Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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September 2005
Das Leben und das Sterben
von John Beckmann

Kaufmann ├Âffnete die Augen. Blinzelnd sah er sich in dem ger├Ąumigen Inneren der Limousine um. Anscheinend war er eingeschlafen, ohne es zu merken. Er r├╝ckte seine Brille zurecht und nahm die Akten von seinem Scho├č.
Der Regen prasselte mit unver├Ąnderter Gewalt auf den schwarzen Mercedes. Wie ein Schnellboot schoss der Wagen ├╝ber die nasse Fahrbahn.
Kaufmann dr├╝ckte einen Knopf in der Armlehne. Mit einem Surren senkte sich die Trennwand. Die Scheibenwischer wirbelten unaufh├Ârlich hin und her und gaben die Sicht auf die scheinbar immer gleichen f├╝nfzig Meter Autobahn frei.
Kaufmann sah auf seine Armbanduhr.
"Wie lange brauchen wir noch?"
"Schwer zu sagen. Bei dem Wetter..."
Der Fahrer, er hatte sich Kaufmann als Hal vorgestellt, antwortete, ohne seinen Blick von der Fahrbahn abzuwenden. Kaufmann hatte ihn von Anfang an nicht gemocht. Hals feminine Z├╝ge passten so ├╝berhaupt nicht zu seiner massigen Statur und irgendetwas in seinen kalten, blauen Augen missfiel Kaufmann aufs ├äu├čerste. Doch leider war sein Fahrer krank geworden und Hal der einzige Ersatz gewesen, der kurzfristig zur Verf├╝gung gestanden hatte. Au├čerdem, so musste Kaufmann zugeben, lenkte er das tonnenschwere Gef├Ąhrt mit einer bewundernswerten Leichtigkeit.
"H├Âren Sie, Hal, ich habe morgen fr├╝h ein wichtiges Meeting in D├╝sseldorf und w├Ąre Ihnen wirklich dankbar, wenn ich vorher noch ein paar Stunden Schlaf bekommen k├Ânnte. Wir verstehen uns also?"
Hal nickte, ohne in den R├╝ckspiegel zu schauen.
Kaufmann wollte sich gerade wieder seinen Papieren widmen, als er in der Ferne die Lichter sah.
Blaulicht durchbrach die Dunkelheit. Hal drosselte die Geschwindigkeit. Sie passierten einen kleinen Anh├Ąnger, der am Stra├čenrand stand. Dutzende von kleinen Lampen formten ein leuchtendes Warndreieck. Langsam fuhren sie weiter. Zwei Streifenwagen standen quer auf der Fahrbahn. Ein Polizist in Regenuniform bedeutete ihnen anzuhalten. Hal lie├č den Wagen ausrollen und ├Âffnete sein Fenster einen Spalt. Sofort schoss Regen durch die kleine ├ľffnung. Der junge Polizist musste fast schreien, um den Orkan zu ├╝bert├Ânen.
"Es gab einen schweren Unfall. Zweihundert Meter weiter vorne. Die Autobahn ist gesperrt. Bitte fahren Sie langsam auf dem Standstreifen. Nach ungef├Ąhr hundert Metern kommt eine Ausfahrt."
Hal nickte dem Polizisten zu und schloss das Fenster wieder, bevor Kaufmann etwas sagen konnte.
"Verdammte Schei├če. Gerade jetzt."
Erregt beugte sich Kaufmann nach vorne.
"K├Ânnen wir nicht einfach auf dem Standstreifen weiterfahren bis die Autobahn wieder frei ist?", fragte er.
"Sie haben geh├Ârt, was der Polizist gesagt hat. Manchmal muss man sich seinem Schicksal f├╝gen."
Kaufmann lie├č sich wieder zur├╝cksinken und rieb den letzten Schlaf aus seinen Augen.
"Sich seinem Schicksal f├╝gen. Sie haben ja auch keine Termine", murmelte er.
