Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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September 2005
Und wir können doch fliegen
von Albertine Sprandel

Ja, ich bin gern Auto gefahren, besonders mit Klimaanlage in der sengenden Hitze Südeuropas. Bis zu dieser Reise mit meiner Kollegin Eva nach Sagalassos. Nie wieder werde ich das leichte, schnelle Gleiten durch eine verwaiste Landschaft genießen können. Aber das ist nicht das Schlimmste.
Auch wenn alle beteuern, dass mich keine Schuld trifft, ich fühle mich verantwortlich, jeden Tag.

Mit einem blauen Citroën schossen wir an jenem Morgen über die Straße wie in einem Luftkissenboot. Erinnerungen überkamen mich. Eva nahm ich dabei kaum wahr. Früher, viel früher waren Ben und ich durch dieses staubige Grün gerast oder ich war allein auf dem Weg zu ihm gewesen. Die Türken hatten unseren XM uçak, „Flugzeug“ genannt.
Die Klimaanlage fächelte kühle Luft, die von der Sonne wieder aufgeheizt wurde. Mit der Hitze und mit dem Tempo stieg das Glücksgefühl von damals in mir auf.
Über zwanzig Jahre war ich seitdem nicht mehr in diesem Land gewesen.
Die ganze Zeit glaubte ich, eine Chance verpasst zu haben: Nur einen Schritt hätte es bedurft, und der Mann, an den ich fast jede Nacht dachte, wäre der Vater meiner Kinder geworden. Oder etwa nicht?

Noch fünf Stunden. Dann würde ich vor ihm stehen. Wir hatten das Treffen ganz locker vereinbart. Ganz bestimmt habe ich mir nichts anmerken lassen, dachte ich. Nicht, wie sehr ich hoffte, dass der Funke wieder überspringen würde. Das gab es doch, die Liebe in den zweiten Fünfzigern. Ich fühlte mich so jung!
„Hey, was für ein Zufall. Du hast einen Auftrag in Sagalassos? Ich freue mich, dich zu sehen!“ Er hörte sich am Telefon vollkommen unverändert an.
„Natürlich habe ich nachgeholfen, als ich hörte, dass du da bist. Wollte doch mal deine Speckröllchen überprüfen“, lachte ich in den Hörer.
Wir tauschten noch ein paar Infos über unsere beruflichen Erfolge aus und verabschiedeten uns.

„Führst du Selbstgespräche?“ Ich lief sicher knallrot an. Eva hatte ich glatt vergessen. Das war mir peinlich, deshalb bemerkte ich ihren gekünstelten Ton noch nicht.
„Habe ich etwas gesagt?“
„Dein ganzes Leben hast du erzählt.“
„Quatsch.“
„Warum hast du den Kopf geschüttelt?“ Eva war jung, aber in Ordnung, fand ich. Sie behauptete nicht, alles zu können und benahm sich nicht wie eine Prinzessin. Wie oft sie wohl schon in der Türkei und auf Ausgrabungen gewesen war?
„Ich war in Gedanken.“

Je weiter wir uns vom Meer entfernten, desto drückender fühlte sich die Hitze an. Flirrendes Braun der ausgedörrten Erde. Darüber verlor sich der Himmel in immer blasserem Blau.
Vor mir tauchte ein LKW auf – ein schneller Blick auf die linke Spur, der Fuß aufs Gaspedal – das Überholmanöver war beendet.
„Zuweilen werden die Abstände eng. Aber hier muss man schnell und offensiv fahren“, erklärte ich in Gedanken meiner jungen Beifahrerin. „Sonst bleibst du hinter einem LKW hängen.“
Im Rückspiegel nahm ich noch die Lichthupe des Kipplasters wahr. Es hatte sich nichts geändert in den letzten zwanzig Jahren.

„Stehst Du aufs Autofahren?“
Eva starrte mich an, als ob sie mein innerstes Wesen ergründen wollte.
„Sagen wir es mal so, ich fahre gern – aber muss nicht ständig unterwegs sein.“ antwortete ich mit einem kurzen Seitenblick. Eva verschränkte die Arme.
„Warum wolltest du dann unbedingt die Tour übernehmen?“
„Ich wollte Sagalassos sehen.“
Sie schwieg. Das konnte sie nicht verstehen und ich wollte es nicht erklären. Sie war zu neu. Sie wusste nicht, wer dort arbeitete, sie wusste nichts von den alten Zeiten, nichts von mir als junger Archäologin in Pergamon. Von unseren Besichtigungstouren, Ausflügen und Abenteuern.

Eine Sommerliebe. Zwei Monate Hitze, von morgens sechs Uhr bis tief in die Nacht. Keine Ahnung, wie ich damals den Schlafmangel aushalten konnte.
Ben. Lang und dünn mit Wuschelkopf. Architekt der Tempelrestaurierung in Pergamon. Einer von vielen in der deutschen Mannschaft, der einzige, den ich nie wieder gesehen habe. Jetzt arbeitete er im Sommer in Sagalassos.
Wir hatten vor zwanzig Jahren einfach „Bis bald“ gesagt. Obwohl wir es beide wussten. Stockholm und München waren zu weit auseinander. Keiner würde den Schritt in die andere Welt wagen. Wie dumm. Mein Gott, wie dumm.

