Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2005
Zum Anker
von Monique Lhoir

Mit klammen Fingern schraubte Sigi die Literflasche auf. Das Fenster beobachtend füllte er den Plastikbecher zur Hälfte mit Rotwein. Er war kein Trinker, auch wenn ihn viele dafür hielten. Den Schluck Wein am Abend genoss er stets, trank aber nie aus der Flasche, sondern benutzte seinen Becher.
Sigi schlug den Mantelkragen hoch. Ein kalter Wind blies von der Außenalster in seinen Nacken. Die Parkbank hatte er so ausgerichtet, dass er die Villa beobachten konnte.
‚Eine feine Gegend hat sich der Junge ausgesucht‘, stellte Sigi fest. Im Wohnzimmer ging das Licht an. Die Konturen einer schlanken Frau und eines Mannes wurden sichtbar. Kurze Zeit darauf hörte er das Surren des Garagentors. Ein dunkler Mercedes verließ die Einfahrt – wie fast jeden Abend.
Die Frau öffnete die Balkontür und blickte einen Moment mit hochgezogenen Schultern und verschränkten Armen den Alsteruferweg hinunter. Der Mercedes war längst verschwunden. Fröstelnd ging sie hinein. Das Licht verlosch, um in einem anderen Raum erneute anzugehen. Gleich würde auch dieser Raum dunkel sein.
Sigi fror. Es war Ende Oktober. Den ganzen Tag hatte es genieselt. Der alte Wollmantel triefte vor Feuchtigkeit. Er steckte die Flasche in den Aldi-Beutel, ließ den Becher abtropfen und packte ihn dazu. Mit schmerzenden Knochen stand er auf und latschte die Straße hinunter. Die Laternen spiegelten sich in der Alster. Er drehte sich kurz um. Sie war schlafen gegangen. Die Villa lag im Dunkeln. Sigi war beruhigt.
Plötzlich durchbrach das Klappen einer Haustür die Stille. Eine Frau lief über die Straße, blieb am Ufer stehen und starrte auf das Wasser, dann machte sie ein paar tastende Schritte. Sie wollte doch nicht...?
Fest griff er die Tüte und schlurfte zurück. Die Frau kletterte auf die niedrige Mauer und balancierte einige Schritte hin und her. Dann blieb sie auf Zehenspitzen stehen, wie ein Schwimmer auf dem Zehn-Meter-Brett, bereit zum Absprung.
„Das werden Sie nicht tun!“ Sigi zog sie hart am Ärmel zurück. „Das ist es nicht wert.“
Sie stolperte und fiel rücklings auf die feuchte Wiese. „Was erlauben Sie sich? Ich werde die ...“, schimpfte sie.
„... Polizei rufen?“ Sigi half ihr beim Aufstehen. „Vielleicht sollten Sie das tun.“ Er führte sie zu seiner Bank. „Alles in Ordnung?“
Sie zitterte. „Gehen Sie besser ins Haus, sonst werden Sie sich erkälten.“ Er deutete zur Villa.
„Woher wissen Sie das? Wohnen Sie hier?“ Er schien ihr nicht in diese Gegend passen.
„Wie man’s nimmt.“ Sigi setzte sich. „Die Bank ist mein zweiter Wohnsitz. Wir sind direkte Nachbarn.“ Er reichte ihr die Hand. „Ich heiße Sigi.“
„Karen Wollenhaupt.“ Mechanisch legte sie ihre in die seine, raue.
„Ich weiß.“
„Sie wissen. Ach ja, Sie sind mein Nachbar.“
„Wollten Sie tatsächlich...?“, er wies auf die Alster.
„Warum nicht.“
„Ist ungemütlich und nass da drinnen. Besser wäre es, in Ihr Haus zu gehen.“
„Mein Haus? Sein Haus. Ich bin nur Inventar.“
„Ich verstehe. Darf ich Sie einladen?“ Er holte den Rotwein hervor, wischte den Rand des Bechers mit einem Taschentuch ab und goss ihn voll. „Trinken Sie, das wärmt.“
Karen gehorchte. Sigi hatte Recht, es wärmte.
