Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Wolfgang A. Gogolin IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
August 2005
Stellungswechsel
von Wolfgang A. Gogolin

Sugar wollte raus aus der Sache, einfach nur raus. Sugar hieß in Wirklichkeit Margarete. Und selbst das stimmte nur zum Teil, denn Margarete stammte aus Polen und der Vorname in ihrer Geburtsurkunde lautete Malgorzata.

Sugar war blond. Diese typische Farbe, wie man sie von Polinnen kennt. „Polinnen sind wohl genetisch bedingt nordisch blond,“ witzelte ein Gast einmal darĂŒber, „oder benutzt ihr alle dieselbe Tube?“ Schmerzende Worte. Lachen konnte sie darĂŒber nicht. Nein, sie musste wirklich endlich raus aus der Nummer.
Sugars Arbeitsplatz befand sich in einer gepflegten, hellgelben Vorstadtvilla. Neben der HaustĂŒr hing eine polierte Messingplatte mit der eingravierten Aufschrift: „Obsession“.
Zur Weisheit dieses Hauses gehörte, dass natĂŒrlich jeder Mensch einfach nur VergnĂŒgen haben kann. Wer jedoch seine „Obsession“ findet, der findet auch seine Befreiung.

Sie arbeitete nachts. Dem Gewerbe verlieh die Nacht etwas Anziehendes. Sugars helle Haare umrahmten ihr zierliches Gesicht. Volle Lippen lockten herzförmig, wohlgeformte BrĂŒste wippten einladend. Groß, fest und sehr empfindsam waren ihre Auslagen, die kein Silikon benötigten – Sugar nannte sie ihr „grĂ¶ĂŸtes Kapital“.
Als nĂ€chtliche Kunden erschienen junge MĂ€nner, alte MĂ€nner, EhemĂ€nner, VĂ€ter oder einfach nur scharfe MĂ€nner. Sugar ĂŒbte diesen Job schon eine ganze Weile aus. Pro Jahr bekam ihre Seele einen Altersring der Weisheit mehr. Es gab kaum noch etwas, das sie zu erschĂŒttern vermochte.

Auch der alte Herr lĂ€sst meinen Jahresring wachsen, dachte Sugar. Der alte Herr machte es sich bei jedem Besuch auf dem schwarzen Ledersessel neben ihrem Bett bequem. Als sie ihn das erste Mal zu Gesicht bekam, war sie erstaunt, weil er so nett aussah und seine Katze unter dem Arm trug. Er hatte ausdrĂŒcklich nach einer rasierten Dame verlangt.
„Ich heiße Schmidt“, stellte sich Herr Schmidt vor. Sugar fragte nach seinem Vornamen.
„Herr“ meinte er und wurde einsilbig. Der etwa siebzigjĂ€hrige Herr Schmidt und Kater Joe waren ein seltsames Paar.
„Zieh deine Dessous aus!“ verlangte der silberhaarige Vertreter der Vorkriegsgeneration. Sugar gehorchte lĂ€chelnd und drapierte sich nackt auf dem Bett. Herr Schmidt öffnete eine kleine Tube und kam auf sie zu. Dann rieb er ihre gut rasierte Stelle sorgfĂ€ltig mit dem cremigen Tubeninhalt ein. Es roch deutlich nach - Fisch.
„Los Joe, such dein Leckerchen!“
Kater Joe sprang gierig aufs Bett, in Richtung ihrer gespreizten Beine.
„Hole dir, was du brauchst, Joe,“ keuchte Herr Schmidt und lehnte sich im Sessel zurĂŒck. Die kleine, raue Zunge des Katers fĂŒhlte sich fordernd und gierig an und auch Herr Schmidt holte sich, was er brauchte.

