine Augen zusammen und lauschte dem sachten Rauschen des Windes, der durch die Blätter wehte. Bevor er weiter sprach ließ er seinen Blick durch den Wald schweifen, der in den bunten Farben des Herbstes erstrahlte.
„Setzen wir uns und ich werde dir alles erzählen“, sagte er ruhig.
Leif stützte seinen Großvater und nahm anschließend neben ihm Platz.
„Es begann, als ich ungefähr in deinem Alter war. Wir erhielten von der Stadtgarde den Befehl, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Haus zu verlassen.“ Er seufzte tief. „Ein gefährliches Monster trieb sein Unwesen im Wald und verschlang Menschen bei lebendigem Leib.“
„Das ist ja schrecklich. Und das soll hier in diesem Wald geschehen sein?“, fragte Leif aufgeregt. „Wieso weiß ich nichts davon?“
Der alte Mann sah seinen Enkel liebevoll an. Er nahm einen kleinen Ast und brach ihn entzwei.
„Weil man gewisse Dinge ruhen lassen sollte. Doch nun ist der Zeitpunkt gekommen, wo ich mein Schweigen brechen muss“, sagte er traurig.
„Wovon redest du?“ Er konnte es nicht verbergen, dass Großvaters Worte ihn beunruhigten.
„Ich will von vorne beginnen. Dann wirst du alles verstehen“, erklärte er ruhig. „Es war ein Herbst wie dieser. Ich war noch ein Kind. Seltsame Dinge geschahen in unserem Ort, als der Mond sich verfärbte. Leute verschwanden spurlos und eines Tages erhielten wir den Befehl, nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr das Haus zu verlassen. Einige Leute nahmen den Befehl, es war eigentlich mehr eine Warnung, nicht ernst und mussten dafür mit ihrem Leben büßen.“
„Das heißt, dass es in diesem Wald wirklich ein Monster gibt?“ Leif spürte wie sich sein Magen verkrampfte. Sein Großvater war überall beliebt und bekannt für seine Aufrichtigkeit. Er selbst hatte ihn noch nie bei einer Lüge erwischt und trotzdem konnte er jetzt nicht glauben, was er hörte. Oder wollte er es nicht glauben?
„Es gibt einen Grund, weshalb ich dir das alles erzähle. Ich kann nicht immer auf dich aufpassen, Leif.“
„Was meinst du damit? Warum sagst du so was?“, fragte er aufgebracht.
„Damit du weißt, wie du dich davor schützen kannst. Ich glaube, dass das Monster wieder da ist.“
„Was!“, schrie der Junge. Leif wollte aufspringen, aber sein Großvater hielt ihn am Arm zurück.
„Es sind dieselben Anzeichen. Der Mond gestern war blutrot, genau wie damals in meiner Kindheit.“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich dachte es wäre vorbei.“
Leif sog tief Luft in seine Lungen ein. Ihm fehlten die Worte. Der Wald, das schöne Herbstwetter, das Vogelgezwitscher, alles war vergessen. In seinem Kopf hallten immer und immer wieder die Worte seines Großvaters wider.
„Leif!“ Er blickte seinem Enkel eindringlich in die Augen. „Meide nach Sonnenuntergang den Wald. Am besten du bleibst nach Einbruch der Dunkelheit überhaupt zu Hause.“
„Hat denn niemand versucht, dass Ungeheuer aufzuhalten?“
„Natürlich haben sie es versucht. Verschiedene Truppen aus Freiwilligen zogen aus um das Monster zu töten. Aber ohne Erfolg, sie kehrten nie wieder zurück.“
„Und die Stadtgarde?“
Großvater lachte verächtlich. „Die hat nichts gemacht. Für sie war mit der Warnung ihre Arbeit getan.“
Er sah besorgt in den Himmel. Seine bernsteinfarbenen Augen schienen zu leuchten. Sie waren wachsam und zeigten keine Spur von Alter.
„Wie sah es aus?“, fragte der Junge.
