Mainhattan Moments
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August 2005
Dummheit
von Christine Todsen

„Allmählich macht mir der Job keinen Spaß mehr! Ich hasse Dummheit!“ Wütend schleuderte Rike beim Nachhausekommen ihre Aktentasche in die Ecke.

„Na, womit haben deine Schäfchen dich denn diesmal geärgert?“ fragte ihr Mann Frank.

Rike gab an der Uni Deutschkurse für ausländische Studenten. Diese hatten die Sprache in der Regel bereits in ihren Heimatländern gelernt, machten aber noch manche Fehler.

„Ich hatte sie eine Hausaufgabe zum Thema ‚Die Nacht’ schreiben lassen. Als ich die Blätter einsammelte, sprang mir sofort eine fürchterliche Überschrift ins Auge: ‚Der Nacht’!“

„Tja“, sagte Frank. „Die drei Artikel im Deutschen sind für Nicht-Muttersprachler nun mal schwierig.“

„Aber ein so gebräuchliches Wort wie ‚Nacht’ müsste doch nun wirklich bekannt sein. Auch in den meisten anderen Sprachen ist es doch ein Femininum. Irgendwie wird die Nacht wohl als etwas Weibliches gesehen, im Gegensatz zum Tag. Als sanft und weich. Obwohl – die Nacht kann doch auch bedrohlich sein...“

„Eben, das ist ja gerade das Weibliche“, lachte Frank. Rike schnitt ihm eine Grimasse. Dann bückte sie sich und zog aus ihrer Tasche einen dicken Packen Papier heraus. „Am besten fange ich jetzt sofort mit dem Korrigieren an, dann hab ich’s schneller hinter mir.“

„Ärgere dich nicht zuviel“, riet Frank ihr.

„Stimmt. Ich muss mir einfach sagen: ‚Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!’“

Rike setzte sich an ihren Schreibtisch und suchte aus dem Stapel die Arbeit mit der Überschrift „Der Nacht“ heraus. Erstaunt stellte sie fest, dass sie von einem Studenten stammte, den sie bisher als überdurchschnittlich intelligent eingestuft hatte.

Sie zückte den Rotstift und ging auf Fehlerjagd. Mit einem dicken Strich markierte sie das empörende ‚Der’ im Titel und setzte daneben das Zeichen „G+“ für „schwerer Grammatikfehler“.

Auch der erste Absatz begann mit „Der Nacht“. Gerade noch rechtzeitig erinnerte sie sich an die Regel, dass ein und derselbe Fehler nicht zweimal gewertet werden durfte, und begnügte sich daher mit einem „s.o.“ am Rand des Blattes. Dann las sie weiter:

Der Nacht, so kalt und dunkel, der Nacht, so süß und zärtlich, der Nacht in allem Widerspruch erklinge dieser Hymnus. O Nacht...

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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