'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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September 2005
Erlebnisse auf Islands Straßen
von Mandy Reich

Vor einer Stunde war das Flugzeug gelandet. Jetzt wollte Klaus sein geliebtes Motorrad, eine Honda Transalp, die er eigens für seine Urlaubsreise mit dem Frachtschiff von Hamburg vorausgeschickt hatte, in Empfang nehmen.
Klaus fuhr im Taxi nach Reykjavik zum Hafen. Dabei bestaunte er die rauhe Natur Islands. Die Landstraße schlängelte sich durch grün bemooste Lavafelder am blauen Meer entlang. In der Ferne konnte er die weißen Dampfschwaden über der Blauen Lagune empor steigen sehen.
Klaus dachte begeistert: „Das wird ein super Urlaub werden. Dieses Land ist wie geschaffen für eine Motorradtour.“
Island bot eine abwechslungsreiche Landschaft mit schwarzem Lavagestein, saftig grünen Wiesen, gigantischen Wasserfällen, Traumstraßen entlang des Atlantik. Klaus erhoffte sich ein Fahrvergnügen der besonderen Art. Sogar eine Hochlandpiste mit ein oder zwei Wasserdurchfahrten wollte er mit seinem Motorrad bewältigen. Das alles bei diesem fantastischen Wetter – der Urlaub konnte nicht besser beginnen.
Nachdem Klaus seine Maschine in Empfang genommen hatte, stellte er fest, dass er wieder einmal zuviel Gepäck mitgebracht hatte. „Zwei Seitenkoffer, eine Gepäckrolle, dazu einen Tankrucksack – das Motorrad wird auf Schotterpisten schwierig zu lenken sein“, dachte Klaus. „Zum Glück sind die Hauptstraßen geteert.“
Leider hielt das schöne Wetter nicht an. Die ersten vier Tage regnete es in Strömen.
„Warum muss es ausgerechnet regnen, wenn ich in Urlaub fahre?“, murrte Klaus. „Zumal Dauerregen für Island ungewöhnlich ist. Ein hiesiges Sprichwort lautet gar: ‚Es regnet? Warte fünfzehn Minuten, dann scheint die Sonne wieder.’ Ha, das ich nicht lache.“ Dabei war Klaus überhaupt nicht nach Lachen zu Mute.
Viele Naturschönheiten wie Vulkane und Gletscher verbargen sich hinter tiefhängenden Wolken, das Fahrvergnügen wurde durch den Dauerregen stark eingeschränkt.
Klaus saß von früh bis spät in nassen Kleidern. Da er mit dem Zelt reiste, fand er keine Möglichkeit, die feuchte Motorradkluft zu trocknen. Ein Hotel war ihm zu teuer. Aber irgendwann musste das Wetter ja besser werden.
Als die Sonne wieder zum Vorschein kam, war Klaus erkältet. Er kurierte sich drei Tage am Mývatn, dem Mückensee im Norden Islands, aus.
Inzwischen war der halbe Urlaub vorüber, doch Klaus hatte erst ein Drittel der Wegstrecke geschafft und fast nichts von der Schönheit des Landes gesehen.
Er musste sich beeilen, um seine Tour in der verbliebenen Zeit zu bewältigen.
Klaus hatte unterwegs mit anderen Bikern gesprochen. Dem einen war seine Maschine in den Fluten einer siebzig Zentimeter tiefen Furt ausgeglitten und unter Wasser geraten. Dadurch wurde die Reise für mehrere Tage unfreiwillig unterbrochen.
Ein anderer Tourist, erfuhr Klaus, sei mit seinem Jeep in einer weiteren Furt stecken geblieben. Es dauerte fünf Tage, bis ein Abschleppdienst eintraf.
Solche Geschichten waren keine Seltenheit. In Island wurde das Unmögliche möglich.
Mit seinem Motorrad wie geplant über den wesentlich kürzeren Sprengisandur, eine Hochlandroute quer durchs Land, zu fahren, war Klaus inzwischen zu riskant. Durch den Dauerregen führten viele Flüsse mehr Wasser, die Furten waren schwieriger zu bewältigen.
