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September 2005
Kein einfaches Los
von Christian Rautmann

In den fünfundsechzig Jahren seines Lebens hatte es das Schicksal nie wirklich gut mit William Staedler gemeint. Nicht nur, dass bereits als Kind sein linkes Bein nach einem Sturz steif geblieben war. Nein, auch später erschlossen sich ihm die weniger beschwerlichen Pfade des Lebens nicht: In der Fabrik gab es Entlassungen. - William war einer der Betroffenen. Die Bank, bei der seine Ersparnisse lagen, machte bankrott - William sah von dem Geld keinen Cent mehr. Das Mädchen, dass er liebte – es heiratete einen anderen.
Die Liste könnte man beliebig fortführen, denn das Leben von William Staedler war voll von solchen Ereignissen. Doch zu einem trübsinnigen Menschen war er durch die stetigen Misserfolge keineswegs geworden. Vielleicht waren sie sogar der Grund für die Herzensgüte und Freundlichkeit, die viele an ihm schätzten.

Einer alten Gewohnheit folgend saß William auch heute wieder auf einem der klapprigen Holzstühle draußen vor Marcos Bar und blickte auf die Straße. Mit dem einzigen Zahn, der ihm geblieben war, kaute er an einem Stück Hartwurst, trank ab und zu einen Schluck Bier aus der Flasche und betrachtete die Menschen. Er liebte es, hier zu sitzen und zu spüren, wie die Hitze des Tages langsam von einer erholsamen Kühle abgelöst wurde. Er genoss es, die noch von Wärme geschwängerte und mit vielfältigen Gerüchen angereicherte Luft zu atmen. Es war der Duft seiner Stadt, der sich seit seiner Jugend nicht geändert hatte.
Autos fuhren vorbei. Menschen kehrten von der Arbeit heim. Ein Liebespaar stand eng umschlungen und fern der Welt. Ein Hund stöberte zwischen Mülltonnen herum und scheuchte eine Katze auf.
Williams Blick blieb an dem mit Stuck verzierten Backsteinhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite hängen. Er lächelte. Das Haus war fast genauso alt wie er. In seiner Jugend hatte der Besitzer der Fabrik dort gewohnt, für die zuerst Williams Vater und dann er selbst gearbeitet hatten. Jetzt war es ein heruntergekommenes Mietshaus mit einer Dönerbude im Erdgeschoss.
„Du hast auch nicht immer den richtigen Weg in Deinem Leben eingeschlagen, was?“, sagte er zu dem Haus und prostete ihm mit seinem Bier zu wie einem alten Bekannten.
Als er die Flasche wieder absetzte, sah er eine junge Frau aus der Dönerbude kommen. Sie blickte zu ihm herüber, zögerte einen Moment und lächelte schließlich. Dann kam sie über die Straße.
„Hallo Onkel Bill!”
William sah sie irritiert an. Nicht dass er etwas dagegen hatte, von einer Frau angesprochen zu werden, die kaum älter als fünfundzwanzig Jahre alt sein mochte. Doch irgendwie kam sie ihm bekannt vor. William fühlte sich mit einem Mal um zwanzig Jahre zurück versetzt. Er stand auf. „Susanne?“, rief er und seine dunklen Augen leuchteten. Susanne fiel William um den Hals. „Onkel Bill“, sagte sie, „wie schön, dich wiederzusehen. Nach so langer Zeit“.
William betrachtete Susanne von oben bis unten. „Aus dem kleinen Mädchen, mit dem ich einmal gespielt habe, ist eine wunderschöne Frau geworden.“, sagte er und nickte anerkennend.
„Leider muss ich gleich zum Flughafen“, bedauerte Susanne. „Da kommt schon mein Taxi. - Ich habe mich wirklich sehr gefreut, dich zu sehen.“ Rasch gab sie William einen Abschiedskuss und ging zu dem Wagen, der am Straßenrand gehalten hatte. Doch nach wenigen Schritten kam sie noch einmal zurück, holten einen Zettel aus ihrer Handtasche und legte ihn vor William auf den Tisch. „Hier Onkel Bill“, sagte sie. „Ich schenke dir mein Lotterielos. Vielleicht bringt es dir das Glück, das du schon lange verdienst.“
Lange sah William dem Taxi nach. Eine Träne lief ihm die Wange hinunter. Es war eine schöne Zeit gewesen, in der die kleine Susanne mit ihren Eltern in der Nachbarwohnung gelebt hatte. Das blonde Mädchen mit den Sommersprossen war ihm damals schnell ans Herz gewachsen. Bald war es so etwas wie die Tochter für ihn geworden, die er selbst nie haben würde. Doch das Schicksal war ihm auch hier nicht gut gesinnt gewesen. Susannes Vater nahm eine Stelle in einer anderen Stadt an und die Familie zog nach nur einem Jahr wieder fort.

Er betrachtete das Los. Es trug die Nummer ‚332211’. „Das kann ich mir wenigstens gut merken“, dachte er, steckte es in die Hosentasche und machte sich auf den Heimweg.

