Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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September 2005
Auf der Straße der Zeit
von Kathleen Strobach

Stürmisch und kalt fegt der Wind durch die Straßen der Stadt. Sein unheimliches Pfeifen legt sich in ihre Ohren. Sie ist allein, allein in der Dunkelheit dieser Nacht. Frierend zieht sie den schwarzen Wollmantel fester um sich. Was soll sie nun tun? Soll sie sich freuen? Oder soll sie verzweifeln? Orientierungslos blickt sie sich um.
Es war doch komisch. Gerade sie, gerade sie hatte das Glück gehabt, vom Fanclub ausgewählt worden zu sein und ihre Band live zu treffen, ganz privat. Es war einfach unglaublich. Noch immer fühlt sie sich wie zwischen Himmel und Erde. Das Kribbeln in ihrem Bauch hält an. Gerade sie, die Unscheinbare, die Ruhige, sie war es, die "Lacrimosa" in dieser fremden Stadt treffen durfte, obwohl sie nun wirklich nicht zu den „Gruftis“ gehörte, die diese Musik vergötterten. Immer wieder hallt dieses Lied durch ihren Kopf: “Auf der Straße der Zeit, alleine schon seit Stunden. Auf der Straße der Zeit, bin ich schon unterwegs…“ Diese Künstler sind einfach unglaublich und sie, sie hatte sie live erlebt.
Das heftige Pfeifen des Windes lässt sie hochschrecken. Verstört schaut sie sich um. Was soll sie nun tun? Warum war sie nicht früher gegangen? Sie wollte jeden Augenblick dieses wunderbaren Abends nutzen, und jetzt, jetzt sitzt sie dafür auf diesem verfluchten Bahnhof fest. Kein Zug würde sie heut noch nach Hause bringen. „Warum bin ich nicht früher losgegangen?!“, seufzt sie verzweifelt. Noch immer steht sie im Halbdunkel der verlassenen Gleisanlage. Der Wind fährt eisig durch ihr langes Haar und lässt es wild umherflattern. Unruhig nähert sie sich der Treppe. Sie steigt die Stufen herauf und lauscht dem Echo ihrer Schritte. Schnell erreicht sie die offene Bahnhofspassage. Enttäuscht blickt sie sich in dem nun grellen Licht um. Was hatte sie erwartet? Viele muntere Reisende? Gefüllte Shops und herrliche Düfte von Gebratenem an den Imbissständen? Wahrscheinlich. Aber um diese Uhrzeit? Nein, um diese Uhrzeit waren nicht mal die Toiletten offen zugänglich. Alles ist wie ausgestorben. „Was soll ich jetzt machen?“, denkt sie. Sie friert fürchterlich. Plötzlich fährt sie zusammen. Ein greller Schrei dringt ihr von Links entgegen. Sie blickt sich um. Sie versucht die Quelle dieses Schreies zu finden. Hier ist nichts. Niemand ist zu sehen. Gänsehaut zieht sich über ihre Arme. „Was war das für ein Schrei?“, denkt sie verängstigt. Fürchterliche Bilder steigen ihr in den Kopf.
Völlig verlassen ist die Verkaufskette, die sich rechts und links neben ihr entlangzieht. „Aber irgendwo her muss der Schrei gekommen sein?“ Noch einmal prüft ihr Blick die Ecke. Schnell wendet sie sich ab und geht in die entgegengesetzte Richtung. Fieberhaft beschleunigt sie ihre Schritte. Ihr Atem rast. Laut hört man das Klacken ihrer Absätze. Schweißperlen setzen sich auf ihrer Stirn ab. Die jetzige Stille erscheint ihr fürchterlich. „Warum kommen nicht ein paar Menschen?“
Fast hat sie nun das Ende der Verkaufsmeile erreicht. Forschend blickt sie noch ein Mal zurück. Hier fühlt sie sich sicherer. Sie lehnt sich gegen die kühle Wand der Halle und lässt langsam ihren Blick wandern. Sie sucht nach Sitzmöglichkeiten, nach irgendetwas, was ihr diese Nacht gemütlicher machen würde. Sie kann nichts entdecken. Ihr Atem tobt. „Diese unbekannte Gegend ist unheimlich.“ Ängstlich drückt sie Tasche an sich. Da plötzlich sieht sie Jemanden. Schräg gegenüber hockt ein älterer Mann. Ganz grau ist sein Haar, das unter einem schmutzigen Hut hervorsticht. Mühsam macht er sich über etwas her. Jetzt trifft sie seinen Blick. Ihr Atem stockt. Boshaft starrt er sie an. Er hebt Scherben in die Höhe. In seinem langen Mantel nickt er ihr zu.
