Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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September 2005
Eintrachtstraße
von Michaela Röder

Auf der Eintrachtstraße hatte sich im Laufe der letzten 15 Jahre viel verändert. Leute zogen aus, andere zogen ein. Menschen starben, Kinder wurden geboren. Nur eines änderte sich wohl nie, das tagtägliche Bild, von Fr. Baumann im Fester ihrer Hochparterre Wohnung auf Nummer 1a. Jeden Morgen, seit dem Tod ihres Mannes vor fast genau 15 Jahren, pünktlich um 8:00, öffnete sich das Wohnzimmerfenster zur Strasse und Fr. Baumann legte sich zwei Bordeauxfarbene Kissen auf die Fensterbank und lehnte sich heraus um zu beobachten, zu kommentieren oder zu tadeln was die lieben Nachbarn so trieben.
Pünktlich um 13:00, verschwand die etwas dickliche Dame, um zu Mittag zu essen und ihren Mittagsschlaf zu halten, genau um 15:00 öffnete sich erneut das Fenster, die Kissen kamen zum Vorschein und sie lag wieder auf der Lauer. Außer sonntags, da bekam sie Besuch von ihrem Sohn, der ihr Lebensmittel und Blumen brachte. Denn das Haus verließ sie nur wenn sie mal zum Arzt musste und das war nicht oft, schließlich war sie viel an der frischen Luft. Selbst bei Regen machte sie keine Ausnahme, denn ihr Fenster war vom Balkon darüber geschützt. .Frau Baumann wusste alles, wer mit wem und warum. Wer einzog, wer auszog, welches Kind zu wem gehörte und wahrscheinlich vieles mehr. Einen besonderen Kicker hatte sie auf Frau Müller von der Nummer 6, erstens, weil ihre Kinder unerzogen waren und sie nie Grüßten und zweitens, weil Frau Müller nicht die Treppe putze, wie sie sich von Frau Kahrmann, die auch auf der 6 wohnte, berichten ließ. Na ja, Frau Kahrmann war auch nicht das gelbe vom Ei, sie ging putzen um die Frührente ihres Alkoholkranken Mannes etwas aufzustocken. Wenigstens putze sie das Treppenhaus regelmäßig. Frau Kahrmann hatte es nie leicht sie hatte ihre zwei Mädchen zum größten Teil alleine erzogen, weil ihr Mann lieber in Kneipen saß. Marion die kleine, war ein braves Mädchen, sie wohnte inzwischen in Bayern, mit ihrem Mann. Karin, die ältere der beiden Töchter hatte die Wohnung in der 3, von Frau Schneider bezogen, die nach einem Schlaganfall, ins Pflegeheim musste. Frau Baumann, zählte nicht mehr mit, wie viele Männer wöchentlich bei Karin Kahrmann ein und ausgingen. Vor allem störten sie, die Zigarettenkippen, die auf dem Gehweg ausgedrückt wurden. Das hatte es nicht gegeben als ihr Hans, noch lebte. Erst letztens hatte sie zu Karin gesagt: „Mensch King werd` doch ens vernünftisch“ , nachdem sie den untreuen Ehemann von Frau Meyer auf Karins Balkon gesehen hatte, in Unterhosen. Familie Meyer war relativ neu auf der Straße, sie hatten die Wohnung der alten Krügers bezogen, in Nummer 1. Schon als Fr. Baumann die etwa 30 jährige Frau Meyer das erste Mal sah, sagte sie zu Fr. Schmitz aus Nummer 5: „ Dat het ihre Mann nit im Griff.“ Recht hatte sie ja behalten.
Die Kinder von Fam. Meyer, ein Junge und ein Mädchen liebten es Frau Weyers Katze zu jagen, die ständig in die Rosenbeete kackte. Insgeheim wünschte sich Fr. Baumann, die Kinder würden die Katze einmal fangen und so erschrecken das sich das Viech nicht mehr aus der Weyers´schen Wohnung traute. Fr. Weyers war immer hinter ihrem Hans her gewesen, das war Fr. Baumann nicht entgangen. Zwar hatte sie es geschafft, ihren Mann vor Fr. Weyers fernzuhalten, jedoch ihren Sohn Markus konnte sie nicht davon abbringen, sich mit der einzigen Tochter, Manuela Weyers einzulassen. Immer wieder hatte sie ihrem Markus gepredigt: „ Jung, dat ist Pack, lass de Finger von de Manuela.“ Aber er hörte nicht auf sie, bis es kam wie es kommen musste, Manuela betrog Markus Baumann mit dem Sohn von den Voigts, von Nummer 2. Das Geheule war groß und aus Kummer heiratete er eine Hauswirtschaftsschülerin von der Marienkirchstraße . Wenigstens kochte die Schwiegertochter nun manchmal für Fr. Baumann mit.
