Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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September 2005
Haltet den Dieb!
von Ingeborg Restat

Leichter Nebel lag über der Stadt. Spät abends tauchte das Licht der Laternen alles in einen milchigen Schein. Schemenhaft sah der Wurstmaxe von seinem Kiosk aus die Leute auf der anderen Straßenseite vorübergehen. Ungemütliches Wetter. Die Feuchtigkeit kroch in alle Sachen. Ein Zug ratterte vom Bahnhof nebenan über die Brücke des Kanals, an dem er seine Wurstbude hatte.
„Mistwetter!“, sagte er und drehte die letzten Bratwürste auf seinem Rost um. Fett tropfte herunter; es zischte.
„Das kannste laut sagen“, antwortete Kalle, einer der beiden Bauarbeiter, die jeden Abend bei ihm für ein Bier und eine Wurst Halt machten, wenn sie auf dem Heimweg aus dem Bahnhof kamen.
„Ist eben Herbst“, erklärte Hotte, der andere Bauarbeiter, und nahm einen großen Schluck aus der Bierflasche. „Bleib’ste heute noch lange hier stehen?“
„Nee! Nur bis der letzte Zug aus der Stadt durch ist, dann ist Schluss. Der Wurstmaxe ging hinaus und wischte die leeren Stehtische ab.
„Dann haste ja bald Feierabend.“
„Da, der vorletzte Zug rollt eben in den Bahnhof. Meinste der bringt dir noch einen Kunden? Bei dem Wetter will doch jeder nach Hause.“
„Da kannste Recht haben. Aber man weiß eben nie. Hab nur noch ein paar Würste auf dem Rost. Mal sehen.“ Der Wurstmaxe ging wieder hinein.
Die ersten Menschen kamen die Treppe vom Bahnhof herunter. Sie hatten es eilig, liefen vorbei und verschwanden wie Schatten im Nebel. Eine alte Frau, mühsam auf einen Stock gestützt, ging vorüber.
„Muss die Alte bei dem Wetter und um diese Zeit noch unterwegs sein?“ Hotte drehte sich nach ihr um.
„Unvernünftig ist das, richtig unvernünftig! Und dann wundert man sich, wenn was passiert“, stimmte Kalle zu.
„Aber immer zu Hause allein rumsitzen, Abend für Abend, kann doch so ein Mensch auch nicht“, widersprach Wurstmaxe.
„Haste auch wieder Recht“, räumte Hotte ein und Kalle meinte: „Muss jeder allein wissen, was er tut.“
Die alte Frau verschwand im Nebel. Ein junger Mann kam in den Lichtkreis der Glühbirnen, die an einem Kabel vor dem Kiosk im leichten Windzug schaukelten und ein flackerndes Licht verbreiteten. Zögernd blieb er stehen, den Blick auf die Bratwürste gerichtet. Sichtlich unsicher beugte er sich nieder und nestelte an seinen ausgetretenen Schuhen und der verknautschten Hosen herum. Hastig richtete er sich wieder auf, zog seinen Rucksack fester und eilte davon, als müsste er sich losreißen.
„Wetten, dass dem das Wasser schon im Mund zusammengelaufen ist? Der hätte bestimmt gern was gegessen.“ Kalle grinste.
„Dem fehlt offenbar nur eins: das nötige Kleingeld dazu.“ Hotte lachte.
„Sicher ein armer Teufel“, meinte Wurstmaxe und packte neues Toastbrot aus. Mitten in der Bewegung hielt er inne ...
Ein gellender Schrei in der Dunkelheit.
„Die Alte!“ Kalle setzte die Bierflasche wieder ab, aus der er eben trinken wollte.
„Da ist was passiert!“ Hotte drehte sich um und machte schon einen Schritt vom Tisch weg.
„Jetzt ist es zu spät.“
„Aber vielleicht braucht sie Hilfe.“
„Ich kann hier nicht weg.“ Der Wurstmaxe beugte sich aus seinem Kiosk, als könne er damit besser sehen, was da in einiger Entfernung geschehen war.
Noch ein verzweifelter Schrei: „Hilfe! Haltet den Dieb!“
Eilige Schritte. Ein Schatten auf der Gegenseite rannte die Straße entlang.
„Da läuft einer wie um sein Leben“, rief Wurstmaxe.
„Den kriegen wir!“ Kalle und Hotte sprangen zugleich los.
Er hatte keine Chance zu entkommen. Sie hatten ihn, packten ihn, hielten ihn fest.
Schemenhaft konnte Wurstmaxe alles nur verfolgen. Er sah, wie der sich wehrte, hörte, wie er schrie: „Was wollen Sie von mir? Lassen sie mich los!“
„Das könnte dir so passen, Bürschchen. Alte Frau beklauen und mit der Beute entkommen.“ Eisern hielt Kalle ihn fest, während Hotte ihm den Rucksack abgenommen hatte und durchsuchte.
„Aber ich wollte doch nur den letzten Zug erreichen“, verteidigte sich der Beschuldigte.
„Kann jeder sagen.“ Kalle ließ ihn nicht los.
„So glauben Sie mir doch!“
„Wir werden es gleich sehen.“
Mühsam humpelte die alte Frau heran. „Gott sei Dank! Haben Sie meine Tasche? Alles ist darin, Papiere und Schlüssel. Nicht einmal in die Wohnung komme ich sonst.“
Aber sie fanden keine Tasche.
„Sie hat einen roten Reißverschluss“, erklärte sie verzweifelt. „Er muss sie haben.“
„Sind Sie sicher, dass Sie dieser Mann überfallen hat?“ Hotte wurde vorsichtig.
„Aber, ja!“ Die Frau war empört. „Ganz deutlich habe ich diesen Rucksack gesehen. Damit hat er nach mir geschlagen. Ich bin zwar alt, aber nicht tütelig!“
„Maxe, ruf die Polizei über dein Handy. Die muss das klären“, rief Kalle über die Straße und ließ den Mann los.
„Daran liegt mir auch“, sagte der und machte keine Anstalten wegzurennen.