„Sie sind oft allein, das gefällt Ihnen nicht.“
„Woher wissen Sie das?“
Sigi blieb ihr eine Anwort schuldig und fragte stattdessen: „Begleiten Sie mich ein Stück? Ich möchte Ihnen etwas zeigen.“
„Sie meinen...?“
„Keine Angst, es passiert nichts.“
Er hakte sie unter und ging den Wall Richtung Reeperbahn hinunter.
„Wenn das Paul wüsste.“ Neugierig sah sie in die grellbeleuchteten Bars.
„Was wäre dann?“
„Wahrscheinlich würde er mich auf die Straße werfen.“
Sigi steuerte auf eine kleine Kneipe zu. „Hier wohne ich. Bei Erna“, sagte er und hielt die Tür auf. „Sie hat immer eine warme Suppe bereit.“
Eine ältere Frau in Filzpantoffeln stellte ihm einen Tee hin. „Und sie? Wo hast du sie aufgetrieben?“ Erna musterte Karens feines Kostüm.
„Nicht was du denkst, Erna.“ Sigi zwinkerte. „Sie ist meine Tochter.“
„Aha. Will deine Tochter etwas trinken?“
„Bitte einen Tee“, warf Karen rasch ein. „Hält sie mich für eine, na ja...“
„Keine Sorge. Erna ist die einzige gute Seele in der Stadt und der letzte Anker.“
An den Tischen saßen nur alte Männer, einige schliefen.
„Sie hat die Kneipe behalten, ist bereits in Rente. Jetzt füttert sie uns durch.“
„Warum leben Sie so?“
„Weil ich es will. Vor vielen Jahren hatte ich eine schöne Villa wie Sie, eine hübsche Frau und einen kleinen Sohn. Ich war oft auf Reisen, gab das Geld mit vollen Händen aus. Ich begann zu spielen und zu trinken. Plötzlich war alles weg, ich verlor meinen Job und meine Freunde und ging anschließend ins Ausland. Irgendwann wollte ich wieder nach Hause. Als ich endlich ankam, wohnten dort fremde Leute.“
„Und Ihre Familie?“
„Ich habe sie nicht gefunden, auch nicht richtig gesucht. Einige Jahre später – ich deckte mich mit einer Zeitung zu, fiel mein Blick auf die Todesanzeigen - ihre war darunter. Sie hatte den Freitod gewählt.“
„Oh.“ Sie senkte den Kopf. „Paul ist auch nie zu Hause. Immer auf Reisen. und ist er mal da, geht er meist sofort wieder, um am frühen Morgen zurückzukommen.“
„Ich weiß.“
„Stimmt. Sie sind ja mein Nachbar.“ Ihr Lachen war wie eine Melodie. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass Paul verbittert ist. Er hat keine Familie, ist ohne Vater aufgewachsen und seine Mutter früh gestorben. Er hetzt ruhelos durch die Welt, als ob er etwas sucht.“
Sigi schwieg einen Moment. „Das tut mir leid. Er macht den gleichen Fehler, wie sein Vater“
„Sie sind sein Vater?“
„Ja.“ Sigi stand auf. „Ich bringe dich heim, es wird Zeit.“
Vor ihrer Villa blieben sie zögernd stehen. „Komm, ich koche Tee.“ Sie führte ihn ins Wohnzimmer, legte den Mantel ab und ging in die Küche.
Sigi sah sich um. Gepflegt war es hier, schön eingerichtet und warm. Er stellte sich an das große Fenster und schaute lange auf seine Bank. Nein, er wollte nicht mehr tauschen. Sein Heim war Zum Anker geworden.
Leise trat sie neben ihn. „Ich danke dir für den Abend. Ich hätte auch gerne eine Erna.“
Er legte den Arm um ihre Schulter, drehte sie sanft zu sich, sodass sie ihn ansehen musste. „Reicht dir zukünftig auch ein Sigi?“

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