Der Wald breitete sich mit einem gleichmäßigen Grün über die Hügel aus. Myrthe, Lorbeer und Wacholder. Die niedrigen Büsche wurden nur selten von höheren Pinienhainen unterbrochen. Es ging auf zwölf Uhr zu. Wir hatten noch mindestens vier Stunden vor uns.
„Soll ich dich ablösen?“, fragte Eva. Seit acht Uhr war ich am Steuer. Es war wirkliche Zeit für eine Pause.
„Lass uns im nächsten Ort beim Pideči etwas essen.“
Ich roch meinen eigenen Schweiß. Wie ich das hasste. Ich musste mich frisch machen. Natürlich würde ich sie fahren lassen. Obwohl ich wusste, dass es auf den engen Landstraßen hier nicht einfach war. Aber meine Augen waren müde. Eine Alterserscheinung?
„Und du? Wieso wolltest du mitkommen?“, fragte ich.
„So halt.“
„Wie?“
Eva blickte zur Seite. Das würde eine schweigsamen Fahrt werden, dabei suchte ich Ablenkung, damit ich nicht nur an Ben dachte.
„Was hast du nach deinem Examen vor?“ Ich startete einen neuen Versuch.
„Mmh.“
„Ich meine, hast du schon Kontakte aufgenommen?“
„Nicht nötig.“
Ich stöhnte. Es gab Menschen, die konnten besser Smalltalk führen als ich.

Eva startete den Citroën. Ich merkte gleich, dass sie Dieselfahrzeuge nicht gewohnt war. Sie heizte den Motor wie einen Benziner. Schaltete viel zu früh. Mit achtzig Stundenkilometern verließen wir die Stadt Denizli.
„Du kannst ruhig schlafen“, sagte Eva, während sie scharf in die nächste Kurve zog.
„Bei deiner Fahrweise kann ich das vergessen. Wo hast du denn den Führerschein gemacht?“
„In Izmir.“
Ich schaute sie an, schräg von der Seite. „Im Ernst?“
„Was weißt du schon über mich!“ In Evas Stimme lag ein Vorwurf.
Warum sollte ich. Sie gehörte zu den Scherbenleserinnen auf der Grabung, und begleitete mich auf einer dienstlichen Fahrt nach Sagalassos. Gut, sie sprach türkisch. Das vereinfachte diese Reise ungemein. Musste ich deswegen ihre ganze Vergangenheit kennen?

Die Landschaft hatte sich kaum verändert. Die Straße wurde enger und die LKWs langsamer und älter. Die Überholmanöver gefährlicher.
Eva schien beweisen zu wollen, dass sie spritziger fuhr als ich.
Ich schmunzelte.
„Du fährst gut.“, sagte ich.
„Danke.“
„Kennst du jemanden in Sagalassos?“ Ich fragte einfach nur so, ohne Hintergedanken.
Für einen kurzen Moment nahm ich einen erschrockenen Ausdruck auf Evas Gesicht wahr. Als ob sie sich ertappt fühlte. Dann setzte sie wieder ihre unverbindliche Miene auf.
„Flüchtig. Ein paar.“
„Studenten?“
„Und du?“, fragte Eva zurück. „Erzähl doch mal, du warst doch früher oft dort.“
„Ja, aber das ist zwanzig Jahre her und ich war fast nur in Pergamon.“

