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September 2005
Berufsverkehr
von Anke Michels

Laura blickte auf die Uhr und fluchte. Schon viertel nach acht. Sie war wieder viel zu spät dran.
Schnell schmiss sie den Kosmetikbeutel in ihre Handtasche, schnappte die Thermostasse mit Kaffee und den Schlüsselbund und machte sich auf den Weg.
Glücklicherweise ließ sie ihr Auto immer vor der Garage stehen. Sie schaffte es nie, morgens frühzeitig aufzustehen. Da brauchte sie die zwei Minuten, die es sie kosten würde, das Garagentor zu öffnen, den Wagen herauszufahren und das Tor wieder zu schließen.
Sie warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz, stellte die Tasse in den Getränkehalter, ließ sich in den Fahrersitz plumpsen, schlug die Wagentür mit lautem Knall zu, startete den Motor und setzte schwungvoll zurück auf die Straße.
Hinter sich hörte sie quietschende Reifen und entrüstetes Hupen. Laura hob entschuldigend die Hand und dachte: ‚Kann der Blödmann nicht aufpassen?‘. Sie gab Gas und fuhr los.
Drei Ampeln schaffte sie bei dunkelorange, dann stand sie in der Warteschlange an der Freewayauffahrt. Wie üblich waren die Meter-Ampeln eingeschaltet und liessen die Autos nur einzeln auf den Freeway. Es herrschte schon dickster Berufsverkehr.
Zwanzig Minuten später zeigte das Meter endlich für sie grün und Laura stand auf dem Freeway. Eingekeilt zwischen hunderten Autos, die auch alle nach Downtown wollten.
Laura nahm einen Schluck Kaffee. Dann packte sie ihren Kosmetikbeutel aus und schminkte sich. Die Tagescreme hatte sie bereits zu Hause aufgetragen. Jetzt verteilte sie das Makeup und puderte die glänzenden Stellen ab. Zwischendurch erinnerte sie der Fahrer des hinter ihr stehenden Wagens mit entnervtem Hupen daran, dass es Zeit war, ein paar Meter weiter zu rollen, weil sich die vor ihr stehenden Autos etwas bewegt hatten.
Sie verteilte den Lidschatten auf dem rechten Augenlid.
Tuuut, tuut.
Schnelles Vorfahren und weiter ging es mit dem anderen Lid. Als nächstes die Wimperntusche.
Tuuuuuut.
Aufrücken und dann kam der Lippenstift. Den würde sie zwar nachher nochmal nachziehen müssen, aber es half, wenn eine ordentliche Grundlage vorhanden war.
Tuut. Tuut.
Noch schnell ein bisschen Rouge und ihr Gesicht war fertig. Jetzt kamen die Haare an der Reihe.
Tuuuuut.
Aber erst ein paar Meter weiterrollen. Sie kämmte die Haare und brachte sie in Form. Die Frisur würde sie dann später auf dem Parkplatz mit Haarspray fixieren. Einmal hatte sie das im Auto gemacht – und stundenlang geputzt, bis sie die Haarsprayflecken von den Fenstern und vom Armaturenbrett wieder entfernt hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie das Gefühl gehabt hatte, in der Spraywolke zu ersticken.
Tuuuut.
So, nun war sie bürofertig. Jetzt würde es hoffentlich schneller vorangehen, damit sie irgendwann auch dort ankam.
Laura beobachtete die Leute in den anderen Autos, während sie den Rest ihres Kaffees schlürfte. Links neben ihr stand ein Geländewagen, dessen Fahrer die Zeitung las. Rechts vor ihr ein Kombi mit einem Mann, der sich rasierte.
Tuuuut.
Der Typ hinter ihr war anscheinend der einzige, der sich auf die Straße konzentrierte und jeden Millimeter, den der Verkehr sich vorwärts bewegte, für sich einforderte.
Rechts neben ihr eine Frau, die – ja was tat die eigentlich? Laura sah genauer hin und musste grinsen. Was die Leute sich so alles einfallen ließen. Diese Frau hatte tatsächlich eine Brustpumpe angelegt und füllte Milch ab.
