Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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September 2005
Bitte anschnallen
von Anne Zeisig

„Wach auf! Du altes Vehikel. Deine letzte Stunde ist gekommen“, sagte eine jugendliche Stimme zu mir, einer alten Limousine.
Ich gähnte grummelnd aus meinem Kühlergrill und wähnte mich in Träumen.
„Eye, Rostlaube! Kommste immer so spät in Fahrt?“
Nun riss ich beide Scheinwerfer auf.
Was stand denn da quer vor meiner Motorhaube in der Garage und hatte eine große weiße Schleife um den rechten Außenspiegel gebunden?
Das war kein Traum.
„Alter! Haste verpennt, dass der Herr deiner Herrin zum dreißigsten Hochzeitstag was Flottes in die Garage gestellt hat?“ Dieser junge Spund ließ es leise surren, und wie geölt faltete sich sein Dach nach hinten, um im Kofferraum zu verschwinden. Klappe zu, stand er oben ohne da.
„Starsilber mein Out-Fit, hundertfünfzig Pferdchen unter meiner Brillantlack-Haube. Und bin voll mit intelligentem Schnick-Schnack. Willste mal hören, Alter? Navigationssystem.“
`Fahren Sie bitte einen Meter geradeaus und öffnen Sie das Garagentor. Welches Ziel wollen Sie anfahren?´
„Extra für Frauen. Haben keine Orientierung.“ Dieser Weisheit folgte ein helles Lachen.
Mir brach der Angstschweiß aus den Düsen der Scheibenwaschanlage. Natürlich hatte ich geahnt, dass es einmal so kommen musste. Andere waren längst auf dem Schrottplatz gelandet. Da war mir mit meinen achtzehn Jahren wirklich ein langes Autoleben vergönnt gewesen. Klar, ich hatte mir Mühe gegeben, der Herrin meine Macken und Wehwehchen nicht spüren zu lassen. Aber der Technische-Überwachungsverein und die Jahresinspektion waren gnadenlos ehrlich. Ich konnte mit den jungen Flitzern nicht mithalten.

Das Garagentor wurde hochgeschoben. Meine Herrin stand im Gegenlicht der Morgensonne neben ihrem Mann. Sie ging um das Cabrio herum und machte riesengroße Kulleraugen. Dann streichelte sie zärtlich über den blanken Lack: „Schatz! Ich weiß nicht, was ich sagen soll!“
Der Flitzer blinkte kurz auf, der Herr öffnete die Beifahrertür und machte eine einladende Armbewegung: „Du musst nichts sagen, Liebling. Nimm Platz.“
Sie kicherte und setzte sich hinein: „Auf den Beifahrersitz?“
Ratz-Fatz schnellte die Sitzlehne nach hinten. Meine Herrin lag rücklings auf dem Sitz und der Herr warf sich über sie: „Wir verlängern unsere tolle Nacht und treiben ´s nun im neuen Wagen“, schnaufte er heiser und schob ihren Rock hoch.
So hatte ich die beiden noch nie erlebt. Keine Ahnung, was das sollte. Sie machten Verrenkungen und pflegten einen einseitigen Wortschatz.
„Ja Schatz, so ist es gut.“
„Warte Liebling. Ich klemme im CD-Wechsler fest!“
„Nun mach endlich!“
„Jetzt. Ja!“
„Gut.“
„Ich klemme wieder ... “
„Mist!“
„Ich komme!“
„Ich nicht!“
„Ah!“
Herrins Mann bäumte sich auf, fiel aus dem Flitzer und landete auf dem Garagenboden. Das Cabrio ließ eine Sirene ertönen und eine Frauenstimme befahl: “Bitte anschnallen! Bitte anschnallen! Bitte an... !“
„Wo kann man das abschalten?“, fragte Herrin laut, um die Computerdame zu übertönen und half ihrem Mann auf die Beine. Der betätige mehrere Schalter bis endlich Ruhe war.
Das Cabrio faltete das Dach über sich: „Niete!“ Und eine männliche PC-Stimme flüsterte: „Wegen stauender Nässe bitte keinen Datenträger einlegen. Wegen stauender Nässe bitte ... “