Als sie wieder einmal mit Fr. Schmitz aus Nummer 5 tratschte, traf sie bald der Schlag. Da sah sie doch tatsächlich, die Tochter vom Grünfeld, ein pensionierter, verwitweter Lehrer, der auch in der 1a, zwei Stock über ihr wohnte, mit dickem Bauch, in ihr Auto steigen, grade als sie Fr. Schmitz fragen wollte, wer der Vater sein könne, kam ein Mann aus der Haustür und setzte sich zu der kleinen Grünfelder ins Auto.
„ Neeee, Fr. Schmitz ich werd` nit mehr, ne schwatte. Dat dörf doch nit wahr sin“ empörte sie sich.
Eigentlich hatte sie immer große Stücke auf Hr. Grünfeld gehalten, immerhin war er ein studierter Mann und ein begnadeter Geiger. Da er ebenso wie sie alleine lebte, hatte sie sich schon oft mal vorgenommen ihn, auf ein lecker Tässchen guten Bohnenkaffee einzuladen aber jetzt wo die Tochter, mit ne schwatte hantiert. Das konnte man nicht dulden. Da hätte der Hans auch was dagegen gehabt.
Früher war eh alles besser, da herrschte noch Sitte und Ordnung auf der Eintrachtstraße. Als der Hans noch Hausmeister war, da getraute sich keiner die Haustür nach 21:00 Uhr offen zu lassen, so wie letztens wieder die Frau Vogel, die in Nummer 3 , eine Wohnung über Karin Kahrmann, wohnte, als sie Nachts um 2:00 quietschvergnügt nach Hause kam. Wo gab es denn so was? Verheiratet und vier Kinder. Überhaupt hatte sich die Fr. Vogel stark verändert in letzter Zeit, sie kaufte ständig neue Kleider, das sah Fr. Baumann an den zahlreichen Tüten, von teueren Boutiquen. Wo hatten die denn das Geld her? Es gab nur eine Erklärung, FR. Vogel hatte einen Liebhaber, der sie aushielt. Fr. Baumann nahm sich vor Fr. Vogel abzupassen und, sie mal auf die Haustüre anzusprechen. Vielleicht fand sie ja noch etwas anderes heraus. Ein paar Tage später war es soweit. Fr. Vogel kam mit ihren neuen Schuhen des Weges gestackelt da sprach FR. Baumann sie an: „ Juten Tach Frau Vogel. Hören sie mal, sie haben verjessen die Haustür abuschließen, mitten in der Nacht, jehen sie da arbeiten?“ „ Guten Tag Frau Baumann, nein ich, ich war aus.“ Fr. Vogel fuhr herum und wurde rot. Aha ein eindeutiger Beweis. Frau Baumann, grinste wissend und setzte zum finalen Schlag an. „ Na ja sie müssen et ja wissen, passen se nur mal auf dat ihnen der Mann nit wegläuft wie, der Frau Kretschmer aus der 7 und schließen se um Jottes Willen de Haustür zu, sonst muss ich die Jenossenschaft verständijen. Haben se jehört?“ Der hatte gesessen. Fr. Vogel nickte nur stumm und eilte davon.
Kurz darauf kam Fr. Schmitz des Weges und Fr. Baumann berichtete von ihrer Heldentat:
„Ich hab se anjesprochen, dat ist voll drauf einjejangen. Da is wat im Busch, dat sach ich ihnen Frau Schmitz. Hören se wat ich ihnen sach, da stimmt wat nit.“
Ja, die Eintrachtstraße war im festen Regiment von Fr. Baumann. Neuerdings, nachdem sie Zeugin eines Parkunfalls auf der Eintrachtstraße wurde, hatte sie ihre Liebe zur Kriminologie entdeckt. Nun vermutete sie hinter jeder Wohnungstüre ein vergehen. Besonders Hr. Grünfelder hatte sich verdächtig gemacht, nicht nur wegen dem neuen dunkelhäutigen Schwiegersohn, der seit Wochen nicht mehr gesehen wurde, denn die Tochter kam immer allein.
Nein, er schleppte seit Tagen kleine blaue Mülltüten zum Container. Jeden Tag mindestens eine. Fr. Baumann vermutete, dass er den Schwiegersohn beseitigt hatte und ihn nun auf trickreiche Weise zu beseitigen versuchte. Sie beschloss Fr. Schmitz, ihre Lästerkumpanin, einzuweihen. „ Hören sie mal Frau Schmitz, is ihnen auch aufjefallen dat der Grünfelder immer Tüten wegbringt?“ „ Ne, Fr. Baumann, is dat wahr? Ja, wat mach denn da los sein? Zieht de etwa um?“ Fr. Schmitz begriff anscheinend nicht sofort was gemeint war.
Genervt von soviel kriminalistischem Ungeschick verdrehte Fr. Baumann die Augen. „Ne, der zieht nit aus, der versucht wat zu vertuschen dat ist doch klar, sind se doch nit so bejriffsstutzisch. Dat ist ja furschtbar.“
Für Fr. Baumann erwies sich ihr Vorhaben, Fr. Schmitz einzuweihen als, fehlerhaft.