Mist! Laura schlug sich an die Stirn. Sie hatte ganz vergessen, Peter Bescheid zu sagen, dass er aus dem Supermarkt Milch mitbringen musste. Er hatte heute Einkaufsdienst.
Aber das war ja kein Problem. Sie würde ihn schnell anrufen. Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und wählte seine Nummer.
Tuuuuut.
Oh, der Verkehr vor ihr hatte sich tatsächlich aufgelöst und es ging schneller voran.
Sie gab Gas, mit einer Hand lenkend während sie mit der anderen das Telefon an ihr Ohr hielt. Es dauerte eine Weile, bis Peter sich meldete. Während sie wartete, überholte sie bei Tempo 100 einen anderen Wagen, wurde dann allerdings von einer Corvette geschnitten und musste bremsen. Sie wechselte die Spur und beschleunigte wieder.
Endlich hob Peter ab. Er hatte keine Zeit, mit ihr zu reden, weil er schon im Büro war, versprach aber, die Milch auf die Einkaufsliste zu setzen.
Laura legte auf. Da kam auch schon ihre Abfahrt. Sie wechselte über drei Spuren ohne große Rücksicht auf den umliegenden Verkehr. Das wütende Hupen ignorierte sie. Wegen ein paar wenig hilfsbereiten Autofahrern konnte sie keine Ehrenrunde drehen.
Die Ampel am Ende der Rampe war rot und der Verkehr staute sich erneut. Ein Obdachloser ging die wartenden Autos ab und bettelte. Er hielt ein Schild vor sich mit der Aufschrift: „Frau und Kinder von Außerirdischen entführt. Brauche $$$ für Karateunterricht.“
Laura grinste. Endlich mal jemand, der sich Mühe machte und nicht nur die üblichen „Habe Hunger“ oder „Ohne Arbeit“ Sprüche benutzte. So viel Kreativität musste belohnt werden. Laura ließ ihre Scheibe herunter und drückte ihm einen Dollar in die Hand.
In der Innenstadt musste sie sich mit einer roten Ampelwelle herumschlagen. Ein paar schaffte sie noch bei hellrot. Aber leider hatte sie mal wieder zu viele zimperliche Autofahrer vor sich, die schon bei orange abbremsten. Das kostete sie wertvolle Minuten.
Erst um kurz vor halb zehn bog sie auf den Firmenparkplatz ein. Und musste natürlich Ewigkeiten herumkurven, bis sie endlich eine Lücke fand.
Bevor sie jedoch einparken konnte, zischte ein kleiner, roter Sportflitzer von der anderen Seite heran und huschte vor ihr in die Parkbucht. Laura kurbelte ihr Fenster herunter, um diesem Schnösel ihre Meinung zu sagen. Gerade rechtzeitig erkannte sie aber noch, dass im Wagen Milton Smith, der Leiter der Personalabteilung saß. Sie beschränkte sich deshalb auf ein freundliches: „Guten Morgen“ und fuhr weiter.
Am hintersten Ende des Parkplatzes wurde sie schließlich fündig. Sie stellte ihren Wagen ab und stöckelte auf ihren hohen Pumps zum Hauptgebäude. Die Strecke kam ihr endlos vor. Ein Königreich für ein paar Turnschuhe! Die natürlich elegant sein mussten – schließlich konnte sie es sich nicht leisten, in der Firma mit unmodernen Schuhen oder Kleidern herumzulaufen. Sie würde sich ja zum Gespött aller Mitarbeiterinnen machen.
Zehn Minuten schmerzvolles Gehen und sie hatte endlich ihr Büro erreicht. Sie ließ sich auf ihren Schreibtischstuhl sinken, lehnte sich zurück und konnte sich nun endlich vom Stress des Berufsverkehrs erholen.
Doch da stand schon ihr Chef in der Tür: „Ah, Laura, hast du es auch endlich ins Büro geschafft? Komm bitte sofort zu mir ‘rüber, ich habe einige dringende Sachen mit dir zu besprechen.“

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