„Einmal habe ich es gesehen. Ich hatte mich versteckt. Heute kann ich nur den Kopf über mein leichtsinniges Handeln schütteln“, erzählte er. „Es stand auf einer Lichtung und bewegte sich nicht. Ich hatte den Eindruck, dass es mich ansah, aber es kam nicht näher an mein Versteck heran. Ich war von seinem Aussehen derart gefesselt, dass es mir nicht sofort möglich war, mich zu bewegen. Die Augen des Monsters leuchteten gelb und sein Körper war mit dunklem Fell bedeckt. Lange Zähne blitzen aus dem Maul.“
„Und was hast du dann gemacht?“
„Ich konnte mich von dem Anblick losreißen und bin wie der Wind nach Hause geflitzt.“ Lass uns aufbrechen. Es hat zu dämmern begonnen. Wir waren schon viel zu lange hier“, sagte der alte Mann hastig.
Noch bevor es dunkel wurde erreichten sie den Hof. Leif aß appetitlos das Abendbrot und ging danach sofort ins Bett. Die Worte seines Großvaters wollten ihm nicht aus dem Kopf gehen. Einerseits schreckten sie ihn ab, aber andererseits wurde er immer neugieriger auf dieses Monsters. Selbst im Schlaf fand er keine Ruhe und träumte wirres Zeug. Am Morgen erwachte er früh und fasste einen Entschluss.
Während des Tages half er bei der Feldarbeit mit und am Abend ging er wieder früh zu Bett. In Wirklichkeit aber, lag er hellwach da und wartete, bis Ruhe im Haus einkehrte. Seine Geduld wurde auf keine schwere Probe gestellt. Kerzen waren teuer, deshalb gingen die Menschen früh zu Bett.
Nachdem es still war, zählte er im Geist bis Hundert und stand auf. Auf Zehenspitzen schlich er sich aus dem Haus. Aus dem Schuppen nahm er eine Fackel und lief in den Wald. Es tat ihm weh, seinen Großvater zu enttäuschen, aber wie es im Leben so war, siegte meist die Neugierde über der Vernunft.
Der Vollmond leuchtete ihm bis zum Anfang des Waldes den Weg. Sein Großvater hatte Recht: Der Mond war blutrot. Leif lief es eiskalt den Rücken runter. Er schauderte.
Prompt hielt er wie vom Donner gerührt an. Zwischen den Bäumen war eine Gestalt. Bei genauerer Betrachtung erkannte er eine Frau.
„Sie sollten in der Nacht nicht mehr im Wald sein!“, rief er.
Eine Antwort blieb aus, stattdessen kam sie mit kleinen Schritten und einem Lächeln im Gesicht auf ihn zu.
„Haben Sie sich verirrt?“ Er hielt die Fackel fest umklammert, dass seine Knöchel weiß hervortraten.
„Wieso bist du dann hier?“, fragte die Frau und hörte nicht auf zu lächeln.
„Wie bitte?“ Leif fühlte sich ertappt.
„Du meintest, dass ich um diese Zeit nicht mehr im Wald sein sollte. Selbst treibst du dich aber hier herum.“
„Ach so, das meinten Sie“, sagte er erleichtert.
Eine seltsame Aura ging von der Frau aus. Sie war schlank und die hübscheste Frau, die Leif je gesehen hatte. Ihre dunkelbraunen Haare reichten bis zu den Hüften. Sie trug ein weißes, langes Kleid. Leif fühlte sich von ihr angezogen.
„Soll ich Sie nach Hause begleiten?“
„Das wäre überaus freundlich. Wir müssen ein Stück durch den Wald gehen. Folge mir!“
Leif hörte in Gedanken die warnenden Worte seines Großvaters. Verärgert darüber, dass sich sein schlechtes Gewissen meldete, schüttelte er den Kopf und setzte sich in Bewegung.
Die Frau nahm seine Hand. Sie war kalt und der Händedruck war kaum zu spüren. Sie sprachen kein Wort miteinander.
Die junge Frau führte ihn auf eine Lichtung, dann hielt sie an und sah Leif tief in die Augen. Noch bevor er etwas sagen konnte, spürte er ihre Lippen auf den seinen. Aus den Augenwinkeln heraus, erkannte er, wie sich die Frau verwandelte.
Schwarzes Fell breitete sich zuerst auf ihren Armen und dann auf ihren ganzen Körper aus. Er hatte keine Chance. Das Letzte was er sah, waren ihre gelben Augen und die langen Zähne.

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