Im Schritttempo erreichten sie die Ausfahrt. Scheinwerfer mischten sich mit dem Blaulicht, an mehreren Stellen blitzten Schneidbrenner auf. Trotz des Regens, der Entfernung und des diffusen Lichts, sah Kaufmann die Szenerie gestochen scharf wie auf einer Hochglanzfotografie. Der graue LKW-Anh├Ąnger lag wie ein toter Elefant auf der Seite. Er schien unbesch├Ądigt zu sein, nur die Leitplanke war auf einer Strecke von gut hundert Metern eingedr├╝ckt. Dann entdeckte Kaufmann die Tr├╝mmerteile. Sie lagen willk├╝rlich verteilt auf beiden Spuren, dem Mittelstreifen und der Gegenfahrbahn. Verwirrt verfolgte Kaufmann ihre Spur zur├╝ck zur Unfallstelle. Jetzt erkannten seine Augen den schwarzen Klumpen Stahl zwischen dem Anh├Ąnger und der Leitplanke. Kaum noch etwas erinnerte an ein Auto; es war komplett zerquetscht und aufgerieben worden. Pl├Âtzlich sp├╝rte Kaufmann den kalten Wind, Regen tropfte auf sein Gesicht. Es roch nach Benzin und verbrannter Haut. Dann sah er das Innere des Wracks; das Chaos, die Zerst├Ârung, das Blut und den leblosen K├Ârper. Er h├Ârte die Feuerwehrm├Ąnner, wie sie sich durch den Sturm Anweisungen zubr├╝llten. Das Bild verschwand genauso schnell, wie es gekommen war.
"Der Mann... Er ist tot."
Kaufmann war sich seiner Worte kaum bewusst, doch dieses Mal blickte Hal in den R├╝ckspiegel und nickte ihm zu.


Der Sturm hatte sich gelegt. Die Wolkendecke war aufgerissen und gab den sternenlosen Nachthimmel frei. Kein Auto war ihnen begegnet, seitdem sie die Autobahn verlassen hatten. Nur die Begrenzungspf├Ąhle blitzten in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden auf, wenn das Licht der Scheinwerfer sie traf. Noch bevor der Mercedes sie passierte, waren sie bereits wieder zu glanzlosen Andeutungen verblasst. Hinter ihnen war nichts als Dunkelheit, als ob die Welt abseits dieses schmalen Korridors nicht mehr existierte.
Kaufmanns Kopf lehnte an der Scheibe. Er sp├╝rte die Vibration des Wagens l├Ąngst nicht mehr. Immer wieder kehrten seine Gedanken zur├╝ck zu dem Unfall, zur├╝ck zu den Bildern, die er nicht h├Ątte sehen k├Ânnen. Er versuchte sie als Einbildung abzutun, sie seiner M├╝digkeit zuzuschreiben, und auch wenn es ihm nicht ganz gelang, so riss es ihn doch zumindest aus seiner Lethargie.
"Wissen Sie eigentlich, wohin Sie fahren?"
Hal zeigte keine Reaktion.
"Seit einer halben Stunde habe ich kein Stra├čenschild, geschweige denn eine Abzweigung gesehen. Die n├Ąchste Autobahnzufahrt kann doch nicht so weit entfernt sein, oder?", fuhr Kaufmann fort.
"Der Weg ist richtig. Ich bin ihn schon h├Ąufig gefahren."
"Das hoffe ich f├╝r Sie. Ich habe morgen Fr├╝h..."
"Sie haben jetzt gen├╝gend Zeit", unterbrach ihn Hal.
"Was?", Kaufmann starrte in den R├╝ckspiegel, "Sie h├Âren mir jetzt mal ganz genau zu. Entweder Sie bringen uns auf dem schnellsten Weg zur├╝ck auf die Autobahn oder Sie sind morgen Ihren Job los. Verstanden?"
Hal antwortete nicht, doch seine vollen Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Kaufmann dr├╝ckte so kr├Ąftig auf den Knopf in der Armlehne, dass sein Fingernagel brach. Die Trennwand fuhr nach oben und verbannte sein Fluchen auf die R├╝ckbank. Hektisch fingerte er sein Handy aus der Aktentasche und starrte fassungslos auf das dunkle Display. Er dr├╝ckte mehrmals die Powertaste, nichts geschah. Anscheinend war der Akku leer. Kaufmann schmiss das nutzlose Telefon zur├╝ck in die Tasche. Schwei├č trat aus seinen Poren, sammelte sich auf der Stirn. Sein Atem ging sto├čweise, bunte Punkte tanzten auf der Netzhaut. Kaufmann versuchte tief ein und auszuatmen, und z├Ąhlte in Gedanken langsam bis zehn. Bei acht beruhigte er sich wieder etwas, seine Wut legte sich.
