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September 2005
Wüstenstadt in Friedenszeiten
von Susy Clemens

Der Hotelmanager hat ihr erklärt, dass sie nach rechts gehen soll, die erleuchtete Hauptstrasse hinunter, dann links. Es sei nicht weit. Am Ende würde sie das Schild schon sehen.
Neun Uhr abends – ein schwarzer Himmel voller Glitzersterne wölbt sich über der Wüstenstadt. Die Hitze hat nachgelassen. Miri trägt eine weite weiße Hose aus indischer Baumwolle und ein schenkellanges hochgeschlossenes Hemd, türkis und mit winzigen Spiegeln bestickt. Das honigblonde Haar fällt in Wellen über ihren Rücken. Furchtlos biegt sie in die dunkle Strasse ein, an deren Ende die Apotheke sein soll. Rechts eine Mauer, der Bürgersteig besteht aus Sand und Schotter. Mehr kann sie im Sternenlicht nicht erkennen. Kein Mensch auf der Strasse. Eidechsen huschen an der Mauer auf und ab, so wie im Hotel. Manchmal wuselt eine Ratte im Rinnstein herum.
Miri hat nur einen Gedanken: ein hochdosiertes Antibiotikum gegen eitrige Mandelentzündung. Alain ernährt sich seit vier Tagen ausschließlich von Tee und Melonenstücken. Die Wangen sind eingefallen, das Fieber geht nicht herunter. Er kann nur noch flüstern, Eiterklümpchen überwuchern seinen Rachen. Apathisch dämmert er vor sich hin.
Ein schwarzer Mercedes kommt die Straße hoch, fährt im Schritttempo neben ihr her. Vier, fünf dunkle Gestalten im Innern. Langsam wird die Scheibe heruntergekurbelt. Männer rufen ihr unverständliches zu. Miri drückt sich an die Mauer, beginnt zu laufen. Verdammt lang, diese Seitenstraße.
Die Hippies im Hotel – wieso die nur den ganzen Tag kiffen. Der Stoff ist billig hier in „Shitland“, trägt einen Regierungsstempel. Schon vor dem Frühstück lassen sie die Chillums kreisen. Miri mag das nicht, den ganzen Tag bedröhnt sein. Und keiner hat Medizin für Alain. Kabul ist so weit weg von zu Hause, dass sie ihr Penicillin schon aufgebraucht haben.