„Nein!“, hier will sie nicht bleiben. Rasant setzt sie die Füße voreinander und lässt die Halle hinter sich. Flüchtend tritt sie hinaus in die Nacht. Die kühle Luft schlägt ihr entgegen. Ihr Atem setzt sich wie ein leichter, weißer Nebel vor ihr ab. Ein Busbahnhof liegt vor ihr. Dahinter kann sie ein Kino ausmachen. Das Licht der Straßenlampen schenkt ihr das Gefühl von Sicherheit. Hier steht sie nun wenige Minuten, mit einer Wand im Nacken. „So kann er mich nicht von hinten überfallen.“, beruhigt sie sich. „Ob er jemandem was getan hat, wegen dem Schrei?“ Sie entfernt sich weiter und legt einige Meter zurück. Vor einer Telefonzelle stoppt sie. Flehend schaut sie auf die Uhr. Es erschien ihr wie Stunden, doch nur wenige Minuten sind seit ihrer Ankunft vergangen. Lauernd steht sie da. Wieder und wieder fällt ihr Blick auf den Bahnhofseingang zurück. „Ist er mir gefolgt?“
Langsam machen sich die Folgen des Tages bemerkbar. In ihren engen Schuhen beginnen ihre Füße zu schmerzen. „Einfach nur sitzen...“ Vorsichtig lässt sie sich auf den Boden sinken. Sie lehnt sich gegen die Metallwand der offenen Kabine. Das Telefon hängt direkt über ihr. Sie verlagert das Gewicht um ihre Füße zu entlasten. Sie beugt die Knie und zieht die Beine zu sich heran. Auch die Kälte macht sich wieder bemerkbar. Ihre Zehen schienen bald steif zu sein. Jämmerlich fühlt sie sich nun, direkt hier - in der Telefonzelle an der Straße - kauert sie, ohne Heim für diese Nacht. Sie legt ihren Kopf auf die Knie. Ihr Blick fällt auf eine Gruppe Ameisen, die sich neben ihr über einen Haufen verklebter Kaugummis hermachen. Angewidert dreht sie den Kopf herum.
Das Geräusch sich nahender Schritte lässt sie aufschrecken. Eine dunkle Gestalt nähert sich ihr, schwer erkennbar im schwachen Licht der Laternen. Doch da: er ist es! Wieder rast ihr Herz. Das monotone Geräusch seiner Schritte wird lauter. Die finstere Gestalt kommt auf sie zu. Ihr Atem stockt. Ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Ein Rauschen dringt durch ihre Ohren. Ihre Stirn brennt fürchterlich. Ihre Finger zucken. Er bleibt stehen. Vorsichtig mustert sie ihn. Er schließt seinen Mantel. Langsam zieht er seinen Hut tiefer ins Gesicht. Er kramt in seiner Manteltasche und lässt sich auf dem Asphalt nieder. Nun hockt er da… wie sie – auf der Straße. Sie lehnt ihren Kopf wieder gegen die Wand. „Ob er mich gesehen hat?“ Wieder schießen ihr gewaltsame Bilder in den Kopf.
