Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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September 2005
Nicht nur ein Unfall
von Ulrike Lauterberg

Die Fahrt auf der geraden Strecke durch den Wald ermüdete Karin. Sie gähnte. Es war weit nach Mitternacht und die junge Frau befand sich auf dem Heimweg.
Plötzlich tauchte ein Schatten vor dem Wagen auf. Ein dumpfes Geräusch, dann die Erschütterung. Karins Kopf schlug mit Wucht gegen die Nackenstütze. Ihre Hände umklammerten das Lenkrad und reflexartig trat sie auf die Bremse. Das Auto schlitterte ein paar Meter über den Grünstreifen, ehe es stehen blieb. Für einen Moment saß Karin reglos da. Dann rieb sie sich den schmerzenden Nacken. Was war das denn? Sie stellte den Warnblinker an und nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach.

Ihr Herz schlug bis zum Hals, als sie die Strecke zurückging.
Nach einigen Metern sah sie etwas. Der Lichtkegel ihrer Lampe beleuchtete ein braunes Fellbündel. Ein Reh! Es lag auf dem Mittelstreifen und lebte noch. Seine aufgerissenen Augen starrten Karin an. Es röchelte und Blut lief aus seiner Nase. Erschüttert beugte sie sich über das Geschöpf. “Du Armes, das habe ich nicht gewollt.”
Nervös kaute die junge Frau auf der Unterlippe und sah sich um.
Absichern ... ich muss es absichern.
Sie rannte zurück, holte das Warndreieck und stellte es hinter der Unfallstelle auf. Noch außer Atem, kramte sie mit flatternden Fingern das Handy aus ihrer Jackentasche. Nachdem die Polizei informiert war, rief Karin ihren Mann an.
“Du, mir ist ein Reh vors Auto gelaufen, mach dir also keine Sorgen, wenn es später wird. Ja?”
“Ist dir was passiert? Soll ich herkommen?”, fragte er.
“Nein, nein, bleib nur, mir geht’s gut.”
“Wo genau stehst du?”
“Auf der Schnellstraße nach Veerse, die auf die B75 führt ... du, ich muss Schluss machen.” Sie sah in der Entfernung Scheinwerfer. “Ein Auto kommt, ich habe Angst, dass es in das Tier fährt.”
Karin stellte sich hinter das Reh und winkte in kreisenden Bewegungen mit der Taschenlampe. Der Fahrer drosselte die Geschwindigkeit und stellte die Warnblinkanlage an. Ein schlanker Mann mit Schirmmütze stieg aus.
“Hallo!”, grüßte er freundlich. Er sah das blutende Tier. “Ach herrje! Ich denke, es ist sicherer, wenn ich meinen Wagen direkt dahinter stelle.” Noch bevor Karin reagieren konnte, war er zurück in seinen Golf gestiegen.
“Die Polizei haben Sie sicher schon informiert – oder?”, fragte der Mann , als er sich vor das Tier hockte.
“Ja. Die wollen gleich einen Wagen vorbeischicken.”
“Gut. So lange werde ich bei Ihnen bleiben.”
“Das ist sehr nett von Ihnen.” Karin bemerkte erst jetzt, wie sehr ihre Knie zitterten.
Der Fremde stellte sich neben Karin. Gemeinsam betrachteten sie das Reh im Scheinwerferlicht. Sie sahen, wie seine Läufe zuckten, ohne in der Lage zu sein aufzustehen und zu flüchten.
“Armes Tier. Kann einem schon Leid tun, nicht wahr?”
“Ja”, seufzte Karin.
“Und Sie haben sich bestimmt sehr erschreckt. Aber seien Sie froh, dass Ihnen nichts passiert ist.”
“Das bin ich auch.”
Aus entgegenkommender Fahrtrichtung hielt ein Wagen. Ein Mann mit Vollbart kurbelte das Seitenfenster herunter und rief: “Brauchen Sie Hilfe? Ist was passiert?” Sein Blick fiel auf das Wild. “Ach du Scheiße, das Vieh lebt ja noch. Klopp ihm eins mit dem Kreuzschlüssel übern Schädel, dann ist es hin. So quält es sich doch nur. Oder soll ich das eben erledigen?”
Vor Empörung stemmte Karin einen Arm in die Hüfte und rief: “So macht man das ganz sicher nicht. Das ist grausam!” Unverständliches vor sich hingrummelnd, kurbelte der Bärtige sein Fenster hoch und fuhr davon.
“Das hat der jetzt aber nicht verstanden.”, lachte Karins Helfer.
“Aber habe ich denn nicht recht?”
“Na ja, es wäre für Sie und mich brutal das Tier auf diese Weise zu erlösen.” Er zog die Mütze tiefer ins Gesicht. “Aber nicht alle Menschen sind gleich. Vielleicht ist er Landwirt und nicht so zimperlich wie wir.”
“Also ich würde auch als Bäuerin nicht auf so eine Idee kommen.”
“Wissen Sie”, sprach der Fremde, “der meinte es sicher nur gut. Er wollte helfen und das alleine zählt.”
Karin glaubte Traurigkeit in der Stimme gehört zu haben. Fragend sah sie zu ihm auf, doch der Schatten seines Käppis verdeckte das Gesicht.

