Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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September 2005
Die Straße zum Erfolg
von Eva Markert

Zwei Schafe grasten auf einer Weide am Rande der Landstraße.
Auf einmal horchten sie auf. Getrappel und laute Rufe waren zu hören. Immer mehr Männer, Frauen und Kinder versammelten sich rechts und links am Straßenrand. Die Schafe reckten ihre kurzen Hälse. Traktoren, Käfige, Autos und Wohnwagen rollten an ihnen vorbei.
Gerade wollten sie weitergrasen, als die Menschen mit vielen Ahs und Ohs zurückwichen.
Ein grauer Koloss stampfte gemessen die Straße entlang.
„Was für ein herrliches Tier!“, riefen die Leute.
Das Ungetüm blieb stehen, schaukelte den gewaltigen Kopf, fächelte mit seinen großen Ohren, streckte einen schlauchartigen Auswuchs in die Luft und stieß unschöne, trompetenartige Töne aus.
„Oh“ und „Ah“ klang es erneut aus der Menge.
Der Elefant betrachtete die Zuschauer gelangweilt aus seinen kleinen Augen, dann ließ er einen riesigen Haufen auf den Asphalt plumpsen und setzte sich schwerfällig wieder in Bewegung.
„Oh! Seht nur! Ah!“
„Das eine Schaf mähte meckernd auf, während das andere den wolligen Kopf schüttelte.
Nach und nach wurde es ruhig auf der Straße. Die Schafe grasten.
Plötzlich sagte das eine: „Wir sind doch viel hübscher als dieses graue Tier. Wir haben niedliche Nasen und kleinere Ohren, eine zierliche Gestalt und elegante Füße.“ Ärgerlich riss es ein Büschel Gras aus.
„Wir sind nicht nur hübscher, sondern auch nützlicher“, meinte das andere. „Elefantenhaut ist rau und knittrig, unsere Wolle dagegen weich und warm.“ Empört rupfte es ein paar Butterblumen aus.
Beide kauten verbissen.
„Was der Elefant kann“, hob das erste wieder an, „das können wir schon lange.“
Das zweite war derselben Ansicht.
Und so beschlossen die beiden Schafe, berühmt zu werden, und begannen sich herauszuputzen. Sie strichen ihre Wolle glatt, setzten sich kleine Kränze aus Gänseblümchen auf, nahmen einen Strauß Löwenzahnblüten ins Maul und durchbrachen den Zaun. Graziös tänzelten sie die Landstraße entlang.
„Man wird uns anhimmeln“, prophezeite das eine Schaf und verschluckte sich dabei fast an seinem Löwenzahn.
„Vergöttern wird man uns!“, stimmte das andere zu und hätte aus Versehen beinahe sein Sträußchen aufgefressen.
Schweigend trippelten sie weiter. Bald taten ihnen die Füße weh.
„Ich will nicht länger auf dem Asphalt laufen“, jammerte das eine Schaf.
„Reiß dich zusammen!“, mahnte das andere. „Nur wenn du auf der Straße bleibst, wirst du Erfolg haben.“
Doch weit und breit war niemand, der ihnen hätte zujubeln können.
Endlich kamen ein paar Kinder vorbei.
Die Schafe schwenkten so heftig die Köpfe, dass ihre Kränzchen verrutschten und schief über den Ohren hingen. Sie streckten ihre Schnuten in die Luft und blökten, wobei ihnen die Löwenzahnblüten im hohen Bogen aus dem Maul flogen.
Doch die Kinder warfen ihnen bloß einen flüchtigen Blick zu.
Enttäuscht trotteten die Schafe die Straße entlang.
„Nun haben wir unsere schönen gelben Blumen verloren“, klagte das eine.
„Macht nichts“, sagte das andere. „Der Elefant hatte auch kein Löwenzahnsträußchen im Maul und trotzdem haben ihn alle bestaunt.“
Von hinten hörten sie ein Motorengeräusch, das schnell näher kam.
So elegant es ging, wiegten sie sich trotz ihrer schmerzenden Füße in den Hüften.
Eine Hupe ertönte, Bremsen kreischten. Erschrocken stoben die Schafe zur Seite. Das erste verlor sein Kränzchen und trat unabsichtlich darauf. Tränen stiegen in seine Schafsaugen.
„Sei nicht traurig.“ Das zweite zupfte ihm ein paar Wolllocken in die Stirn. „Der Elefant hatte auch keinen Kranz aus Gänseblümchen und trotzdem wurde er bewundert.“
Die Schafe wollten gerade wieder loshumpeln, als ein Auto neben ihnen anhielt. Der Fahrer kurbelte das Fenster hinunter. „Blöde Viecher“, schrie er, „was habt ihr auf der Straße verloren?“
„Wir sind nicht blöde“, blökten die Schafe, „nur viel hübscher und nützlicher als ein Elefant.“
Schimpfend fuhr der Mann weiter.
Ungehalten warfen die Schafe ihre Köpfe hin und her. Dabei verlor das zweite ebenfalls seine Gänseblümchen und nun musste das andere ihm Trost spenden und die Locken richten.
Je näher sie dem Dorf kamen, desto mehr Menschen begegneten ihnen. Doch kaum jemand schenkte ihnen Beachtung.
„Jetzt weiß ich, was wir tun müssen“, mümmelte das eine Schaf. Es blieb stehen, spreizte würdevoll seine Hinterbeine und kurz darauf kamen ein paar bildschöne Schafsköttel zum Vorschein. „Na also!“, käute es zufrieden in seinen Bart.
Das zweite Schaf tat es ihm nach und war ebenfalls erfolgreich.
Die Leute am Straßenrand zeterten: „Was für eine Schweinerei!“
„Nääää“, mähten die beiden, „wir sind Schafe.“
Es dauerte nicht lange, bis der Bauer kam. Er lud die beiden ruhmlosen Schafe auf einen Wagen, und ehe sie es sich versahen, standen sie wieder auf ihrer Weide am Rande der Landstraße.

Moral: Wenn zwei oder drei das Gleiche tun, ist es leider nicht immer dasselbe.

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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