Er schloss den Reißverschluss seiner Hose und schlug mir aufs Dach.
„Die Rostlaube wird sofort verschrottet!“
Das schmerzte bis in die letzten Windungen meiner Stoßdämpfer.
„Das erledigst du, Liebling. Fahr zum Schrottplatz auf der Ackerweide, da ist es am billigsten. Will für die alte Möhre nicht unnötig was ausgeben.“
„Bis zur Ackerweide soll ich fahren?“, Herrin rümpfte ihren, auch nicht mehr sehr frischen, Kühlergrill. „Nur Landstraße. Das liegt so abgelegen! Ob ich das finde?“
Er gab ihr einen Klaps auf das schlaffe Heck und sagte im Rausgehen: „Ist doch nur noch diese eine Fahrt mit dem Oldie! Das Cabrio ist ein rollender Computer! Da brauchst du nicht mehr denken, sondern nur noch lenken!“
„Pah!“ Herrin öffnete unsanft die Fahrertür. Das knarrende Scharnier verursachte mir eine Pein! Was tat sie nur? Sie wusste doch, dass meine Gelenke ...
Peng! Tür zu.
Autsch!
„Und schnall dich an! Das vergisst du immer!“, hörte ich Herrchen rufen.
„Hoffentlich finde ich diesen Ackerschrott da auf der Dings-Bums-Weide.“ Meine Herrin setzte ihre Brille auf.
Dann steckte sie hart den Schlüssel ins Zündschloss, drehte ihn herum und ließ meinen alten Motor aufheulen. Mir schossen die Tränen literweise aus dem Kühler, als sie das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat und mich die Anliegerstraße hinunter jagte.
„Jetzt ist der alte Knacker auch noch undicht!“, hörte ich den jungen Flitzer rufen.
Mir rann das Wasser aus der Schnauze.
Wie entwürdigend.
Ich war froh, als wir endlich die kaum befahrene Landstraße erreicht hatten. Ab und zu gab mir ein LKW die Lichthupe zum letzten Gruße. Mitleid war das Geringste, was ich brauchen konnte.
„Scheiße!“, rief meine Herrin, „die Kühlertemperatur ist im roten Bereich. Hoffentlich schaffe ich es noch bis zu dieser Schrottweide.“
Mir wurde heiß. Das Wasser vibrierte in meinen Leitungen. Ich befürchtete, mein Motor würde bald in tausend Stücke zerspringen.
Herrin jagte mich auf Hochtouren, aber meine Kolben bewegten sich träge und träger.
Wollte sie etwa, dass ich hier elendig auf der Straße krepiere?
O nein! Das hatte ich nicht verdient. Nicht nach all den Jahren.
Ich sog tief Luft ein und ließ eine riesige Dampfwolke ab.
„Ich kann nichts mehr sehen!“, schrie die Herrin und trat abrupt mein Bremspedal hinunter.
Was hatte der Herr zu ihr gesagt? Im neuen Wagen müsse sie nur noch lenken. Alles andere laufe computergesteuert.
Bei mir auch! Aber ohne Elektronik.

Ich startete voll durch.
Der Mittelstreifen huschte als kümmerlicher Wurm neben mir hinweg, und der Fahrtwind blies mir erfrischend um die Außenspiegel.
Herrin schrie hysterisch: „Hilfe! Die Bremsen funktionieren nicht!“
Was kümmerte mich ihr Gekreische.
Die Scheinwerfer scharf nach vorn gestellt, sah ich, wie der Asphalt auf mich zuraste, um sich dann flach unter meine Pneus zu wälzen, als ergäbe er sich ehrfürchtig.
Ein stetiger dumpfer Schmerz durchdrang meinen Katalysator und ließ die Gase melodisch aus dem Auspuff entweichen. Fast so, als bliesen Trompeten zum letzten Zapfenstreich.
Die Herrin hatte ihre rot lackierten Fingernägel in den abgewetzten Lederbezug meines Lenkrades gekrallt.
Meine Tränen benetzten die Windschutzscheibe.
„Ich muss mich aufs Lenken konzentrieren“, flüsterte sie, „und irgendwie diesen Schrottplatz erreichen.“ Abermals versuchte sie zu bremsen. Vergeblich.
Die harte Tour ihrer Nägel stachelte mich an.
Ich beschleunigte auf einhundertachtzig. Wieder sog ich tief den Fahrtwind durch den Kühlergrill ein und pustete eine dichte Dampfwolke hinaus.
„Ich sehe nichts!“, rief meine Herrin und lenkte eine scharfe Linkskurve, dass es mich fast von den hinteren Reifen haute.
Dann sah ich es! Wie es auf mich zuraste. Ein hohes, schmiedeeisernes Tor mit der Aufschrift: „Autoverwertung und Unfallschrott“.
Dahinter bedrohlich aufgebaut die riesengroße Schrottpresse, deren lautes Knirschen und Knacken begleitet wurde vom Jammern und Lamentieren sterbender Autos, die durch einen Kran dort hinein befördert wurden.
Welch qualvoller Tod!

Blind vor Wut schoss ich durchs Tor und prallte frontal gegen die Presse.
Meine Herrin wurde durch die Windschutzscheibe geschleudert und direkt in die Öffnung der Schrottpresse katapultiert.

Mich durchzog ein schneidender Schmerz. Zu groß war die Verletzung im Glas.
Ich sackte zusammen.
Der Kranführer schrie: „Stopp! Presse halt! Da ist ein Mensch drin!“
Schnell nahm ich alle Kraft zusammen, legte den Rückwärtsgang ein, machte eine Kehrtwende und bog rechts auf die Landstraße ab.
Ich startete voll durch und preschte mit hundertfünfzig Sachen geradeaus gen Osten. Der Sonne entgegen.
Freiheit!
Welch ein Glück, dass ich keinen Computer installiert hatte, der meiner Herrin hätte sagen können: „Bitte anschnallen. Bitte anschn...

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