Ein anderer Weisheitszuwachs war Stammkunde Michael. Er besuchte sie immer kurz vor Mitternacht, wenn die meisten Menschen schliefen. Michi sah lieb aus mit seinen braunen Kulleraugen, er wollte oft etwas Neues ausprobieren und Sugar ließ ihn gewĂ€hren. Nie fragte er nach dem Preis. Sein Druck und sein Portemonnaie hatten wohl die gleiche GrĂ¶ĂŸe. Michi benahm sich unauffĂ€llig - bis zum Heiligen Abend.
Sugar schob Notdienst, denn an diesem Abend stand das Haus fast leer. Nur noch eine weitere Kollegin arbeitete und die Mutter des Hauses saß am Empfang.

Michi erschien mit erhitztem Kopf. „Sugar, ich hab’ dir etwas Schönes zu Weihnachten mitgebracht!“ Er ĂŒberreichte ihr ein kleines Paket. Sugar freute sich und packte das Geschenk aus: Ein großes schwarzes Tuch, ein Pashmina, sehr modern, gefertigt aus kostbarem, weichem Kaschmir.
„Ich lege es dir gleich um,“ sagte Michi und schob sie in Richtung des großen Spiegels, vor dem der Sessel stand. Der schwarze Schal passte sogar zu ihren schwarzen Dessous. Ihre Brustwarzen zeichneten sich unter dem leichten, spitzenverzierten BH ab. Mini-Tanga und schwarze Strapse bildeten einen harten Gegensatz zu ihrer hellen Haut.
Unvermittelt zog Michi den Schal zu.
Sugar versuchte zappelnd, sich zu befreien, doch Michi drĂŒckte sie brutal ĂŒber die Lehne des Sessels. Grob riss er ihren Tanga herunter. Sugar hörte das Öffnen eines Reißverschlusses.
Hart drang er in sie ein, nahm sie ohne Gummi und nahm ihr den Atem. Ihre Brustwarzen schmerzten. Michi ließ ihr gerade so viel Luft, dass sie zwar keuchen, aber nicht schreien konnte. Mit unbewegter Miene beobachtete er sie im Spiegel. Seine Fantasien wurden druckvoll freigesetzt und seine KörperflĂŒssigkeiten auch.
Als er endlich von ihr abließ und sie wieder Luft bekam, konnte Sugar nur noch krĂ€chzen. „Verschwinde, lass dich hier nie wieder blicken!“ brachte sie kehlig hervor und weinte hemmungslos. Michis Jahresring der Weisheit war zwei Wochen lang in anfangs violetter, spĂ€ter grĂŒnblauer Farbe an ihrem Hals zu sehen.

„Ich muss aufhören und ein geordnetes, christliches Leben beginnen,“ dachte Sugar. Kinder, einen Ehemann und ein kleines HĂ€uschen wĂŒnschte sie sich sehnlich. Warme, hellblaue TrĂ€ume, fernab der dunklen KĂ€lte der Nacht.
„Ich bin katholisch aufgezogen worden, ich hatte eine glĂŒckliche Kindheit und wo stehe ich jetzt?“ resĂŒmierte sie. Sugar besuchte an jedem Sonntag den katholischen Gottesdienst der Vergebungskirche St. Marien. Anschließend begab sie sich zur Beichte. Sie eröffnete ihre Schilderungen immer mit den Worten: „Herr, ich habe gesĂŒndigt.“ Der Herr und sein Pfarrer auf der anderen Seite der alten Holzwand des Beichtstuhls zeigten sich immer gnĂ€dig.
Der Pfarrer kannte die Geschichten von Herrn Schmidt, von Michi und allen anderen. Er hörte ruhig zu. Wieder und wieder mahnte er, endlich ein ehrbares Leben ohne SĂŒnde zu fĂŒhren und Sugar nahm sich das auch vor. Gott und Pfarrer Lorenz wĂŒrden an ihrer Seite stehen, sobald sie den richtigen Weg einschlagen wĂŒrde. Irgendwann.