Erneut nahte ein Fahrzeug. Mit hoher Geschwindigkeit raste es auf die Unfallstelle zu. Immer näher kamen die Lichter. Ängstlich wich Karin auf den Grünstreifen zurück. “Kommen Sie doch von der Straße”, schrie sie, “der ist zu schnell.”

Mit quietschenden Reifen kam ein gelber Ford Escort knapp vor dem Golf zum Stehen. Der Motor begann zu stottern und ging aus. “Das ist ja noch mal gut gegangen.”, atmete Karin auf und sah zu ihrem Helfer. Der blickte jedoch wie gebannt auf den Ford. Der Raser versuchte den Motor zu starten – vergebens. Neugierig ging Karin auf den Escort zu, dabei fielen ihr am Kotflügel Lackschäden auf, die mit Grundierung ausgebessert waren. Sie beugte sich herab und sah durch die Frontscheibe. Hektisch stieg der Typ aus und sein Zopf im Nacken schleuderte hin und her.
“Scheiß Kiste.”, fluchte er und öffnete die Motorhaube. Während er sich über den Motorraum beugte, fragte er Karin: “Wollen Sie nicht lieber die Straße frei machen?”
“Wie bitte? Das hier ist eine Unfallstelle. Ich hab ein Reh erwischt und da muss die Polizei erst einmal ...”
“Die Bullen?”, krächzte er nervös und sein Oberkörper schnellte hoch. Mit Wucht knallte er die Motorhaube zu. Karin war der Mann nicht geheuer. Sie warf einen Blick auf das Kennzeichen und dachte: Bremer, Donald Duck, zwei Männer, drei Autos und ein Tier. Dann trat sie ein paar Schritte zurück und sah, wie der Mann in den Wagen stieg und erneut versuchte zu starten. Wieder gab der Anlasser nur monotones Gejaule von sich.
Karin sah wie der Fahrer des Golfs auf den Escort zu ging und sich neben die offene Fahrertür hockte. Neugierig versuchte sie dem Gespräch zu folgen.
“Wir beide kennen uns doch, nicht wahr?”, sprach er den nervösen Mann an.
“Nicht das ich wüsste. Eye Alter, schieb mich lieber mal an.”, antwortete der Raser. Weiterhin gurgelte der Anlasser.
“Weißt du es nicht mehr? Das war im März und du hattest es sehr eilig. Eddy, kennst du den Satz: man trifft sich im Leben immer zweimal?”
Der Escortfahrer unterbrach seine Startversuche und sah den anderen an. Entsetzen verzerrte sein Gesicht. “Ich ... ich ... weiß nicht, ... verdammte Scheiße, was ist hier los?”, schrie er hysterisch um einige Töne höher. “Hau ab! Verschwinde!” Erneut versuchte er den Motor zu starten, dieses Mal mit Erfolg. Der Mann mit der Schirmmütze wich zurück und der andere raste mit offener Wagentür und durchdrehenden Rädern davon.
“Unheimlicher Kerl!”, rief Karin, “und den Typ kennen Sie?”
“Kennen? Na ja, sagen wir mal, ich bin ihm heute zum zweiten Mal begegnet.” Er sah dem Fahrzeug nach. “Aber haben Sie sehen können, woher der kam?”, wich er aus.
“Ja, ich habe mir das Kennzeichen gemerkt: Bremer – Donald Duck
zwei ...” Sie schüttelte den Kopf. “Ich wollte sagen: HB DD 231. Ist so ein Tick von mir, meine Eselsbrücken.”
“Oh, Ticks können manchmal ganz nützlich sein”, entgegnete der Mann schmunzelnd.”
“Aber der Typ hatte scheinbar Angst vor Ihnen. Haben Sie das nicht bemerkt? Mir war, als hätte er sich erschrocken Sie zu sehen und als ...”
“Schauen Sie”, unterbrach er Karin, “schon wieder ein Wagen.”
“Nanu, das ist ja mein Mann.”, rief sie, als dieser auf der anderen Straßenseite parkte.
“Na, der ist ja schneller als die Polizei. Dann werde ich mal wieder losfahren. Sie brauchen mich dann ja nicht mehr.”
“Ja, und vielen Dank für Ihre Hilfe. Es war beruhigend, hier nicht alleine stehen zu müssen.”
“Ich weiß. Mir ist das gleiche mit Wildschweinen passiert. War auch unangenehm.” Er öffnete seine Wagentür. “Also, alles Gute und erholen Sie sich und nutzen Sie Ihren Tick.” Er hob die Hand zu einem letzten Gruß und stieg lächelnd ein.
“Ja, werde ich und nochmals ganz herzlichen Dank.” Karin winkte ihm hinterher, dann lief sie ihrem Mann entgegen. Aufatmend schloss er seine Frau in die Arme. “Mensch, hast du mir einen Schrecken eingejagt.” Er strich ihr übers Haar. “Ich hatte so ein ungutes Gefühl nach deinem Anruf und musste dich suchen. Ist dir auch wirklich nichts passiert?”
“Nein, gar nichts, aber schau dir mal das arme Reh an, das tut mir so Leid.” Während Karin ohne Pause redete, gingen sie zusammen zum verletzten Tier. “Der Mann in dem Golf hat mich die ganze Zeit unterstützt und die Unfallstelle mit seinem Wagen abgesichert. Wenn der nicht gewesen wäre, ich sag dir, dann hätte mich vielleicht noch so ein unmöglicher Banause überfahren. Der war vielleicht seltsam. Das Reh habe ich wahrscheinlich am Kopf getroffen, es blutet ...”
“Welcher Mann hat dich unterstützt?”
“Was? Na, der eben weg fuhr ... und stell dir vor, ein Autofahrer empfahl uns das Reh tot zu schlagen.”
“Wann und wo fuhr ein Wagen weg? Hier sind nur wir beide.”
“Eben gerade. Na, der Golf. Du musst ihn doch ...” Karin stockte, als ein Polizeiwagen sich näherte. Erleichtert rief sie: “Na endlich!”, und wieder stellte sie sich winkend mit der Taschenlampe hinter das Tier.

