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September 2005
Nicht unser Ding
von Matthias Ziebarth

Fakt war: Wir wollten mal ordentlich einen drauf machen. Feiern, dass unser Trio - Mareike, Falk und ich - das Abi überdauern würde. Durch einen gemeinsamen Urlaub unsere Freundschaft festigen. Mitte August konnte es losgehen: Die Abiprüfungen waren gelaufen, Papas Geschenk, ein BMW 3er Cabrio, wartete startklar in der Garage, und bis wir zum Bund mussten, hatten Falk und ich noch massig Zeit zum Abhängen. Falk hatte rechtzeitig den Kühlschrank in der Ferienwohnung seiner Eltern gefüllt. Mareike hatte mich überreden können, auf der Wohnzimmercouch zu schlafen und ihr und Falk das Schlafzimmer zu überlassen. Wir waren soweit, zu dritt durchzustarten -, als Giselbert als vierter zu uns stieß.

Hätten wir ihn doch daheim gelassen bei seinen Büchern und Studien! Zur Freude seiner Mutter und überhaupt. Doch weil Falk es für richtig hielt, nahmen wir ihn halt mit. „Ohne Giselbert“, sagte Falk, „wäre ich durchs Mündliche gerasselt. Dann hätte ich nie bestanden. Sagt, was ihr wollt, er hat es verdient mitzukommen.“

Falks Dankbarkeit wurde auf eine harte Probe gestellt, als er erst Giselbert, dann dessen Mutter von der Lauterkeit unserer Absichten überzeugen musste. Giselbert zierte sich erst, dann sagte er zu: Die Gesteinsschichten der Gegend, durch die wir fahren würden, reizten ihn als zukünftigen Geologen. Die Mutter zögerte lange, bis sie sich einverstanden erklärte. Erst hatte sie uns drei zu sich herbestellt, kritisch gemustert und anschließend unsere Zusicherung eingeholt, auf Drogen, Alkohol und Nikotin zu verzichten, nicht in Discos zu gehen, nach elf das Licht auszumachen und Giselbert alle zwei Stunden daran zu erinnern, zuhause anzurufen.

„Seien Sie versichert, wir bringen Ihnen Ihren Sohn frisch und unverdorben zurück“, hatte Falk ihr zum Abschied zugerufen, bevor sie zu neuen Ermahnungen ansetzen konnte.

Wir machten, dass wir davon kamen. Ich ließ mein BWM-Cabrio röhren und badete im Fahrtwind. Giselbert auf dem Beifahrersitz erklärte mir seit zwei Stunden die Jura-Formation, durch die sich die Landstraße wand. Mareike hielt ihren Freund und Fahrer Falk umschlungen, der seinen Maserati abwechselnd hinter mein Heck und dicht vor meinen Kühler klemmte. Mir wäre ein hübsches Mädchen als Beifahrerin auch lieber gewesen. Eine mit Witz und Lebenslust. Giselbert dagegen schien sich für nichts anderes als Gesteinsformationen zu interessieren.

Später, in der Ferienwohung beherrschte das Thema Giselbert die Diskussion, kaum dass er sich zum Telefonieren zurückgezogen hatte.
„Dankbarkeit ist noch lange kein Grund, sich von Berti-Baby die Laune vermiesen zu lassen,“ dozierte Falk und heischte unsere Zustimmung.
„Er ist so, wie er nun mal ist“, wiegelte ich ab.
„Ja, und wie finden wir das?“, versetzte Falk mit einem Gähnen.
„Jedenfalls hat die Mutter ihrem Unschuldsengel nicht erlaubt, Wand an Wand mit einem kopulierenden Paar zu schlafen“, sagte Mareike mit affektierter Besorgnis. „Lassen wir ihn doch im Flur oder draußen im Zelt campieren, das verhindert bleibende Schäden.“
Falk griff nach einem von Giselberts Geologiebüchern, die hier, wo jede Ablagefläche stapelweise angefüllt war mit Szeneheften, Programmplanern, CD-Hüllen, ziemlich fehl am Platz wirkten. „Wozu Giselberti schonen?“, fragte Falk. Er riss ein Foto aus einem Sexheft und legte es in das Geologiebuch. „Ich setze auf Schocktherapie.“

Wir lachten uns scheckig, prosteten uns zu („Auf Bertis Jungfernschaft!“) und waren einer Meinung, dass man es nicht übertreiben sollte mit der Dankbarkeit für Giselberts Abi-Nachhilfe. Jetzt war er an der Reihe, uns etwas zu bieten. Etwas, womit er seine Durchschnittlichkeit widerlegen sollte! Verzagt, wie er nun mal war, müsste man ihn zu einer eindrucksvollen Mutprobe verlocken, und da im Fernsehen gerade der Actionfilm „Speed“ lief, hatte ich spontan den Einfall, Giselbert wie im Film bei voller Fahrt von Cabrio zu Cabrio rüberwechseln zu lassen. Falk und Mareike fanden die Idee perfekt. Gleich morgen sollte Giselbert Gelegenheit haben zu zeigen, was in ihm steckte.