Der letzte Abend im Mai bot Anlass, diesen hehren Vorsatz in die Tat umzusetzen. Nachdenklich begann sie ihren Dienst. Schon beim Anziehen der spĂ€rlichen Berufskleidung verlangte der erste Kunde nach Sugar. Er wollte nur ein schnelles französisches Spiel. Sugar gab ihr Bestes. Die französische Spielart der Liebe bot Vorteile, denn aus dieser halbhohen Perspektive musste sie der SĂŒnde wenigstens nicht direkt ins Auge sehen.

An jenem Abend war heftige Stoßzeit. Zur Prime-Time hatte das Bezahlfernsehen einen handfesten Pornofilm ausgestrahlt. Nun identifizierte sich jeder kleine BĂŒrohocker mit dem wohlgebauten Hauptdarsteller, dem es alle Damen begeistert auf französisch besorgten. Mehreren Besuchern hintereinander musste Sugar so Entspannung verschaffen. Ihre Mundwinkel rissen ein. An diesem Abend beschloss Sugar, sich aus ihrem Gewerbe zu verabschieden. Sonntag wollte sie Pfarrer Lorenz aufsuchen und die letzte Beichte ihres sĂŒndigen Lebens abgeben.
Die Kirche leerte sich und Sugar nĂ€herte sich dem Beichtstuhl. Pastor Lorenz kam den Kreuzgang herunter und lĂ€chelte sie gĂŒtig an. Mit einer Kopfbewegung wies er zum Beichtstuhl.
Sugar war glĂŒcklich. Sie hatte der Mutter am Empfang eröffnet, sie wĂŒrde nicht mehr erscheinen, sie wolle ein normales bĂŒrgerliches Leben beginnen. „Obsession“ verstand sich als freies Haus. Man war zwar nicht glĂŒcklich ĂŒber Sugars Abschied, doch alle Frauen dienten nur eine Zeit lang. Entweder gingen sie wegen des Alters und der entsprechend geringeren Nachfrage oder um ein neues Leben zu fĂŒhren. Selten wurde das Haus gewechselt, denn im „Obsession“ arbeiteten die Damen gerne.

„Herr, ich habe gesĂŒndigt“, begann Sugar ihre ErzĂ€hlung. Sie berichtete von ihren SĂŒnden. In der Kirche wurde es still, die letzten Besucher des Gottesdienstes verließen den kalten Kirchenraum.
Sugar erzĂ€hlte von der letzten Nacht im Mai, in der sie sich endgĂŒltig fĂŒr den anderen Lebensweg entschieden hatte. Sie schilderte die Begebenheiten derart lebendig, dass Pfarrer Lorenz auf der anderen Seite immer stiller wurde. Ungewöhnlich still.
Sugar gewann den Eindruck, er wĂŒrde ihr gar nicht mehr richtig zuhören. Sie hörte schweres Atmen von der anderen Seite des Beichtstuhles.
„Pfarrer Lorenz?“ fragte Sugar, „hören sie mir noch zu?“
„Aber natĂŒrlich, Sugar, natĂŒrlich höre ich dir noch zu!“ Pastor Lorenz klang erleichtert. Zu erleichtert fĂŒr Sugars Empfinden.
„Mein liebes Kind. Auch ich fange ein anderes Leben an. Ich gehe in den Ruhestand. Was hĂ€ltst du davon, wenn wir dein vergangenes, sĂŒndiges Leben noch einmal Revue passieren lassen? Eine Aufarbeitung all deiner SĂŒnden ist sicher gottgefĂ€llig. Am besten gebe ich dir meine Telefonnummer. Morgen Abend wĂŒrde es mir passen.“
Durch den schmalen Schlitz in der Zwischenwand der Beichtkammer schob sich ein kleiner Zettel auf Sugar zu. Sie wusste, dass Pfarrer Lorenz in diesem Augenblick die TĂŒr zu seiner Obsession geöffnet hatte. Die SĂŒnde wechselte ihre Richtung.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
Dieser Text enthält 8797 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2024 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.