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September 2005
Hauptsache gesund
von Verena Wolf

Sie hießen überall nur Vitas. Und alle schluckten sie.
Mitte September waren sie plötzlich hip und überall zu kaufen, auf jeder Straße. Cooles Zeug. Nicht mal teuer und so gesund! Sie deckten den Tagesbedarf der perfekten, auf den Körper abgestimmten Nahrung. Ga-Ran-Tiert!
Vor allem nicht mit schmierigen Lächeln in die Hand versprochen, wie bei all den Supercremes und Wunder-anti-age-mittelchen, präsentiert von blitzenden Supermodels im nervigen Werbegroßformat. Reklame hatten die Vitas gar nicht nötig. Es war erforscht, geprüft, bewiesen durch x Forschungsreihen, abgenickt von den führenden Wissenschaftlern der Welt: Vitas waren der Hammer und zu Recht der Verkaufsschlager weltweit!

Vier japanischen Forschern ist es durch ein neues, gleichermaßen bestechend einfaches und revolutionäres Verfahren gelungen, alle Bestandteile der optimalen Ernährung zu extrahieren, zu komprimieren und in eine Substanz umzuwandeln, die wie Zucker schmeckt. Wie der Sprecher der Ärztekammer uns versicherte: mit den sogenannten Vitamineralen ist ein neues Zeitalter angebrochen.

Die Medizin war Lichtjahre weiter.
Standing Ovations, wo immer die Entdecker erschienen, der Nobelpreis und tausend andere Preise, von denen ich noch nie gehört hatte waren dem Forscherteam sicher.
Alle quatschten nur noch davon. Die Vitas und ihre Superhirn-Entdecker. Mann, was die wohl für eine Asche machten, echt fett!
Grippen, Wehwehchen, weg mit einem Fingerschnipp und einer Kapsel Vitas. Krankheiten: plötzlich Geschichte. Krebs, Alzheimer, Aids: was war das noch? Hämorridencremes und Aspirin verstaubten in den Apotheken. Konservierungsstoffe, Viren, Nikotin: völlig egal. Nichts kam gegen die Vitas an. Keiner, der mehr nieste, niemand der Halsschmerzen hatte. Die Menschheit war neu geboren, das Wundermittel gegen alles war endlich, endlich gefunden.
Darum nahm es jeder. Auch ich und meine Freunde.
Wir waren fünf, hingen immer zusammen. Gerade jetzt im Sommer, abends. Machten nichts Besonderes, oft kein Geld, oft keine Lust, es reichte draußen rum zu hängen, zu quatschen, was zu trinken.
An dem Abend, wo alles losging, hockten wir auf dem warmen Asphalt an ein Garagentor gelehnt und quatschten über eine Todesmeldung. Ein Typ, den wir von einer Fete kannten, gab's nicht mehr.
Er und ein Freund hatten getestet, ob man über die Autobahn laufen konnte, ohne platt gefahren zu werden. Man konnte nicht.
Dass er tot war, war natürlich schon irgendwie bitter, aber die Idee hatte was. Klang spaßig. Man las jetzt öfter so Sachen in den Zeitungen. Plötzlich war wohl dafür Platz. Über irgendwas musste man ja schreiben, ich meine gesunde Rezepte, Krankenkassenerhöhungen und Lebensmittelskandale waren ja gerade ziemlich out. Wir hatten von ein paar recht ausgefallenen Sachen gehört, die Leutchen gemacht hatten, aber die Autobahnwette war was Neues. Interessant.

Ein gefährlicher Trend ist bei Jugendliche zu beobachten: Vermehrt kommen sie zu Tode bei riskanten selbstinszenierten Autorennen, bei denen die Teilnehmer rückwärts um die Wette rasen oder die linke Straßenseite nutzen. Unglücke ereigneten sich weiterhin auffällig oft bei Balancieren auf Hochhaus-Balkongeländern, sogenanntem Pistolenraten, U-bahnsurfen und Wagenhüpfen. In den letzten Wochen stieg daher - trotz Einnahme der sogenannten Vitaminerale - die Todesrate bei Jugendlichen alarmierend.