Am späten Abend knutschten Falk und Mareike auf der Couch, während ich im Korbsessel mich abmühte, mit Giselbert ein Gespräch am Laufen zu halten.
„Du willst später mal Geologe werden?“
„Ja. Und Paläontologe.“
„Das stelle ich mir ganz schön riskant vor. So in senkrechte Felsspalten klettern, um das ultimative Fossil herauszumeißeln - da muss man doch mutig und geschickt sein, oder?“
Er lächelte gekünstelt.
„Nur so viel Mut wie unbedingt nötig. Man sollte nichts unnötig riskieren.“
Ich seufzte und blickte augenrollend an die Decke. Wie vernünftig du bist, Giselbert! Ermüdend vernünftig und fürchterlich fad ...

Am nächsten Morgen eröffnete ich Giselbert auf der Fahrt in die Region unseren Speed-Revival-Plan. Er war natürlich dagegen, zeterte, das sei doch alles selbstmörderisch und dumm. Ich erwartete jeden Moment, dass er mich aufforderte umzukehren. Es kam aber nichts.

Wir hielten am Anfang einer circa 700 Meter langen Geradeausstrecke in flacher Ebene. Giselbert saß mit angezogenen Knien auf dem Rücksitz meines BMWs und wich unseren Blicken aus. Falk brachte ein Verbindungsbrett zwischen den Wagenflanken in Stellung, derweil ich versuchte, Giselbert aus der Reserve zu locken. „Natürlich schaffst du es, wäre doch gelacht! Du gibst uns heute eine filmreife Vorführung!“ Doch Giselbert vergrub sein Gesicht in den Händen und schüttelte stumm den Kopf.
´Hast im Grunde recht, wenn du dich verweigerst, Gemütsmensch´, dachte ich im Stillen, als wir ihn ausbuhten - mit geheuchelter Enttäuschung, versteht sich.

Für die darauffolgende Nacht, die Nacht vor Giselberts Zwanzigsten, hatten sich Falk und ich einen Glückwunschsong ausgedacht. Erst hatten wir Mühe, Giselbert nach elf Uhr vom Schlafengehen abzuhalten, doch dann holte Mareike pünktlich um zwölf ihre Gitarre hervor, und zur Melodie von „Blowing in the Wind“ begannen wir zu singen:

Wieviel Glas Wein pfeift sich Giselbert rein,
Bis er eine Traumfrau sich wählt?
Und wieviele Wochen muss Muttern für ihn kochen,
Bis er den ersten Apfel sich schält?

Die Antwort, mein Kind, gibt Mutter dir geschwind, ...


Okay, das war purer Spott, zugegeben, doch warum musste Giselbert so anbiedernd fröhlich klatschen und sein Gefrierfach-Grinsen vorführen? „Supertoll, das war echt witzig!“, krähte er und trampelte mit den Beinen dazu. Mareike hielt sich verlegen an der Gitarre fest. Nur eine Sekunde lang glaubte ich, er wollte uns mit seinem Verhalten die Bestätigung verweigern, bei ihm einen wunden Punkt getroffen zu haben. Doch dann bemerkte ich die jämmerlich Clownerie, die er da veranstaltete, und ich verwarf diesen Gedanken. Wäre er doch aufgestanden und hätte uns ins Gesicht geschrieen, was wir ihn alles könnten! Aber Giselbert schien ein Mensch zu sein, der jeder Konfrontation aus dem Weg ging und dafür so gut wie alles mit sich machen ließ.

Ich behielt Recht mit meiner Einschätzung. Den ganzen Urlaub über hielt sich Giselbert mäuschenhaft im Hintergrund, solange wir ihn in Ruhe ließen, war jedoch aufmerksam zur Stelle, wenn wir etwas von ihm wollten. Mit Hilfsbereitschaft warb er um unsere Sympathie. Vor allem Mareikes Wünsche erfüllte er gern. Als sie ihn eines Tages aufforderte, ihr das Bronze-Abgussverfahren zu erklären, mit dem man versteinerte Fossilien vervielfältigt, stapelte er seine Folianten auf dem Küchentisch, rückte nah an Mareike heran und begann eifrig zu dozieren. Falk, den Giselberts akademisches Gebalze nicht so kalt ließ, wie er später behauptete, lief derweil hektisch und ziellos in der Küche herum, rief immer wieder: „Lasst euch von mir nicht stören!“ dazwischen, so dass Giselbert mehrmals aus dem Konzept geriet. Falk pfiff vor sich hin, während er mit Getöse die Spülmaschine ausräumte, und zuletzt ließ er die Backofentür dermaßen laut zuknallen, dass Mareike ihn mit gespieltem Zorn aus der Küche warf.