Während der nächsten Tage verließ William sein Ein-Zimmer-Appartement kaum. Es regnete fast ständig und er verbrachte viel Zeit damit, aus dem Fenster zu schauen: Überall bildeten sich Pfützen und übten eine magische Anziehungskraft auf kleine Kinder aus, die mit dem größten Vergnügen darin herumsprangen. - Wie gerne hatte er das früher auch getan.
Er war so in diesen Anblick vertieft, dass ihn das Klingeln an der Wohnungstüre fast störte. Als er öffnete, stand seine Nachbarin vor ihm. Mit ihrem runden Körper, der von einem ebenso runden Kopf gekrönt war, füllte sie den Eingang fast aus. Wie immer war sie bester Laune und strahlte William an. Dabei erinnerte sie ihn wieder einmal an einen rotbackigen Apfel. Mit beiden Händen hielt sie ihm einen Korb mit frischer Wäsche hin.
„Hier, bitteschön. Herr Nachbar.“, sagte sie fröhlich und kam herein. „Drei Hosen, zwei Hemden und zwei Paar Strümpfe. Alles wieder picobello sauber.“ Sie stellte den Korb auf den Tisch, wobei sie dessen Inhalt nochmals einem kritischen Blick unterzog. Kopfschüttelnd zog sie dann einen Strumpf heraus. „Der hier gehört gestopft. Das mache ich gleich und bringe ihn wieder vorbei. Sie müssen etwas mehr auf sich achten.“
Sie hob den Zeigefinger und zwinkerte William zu.
„Vielen Dank“, sagte er, „das müssen Sie aber doch nicht machen.“
„Keine Widerrede. Sie spielen immer so schön mit den Kindern. Da ist es doch das Mindeste, dass ich Ihnen mal etwas wasche und einen Strumpf stopfe“.
Damit machte sie kehrt, nickte fröhlich und ging. William hörte sie im Hausflur noch leise singen.

Nachdem er die Wäsche in den Schrank geräumt hatte, kochte William sich eine Tasse Kaffee. Die Zeitung von gestern hatte er sich schon geholt. Er bekam sie immer kostenlos von einem ehemaligen Kollegen, der jetzt in einem Kiosk arbeitete.
„Ein Schluck schwarzer Kaffee tut einfach gut“, dachte William, als er die wohlige Wärme im Magen spürte.. Dann blätterte er durch die Zeitung, die er wie immer auf der letzten Seite begann, um sich dann nach vorne durch zu arbeiten. Er hob sich die spannenden Meldungen der Titelseite lieber bis zum Schluss auf. Heute allerdings kam er nicht so weit. Denn auf der letzten Seite waren neben allerlei Nachrichten aus der Region und dem Wetterbericht auch die Lottozahlen abgedruckt.
In dem schwarz umrandeten Kästchen standen Zahlen, bei denen es William geradezu schwindelig wurde: ‚332211’. Als Gewinnsumme waren 2.250.000,00 $ angegeben.
Williams Herz schien aus seiner Brust hüpfen zu wollen. Er stand auf. Sitzen konnte er jetzt nicht. Immer wieder murmelte er: „ Das gibt es doch nicht. Das gibt es doch nicht“, wobei er ziellos in seinem Appartement umherlief.
Sollte es das Schicksal doch einmal gut mit ihm gemeint haben? Hatte es sich geirrt und das für einen anderen bestimmte Paket Glück versehentlich bei ihm abgegeben? Es konnte einfach nicht sein. Doch es war eindeutig seine Nummer. Automatisch fuhr seine rechte Hand in die Hosentasche, in die er vor einigen Tagen den Lottoschein gesteckt hatte.
Doch die Hand kam leer wieder zum Vorschein. „Wo ist der Schein?“, sagte William laut. Schweiß trat auf seine Stirn. „Bleib ganz ruhig“, sagte er zu sich selbst. „Wo hast du das Los hingetan?“ Er erinnerte sich genau, dass er es in die rechte Tasche gesteckt hatte. William überlegte. „Natürlich“, entfuhr es ihm und er schlug sich an die Stirn. „Ich hatte ja die blaue Hose an.“
So schnell, wie es ihm kaum jemand noch zugetraut hätte, war er beim Kleiderschrank und hielt die blaue Hose in den Händen. Doch der Griff in die rechte Tasche förderte nur aufgeweichte Papierfetzen zu Tage. Da fiel es ihm ein: Er hatte die Hose der Nachbarin zum Waschen gegeben und offenbar das Los in der Tasche gelassen. - Seine Dummheit und die Waschmaschine hatte über zwei Millionen Dollar zu einem wertlosen Klumpen Papier werden lassen. William ließ sich verzweifelt zu Boden sinken. - Wieder einmal hatte das Schicksal ihn an einer Weggabelung auf den holprigen Feldweg geschickt.

Doch manchmal ist das Schicksal seltsam. Obwohl William im Moment sehr mit ihm haderte und es mit allen möglichen Schimpfworten verfluchte, änderte es seine Meinung. Kann das Schicksal Mitleid empfinden, weil es einem Menschen zu oft übel mitgespielt hat? – In diesem Fall schien es so zu sein, denn mitten in der tiefsten Verzweiflung hörte William auf einmal seine Türklingel.
„Ich kann jetzt nicht“, rief er ärgerlich. Er wollte niemanden sehen und mit seiner Verzweiflung alleine bleiben.
„Bitte machen Sie doch auf“, rief die Nachbarin von draußen. „Ich habe etwas für Sie.“
Schwerfällig stand William schließlich auf und öffnete die Türe. Das kugelrunde Gesicht seiner Nachbarin strahlte ihn an. Ihr Lächeln schien noch breiter zu sein als sonst.
„Das lag vor unserer Waschmaschine“, sagte sie. In der Hand, die sie ihm entgegenstreckt, hielt sie das vermisste Lotterielos.

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