Nachdem die Polizei den Mann und die alte Frau mitgenommen hatte, kehrten Hotte und Kalle zu ihrem Bier am Stehtisch zurück. Was alles so passieren konnte, darüber sprachen sie noch lebhaft, als aus dem Nebel in den Lichtkreis erneut der junger Mann trat und gleich zwei Bratwürste verlangte. Die beiden achteten nicht darauf, nur Wurstmaxe wunderte sich. Aber dann war auch er wieder bei der Debatte darüber, wie verkommen die Menschen geworden sind, dass man bei dem, was alles passiert, bald nirgends mehr sicher sein kann.
Der junge Mann aß schweigend. Er war dazu an keinen der Tische gegangen, sondern hatte sich dicht bei dem Kiosk an die Seite gedrückt. Aus den Augenwinkeln sah Wurstmaxe, wie gierig er in die Würste biss. Er bekam sogar mit, wie er sich in einem günstigen Augenblick streckte, flink über die Theke langte und noch eine Scheibe Toastbrot stibitzte. Wurstmaxe drückte beide Augen zu und sagte nichts. Das sah er doch, wie hungrig der junge Mann war. Nur seine Geldkassette, die stellte er lieber unter den Tisch.
Oben ratterte der letzte Zug über die Brücke. Niemand von denen, die da die Treppe herunterkamen nahm sich noch Zeit, eine Wurst zu essen. Sie gingen vorbei.
Der junge Mann kramte umständlich in seiner Hosentasche herum, als ließe sich da etwas schwer herausziehen. Schließlich holte er ein dunkelgrünes Portmonee hervor, nahm einen Geldschein heraus und steckte es schnell wieder weg. Hastig griff er nach dem Wechselgeld und schob es lose hinterher. Dann ging er zum abseits stehenden Abfallkorb, warf seinen Pappteller hinein, fummelte an seinem Rucksack herum, nahm ihn auf den Rücken und verschwand im Nebel.
Hotte und Kalle gingen auch. „Bis morgen!“, grüßten sie.
Der Wurstmaxe nahm die letzten Würste vom Grill, räumte auf und holte den Abfallkorb herein.
Nanu, was war das? Eine Handtasche mit einem roten Reißverschluss holte er heraus. Alles war noch darin, Papiere und Schlüssel. Nur ein Portmonee fehlte? War es ein Dunkelgrünes?

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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