Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2005
Unterwegs
von Sabine Poethke

Sie war schon einige Zeit unterwegs. Im Moment befand sie sich in ihrem Wagen auf einer gut ausgebauten Autobahn. Das war mehr als nur angenehm. Sie konnte beim Fahren entspannen. Selten musste sie auf den Verkehr achten. Es waren nicht viele andere Autos unterwegs. Dafür konnte sie ab und an den Blick über die Seitenstreifen hinaus schweifen lassen. Da waren Bäume, alte und noch ganz kleine. Kühe, braun und schwarz gefleckt. Selten sah sie mal ein Reh. Es gab Häuser, Menschen und andere Straßen. Wenn sie nicht gerade mitten auf einer Autobahn wäre, könnte sie gut anhalten um sich ein wenig umzusehen.
Das ging auf einer einfachen Landstraße natürlich deutlich besser. Manchmal hielt sie an und lernte nette und weniger nette Menschen kennen. Einige fuhren ein Stück mit ihr mit. Viele traf sie auf ihrer Fahrt hier und da wieder. Sie hatte schon einige Straßen befahren. Gut ausgebaute, holprige, breite, schmale Straßen. Mal fuhr es sich besser, mal schlechter. Aber immer kam sie irgendwie vorwärts. Nur selten hatte sie Sackgassen befahren. Da blieb ihr nicht viel übrig. Sie musste wenden und einen anderen Weg nehmen, dann ging es weiter.
Sie war schon einige Zeit unterwegs. Nicht immer hatte sie diese auf dem Fahrersitz verbracht. Es gab eine Zeit, da hatte sie auf der Rückbank gesessen, in einem anderen Auto. Der Vater war gefahren und die Mutter saß auf der Beifahrerseite. Der kleine Bruder saß mit ihr hinten auf der Rückbank und sie hatten sich die Zeit mit allerlei Spielen vertrieben. Auf längeren Strecken stritten sie sich das ein oder andere Mal. Manchmal schlimmer, manchmal nicht so schlimm. Dann wurde es Zeit, eine Pause einzulegen. Damit sich jeder die Füße vertreten konnte. So ein wenig frische Luft und ein bisschen Bewegung wirkten Wunder.
Ja, sie war schon einige Zeit unterwegs. Es gab eine Zeit, die verbrachte sie hauptsächlich auf dem Beifahrersitz. Wollte sie einmal fahren, musste sie das mit vielen Argumenten begründen. Dabei wurde sie schnell müde, auch wenn sie keine Lust hatte, müde zu sein. So saß sie meist neben dem Fahrer. Auf der Rückbank saß erst ein Kind, später saß dort noch ein zweites. Sie spielte mit den Kindern während der Fahrt, erzählte ihnen Geschichten, sang und lachte mit ihnen. Sie sahen sich die Straßen dieser Welt an. Oh, es gab viele Straßen die sie befuhren. Wenn die Kinder sich lang über kurz einmal in den Haaren lagen, schimpfte und schlichtete sie, während der Fahrer weiter fuhr. Weiter und weiter. Mit diesem Fahrer gab es keine Pausen. Oder nur wenige. Nach dieser Fahrt, auf der sie viel erlebten und kaum anhielten, brauchte sie eine Pause.
Denn sie war ja schon einige Zeit unterwegs. Sie stieg um auf ein neues Auto. Auch dieses Auto bekam einen Fahrer. Meistens war sie das. Wenn es ihr zu viel wurde, übergab sie dem anderen Fahrer das Steuer. Im Auto saßen mittlerweile noch ein paar weitere Insassen. Es war ein sehr großes Auto.
Der andere Fahrer hatte auch Kinder. Von denen war eines ständig mit auf der Fahrt, das zweite häufig und das dritte zwei Tage an zwei Wochenenden im Monat. Ein Baby fuhr auch noch mit. Es gab Tage, da fuhren sie mit sechs Kindern über die Straßen. Sie sahen viele Dinge am Straßenrand. Viele Orte und viel Leben. Wo es ihnen gefiel, hielten sie an und schauten sich um, machten kurz Rast und fuhren weiter.
Eines der Kinder sitzt jetzt in seinem eigenen Auto und fährt nur noch selten mit ihrem Wagen mit. Er befährt nun die Straße in seiner Richtung. Auch die anderen Kinder werden irgendwann in ihren eigenen Autos sitzen.
Sie war nun schon eine ganze Weile auf der Straße unterwegs. Ihr gefiel sie, diese Straße. Ob allein oder im voll beladenen Auto. Ob an schönen Tagen im Sommer oder an grauen, regnerischen Herbsttagen. Je nach Stimmung drehte sie das Radio im Wagen auf volle Lautstärke und sang mit oder sie hörte nur zu. Sie wird noch eine ganze Zeit weiter fahren. Und sie freut sich über die Menschen, die mit ihr fahren. Vielleicht auf der Autobahn in dieser Richtung, vielleicht auf der Landstraße in einer Anderen. Das weiß sie noch nicht, aber sie wird die richtige Richtung sehen, wenn der Weg sich gabelt.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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