Afghanistan liegt in der Mitte der „Hasch-Route“, für viele am Ende.
Miri möchte, dass Alain bald gesund wird und sie weiter reisen können nach Indien, wo sie eigentlich hin wollen. Rischikesch im Himalaya, Dharamsala, wo der Dalai Lama wohnt, später vielleicht noch Kathmanmdu ...
Hoffentlich steigt keine von diesen finsteren Gestalten aus. Miri hält den Kopf gesenkt, so dass das Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fällt.
Lasst mich in Ruhe, denkt sie, LASST MICH BLOSS IN RUHE!
Sie blickt nicht auf. Ignoriert die Rufe, hüllt sich in ihre Gedanken ein. Wie lange wird es dauern, bis Alain kräftig genug ist, um seinen Rucksack wieder zu tragen? Die Rippen zeichnen sich deutlich ab, der Bauch ist eingefallen. Wenn er sich nicht bald mal aufsetzt und ihr erlaubt, das völlig verfilzte staubige Haar durch zu bürsten, wird man es abschneiden müssen. Schon in Herat waren sie beide an der Ruhr erkrankt, aber Miri ist schneller wieder gesund geworden, hat wohl bessere Abwehrkräfte.
Der schwarze Wagen rumpelt jetzt über den Bordstein, die hintere Tür wird geöffnet. Miri jagt das Adrenalin durch die Adern. Die Mauer fliegt an ihr vorüber. In der Ferne sieht sie das Schild, rotes Kreuz auf weißem Grund, ihre ausgelatschten Turnschuhe berühren kaum den Boden. Wenn er gesund wird, soll er mit dem Rauchen aufhören, denkt sie. Und vielleicht höre ich mit der Pille auf.
„Was hast du vor, Mädchen? Geh bloß nicht allein zu dem Quacksalber da, das ist viel zu gefährlich! Hab keine Angst, wir passen auf dich auf, wir wollen dir nichts tun! Du solltest eine Burkha tragen, Mädchen, du solltest nachts nicht alleine herumlaufen!“ Miri versteht kein Parsi.
Sie keucht und hat Seitenstechen, als sie die „Pharmacy“ erreicht. Eine Tür geht auf, ein muskulöser behaarter Arm streckt sich ihr entgegen, zerrt sie durch einen vollgestopften Laden in ein winziges Hinterzimmer. Die Vordertür ist gleich wieder verriegelt worden. Der Apotheker macht kein Licht, legt die Finger auf die Lippen. Draußen läuft noch der Motor, die Wächter passen auf, oder sind es Jäger? Miri flüstert: „I need medicine!“ Im Licht des Apothekenschildes kann sie den Umriss eines bärtigen Dicken mit Turban ausmachen. „Das sind schlechte Männer, warte hier, bis sie weg sind!“, sagt er.Sein gebrochenes Englisch kann Miri verstehen. Sie deutet auf ihren Hals, sagt „Angina“ und „Tonsillitis“, greift sich an die Kehle, verdreht die Augen. Der Dicke starrt sie an, weicht zurück, geht in den Flur und dreht eine Wählscheibe, wartet, wispert in den Telefonhörer.
Der Hotelmanager wird ihn abholen und ins Militärlazarett bringen lassen, denkt Miri. Am Ende fliegen sie ihn einfach zurück, das wird er mir nie verzeihen. Ich sollte einfach irgendwas mitgehen lassen.
Der dicke Apotheker späht durchs Schaufenster. Die Türen des Mercedes werden zugeworfen, langsam entfernt sich das Fahrzeug. Ein Jeep hält in einer Staubwolke vor der Apotheke. Zwei Uniformierte springen heraus, rütteln an der Tür, rufen und klopfen ans Glas. Miri ist überrascht und wütend. Was soll der Aufwand? Nachdem der Ladenbesitzer geöffnet hat, wird so heftig diskutiert, dass sie sich nicht mehr verständlich machen kann. „Come,come!“ Ein Polizist packt sie am Ellenbogen, schiebt sie zur Tür und auf den Rücksitz des Jeeps. Notgedrungen nennt sie den Namen des Hotels, in dem sie wohnt. Schneller als erwartet sind sie zurück in der von Straßenlaternen beschienenen Hauptstrasse, wo ihr Marcel entgegen kommt, ein immer fröhlicher kleiner Deserteur aus der Normandie. Er hat sich schon Sorgen um sie gemacht. „Wo bist du gewesen, was ist passiert?“
Miri muss ihren Ausflug in allen Einzelheiten schildern.
Aus Mazar-i-Sharif ist ein Ami angekommen, der sich da ein Pferd gekauft hat. Die Fuchsstute ist im Hotelgarten angebunden. Der Hippie-Cowboy hat eine gut bestückte Hausapotheke bei sich, Alain ist bereits versorgt.
„Ich hab ihm nicht erzählt, dass du verschwunden bist, das hätte ihn zu sehr aufgeregt“, meint Marcel. „Er schläft wieder, aber ich glaube, diesmal schläft er sich gesund.“ Marcel bereitet ein Pfeifchen vor – er raucht nur „pur“.
Miri holt Pfefferminztee in der Hotelküche. Der Manager baut sich vor ihr auf, ringt die Hände: „Apothekenmann sehr sehr böser Mann, du hättest da nicht alleine hingehen dürfen! Mein Fehler! Ich habe Polizisten hinterhergeschickt, zum Glück ist alles gut gegangen!“
„Und die andern Männer, im schwarzen Mercedes, wer waren die?“ fragt Miri.
„Geheimpolizei, Wächter, Soldaten, wer weiß?“ Der Manager zuckt die Achseln.
„Ich glaube ihm nicht“, sagt Miri zu Marcel.
„Der hat doch mit dem Apotheker unter einer Decke gesteckt!“ glaubt der Freund. „Wenn ich nicht gerade essen gegangen wäre, hätte ich dich begleitet – ich habe hier noch keine unverschleierte Frau auf der Straße gesehen, schon gar nicht nachts!“ Vorm Schlafengehen überlegen sie lange, welche Männer nun die „bösen“ waren und wer Miri vor wem retten wollte.
Eine Woche später ist sie mit den Freunden und zwei Schweizern in einem alten VW-Bus wieder unterwegs – über den Khyber-Pass ins Nachbarland Pakistan. Sie hat noch einen langen Weg vor sich ...

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