Eva griff zur Wasserflasche, öffnete den Verschluss und setzte zum Trinken an. In dem Moment tauchte ein LKW hinter der Kurve auf. Er fuhr in Schrittgeschwindigkeit. Eva bremste scharf, so dass ihr die Wasserflasche aus der Hand flog und das Wasser über die Windschutzscheibe, unsere Kleider und in mein Gesicht spritzte. Mein Schrei war kurz.
Ohne Anzuhalten, ohne Schrecksekunde, setzte Eva den Blinker zum Überholen.
„War doch eine herrliche Erfrischung!“, rief sie, als wir sicher die rechte Spur erreicht hatten.
„Jetzt übernehme ich wieder.“
„Mach dir nicht ins Hemd. Ich bin das gewöhnt, über diese Strässchen zu gurken!“, versetzte Eva. „Du willst doch heil bei deinem Liebsten ankommen, oder?“
Mir blieb die Spucke weg. Woher wusste sie das?
„Weiß eigentlich dein Mann von dieser Reise?“ Eva schnaubte, als ob sie seit unserer Abfahrt die Luft angehalten hätte.
„Was habe ich dir getan?“
„Ich bin schon länger da als du.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Keiner nimmt ihn mir weg.“
Langsam dämmerte es mir. Mir muss der Mund offen gestanden haben.
„Du brauchst gar nicht so erstaunt zu tun!“, schrie sie mich an. „Ich weiß, was für ein Spiel du treibst. Von Anfang an. Nur Ben durchschaut dich nicht. Er denkt, du kommst als alte Bekannte und ist ganz aufgeregt. Wieso müsst ihr mein Glück zerstören? Jetzt bin ich da. Ich bin seine Frau!“ Sie betonte jedes Wort.
Ich war viel zu perplex, um zu antworten und Sekunden später konnte ich es nicht mehr.
Wir näherten uns einer langen Reihe von Fahrzeugen, die sich langsam die Serpentinenstraße zum Kasikbeli- Pass hoch schlängelten. Den Schluss bildete ein Kleinlaster. Eva drosselte weder die Geschwindigkeit noch machte sie Anstalten zu überholen. Sie hielt das Lenkrad starr in ihren Händen und blickte geradeaus.
Noch zwanzig Meter.
„Wir können nicht fliegen, du solltest bremsen!“ Ich dachte noch, Eva wollte mich nur reizen. Sie bewegte ihren Fuß keinen Millimeter in Richtung Bremse.
Noch fünf Meter. Eva wurde steif wie ein Roboter beim Stromausfall.
Da reagierte ich. Ich griff zur Handbremse. Ich zog und zerrte - als ob ich den Hebel ausreißen wollte. Der Wagen bremste abrupt. Kein bisschen brach er aus, denn Evas Hände krallten sich ins Lenkrad. Ihr Blick hing glasig an der Windschutzscheibe. Ich musste mit der rechten Hand quer zum Lenkrad greifen, um den Wagen langsam zur Seite in eine Parkbucht zu ziehen.
Wir kamen zum Stehen. Ich schnaufte aus. Der Motor war abgewürgt. Ein Bus donnerte an uns vorüber und hinterließ eine Rußwolke.
Als ich die Tür öffnete, erschlug mich ein Schwall heißer Luft. Ich ging ein paar Schritte in einen Pfad. Was war das für ein Schlamassel. Sie wollte uns umbringen.
„Ist sie krank? Was mache ich jetzt mit ihr?“
Das war typisch für mich. Obwohl sie gerade versucht hatte, mich mit in den Tod zu reißen, dachte ich darüber nach, wie ich ihr helfen konnte. So bescheuert muss man erst einmal sein.
„Ruhig werden, ruhig werden“, plapperte ich vor mich hin. „Ich muss sie dazu bringen, sich auf den Beifahrersitz zu setzen. Wir fahren zur nächsten größeren Stadt, nehmen uns ein Hotel und ich telefoniere.“
Als ich mich umdrehte, um zum Auto zurückzukehren, war es leer. Die Fahrertür stand sperrangelweit offen und ragte in die Fahrbahn. Ein Wunder, dass noch keiner darauf geknallt war.
Ich schloss die Tür, blickte die Straße entlang. Nichts. Ich lief gegenüber ins Gebüsch. Berberitzen rissen mir die Arme auf. Die wunderschönen, ausufernden Berberitzen. Ich suchte nach rechts, nach links, nach vorne. Nichts.
„Im türkischen Hinterland darfst du keine westliche Frau mitten auf der Straße sich selbst überlassen.“ Das wusste ich. Aber sie war fort.
Vielleicht hatte sie einen Dolmuş angehalten. Das war eine Möglichkeit.

Ich stieg ein, startete vorsichtig den Wagen und testete die Handbremse. Sie funktionierte noch. Ich fädelte mich in den Verkehr ein und ließ ich mich von dem Summen des Motors beruhigen. Das Gefühl, alles im Griff zu haben, stellte sich wieder ein.
Die Straße führte an einem steilen Hang entlang abwärts. Dann kam eine Kurve. Sie war so eng, dass ich scharf bremsen musste. Ich drückte das Pedal, bis ich die Fußmatte darunter spürte. Plötzlich war mein Gehirn wie leer gefegt. Ein einziges Bild füllte jede Windung aus: ein Hebel ohne Widerstand, ohne Verbindung.
Der Griff zur Handbremse kam zu spät, der Wagen hatte mit den Vorderrädern bereits den festen Untergrund verlassen. Das „Flugzeug“ segelte durch die Luft und ich hörte Eva auf der Rückbank schreien. Schrill und übermütig. Angst und Triumph in einem.

Sie war sofort tot. Mich brachte eine türkische Familie mit Warnblinkanlage und unter ständigem Hupen zurück nach Denizli ins Krankenhaus. Mein Mann ließ mich nach Stockholm ausfliegen. In einem förmlichen Schreiben bat mich Bens Anwalt um eine Stellungnahme zum Unfallhergang.
Ich kann ihm nur mit dieser Schilderung antworten.


Anmerkungen:
Pideči: Eine Art Pizzabäcker, in den Familien, Frauen und Kinder Essen gehen können
Dolmuş: Sammeltaxi, funktioniert wie ein öffentlicher Nahverkehr

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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