Klaus musste in sieben Tagen zurück in Reykjavik sein. Da durfte er keine Risiken eingehen.
Gezwungenermaßen fuhr er in einem Marathon von Islands Norden in den Süden. Die Ringstraße, Islands Hauptstraße Nummer eins, führte über einige Dörfer an der Ostküste bis hinunter nach Höfn, wo sich der Campingplatz für diesen Abend befand.
„Wenn die Straße weiter in so einwandfreiem Zustand verläuft, müsste ich die vierhundert Kilometer ohne Probleme bewältigen können“, erhoffte sich Klaus.
Doch kurz darauf begleiteten ihn Regen und starker Seitenwind. Das trübte den Fahrspaß erheblich. Die Ringstraße setzte sich als lehmige Piste fort. Dass sie durch den Niederschlag schmierig geworden war, machte das Vorankommen kompliziert. Bis die Straße schließlich asphaltiert weiterführte, war Klaus mit seiner Maschine von oben bis unten mit Dreck voll gespritzt.
Als die Sonne hervorkam und Klaus sich aus seiner Regenkombi befreite, frohlockte er: „So macht das Fahren wesentlich mehr Freude“.
Wenige Kilometer nach Egilsstadir hörte abrupt die gut asphaltierte S1 auf und ging in eine vierzehn Kilometer lange Schotterpiste über. In regelmäßigen Abständen standen Baufahrzeuge auf der Strecke, nur an Arbeitern mangelte es.
Das erinnerte Klaus an den Besuch der Krafla. Von einem Moment zum nächsten hatten an einer Parkplatzzufahrt Bauarbeiten begonnen. Ein einziger Bauarbeiter hatte abwechselnd mit drei Fahrzeugen hantiert. Erst als Klaus nach seiner dreistündigen Wanderung durch das tiefschwarze Lavafeld zurückgekommen war, waren die Arbeiten an der Straße beendet. Pech für die Urlauber, die so lange auf diesem Parkplatz festsaßen.
Offensichtlich hatten die Isländer aufgrund ihrer geringen Bevölkerungszahl arge Schwierigkeiten, alle Wege instand zu halten. Und offensichtlich wurde auf der heutigen Strecke nicht wirklich gebaut.
Erneut umfuhr Klaus einen Bagger. Jetzt näherte er sich einem LKW, der Split geladen hatte. Klaus fuhr weiter. Plötzlich hob sich die Ladefläche des Lasters und entleerte den gesamten Inhalt wenige Meter vor Klaus’ Motorrad auf die Straße.
Klaus bremste. Das Motorrad kam schlingernd zum Stehen.
„Idiot!“, fluchte Klaus lauthals. „Du kannst doch nicht einfach deinen Mist hierher schütten!“
Langsam beruhigte sich sein überhöhter Pulsschlag wieder.
Nachdem er dem Arbeiter böse Blicke zugeworfen hatte, die dieser ebenfalls ignorierte, fuhr Klaus vorsichtig weiter. Mit lediglich vierzig Stundenkilometern bewältigte er die übrige Strecke, bis der Weg geteert weiterführte.
Hier entschied sich Klaus für eine gut ausgebaute Abkürzung über die Öxi-Route, die mit siebzehn Prozent Gefälle durch ein Gebirge führte, um erneut auf die Ringstraße zu treffen. Die Strecke war herrlich. Die enge Straße schlängelte sich in scharfen Kurven durch die Berge und bot unglaubliche Ausblicke aufs Meer. „Das entschädigt zumindest für ein paar Unannehmlichkeiten der letzten Stunden“, sinnierte er.
Bei Sonnenschein führte ihn eine Traumstraße mehrere Stunden direkt am Atlantik entlang.
Am Abend zogen tiefhängende Wolken vom Meer heran. Klaus konnte kaum die Hand vor Augen sehen, so dicht war der Nebel. Erleichtert erreichte er den Campingplatz in Höfn, wo das Wetter aufklarte.
Unter den Blicken der übrigen Touristen, die vor ihren Wohnwagen saßen, baute Klaus erschöpft sein Zelt auf und ließ sich im Inneren auf seiner Isomatte nieder.