Auf einmal hört sie wieder Schritte. Diesmal von Rechts. Ein Paar kommt. Arm in Arm schunkeln sie die Straße herunter, beide etwas älter als sie. Erleichtert atmet sie auf. Gesellschaft. Jetzt kann der Fremde ihr nichts tun. Sie würde Zeugen haben. Doch nun erkennt sie das erbärmliche ihrer Lage. Was würden diese Fremden von ihr denken? Ein junges Mädchen lungert hier allein und dazu düster ausschauend auf dem dreckigen Boden herum. Sicher dächten sie, sie wäre obdachlos, würde Drogen nehmen, oder wäre sogar ein Satanist, so schwarz wie sie für ihr Treffen gekleidet war! „Ich bin doch nur ein hilfloses Mädchen!“, denkt sie. Sich schämend blickt sie auf die rissigen Steine während das Paar sich wieder zunehmend von ihr entfernt. „Nein, bleibt!“, fleht sie innerlich. Doch das Paar verschwindet im Dunkel. Vorsichtig beugt sie sich nach vorn und sieht durch die Glasscheibe. „Er beobachtet mich!“ Ruckartig wirft sie ihren Kopf wieder an die Wand. Reglos und angespannt lauscht sie. Wieder hört sie Schritte. „Er kommt!“ Fester und fester spannt sie ihre Arme um die Knie. Kurz hält sie den Atem an. Krampfartig schießt ein Schmerz durch ihre Handgelenke. „Bitte lass ihn nicht kommen! Bitte lass ihn nicht kommen! Ich bin ganz allein hier. Bitte hilf mir doch jemand!“, fleht sie. Hart presst sie ihren Rücken gegen die Wand. Ihr Puls dringt bis in ihre Arme und scheint zu explodieren. Doch da, plötzlich hört sie es: „Es sind mehrere Füße! Es sind mehrere!“ Da hört sie ein schrilles Lachen. Diese Stimme erkennt sie. Wieder beugt sie sich nach vorn und sieht eine Gruppe Jugendliche in Richtung Busbahnhof verschwinden. Tanzend schlängelt diese junge, fremde Frau um ihre drei männlichen Begleiter herum. „Das war sie! Sie hat vorhin geschrieen!“ Erleichtert atmet sie auf. Die Jugendlichen lassen sich auf den Bänken der Busschleife nieder. Gelächter dringt zu ihr herüber. „Sie beobachten mich. Eindeutig.“, stellt sie fest. „Sie lästern über mich!“ Schnell schaut sie weg. Sie schämt sich. Ihr Blick fällt wieder auf den Alten. Plötzlich erhebt er sich. Er rückt seinen Mantel zurrecht. Schlürfend kommt er zu ihr herüber. Sie hält die Luft an. Kurz blickt sie zu den Jugendlichen. Sie sehen sie. Ihr kann nichts passieren. Oder doch?! Starr sind ihre Augen auf ihn gerichtet. Meter für Meter nähert er sich. Sie sieht seine vernarbte Stirn. Er tritt direkt vor sie. Sprachlos starrt sie ihn an. Schlagartig zieht er seinen Hut herunter. „Oh entschuldigen sie!“, spricht er leise. „Wie kommen sie auf die Straße? … Ich bin es nicht gewohnt hier so junge Mädchen zu sehen? Ich hause seit Jahren hier vorm Bahnhof. Sie gehören nicht hier her. Hier nehmen sie meine Jacke. Es ist kalt heute Nacht.“, sagt er höflich und kriecht aus seinem Mantel. Wortlos und staunend starrt sie ihn an. „Er ist obdachlos!“, denkt sie beschämt und überrascht. „Hier nehmen sie!“, legt er den Mantel über ihre Schultern. „Danke.“, entgegnet sie schüchtern. „In zehn Minuten fährt der letzte Zug ein. Ich kenn den Lokführer. Wenn sie möchten, frag ich ihn, ob sie sich in einen Waggon setzen können. Sie erfrieren ja sonst.“ Er reicht ihr die Hand. Leise nickt sie ihm zu. Zögernd reicht sie ihm ihre Hand. „Na kommen sie! Sie können hier in der Nacht nicht alleine sitzen.“, fordert seine raue Stimme sie fürsorglich auf. Ein erleichterter Seufzer dringt aus ihrer Kehle.
Gemeinsam legen sie die wenigen Meter zum Bahnhof zurück. „Ich hab zu schnell über ihn geurteilt.“, denkt sie. Sie schaut zur Seite. Lachend schauen die Jugendlichen ihnen nach. „Lästert nicht über ihn!“, denkt sie. Und zusammen machen die Beiden sich auf den Weg zu den Gleisen. Das Gefühl von Dankbarkeit für diesen Fremden entfachte in ihr, als mit lautem Getöse der vorhergesagte Zug einfuhr. Zusammen steigen sie die letzten Treppenstufen herunter. „Gleich sind wir im Warmen!“, beruhigt er sie…

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