Wir saßen rum, fühlten uns schrecklich gut und irgendwer kam auf die Idee, was zu unternehmen. Wir hatten aber kein Auto, schade. Wir gingen zu Fuß zum Güterbahnhof, es war nachts, alles dunkel. Ab und zu fuhren Züge vorbei. Teilweise auch zwei oder drei. Ziemlich großer Bahnhof.
Wir rannten rüber. Es war herrlich. Ich fühlte mich wie Gott. Keinen erwischte es. Es war schrill, wie guter Sex. Wir merkten, dass wir lebten. Jemand lachte wie irre. Vielleicht war ich es.
Damit fing es wohl an. Das neue Zeitalter, unsere Zeit. Es wurden nach und nach mehr. Man kannte sich mit der Zeit, grüßte sich grinsend auch tagsüber auf der Straße, wusste man sieht sich abends wieder. Und was auch immer so gequatscht wird: so viel passierte gar nicht mal.
Und dann kam der echt bittere Tag. Die Vitas wurden verboten. Es gab sie einfach nicht mehr. Nirgends. Von jetzt auf gleich, ohne Grund. Peng, weg. Was für Spielverderber! Es hieß, Angst wäre durch die Vitas für uns zu einem unbekannten Gefühl geworden. So ein Schwachsinn. Und wenn schon?

Alle Vitamineralpräparate sind ab heute nur noch auf Rezept und für niemanden unter dreißig Jahren mehr erhältlich.
Nach neuesten Untersuchungen wird der Adrenalinspiegel bei dieser Altersgruppe durch das Präparat gefährlich weit gehoben. Suizidgefährdung und kriminelle Übergriffe der Altersgruppe haben sich in den letzten Monaten mehr als verfünfzigfacht. Dies ist, so wurde heute offiziell bestätigt, auf das Mittel zurückzuführen.
Nahezu sieben Prozent aller Jugendlichen in Deutschland sind in den letzten Monaten durch Mutproben ums Leben gekommen, ohne vorher suizidales Verhalten gezeigt zu haben. Die Dunkelziffer liegt vermutlich weit höher.
„Wir sind sicher, das Problem so wieder unter Kontrolle zu haben, da das Mittel nicht abhängig macht,“ führte der EU-Gesundheitsminister aus. „Wir trauern mit den Angehörigen,“ betonte der amerikanische Präsident bei einem Gipfeltreffen.

Wir saßen im Park rum, tranken was, wie früher und wunderten uns etwas gelangweilt, wie alles gekommen war. Verblüffend, dass wir alle fünf noch am Leben waren. Wir kannten viele, die waren es nicht mehr. Wir waren eben schneller gewesen. Alles eine Frage der Konzentration, sage ich immer. Alles wie sonst, außer, dass ich wieder Heuschnupfen hatte. Aber trotzdem war es nicht mehr dasselbe.
Wir hatten ein Leben gehabt, verdammt. Jetzt war alles wieder verdünnt.
Wir schwiegen, tippten träge mit den Finger gegen die Colaflaschen und dachten missmutig an den Bahnhof.
Bille drückte ihre Zigarette aus: „Hallo Kinder gebt fein ich hab euch etwas mitgebracht.“ Grinsend zauberte sie aus ihrer Tasche ein kleines Tütchen mit Kapseln, schwenkte es vor unseren Augen hin und her wie ein Hypnotiseur sein Pendel.
„Wär das was?“
Auf einmal waren wir wach. Sehr wach. „Woher hast du das?“ fragte jemand, aber keiner wartete auf die Antwort. Wir teilten wirklich gerecht. Und eine Stunde später waren wir am Bahnhof.
Es war wie nach Hause kommen. Der Zug kam und wir rannten. Gott, war es gut, wieder hier zu sein.
Danach standen wir im Dunklen rum. „Wo kriegen wir nur mehr Vitas her?“ frage einer, Panik in der Stimme. Bille lachte nur und lachte und lachte und lachte und lachte. „Brauchen wir nicht,“ japste sie dann. Wir kapierten gar nix.
Am liebsten hätte ich ihr den Hals umgedreht, gleich da. Sie lachte immer noch, gluckste: „Ich habe euch Zucker angedreht. Keine Vitas, Zucker, sonst nichts!“
Der Groschen fiel langsam.. Ach schau mal an...

Niemand unter 35 Jahren nimmt mehr Vitaminerale auch „Vitas“ genannt. Trotzdem steigt die Todesrate der jungen Erwachsenen ungebrochen an. „Man steht noch vor einem Rätsel, aber wir arbeiten fieberhaft daran. Ich bitte die Bürgerinnen und Bürger um Geduld“ so der Bundeskanzler heute wörtlich in einer einberufenen Krisensitzung.

Von uns Fünfen sind noch Jörg und ich übrig.
Der Bahnhof macht seit dem Herbst keinen richtigen Spaß mehr.
Aber heute Abend um zehn ist ein Motorradrennen. Bremsen kann man ausbauen. Acht machen außer uns noch mit, hört sich doch verdammt gut an. Ich freue mich echt schon drauf!
Hey, willst Du mit?

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