„Nu lassen se et jut sein. Isch han nix jesacht.“.
So machte sie sich alleine weiter auf Spurensuche.
Ein Stück weiter in ihren Ermittlungen kam sie als sie an einem Nachmittag Fr. Vogel zu Hr. Grünfelder in die Wohnung laufen sah. Sie verließ ausnahmsweise ihren Fensterplatz und schlich sich in den Hausflur um zu lauschen. Sie konnte nicht viel verstehen aber sie hörte wie Hr. Grünfelder zu Fr. Vogel sagte: „Nehmen sie das Geld….“ Dann hörte sie nur ein zischeln und dann: „ Ich habe schon das meiste erledigt, keine Sorge, es kommt nichts raus.“
Aha, plötzlich ergab sich ein Zusammenhang. Die vielen Tüten von Fr. Vogel, sie hatte was mit der Sache zu tun. Ja, sie hatte den Schwiegersohn erledigt, Kohle kassiert und Hr. Grünfelder hatte ihn zerlegt und weggeschafft. Von wegen keine Sorge.
Fr. Baumann war den beiden auf der Spur. Wenn das ihr Hans wüsste, Gott hab ihn selig, er würde sich im Grabe umdrehen. So etwas in der Eintrachtstraße.
Fr. Baumann dachte scharf nach, warum hatte Fr. Schmitz sich so dumm gestellt? Sie war doch sonst nicht so naiv, sie steckte auch mit den Mördern unter einer Decke.
Das wurde Fr. Baumann sonnenklar, als sie am nächsten morgen FR. Müller, Fr. Schmitz, Fr. Kahrmann und Fr. Weyers mit Hr. Grünfelder an der Ecke stehen sah und beobachtete wie sie angeregt diskutierten. Den Gestiken zu folge ging es darum, wie man die restlichen Leichenteile aus dem Haus bekam ohne das sie, Fr. Baumann, verdacht schöpfen würde.

„De arme schwatte Schwiegersohn, er kann doch nix für seine Hautfarbe und nur weil er dat Mädchen jeschwängert hat muss man de doch nit jleich umbringen „. Fr. Bauman betete im Zwiegespräch mit Gott um einen weiteren Hinweis.
Sie sah sich bereits im Stadkurier auf der Titelseite mit der Headline: „Die Miss Marple vom Niederrhein“ und weiter: „ kurz vor ihrem 80sten Geburtstag überführte eine aufmerksame, Junggebliebene Dame, auf der Eintrachtstraße, ihre gesamte Nachbarschaft des Mordes an einem afroamerikanischen Schwiegersohn“.
Gütig wie Gott immer zu Fr. Baumann war, außer da, als er ihren Hans viel zu früh zu sich nahm, gab er ihr den alles entscheidenden Hinweis, am Morgen ihres 80sten Geburtstages. Sie sah wie die vereinte Nachbarschaft eine riesige Holzkiste auf die Straße stellte. Darin musste der Torso sein. Nein, wie grausam. Die Arme und Beine hatten sie zersägen können aber den Torso nicht. Sie versteckte sich hinter den Gardinen, es sollte so aussehen als, wenn sie nicht zuhause wäre. Sie könnte ja an ihrem 80sten weggefahren sein.
Sie wickelte sich fast in ihre Übergardine ein damit von diesem Mördervolk keiner bemerkte das sie über alles im Bilde war. Doch ihr Plan schien zu scheitern denn, sie sah, wie Fr. Vogel sich näherte und den anderen Handzeichen gab, das sie am Fenster stände. Sie kroch auf allen vieren über den Boden in Ihr Bad und setzte sich auf die kalten Fließen. Ihr fiel nicht ein wie sie zum Telefon kommen sollte, das im Wohnzimmer auf dem Fensterbrett stand, ohne, das die Mörder sie bemerken würden. Dann nach fast zwei Stunden fasste sie sich ein Herz und ging gradewegs zum Fenster. Sie wollte die Polizei verständigen und dem Grauen ein Ende setzten. Grade als sie das Telefon auf allen Vieren erreichte, klingelte es an ihrer Türe Sturm. Man hatte sie doch entdeckt.
Das Läuten endete nicht, die kriminellen wussten, dass sie in der Wohnung war. Sie griff nach dem Telefonhörer und wollte wählen als sie laute Marschmusik vernahm. Sie schaute aus dem Fenster, alles war festlich geschmückt, Tische und Stühle standen auf der Straße und eine Musikkapelle die „Happy Birthday“ spielte. Das Mördervolk, ihre Nachbarn, auch der afroamerikanische Schwiegersohn, standen drum herum und sangen lauthals: „....zu ihrem 80sten, zum Geburtstag viel Glück“.
Sie öffnete voller Freude das Fenster und rief: „Danke, och danke, dat wär doch nit nödisch jewesen. Ich wusste et joah immer, ihr seid de besten Mensche op de Welt.“

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