Giselbert, verwirrt und fahrig, brachte nur noch zusammenhangloses Gestotter zustande. Als dann noch beim Blättern im Geologiebuch das Sexfoto herausfiel, konnte er - auf Mareikes Frage, wie das denn da hinein gekommen sei - gerade noch hervorwürgen: „Ich weiß doch nicht!“, bevor er aus der Küche stolperte.

Gut möglich, dass mir nach diesem Debakel Giselbert etwas Leid tat. Er schaffte es einfach nicht, den Kampf mit seinen Folterern aufzunehmen. „Gibt es denn keine Möglichkeit, das Fossil so lange mit Urgestein zu bewerfen, bis der Dinosaurier in ihm erwacht und uns die Zähne zeigt?“, fragte Falk schon ganz verzweifelt, als wir am Abend Pläne für den nächsten Tag schmiedeten - wie immer ohne Giselbert: Der telefonierte dann jedes Mal mit seiner Mutter.
Falks Frage brachte mich richtig in Stimmung: „Giselbert ist ein Versager“, sagte ich, „reden wir nicht weiter drüber.“
„Ein Versager ohne Eier“, ergänzte Mareike.
Falk schnippte seine Kippe ins Gras. „Ein armes Schwein ist er. Er soll morgen eine letzte Chance kriegen, danach ist es mir auch egal.“

Tags drauf durchfuhren wir die gesamte Region und landeten schließlich an einem Fluss, über den sich eine Stahlrohrbrücke spannte. Die bügelförmigen Stahlrohre maßen rund zehn Meter Höhe an ihren Scheitelpunkten. Wir gaben Giselbert zu verstehenn dass er es locker schaffen müsste, einen Rohrbogen der Länge nach zu überklettern.
„Komm nicht wieder mit selbstmörderisch“, knurrte Falk, „du klammerst dich mit Armen und Beinen ans Rohr und robbst hier hinauf und dort hinunter. Nichts kann passieren.“
Er stand mit verschränkten Armen vor dem am ganzen Körper zitternden Giselbert und wies gebieterisch auf den Fuß des einen Rohrbogens. Eine Minute verstrich ohne ein Wort. Dann gab sich Giselbert einen Ruck, umklammerte das Stahlrohr und zog sich aufwärts. Mühsam und langsam kam er voran, die Füße rutschten immer wieder ab. Doch Giselbert kämpfte Zentimeter um Zentimeter mit eiserner Verbissenheit. In fünf Meter Höhe verließen ihn die Kräfte. Er hing am Rohr und kam nicht weiter. „Dann spring halt ins Wasser“, rief Falk. Giselbert hielt das Rohr noch einige Sekunden umklammert, dann fiel er. Ich sah, wie er mit der Schläfe auf das Geländer neben dem Stahlrohr stieß, herumwirbelte und in den Fluss klatschte.

Ich mache es kurz. Wir sind panisch in unsere zwei Autos gestürzt und in verschiedenen Richtungen davongebraust. Falk und Mareike habe ich erst eine Woche danach auf dem Polizeirevier wiedergesehen, als wir infolge der Vermisstenanzeige von Giselberts Mutter eine Aussage machen mussten. Zuvor hatten wir uns telefonisch auf eine plausibel klingende Selbstmordversion geeinigt. Falk gab zu Protokoll, Giselbert sei Tage vor dem Absprung von der Brücke in depressiver Stimmung versunken. Immer wieder hätte er angedeutet, er hielte den Druck daheim nicht länger aus und sähe in allem keinen Sinn mehr. Giselberts Leiche wurde kurze Zeit später im oberen Flusslauf gefunden.

Ich habe nie sehr viel auf Falks Meinungen gegeben. Wenn er nicht mitten ins Schwarze traf, lag er meistens haarscharf daneben. Weil mir aber die Sache mit Giselbert keine Ruhe ließ, fragte ich ihn Wochen später, ob er nicht auch denke, dass es verschiedene Gründe für Giselberts Tod gebe. Falk sah mich nicht an, als er antwortete:
„Er musste wohl sterben, weil wir ihn alle zum Kotzen fanden.“

Das fand ich krass und übertrieben. Falk lag wieder einmal daneben. Ich dagegen bin mir ganz sicher, dass Giselbert wirklich Selbstmord begangen hat. Das war sein ganz persönliches Ding, und das hätte er mit und ohne uns durchgezogen. Seitdem ich das weiß, schlafe ich nachts besser.

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