Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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September 2005
Pik As
von Heidi Hoppe

Peter hatte seiner Frau versprochen, rechtzeitig Feierabend zu machen, gerade heute. Doch wieder einmal kam er zu spät. Er hielt vor dem Haus und hupte kurz. Beate riss ihren Tuchmantel vom Haken und warf die Haustür hinter sich zu.
Peter trommelte auf das Lenkrad.
„Na endlich!“ Seine Stimme klang vorwurfsvoll.
Kaum hatte Beate die Wagentür zugeschlagen, gab ihr Mann Gas.
„Na endlich? Wer hat denn Grund, sauer zu sein? Du wolltest schon vor zwei Stunden hier sein.“

In diesem Jahr war es Beate gelungen, Peter zu dieser Lesung mit Heinz Rühmann in der Hamburger St. Michaeliskirche zu überreden. Sie hatte schon einige Male mit Freundinnen an der Adventsveranstaltung teilgenommen. Seine Ausstrahlung hielt sie gefangen und jedes Mal schaffte es der Mime, sie zu verzaubern.

Beate hielt eine Postkarte in der Hand. Sie sah zu Peter hinüber. „Uwe hat geschrieben, er hätte jetzt ein Dach über dem Kopf. Ich sag dir, diese Karte ist ein Hilferuf!“
„Hilferuf? Wie kommst du denn darauf?“
„Das heißt doch, dass er vorher obdachlos war. Ein Tippelbruder. Stell dir das nur einmal vor!“
„Kein Wunder. Soll er die Finger vom Alkohol lassen. Das musste ja so kommen.“
„Er ist mein Bruder! Und ich sage dir, diese Karte ist ein Hilferuf!“

Sie hatte sich auf die Weihnachtslesung gefreut, und nun?
Bleiernes Schweigen lastete auf ihnen, während sie nach Hamburg fuhren.
Beate unterbrach die Stille.
„Weshalb hat er einen Absender draufgeschrieben? Vielleicht wartet er auf ein Zeichen von mir. Vielleicht …“
„Vielleicht, vielleicht! Er hat sich doch Jahre nicht gemeldet.“
„Ja und? Aber jetzt tut er es!“

Sie erreichten die Sankt Michaeliskirche. Sie gingen nebeneinander her und vergruben ihre Hände in den Manteltaschen. Beate fühlte die Postkarte ihres Bruders. Neustädter Straße 31 a. Sie hatte zuhause auf dem Stadtplan nachgesehen. Die Neustädter Straße lag nur einen Katzensprung entfernt. Beate war die einzige unter den Geschwistern, bei der er sich ab und an meldete.

Beate hatte viel Mühe, für diesen Abend zwei Karten zu ergattern. Sie wurde belohnt durch zwei Plätze in der ersten Reihe. Es war kurz vor 20.00 Uhr. Beate und Peter gingen durch das Mittelschiff. Sie ärgerte sich insgeheim, ihren Mann mitgenommen zu haben. Es war so anders heute. Vorfreude auf den feierlichen Abend wollte sich nicht einstellen und auch den festlich geschmückten Weihnachtsbaum nahm sie kaum wahr.

Kaum saßen sie an ihrem Platz, trat Heinz Rühmann vor den Altar. Der Mime ging langsam, gestützt auf einen Stock. Er lächelte, verbeugte sich und rückte den Stuhl zurecht. Applaus ertönte. Nach einer Weile hob er seinen Gehstock. Wie auf Kommando trat Stille ein.

Rühmann las die gleichen Texte wie jedes Jahr. Zum Schluss zitierte er die Worte Dietrich von Bonnhoeffers:

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Heinz Rühmann sprach mit dünner, zittriger Stimme, doch jedes seiner Worte traf die Zuhörer mitten ins Herz, auch Peter. Er schaute Beate an. Beate blickte kurz zu ihm hin und wandte sich wieder ab. Dann legte Peter seine Hand auf ihren Arm.

Rühmann ging nach vorn. Ein kurzes Kopfnicken ließ den Schlussapplaus verstummen und er sagte wie in jedem Jahr:
„Seien Sie aufmerksam. Aufmerksam für das Leid und die Nöte Ihrer Nächsten. Reichen Sie Ihrem Nachbarn die Hand. Heute noch.“

Dann blickte er Beate und Peter an, als wüsste er um die Spannungen zwischen den beiden.

Als die zwei die Kirche verlassen hatten, sagte Peter:
„Es tut mir Leid. Wir fahren zu Uwe, und zwar jetzt gleich.“
„Neustädter Straße 31 a“, antwortete Beate.
„In der Straße ist doch das Pik As.“
„Das Obdachlosenasyl?“
„Das Obdachlosenasyl.“

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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