Er dachte daran, Hal die Anweisung zu geben umzukehren, doch verwarf den Gedanken gleich wieder. Sie fuhren schon zu lange auf dieser schlecht gepflasterten Landstra├če und irgendwann w├╝rde schon die Autobahnzufahrt oder zumindest ein Stra├čenschild kommen. Au├čerdem war er sich mittlerweile nicht mehr sicher, ob Hal ├╝berhaupt noch auf ihn h├Âren w├╝rde. Eine leise Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass mit seinem Fahrer etwas ├╝berhaupt nicht stimmte. Erneut griff Kaufmann in die Aktentasche. Seine Hand zitterte noch etwas, doch der kalte Stahl des Brief├Âffners f├╝hlte sich gut an. Unruhig wanderte Kaufmanns Blick zwischen der dunklen Stra├če und seiner Uhr hin und her. Die Zeit verstrich und nach einigen endlos langen Minuten hatte er zwei Dinge bemerkt: Seine Uhr war kaputt oder ihre Batterien genauso leer wie die des Handys und, und diese Entdeckung bereitete ihm weitaus mehr Sorgen, die Begrenzungspfeiler waren verschwunden. Kaufmann ├Âffnete das Fenster und steckte seinen Kopf hinaus ins Freie. Mit der Fahrbahnmarkierung endete die ihm bekannte Welt, dahinter existierte nur ein schwarzer, leerer Raum. Auch sp├╝rte Kaufmann keinen Fahrtwind, obwohl sie weiterhin mit hohem Tempo fuhren.
Erneut bet├Ątigte er den Knopf. Als das Surren verstummt war, herrschte f├╝r einen Augenblick Stille im Inneren des Wagens. Selbst das Motorenger├Ąusch war nicht mehr zu h├Âren, verschluckt von der schwarzen Kuppel, die sie umgab.
"Wo bin ich? Wo bringen Sie mich hin?"
Seine Stimme war br├╝chig, als habe er lange Zeit nicht gesprochen.
"Keine Sorge, Herr Kaufmann. Sie sind gleich da."
"Bitte bringen Sie mich wieder zur├╝ck. Ich..."
"Daf├╝r ist es jetzt leider zu sp├Ąt."
"Ich habe Geld, viel Geld. Ich kann Sie bezahlen. Ich..."
"Ich wei├č."
Kaufmann schwieg. Er sank tiefer in seinen Sitz. Mit jedem Ausatmen schien ein St├╝ck Leben seinen K├Ârper zu verlassen. Ihm war nie aufgefallen wie weich die Polster waren. Der Brief├Âffner glitt aus seiner Hand und fiel zu Boden. Die Stra├če war auch verschwunden, sie fuhren jetzt auf einer Br├╝cke. Und unter ihnen, in unendlicher Tiefe, floss ein Fluss aus reinem Schwarz. Kaufmann schloss die Augen.


Der Wagen hielt an.
"Wir sind da", sagte Hal.
Langsam ├Âffnete Kaufmann seine Augen.
"Wo...?"
Mehr brachte er nicht heraus.
"Es gibt viele Namen f├╝r diesen Ort. Und genauso viele Beschreibungen, je nachdem an welchen Gott Sie glauben. Aber alle meinen sie dasselbe."
"Aber ich... Ich bin noch nicht tot."
"Nein?"
Die Bilder kamen zur├╝ck. Der Regen, die Dunkelheit, das Wrack und der zerst├Ârte K├Ârper. Das linke Bein war von der Fahrert├╝r zerdr├╝ckt worden, aus dem Brustkorb ragte das Ende der B-S├Ąule. Das Dach hatte den Kopf in einem grotesken Winkel vom Hals abgeknickt. Trotz der Verst├╝mmelungen erkannte Kaufmann seinen K├Ârper. Die Gewissheit traf ihn nicht wie ein Schlag, nicht wie etwas, dass man mit angstgeweiteten Augen begreift. Es war eher wie etwas, dass er schon lange gewusst hatte, dass er tief in seinem Inneren begraben hatte, in der Hoffnung, es vergessen zu d├╝rfen.
"Manche merken es kaum, weil Sie nie richtig gelebt haben", sagte Hal.
Kaufmann stieg aus. Die schwarze Unendlichkeit empfing ihn, er hatte das Gef├╝hl zu schweben. Er beobachtete die kleiner werdenden R├╝cklichter, bis die Dunkelheit sie verschluckte.
Eine Zeit lang stand Kaufmann in dem riesigen, leeren Raum. Dann ging er los.

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