„Endlich ausruhen“, dachte er. Nachdem Klaus dreihunderteinundfünfzig Kilometer fast ohne Pausen auf seinem mit Gepäck völlig überladenen Motorrad gefahren war, fühlte er sich wie erschlagen.
Waren es derlei Erlebnisse, die ihn ursprünglich nach Island geführt hatten, die Hoffnung, in der Einsamkeit des Landes und seiner rauen Natur an körperliche Grenzen zu stoßen, musste er jetzt feststellen, dass die Grenzen des für ihn Erträglichen bereits erreicht waren.
Nach einem kleinen Abendimbiss machte er sich auf den Weg zu den Waschräumen. Er genoss die frische Brise, die vom Meer heran wehte.
Zurück in seinem Schlafsack, entspannten langsam seine Glieder und er fiel in tiefen Schlaf.
Mitten in der Nacht wurde er unsanft geweckt.
Der Boden unter ihm rumpelte. Klaus stürzte aus dem Zelt, wie viele andere Urlauber auch. Aufgeregt redeten alle durcheinander, denn niemand wusste, was geschehen war. Im Radio wurden keine entsprechenden Nachrichten verkündet. So blieb es bei wilden Spekulationen.
Nachdem alle davon ausgingen, dass sich das kleine Beben nicht wiederholen würde, ging Klaus zurück in sein Zelt. Morgen hatte er eine große Strecke zu bewältigen. Da musste er ausgeruht sein.
Am nächsten Morgen erfuhr Klaus übers Radio den Grund für das nächtliche Beben. Einer der Vulkane, die sich unter dem Vatnajökull, dem größten Gletscher Europas, befanden, rumorte. Die Hitze brachte große Teile der Eismassen zum Schmelzen. Der Wasserspiegel eines ebenfalls unter dem Vulkan befindlichen Gletschersees stieg um mehrere Meter. Der zunehmende Druck brach die Eisdecke auf und die gewaltigen Wassermassen bahnten sich einen Weg hinunter zum Meer.
Der Sprecher im Radio warnte alle Reisenden, diesen Teil Islands zu meiden, denn es war ein etwa dreihundert Meter langes Teilstück der Ringstraße fortgespült und die Straße unpassierbar geworden.
Benommen saß Klaus vor dem kleinen Radio, welches er mit in den Urlaub genommen hatte.
„So ein Mist. Gerade jetzt, wo ich nur noch sechs Urlaubstage habe. Wie soll ich es denn bis Reykjavik schaffen?“, fragte er sich.
Von isländischen Campern erfuhr er, dass solche Aktivitäten keine Seltenheit wären und deshalb die Straßen nur provisorisch instand gehalten würden.
Da die Ringstraße die einzige Verbindung von Höfn nach Reykjavik darstellte, blieb Klaus nichts übrig, als sie entgegen dem Urzeigersinn zurückzufahren – auf gleicher Strecke, wie er gestern hierher gekommen war. Ihm wurde bewusst, dass er so unmöglich seinen Rückflug pünktlich erreichen würde.
Klaus rief übers Handy seinen Chef an und erklärte ihm die Situation. Gegen eine Naturkatastrophe war nicht einmal er gefeit. Das Ereignis kam inzwischen in allen Medien und sein Chef zeigte Verständnis.
Nach einem fünfminütigen Telefonat stand fest, Klaus’ Urlaub war um eine weitere Woche verlängert worden, damit er die Möglichkeit hatte, rechtzeitig nach Hause zurückzukehren.
Gemächlich packte Klaus seine Sachen zusammen. Er entschied entgegen der Warnung im Radio, sich das Geschehen am Vatnajökull aus nächster Nähe anzusehen.
Anschließend wollte er die Hauptstraße zurück nach Osten fahren – aber nur bis Seydisfjördur. Von dort verkehrte eine Autofähre nach Deutschland. So würde er zwar mehrere Tage auf dem Schiff zubringen, doch Klaus war sicher: Von Islands Straßen hatte er genug!

Letzte Aktualisierung: 00.00.0000 - 00.00 Uhr
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