Während Karin dem Beamten die Wagenpapiere reichte, berichtete sie immer noch aufgewühlt, den genauen Hergang.
Als sie die Hilfsbereitschaft des Unbekannten erwähnte, entgegnete der Polizist: “Nette Menschen gibt es eben doch noch. Vor einiger Zeit ereignete sich hier in der Nähe, etwas Ähnliches. War auch ein Wildunfall.”
Der Polizist zupfte einen Kugelschreiber aus der Brusttasche, um Karins Personalien aufzunehmen. “Ein Mann raste nachts mit seinem Wagen in eine Wildschweinrotte. Als er den Ort absichern wollte, fuhr ein anderes Fahrzeug ungebremst in die Unfallstelle und riss den Mann um. Der Fahrer ließ ihn hilflos liegen. Die gelben Lackspuren, die am Wagen des Opfers gefunden wurden, brachten die Untersuchungen bis heute nicht weiter.”
“Oh je. Und der Mann – war er schwer verletzt?”, fragte Karin neugierig. “Der Fahrer des Golfs hielt sein Warndreieck noch in der Hand, als er verstarb.”
“Er ist tot? Ein Golffahrer sagen Sie?” In Karins Kopf begann es fieberhaft zu arbeiten. “Wann war das denn?”
“Das muss im März gewesen sein, wenn ich mich richtig erinnere.”, antwortete der Beamte und reichte die Papiere zurück.
Karin fühlte aufkommende Übelkeit und im Kopf begann es schmerzhaft zu pochen. Verwirrt setzte sie sich in ihren Wagen.
Nach einigen Minuten stieg sie aus und lief entschlossen auf den Beamten zu. Wie von einer inneren Stimme geführt redete Karin: “Wissen Sie was? Ich muss Ihnen etwas erzählen. Da war vorhin ein Autofahrer und der fuhr einen gelben Wagen und ...”
“Na, da gibt es viele von.”, lachte der Beamte.”
“Ja, aber dieser hatte ausgebesserte Lackstellen. Vor allem aber wurde er sehr nervös, als ich sagte, dass die Polizei kommen wird.”
“So so. Und? Haben Sie sich zufällig das Kennzeichen gemerkt?
“Ja.”, Karin lächelte geheimnisvoll und dachte an den fremden Mann mit der Schirmmütze. “Bremer – Donald Duck – zwei Männer – drei Autos und ein Tier.”

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